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Ilse und Bernhard

I

Nie hätte er sich getraut ein Mädchen anzusprechen, dieser schlaksige Unterprimaner. Doch auf einmal stand sie vor dem Schultor und wollte ihn abholen. Was war passiert? So richtig wusste er es selbst nicht. Aber sie war jetzt da. Als er auf sie zukam, stellte sie sich vor ihm auf die Zehen, schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie küsste ihn.

Das war geradezu unerhört! Bernhard Enders, der schüchternste Junge aus der ganzen Klasse hatte auf einmal eine Freundin! Und was für eine! Die Klassenkameraden drückten sich im Hintergrund der Szene herum. Sie bestaunten die Lady.
„Mensch, so eine hättest wohl auch mal gerne, Hänschen“, lästerte Peter Plaun.
„Guck mal, was die für Beine hat, gerade bis oben hin!“
„Na dann …“, zwitscherte Paule Schmieder, der immer mit seinen neusten Eroberungen angab. Alle wussten, dass da nichts dran war.
„Ich glaube, ich kenn die, die war mal mit meiner großen Schwester in einer Klasse, drüben auf dem Sophie-Scholl-Gymnasium.“
„Biste sicher, dann hat die schon Abi?“ Die Runde schwieg beeindruckt. Sie sahen die junge Frau mit großen Augen an.
„Und schau mal, dieser Mund!“, stieß Paul Hänschen in die Seite.
„Hoffentlich weiß der Bernhard auch, was man damit so machen kann“, witzelte der.
„Ich steh auch auf lange blonde Haare“, ließ sich Heinrich Pulka vernehmen, der die Szene bisher in aller Ruhe beobachtet hatte. Jetzt gab er sein Gutachten bekannt. „Tolle Frau, hätte man dem Bernhard echt nicht zugetraut.“ So war es auch.

Bernhard stand überrumpelt da. Er lächelte sie verunsichert an. Er fragte, ob er ihre Tasche tragen dürfe.
„Wenn du willst“, lachte die junge Frau. „Freust du dich nicht, dass ich dich abhole“, wollte sie wissen.
„Natürlich“, stotterte Bernhard. Dabei warf er einen verunsicherten Blick in die Richtung, wo die Klassenkameraden standen.
„Mach dir doch nichts aus denen“, sagte sie leicht hin. Sie hakte ihn unter und zog ihn vom Schulhofgelände in die Richtung der Hauptstraße.
„Oder bist du böse, dass ich hier einfach so aufgetaucht bin?“, fragte sie noch einmal. Er versicherte, ganz im Gegenteil, er sei begeistert. Von böse sein, könnte keine Rede sein. Nur überrascht sei er eben.
„Ich habe dich doch gestern nach der Schule gefragt, wann du morgen Schluss hast.“
„Aber, dass du dann auch gleich kommst.“
„Worauf soll ich denn warten? Und heute hat es gerade gepasst. Ich habe Mittagspause,“ fügte sie sachlich hinzu.

Das Paar setzte sich auf die Stühle eines der Cafés am Markt mit Blick auf das Rathaus. Die späte Märzsonne wärmte schon. Vor den Straßencafés saßen Menschen, die ihre bleichen Gesichter mit geschlossenen Augen der Sonne zuwandten. „Hier kann uns doch jeder sehen“, bemerkte er irritiert.

„Mensch, sei doch nicht so vorsichtig. Wer soll dir denn den Kopf abreißen, nur weil du hier mit mir sitzt und Cola trinkst?“
„Wenn meine Mutter davon hört, wird sie einen riesen Terror machen.“
“Echt? Also ich finde, das geht sie überhaupt nichts an, weißt du. Schließlich bist du doch schon, wie alt bist du jetzt eigentlich?“

„19, werde ich, nächsten Monat jedenfalls. Du bist wirklich schon 21?“
„Ist das schlimm für dich, so ne Alte?“, lachte sie ungezwungen. Dabei schlug sie mit den Händen vor Vergnügen auf ihre Oberschenkel. Sie trug ein grünes, kurzes Kleid, das beim Sitzen ihre Oberschenkel umspannte. Bernhard wagte gar nicht hinzugucken, denn es rutschte immer höher. Sie beachtete es nicht.

„Wieso bist du gerade auf mich verfallen?“, fragte Bernhard nach einiger Zeit.
„Na komm, so ganz unbeteiligt bist du auch nicht an der Sache! Hättest du mich nicht gefragt, ob ich wüsste, wie der Barkeeper heißt, dann wärst du mir gar nicht aufgefallen, so unauffällig, so stumm hast du da gesessen unter den lauten Gröhlern.“
„Ja, ich weiß auch nicht, wieso ich mich das getraut habe“, wunderte sich Bernhard. Er lächelte sie schüchtern an.
„Vielleicht habe ich dir gefallen?“
„Ja natürlich, du hast mir gleich gefallen, als du reinkamst. Trotzdem ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass du dich für mich interessieren könntest. Doch dann standst du da so neben unserem Tisch und gingst gar nicht weg. Da habe ich es einfach gemacht.“
„Top, das war‘s.“
„Dann kamen wir ins Gespräch, ach ja, über die Musik, die gerade gespielt wurde. Alle am Tisch haben die Luft angehalten. Und du: ‚ ‚Komm, wir tanzen einfach.‘“
„Was hätte ich sonst machen sollen, um dich da weg zu holen. Die schauten alle derartig verdattert.“
„Das war eine sehr gute Idee“. Bernhard lächelte sie offen an.
„Ilse, stimmt doch?“, fragte er.
„Ja, Ilse. Wie heißt du? Bernhard?“
„Stimmt.“

Als das Eis gebracht worden war, erzählte sie von der Arbeit, die sie aufgenommen hatte, um die Zeit zu überbrücken bis zum Studium. Sie wollte Medizin studieren, wahrscheinlich in der Schweiz. Ihre Noten reichten noch nicht ganz für den Numerus Clausus dort. Also hieß es, noch ein, zwei Semester zu warten.
„Was arbeitest du genau? Gestern hast du gesagt, du arbeitest im Buchladen?“
„Ja genau, bei Osterkamp, das hat mir von den verschiedenen Möglichkeiten noch am ehesten gefallen. Ewig machen möchte ich sowas allerdings nicht. Was willst du mal studieren?“, Ilse sah Bernhard auffordernd an. Obwohl sie redete, war es ihr gelungen, ihr Eis schon gänzlich zu verspeisen. Bernhard sah es und staunte. Er hielt noch immer den Löffel in der Hand, ohne seine Portion angerührt zu haben. Er riss sich zusammen.

„Ich weiß nicht genau, wahrscheinlich studiere ich Geschichte und Deutsch. Vielleicht muss ich auch erst noch zum Bund. Ich möchte eigentlich lieber Zivi werden. Doch ich habe noch Zeit. Das Abi mache ich ja erst im nächsten Sommer.“
„Da ist es ja toll, dass ich noch hier bin bis dahin.“
„Woran du alles denkst“, staunte Bernhard wieder.
Ich denke noch an ganz andere Sachen“, grinste sie.
Sie musste zurück in den Laden. Abends wollten sie sich noch einmal treffen. Diesmal würde er sie abholen, wenn der Buchladen schloss.

 

So hatte es angefangen. Bernhard wusste lange nicht, wie er zu seinem Glück kam. Er schwebte im siebten Himmel. Seine Mutter schien etwas zu merken, denn sie machte so merkwürdige Andeutungen. Am besten, er gab ihr ein bisschen Informationsstoff, damit sie zufrieden war.
„Ich hab‘ da so‘n Mädchen kennengelernt“, erzählte er beim Mittagessen. Sie waren da schon 8 Tage ein Paar.
„Was für ein Mädchen?“
„Sie heißt Ilse.“
„So ein Name! Was macht sie denn? Geht sie zur Schule?“
„Nein, sie hat schon Abi. Sie arbeitet in einem Buchladen, um die Zeit bis zu ihrem Studium zu überbrücken“, gab er präzise Auskunft. Seine Mutter sah ihn scharf an.
„Sie ist älter als du“, stellte sie fest. „Wenn du mal bloß jetzt die Schule ordentlich weitermachst!“

Bernhard war ein guter Schüler. Es fiel ihm nicht besonders schwer, es trotz Ilse zu bleiben. Er schrieb weiter gute Noten. So manchen Abend saß er bei Ilse in ihrer kleinen Wohnung. Er lernte mit ihr zusammen. Ihre Eltern waren geschieden. Der Vater lebte seit Jahren in Schweden. Die Mutter war meist auf Tournee mit einer Theatertruppe. Sie hatte nie viel Zeit für Ilse gehabt. Schon vor Jahren war die aus der Wohnung ihrer Mutter ausgezogen. Jetzt lag Ilse bäuchlings auf dem Bett. Sie hörte ihn Vokabeln ab. Es machte Spaß, mit ihr zu lernen!

Bernhards Mutter vernahm mit Staunen und verhaltenem Entzücken, dass die Freundin ihren Sohn bei den Schularbeiten unterstützte. Dass dies in Ilses eigener Wohnung geschah, davon durfte sie natürlich nichts erfahren. Sie glaubte, die beiden würden sich im Café treffen oder in der Stadtbücherei. Trotzdem blieb sie auf der Hut. Weiterlesen

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Löwe und Katze

 

 1.Kapitel

Die Begegnungen mit der Katze

Eines Tages sah der Löwe von weitem die Katze im Gras an einer Wegkreuzung liegen und zerbrach sich den Kopf: Ob ihn die Katze sehen würde? Ob sie überhaupt wusste, wer er ist? Vielleicht hatte sie ja auch Angst vor ihm, immerhin war er fünfmal so groß wie sie. Ob sie ihn schön finden würde und stark? „Vielleicht übersieht sie mich auch einfach, wie die anderen alle. Vielleicht denkt sie auch, ich sei eine Maus“?

Der Löwe ging etwas zögernd den Weg weiter auf die Katze zu. Die hatte die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.

Als er auf ihre Höhe gekommen war, schaute er sie erwartungsvoll an, aber die Katze rührte sich nicht. Er hustete. Aber die Katze sagte nur: „Geh mir aus der Sonne“, ohne die Augen aufzumachen.
Der Löwe zog beleidigt und verletzt seines Weges.

Am nächsten Tag aber kam er wieder. Weiterlesen

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Und dennoch:

Und dennoch:
Irgendwo
In mir
ist noch ein
Funke da,
der nicht zu löschen ist.

Der mir erzählt,
dass es auf dieser Welt
mehr geben kann für mich
als, diesen Mann
ganz einfach
nur zu lieben:
Mit allen seinen Mängeln
und mit all dem so Vertrauten,
mit Haut und Haar
und auch mit allen Sinnen
und unter Lachen
und vielleicht auch unter Tränen.

2002

 

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Über-Leben

Wenn ich die Augen öffne
und die Konturen dieses Baumes
vor dem blauen Himmel erblicke
und denke:
Wie schön!

Dann durchzuckt mich
voller Genugtuung
die Gewissheit:
Ich habe dich für eine
geschlagene Sekunde
vergessen können.

Das Januarlicht blendet hell
wie der Tag.
Ich fühle die spärliche Wärme
der gleißenden Sonne
auf meinem Gesicht
und denke erstaunt:
Wie kann ich Wärme empfinden,
wo ich doch in Eis getaucht bin
bis ans Herz?

Ich blicke einem Kind nach,
dass über die Straße rennt,
dem Auto knapp entkommen,
und es lacht.
Wie konnte ich Angst fühlen
und dann Erleichterung?
Wo ich doch eingespannt bin
in den Schraubstock
meiner Liebe?

Gibt es doch Hoffnung,
dass ich über-lebe?

2002

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was zurück bleibt

Vielleicht funktioniere ich
morgen wieder.
Oder nächstes Jahr.
Möglich, dass ich sogar
bald über mich lachen kann.
Denkbar, dass sich die
Kulissen meines Lebens
wieder aufrichten.

Aber irgendwo in mir summt
dein Lied weiter,
läuft ein Film ab
in Endlosschlaufe
mit den Bildern,
die meine Sehnsucht
gespeichert hat
seit Monaten.

Sie lebt als Schatten weiter,
meine Liebe.
Irgendwann werde ich
lächelnd an sie denken können.
Doch etwas wird zurückbleiben.
Ja, auch Narben.
Und die Erinnerung

an Glück.

2002

 

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Liebe am Ende

  1. September

Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.

Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.

Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe ­ was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.

Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.

Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.

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Die Bank am Watt


 Sonnenuntergang am Watt in Morsum (Sylt)

Plötzlich war vor ihnen das Watt aufgetaucht, eine endlose Weite, so weit, dass es unmöglich schien, alles mit einem Blick zu erfassen. Sie musste den Kopf nach beiden Seiten wenden, um das Panorama ganz einfangen und in sich aufnehmen zu können. Das Auge glitt über glitzernde, mit kleinen Wasserpfützen besprenkelte, dunkle Schlammfelder hinweg über helle Wasserstreifen, über schimmernde, sich dehnende, glatte oder auch vom Wind gekräuselte Wasserflächen bis an den Horizont. Hier verdichtete sich das Wasser zu einem dunkelblauen, breiten Strich, der sich über die ganze Breite des Horizontes hinzog und das scheinbar endlose Watt gegen den noch um ein Vielfaches größeren Himmel abschloss. Der war überall, hinter dem Watt, über dem Watt und auch an den Seiten, wo das Wattenmeer an Land grenzte und Dünen den Horizont markierten. Der Himmel schien allgegenwärtig und hatte von der Welt nur dieses eine, kleine Stückchen festen Boden übrig gelassen, genau die Stelle am Ufer, auf der sie stand und schaute.

„Dies hier wird meine ganz persönliche Urlaubslandschaft!“, dachte sie beglückt. Sie konnte sich nicht losreißen von diesem Anblick. Er erfüllte sie mit einem Gefühl, für das ihr kein anderer Begriff einfiel als das Wort Andacht.

„Wo bleibst du?“ riefen Susanne und Marie ungeduldig. Sie waren inzwischen schon weitergegangen, den Weg nach Osten, der zwischen Watt und Dünen zur Spitze des Morsumer Kliffs führte. „Seht doch mal, wie schön!“, sagte sie. Sie sprach nur halblaut, um den Zauber nicht zu vertreiben. “Was denn?“, fragten die Freundinnen zerstreut im Weitergehen. Heike fühlte für einen Moment das Verlangen in sich, zu erklären, was sie sah. Aber die beiden anderen fanden scheinbar nichts Besonderes am Anblick des Wattenmeeres. Heike holte tief Luft, sagte dann aber doch lieber nichts. Sollten die beiden von ihren Sandstränden schwärmen und von blauem Meer! Dies hier war ihr Wunder, ein Wunder, das scheinbar nur sie sehen konnte, obwohl es offen und endlos vor allen Augen lag. Sollte es also ihr Geheimnis bleiben! Sie war einfach nicht der Mensch, der sich im Strandgetümmel und zwischen vielen Menschen wohl fühlte. Aber sie liebte das Meer und die weiten Blicke hier überall. Deshalb hatte sie „ja“ gesagt, als Marie und Susann sie gefragt hatten, ob sie Lust hätte, mit ihnen einen Urlaub auf Sylt zu verbringen.

Ihre Freundinnen hatten sich vorgenommen, das Strandleben nach Herzenslust auskosten. Dafür waren sie hergekommen. Dieser Urlaub war teuer genug und sie wollten alles mitnehmen, was es eben mitzunehmen gab. Doch Heike hatte schon jetzt, nach zwei Tagen, vom Strandleben genug. Das Watt gefiel ihr wesentlich besser. Das würde sie ein bisschen entschädigen für die Langweile und den Frust, die sie sicher auch hier in Sylt wieder erleben würde, so wie es schon so oft war, wenn sie mit den beiden gemeinsame Unternehmungen gestartet hatte. Warum nahmen die beiden sie überhaupt mit? Vielleicht tat es ihnen gut, sich gegen ihr Mauerblümchendasein leuchtend abzuheben? Vielleicht hatten sie ja auch Mitleid mit ihr und ihrem ewigen Singledasein?

Heike war vor Jahren eine kurze Liebesbeziehung mit einem Kollegen eingegangen. Sie war bitter enttäuscht und zutiefst verletzt, als er sie von einem auf den anderen Tag einfach verließ. Seitdem hatte sie sich mit niemandem mehr eingelassen und allmählich gewöhnte sie sich daran, dass sie alleine lebte und wohl auch alleine bleiben würde. Sie war eben ganz anders als die anderen und es gab vermutlich niemanden, der wirklich zu ihr passte.

Ihre Freundinnen versuchten ab und zu, sie an irgendeinen netten Mann zu verkuppeln aber Heilke machte bei solchen Versuchen immer nur lahm und unwillig mit. Es wurde nie etwas daraus.

Sollten die beiden doch ihren Spaß haben. Heike gönnte es ihnen von Herzen. Aber sie würde sich ihren Urlaub so gestalten, wie er ihr gefiel. Es gab schließlich noch andere Freuden auf dieser Welt, als die Liebe und als Männer.

Die drei gingen weiter am Watt entlang nach Westen. Heike bestaunte schweigend noch immer die Weite der Wasser durchzogenen Schlickfläche mit ihrer tröstenden Unberührtheit.

„Ganz schön einsam, so’n Watt“, bemerkte Marie nach einiger Zeit, „und immer nur Schlamm. Also, den Strand an der Westseite finde ich wesentlich schöner.“ „Bei Flut ist hier wenigstens auch überall Wasser, hab‘ ich mir sagen lassen“, stellte Susanne fest. Heike schwieg.

Morgen Abend würde sie wieder herkommen, diesmal alleine.

Heike hatte nicht warten können. Als sie am nächsten Morgen sehr früh erwachte, war es schon taghell. Sie stand leise auf und verließ kurze Zeit später die Ferienwohnung so geräuschlos, dass sich die beiden anderen nur im Bett umdrehten und gleich wieder einschliefen. Heike war froh, alleine den Morgen genießen zu können. Dieser tägliche Trubel am Strand lag ihr wirklich nicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, würden sie jetzt irgendwo in einsamen Dünen liegen und träumen.

Die Straße zum Watt führte zwischen sorgfältig gepflegten Vorgärten hindurch, die die großen, mit Reed gedeckten Häuser den neugierigen Blicken der Vorbeigehenden entrückten. Hohe, im Wind leise rauschende Buschreihen wechselten zu beiden Seiten der Straße mit Steinmauern ab, die aus Feldsteinen exakt und kunstvoll zusammengefügt waren. Hinter dem letzten Haus machte die Straße eine Biegung nach rechts. Hier setzte ein mit Gras bewachsener Hohlweg an, der geradeaus zum Watt führte und an dessen Böschungen rechts und links dichte hellrot blühende Heckenrosenbüsche wucherten. Das wohlhabende, gepflegte Dorf mit seinen mächtigen Reeddächern war schon nach wenigen Schritten nicht mehr zu sehen. Hier übernahm die Natur die Regie.

Heike war ein wenig aufgeregt, als sie diesen Weg einschlug. Sie kam sich vor, als ginge sie zu einem Rendezvous. „Ein Rendezvous mit einer Landschaft!“, lächelte sie vergnügt und zufrieden in sich hinein.

Noch war nichts zu sehen, noch endete ihr Blick in Richtung Watt irgendwo im Himmelsblau. Doch mit einem Mal gab der Weg einen Durchblick frei zwischen dem hohen Buschwerk. Und sie sah überwältigt auf jene Unendlichkeit, die sich nun mit jedem Schritt weiter öffnete und in alle Richtungen auseinanderfloss.

An der Stelle, wo der Weg zum Ufer hin leicht abfiel und nun das ganze, grenzenlose Watt zu überblicken war, blieb Heike stehen. Vor ihr lag eine vorzeitliche Welt, in der sich das Wasser gerade erst vom Land zu trennen schien. Bis zum Horizont mischten sich Erde und Nässe, wechselten sich braune und silbrige Flächen ab, vermischten sich Wasserlachen und dunkler Schlamm, durchzogen schmale und breite Wasserläufe den Schlick. Und diese uferlose, mit der Trennung der Elemente befasste Welt war ganz und gar menschenleer. Es gab kein Haus, kein Boot, keinen Hinweis auf irgendein menschliches Wesen oder eine menschliche Nutzung dieser Landschaft. Ihre Weite war unbegehbar und unbefahrbar und sie gehörte nur sich selbst, sich und vielleicht den Möwen, die in weiten Bögen über die Wasserwege und Schlickfelder segelten. Nur hin und wieder bremsten sie mit kräftigen Flügelschlägen ihren Flug ab, um irgendwo Halt zu machen und nach Nahrung Ausschau zu halten. Weiter hinten im Watt sah Heike einen großen, dunklen Vogel aus den tieferen Prielen aufsteigen, über einen silbrig blauen Wasserstreifen hinziehen und dann wieder auf der Wasserfläche landen. Jetzt flog direkt neben ihr ein kleiner Vogel aus den Rosenhecken auf zum Watt hin, stieg steil nach oben und bohrte sich wie ein geworfener Stein in den Himmel. Sie hört dem Lied zu, bis es abbrach und die Lerche im Blau ihrem Blick entschwunden war.

Es war unglaublich still. Man hörte nichts als den Wind im Schilf. Heike war an den grünen Ufersaum herangetreten. Hohe, blühende Gräser wechselten mit niedrigem Bewuchs aus Kräutern, durchsetzt mit Inseln von weißer Kamille und violetten Blütenrispen. Dahinter, zum Watt hin, standen dichte Schilffelder. Über all dies ging unausgesetzt ein leises Wogen und Schwanken, das anstieg, abebbte, sich wieder aufblähte, aber nie ganz aufhörte. In der Wiese und den Schilfkolonien stand überall Wasser und blinkte hier und da in der Sonne auf. An diesen Stellen war der Pflanzenteppich unterbrochen und gab den Blick auf den feuchten Boden frei. Zum Watt hin gingen die Wiesen allmählich in helle und dunkle, nur noch spärlich begrünte Schlammbrachen über, zogen sich noch hier und da wie Wellenbrecher in den Schlick hinein und gaben sich dann geschlagen: Ab da übernahm das Wasser die Herrschaft über die Erde, nässte sie, durchtränkte sie, durchzog sie und überflutete sie schließlich ganz.

Heike stand fasziniert da und versuchte, diesen Anblick ganz und gar in sich aufzunehmen, um ihn nie mehr vergessen zu können.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch auf dem Weg am Watt entlang Richtung Morsumer Kliff, den sie gestern mit den Freundinnen gegangen waren, konnte Heike keinen Spaziergänger ausmachen. Niemand war zu dieser Stunde hier, der schon wie sie diese wundersame Landschaft anschauen wollte.

Auf der anderen Seite des Dünenweges, ein paar Schritte weiter am Ufersaum nach Westen hin, entdeckt Heike eine Bank. Irgendjemand hatte sie aufgestellt, jemand, der mit ihr die Bewunderung für diesen Anblick zu teilen schien. Sie ging hin und setzte sich. Es kam ihr so vor, als sei sie endlich nach Hause gekommen.

Von hier aus konnte sie sich in Ruhe satt sehen: Bis hin zum Horizont reihten sich immer wieder anders gemusterte Wattstreifen aneinander und endeten schließlich an dem dunkelblauen, unscharfen Strich, der nach Norden hin das Wasser zum Himmel hin zu begrenzen schien. Und über all dem Schlick und dem Wasser floss tiefes Blau, wie ein himmlisches Weltenmeer, das im Westen von einer taghellen Sonne weißgelb überflutet wurde.

Heike blieb nicht lange. Die Freundinnen würden sicher schon mit dem Kaffee warten. Heute stand ein Ausflug zum Strand bei Kampen auf dem Programm. Sie seufzte, wenn sie dran dachte. Aber sie wollte ihre beiden Freundinnen nicht enttäuschen. Die hatten sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dort am Strand und unter den quirlenden, sich sonnenden und sich vergnügenden Menschen interessante Leute, am besten junge Männer kennen zu lernen. Heike sah da für sich ohnehin keine Chance. Wenn Susann braungebrannt in ihrem knallroten Bikini daherstolzierte und wenn Marie ihre breiten Hüften schwang und allem, was männlich aussah, zulächelte, saß sie auf ihrer Decke und las und niemand beachtete sie und niemanden würde sie kennen lernen wollen. Das war schon immer so gewesen.

Vor dem gemeinsamen Abendessen war noch etwas Zeit. Die beiden anderen entspannten sich vor dem Fernseher und schauten sich Video-Clips an. Sie hatten die Lautstärke voll aufgedreht. Marie lag auf dem Sofa und hatte die Augen geschlossen. Ihr Tag war erfolgreich gewesen, sie hatte mehrere Männer kennen gelernt und eine vage Verabredung für den nächsten Tag getroffen. Susann dagegen war ein wenig frustriert, weil ihr heute niemand ins Netz gegangen war. Sie saugte sich voll mit der Musik um sich wieder wohl zu fühlen und Kraft zu schöpfen.

Heike zog so leise die Tür zu, dass die anderen ihre Abwesenheit erst später bemerken würden. Sie ging hinunter zum Watt. Ihr war, als müsste sie dorthin, um sich selbst wieder zu finden nach diesem Tag. Und ihr Watt enttäuschte sie nicht.

Es war bereits früher Abend aber noch immer hell wie am Tag.. Die Sonnenstrahlen glitzerten und reflektierten auf dem nassen Wattboden in vielerlei Lichtgestalten. In den zahlreichen Wasserpfützen direkt hinter dem Schilfgürtel, die wie eine bizarre, vorzeitliche Seenlandschaft über den dunklen Schlick verstreut lagen, blinkte die Sonne hundertfach. Dahinter schimmerte das Licht matt im silbrigen, hellblauen Wasser eines seichten Wasserstreifens. Hier durchzogen kleine, hellbraune Buckel das flache Wasser und brachen das Licht. Es sah aus, als ständen Wellenberge in einer unruhigen Wasserfläche und als sei diese mitten in der Bewegung erstarrt. Noch weiter hinten leuchtete und glänzte das Sonnenlicht ungebrochen auf einer makellosen, blaugrauen Wasserfläche, die sich bis zum Horizont hinzog.

Je länger Heike schaute, desto mehr Kleinigkeiten offenbarten sich ihrem Auge in dieser wundersamen Eintönigkeit. Weit hinten im Westen, dort, wo das Ufer im Dunst lag, konnte sie jetzt in der flimmernden Luft die Umrisse des Keitumer Kirchturmes erspähen, der so klein aussah wie ein Baustein aus einem Spielzeugkastens.

Durch das Watt waren in großen Schwüngen doppelte Pflockreihen in den Schlickboden gesetzt. Sie glänzten in der späten Sonne und verloren sich irgendwo weit hinten, wo das Wasser sie zu verschlucken schienen. Sehr weit draußen, mitten in einem dunklen Schlammfeld, stand ein langer, dünner Stab, den irgendwer aus irgendwelchen Gründen ins Watt gerammt hatte. Er stand leicht zur Seite geneigt. Während sie diesen Stock beobachtete, setzte sich eine Möwe auf sein oberes Ende, flog aber gleich wieder weiter.

Heike saß eine lange Zeit ganz still. Sie sah nicht einmal auf die Uhr. Als sie schließlich doch aufstand, um zurück zu gehen, wanderte ihr Blick absichtslos am grün bewachsenen Uferstreifen weiter nach Westen und sie bemerkte mit einem Mal eine zweite Bank, die ein paar dutzend Meter weiter aufgestellt war. Auch auf dieser Bank schien jemand zu sitzen. Gegen die blendende Abendsonne konnte sie nicht erkennen, wer es war.

Im ersten Moment erschrak sie, weil es ihr unangenehm war, dass dieser Mensch dort die ganze Zeit gesessen haben musste, während sie hier das Watt bestaunt hatte. Aber warum sollte es außer ihr eigentlich keine anderen Menschen geben, die diesen Anblick als wohltuend empfanden? Sie warf noch einen kurzen Blick zur anderen Bank hinüber. Sie deutete sogar ein Nicken an, um ihre Verbundenheit mit diesem fremden Menschen zu zeigen und ging dann langsam den Weg zwischen den Heckenrosen zurück ins Dorf.

 

„Wo warst du denn schon wieder so lange?“, fragte Susann leicht ärgerlich, als sie wieder in der Ferienwohnung angekommen war. Heike lächelte. „Ich hatte ein Rendezvous am Wattenmeer“, sagte sie geheimnisvoll. Die beiden anderen sahen sie erstaunt und skeptisch an. Sie lachte. Es war nur ein Scherz.

Sie sprachen von ihrem Ausflug nach Kampen, den sie heute gemacht hatten.

Heike fiel plötzlich die Gestalt auf der anderen wieder Bank ein.

Am nächsten Vormittag konnte Heike nur kurz ans Watt gehen. Geplant war für diesen Tag eine Fahrt nach Helgoland. Gegen elf Uhr sollten sie sich an der Schiffsanlegestelle einfinden. Sie würden erst im Dunklen wieder zurück sein.

Als sie an der Stelle des Weges, wo sich plötzlich der Blick weitet, das Watt im Morgenlicht erblickte, war es ihr, als wäre sie schon ihr ganzes Leben lang jeden Tag hierher gekommen. Dennoch war alles heute anders. Heute kam sie bei beginnender Flut. Die Wattstreifen standen schon voll Wasser. Die Pfützen sahen nicht mehr aus wie kleine, eingegrenzte Seen, sondern uferten aus in eine riesige Überschwemmungslandschaft, flossen ineinander, flossen über, bildeten Priele und Wasserläufe, ergossen sich in andere Seen und Wasserbecken. Die Morgensonne glänzte und glitzerte auf dieser fließenden Wasserwelt und blendete so sehr, dass einem die Augen schmerzten. Der Himmel schimmerte dunstig blau. Am westlichen Himmelsrand zog eine Kette weißer Wolkenballen dahin, die sich ständig veränderten. Sie sahen lustig aus, wie ein Zug aus lauter weißen Zirkuswagen.

Alles schien heute anders und doch war alles wie vorher.
Heikes Bank war noch nass vom Tau. Sie trocknete sie mit  einem Papiertaschentuch ab und als sie sich setzte, warf sie einen schnellen Blick in die Richtung der zweiten Bank. Heute früh lag sie nicht im Gegenlicht und Heike bemerkte mit einem kleinen Schrecken, dass wieder jemand auf der anderen Bank saß: Es war Mann, ein junger Mann, nicht viel älter als sie selbst. Er blickte aufs Wattenmeer hinaus und schien sie nicht zu bemerken. „Der wird mir noch die Freude an meinem Watt kaputtmachen“, dachte sie etwas bitter und tat so, als hätte auch sie ihn nicht bemerkt. Sie schaute über das Watt und versuchte, noch einmal all die Ruhe in sich zu fühlen, all dieses stille und zufriedene Glück vom einfach-nur-hier-Sein, das sie in den vergangenen Tagen an diesem Ort empfunden hatte. Aber jetzt kam sie nicht richtig zur Ruhe. Sie fühlte sich beobachtet. Der Mensch auf der anderen Bank machte sie nervös. Schließlich stand sie wieder auf und ohne noch einmal zur anderen Bank hinzusehen, ging sie langsam zurück. Als sie schon zwischen den Rosenbüschen war, drehte sie sich noch einmal um und sah zwei große Vögel über das Watt dahin gleiten. Sie zogen Seite an Seite in weiten, eleganten Bögen immer größere Kreise über die Wasserfläche. Heike sah ihnen nach, bis sie nicht mehr zu erkennen waren.

Die zweite Bank war von hier aus nicht zu sehen.

Den ganzen Tag über musste Heike immer wieder an ihre Begegnung am Watt denken: Bis zum Mittag überwog ihr Verdruss über die Störung und über die Enttäuschung darüber, dass sie nun ihr Geheimnis wider Willen teilen musste mit einem unbekannten Menschen.

Sehr bald begann sie, sich nach ihrer Bank im Watt zu sehnen. Auf dem Schiff war es voll und unruhig. Und sie hasste es, zwischen lauten Menschen hocken zu müssen und nicht fort zu können. Die endlose Wasserfläche des offenen Meeres erschien ihr unpersönlich und erbarmungslos. Nirgendwo konnte sich ihr Auge ausruhen. Das ununterbrochene Gewoge und das ständige Rauschen des Meeres verfolgten sie, auch wenn sie die Augen schloss. Das Gekreische der Möwen war ihr lästig und kam ihr beunruhigend vor.

Wie friedlich, wie rücksichtsvoll, wie unaufdringlich war dagegen ihr Watt! Keines der Lebewesen, das dort lebte, vertrieb irgendein anderes. Für alle war mehr als reichlich Platz. Alles lebte im Stillen, geschützt und versteckt von der endlosen Weite. Alle Geräusche klangen vorsichtig, wie Versuche, nur angedeutet, von einer leisen Zärtlichkeit.

Der Fremde fiel ihr jetzt wieder ein. Was er wohl dort am Watt suchte? Das Wahrscheinlichste war wohl, dass er genau wie sie diese Landschaft liebte und ebenfalls hoffte, dort Ruhe zu finden und in dieser anspruchslosen Einsamkeit sich selber zu fühlen, sich lebendig fühlen zu können. Er war genau wie sie in das Geheimnis eingeweiht. Morgen, dachte sie mit einer ansteigenden Unruhe in ihrem Herzen, morgen würde sie erneut zum Watt gehen, morgen früh. Und sie würde dort bleiben, egal ob der andere da wäre oder nicht. Vielleicht war es ja gar nicht so schlecht, dieses Geheimnis zu teilen?

Am Abend dachte sie noch immer an ihre Begegnung. Als die Sonne schon im Westen versunken war und sie sich endlich wieder ihrem Ferien-Heimatdorf Morsum näherten, überlegte sie bereits, wie der Fremde wohl aussähe. Sie ertappte sich dabei und verscheuchte sofort irritiert diese Gedanken. Aber ohne es recht zu merken, versuchte sie sich immer wieder an seine Gestalt zu erinnern, und sie tat es noch, während sie schon kurz davor war, einzuschlafen.

 Als Heike am nächsten Morgen aufwachte, war der Himmel verhangen. Es sah nach Regen aus, aber vielleicht würde die Sonne doch noch durchkommen. An der See folgte das Wetter anderen Gesetzen. Sie zog sich schnell an, verschwand leise aus der Wohnung und lief zum Watt hinunter.
Die andere Bank war leer. Irgendwie erleichterte sie das. Sie setzte sich, um in stiller Freude das Schauspiel dieses Morgens zu genießen. Diesmal war volle Flut und das gesamte Watt lag unter einer gleichmäßigen, kaum bewegten, hellgrauen Wasserfläche, über die der Wind großzügige, verspielte Muster warf. Hier und da schäumten winzige Schaumkronen auf der grauen Weite. Nirgends schimmerte der Boden durch, an keiner Stelle sah man etwas anderes als Wasser. Und dennoch herrschte über dieser großen Fläche die gleiche Ruhe und Stille, die auch sonst über dem Watt gelegen hatte. Heike zuckte von dem unerwarteten Geräusch zusammen, als sie aus Versehen gegen einen Stein stieß, der neben ihrer Bank lag. Sie lauschte in die Stille der Wattlandschaft hinein. Wie gestern flog ein Paar Vögel mit weit ausladenden Schwingen in großem Bogen über das Watt und nahm ihre Gedanken mit.

Allmählich riss die Wolkendecke wirklich auf und ließ an mehreren Stellen blauen Himmel sehen. Und dann brach die Sonne plötzlich durch und schüttete eine handvoll dicker Lichtbündel wie Scheinwerferstrahlen über das graue Vlies, das vor ihr ausgebreitet lag. Sie war so verzückt bei diesem bizarren Anblick, dass sie den Mann erst bemerkte, als er schon auf der Höhe ihrer Bank an ihr vorbei ging. Er sah sie lächelnd an wie eine alte Bekannte, ging aber weiter bis zur nächsten Bank und setzte sich auch.

Sein Lächeln überwältigte Heike genau so wie das plötzliche Aufleuchten der Sonnenstrahlen kurz vorher. Sie hatte auf einmal das Gefühl, einem Zauber ausgesetzt zu sein. Sie saß da, als warte sie auf etwas. Aber es geschah nichts weiter.

Sie blickte weiter auf das sonnenbeschienen Watt, aber sie sah es nicht mehr wirklich. Sie hockte noch ein paar Minuten da, dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie stand auf. Sie wagte es, flüchtig zur anderen Bank hinzusehen. Aber der junge Mann saß unbewegt da und starrte aufs Watt, ohne sie zu beachten. Sie ging still fort.

„Was ist mit dir los?“, wollten die Freundinnen wissen, als sie zurückkam. „Was machst du da immer im Watt? Triffst du dich etwa wirklich mit jemandem?“ Sie schwieg. Jetzt war das kein Witz mehr. Ihre Gedanken und Gefühle kreisten um diesen fremden Menschen. Sie konnte es nicht verheimlichen und nicht verhindern. Sie ging ins Bad, weil sie fühlte, dass ihr Gesicht rot angelaufen war.

Auch als sie später am Tag am Strand in Westerland lag und all die gebräunten und gut geformten Körper um sich herum bewundern durfte, ging ihr „der Mann von der anderen Bank“, wie sie ihn bei sich nannte, nicht aus dem Kopf. Warum kam er? War er vielleicht so ein Menschentyp wie sie? Liebte er die Einsamkeit, die Stille, sah auch er, was andere nicht sahen? Heike spürte, wie ihr bei diesen Überlegungen das Blut schneller durch den Körper floss.

Und es kamen noch verwegenere Gedanken in ihr hoch. War er etwa wegen ihr wiedergekommen, wollte er sie wiedersehen? War er neugierig darauf, was das für eine junge Frau sei, die dort wie er am Watt sitzen und immer wieder diesen Anblick genießen konnte?
Aber warum hatte er sich dann nicht einfach neben sie gesetzt heute früh, fragte sie sich beunruhigt. Wahrscheinlich war er einfach zu schüchtern. So wie sie eben auch. Leute, die das Watt liebten, waren wohl alle keine Draufgänger. Aber irgendwann würde er sich schon zu ihr setzen. Sie konnte es bereits fühlen, wie es sein würde, wenn sie nebeneinander dort sitzen und gemeinsam in die Weite schauen würden. Gemeinsam betrachtet würde ihr Watt nicht an Schönheit einbüßen

Heike versuchte, sich sein Gesicht vorzustellen. Braune, kurze Haare hatte er, eine große, kräftige Nase. Irgendwie lag ein freundlicher Zug um seine Augen, soweit sie das so schnell hatte sehen können. An seine Gestalt konnte sie sich noch weniger erinnern. Da sie gesessen hatte, als er an ihr vorbeiging, wusste sie nicht einmal, wie groß er war. Aber sie erinnerte sich an eine schmale Taille, an Jeans, ein schwarzes T-Shirt und an Turnschuhe.

Plötzlich hielt sie inne. Ihr war, als hätte sie sich selbst ertappt. ‚Ich dachte, Heike, du wärst anders als die anderen. Und jetzt läuft dir der erste Mann über den Weg und schon bist du innerlich nur noch mit ihm beschäftigt!’ Sie schüttelte den Kopf über sich selbst.

‚Bin ich vielleicht wegen ihm immer wieder hin gegangen?‘, stellte sie sich zur Rede. ‚Wollte ich etwa nur diesen Mann wieder sehen?’ Nein, Heike war sich ganz sicher, sie hatte immer wirklich ihre Landschaft besuchen wollen, die Landschaft. Da war sie sicher. Nur: auf einmal waren sie eins, das Watt und dieser Mann auf der anderen Bank. Auf einmal gehörte er dazu. Ab jetzt, das wurde ihr plötzlich klar, würde ihr der Platz am Rande des Wattenmeeres unvollkommen erscheinen, wenn die zweite Bank leer bliebe.

Am nächsten Morgen wachte sie viel zu zeitig auf. Sie wartete ungeduldig, bis es richtig hell war. Es fiel ihr schwer, die Zeit totzuschlagen, bis sie endlich losgehen konnte. Sie wollte nicht zu früh am Ort erscheinen.
Als sie in den kurzen, von Heckenrosen gesäumten Weg zum Ufer einbog, kam er ihr bereits entgegen. Sie erschrak. Hatte sie sich etwa doch verspätet?

Er kam einfach auf sie zu und lachte sie im Vorbeigehen an: „Ein schönes Plätzchen ist das hier, nicht?“ Sie nickte. Die Stimme versagte ihr. Was hätte sie auch sagen sollen? ‚Wollen Sie schon gehen? Kommen Sie noch mal mit?’ Das ging wohl nicht. Also lächelte sie ihn etwas verwirrt an und lief weiter, als würde die Tatsache, dass er bereits jetzt fort ginge, nichts, aber auch gar nichts daran ändern können, dass sie ihren Morgenbesuch am gewohnten Lieblingsplatz absolvieren würde.

Das Watt schien ihr heute leerer und unbewegter als sonst. Vergeblich suchte sie es nach Vögeln ab und nach irgendwelchen anderen Lebenszeichen. Es lag einfach da, unbeeindruckt und ungerührt.

Vielleicht war auch nur sie anders als gestern.

Als Heike schließlich wieder aufstand, kam ihr die Idee, einmal zu seiner Bank hinzugehen und sich selbst dort hinzusetzen. Die Aussicht war fast genau die gleiche wie die von ihrer Bank aus. Sie stand schnell wieder auf und lief wie ertappt zurück zur Ferienwohnung, wo die beiden Freundinnen schon mit dem Frühstück auf sie warteten.

Heike blieb sehr einsilbig an diesem Tag. Unablässig musste sie darüber nachgrübeln, ob es ihm nur seine Schüchternheit nicht erlaubt hatte, einfach noch ein wenig da zu bleiben. Vielleicht hatte er ja auch zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein müssen? Gegen Abend war sie sich endlich sicher, dass er sich bald zu ihr auf ihre Bank setzen würde. Immerhin hatte er sie bereits angesprochen! Ihr Bild von ihm musste sie nach der letzten Begegnung allerdings etwas revidieren. Er war eigentlich dunkelblond, hatte graue Augen und trug eine Brille. Das war ihr vorher nicht aufgefallen. Aber er gefiel ihr gut. Er gefiel ihr sogar ausnehmend gut. Heike fing an, sich vor den Spiegel zu stellen und zu überlegen, wie sie am nächsten Morgen das Haar tragen sollte.

Dieser Morgen kam. Diesmal saß er tatsächlich bereits auf seiner Bank. Sie nickten sich zu und Heike setzte sich verwirrt. Was sollte sie jetzt tun? Sie sah noch einmal schüchtern und innerlich voller Verlangen zur anderen Bank hin. Sie konnte doch nicht selbst hingehen und sich einfach zu ihm setzen! Wie würde das denn aussehen? ‚Aber Susann’, dachte sie, ‚Susann würde es tun. Und vielleicht auch Marie.’ Nur sie, Heike, sie konnte es nicht. Hilfesuchend blickte sie über das Watt, als könnte von dort eine Lösung ihrer Lage kommen. Heute sah es wieder ganz so aus wie am ersten Tag. Es war Ebbe. Die abgelaufenen Wattflächen lagen wie eine gescheckte, verwunschne Seenlandschaft da und die vielen Pfützen glitzerten wie in einem Märchen. Dahinter lag ruhig ein breiter blauer Wasserstreifen und reflektierte die Morgensonne in schillernden Bändern.

Plötzlich stand er neben ihr. Er war einfach aufgestanden und zu ihr herübergekommen. „Wenn wir schon beide so gerne aufs Watt gucken, können wir es eigentlich auch zusammentun, oder?“ Sie rückte sofort zur Seite. Er setzte sich neben sie.
Eine ganze Zeit lang schwiegen sie und betrachteten das vor ihnen liegende Watt wie all die Tage zuvor.
„Machen Sie auch hier Urlaub?“, fragte sie schließlich. An diesem Satz hatte sie im Stillen die ganze Zeit geübt. „Ja, ich bin jetzt schon die zweite Woche in Morsum. Es ist wirklich schön hier, nicht wahr? Ich meine an der Ostseite der Insel. Ich weiß nicht, warum die Leute alle an die Westküste müssen oder gar auch noch nach Westerland.“

Sie unterhielten sich ein wenig über das verschandelte und voll gestopfte Westerland und priesen abwechselnd und immer wieder den Anblick der Landschaft, die vor ihnen lag.
Das Watt blinkte in der Sonne und schwieg und nahm nicht den geringsten Anteil an ihnen.

Irgendwann stand er auf. Er müsse jetzt los, die Leute, mit denen er hier sei, würden schon auf ihn warten.
Sie ging mit. Beide verabschiedeten sich mit einem langen, vertrauten Blick vom Watt und dann, zwei Straßen weiter, auch von einander.

Alles in ihr jubelte! Es war wunderbar! Es war einfach nicht zu fassen! Da lernte sie, ausgerechnet sie, im Sylturlaub einen netten Mann kennen und dann auch noch am Morsumer Watt und nicht am mondänen Westerländer Sandstrand! Wer hätte das gedacht? Während Marie und Susann den ganzen Tag über herumrätselten, welche Chancen sie bei einem halben Dutzend braungebrannter und Muskel bepackter Männer haben könnten, die sie am Stand kennen gelernt hatten, saß Heikle dabei und dachte vergnügt an „ihren“ Mann, den Mann von der anderen Bank und an ihr gemeinsames Geheimnis von der Schönheit des Watts. Und während sich ihre Freundinnen über die Vorzüge der einen oder der anderen ihrer Eroberungen nicht satt reden konnten, sah sie sein strahlendes Lächeln und spürte, dass sich in ihr etwas zu lösen begann, was sie seit vielen Jahren unter Kontrolle gehabt hatte. Es fühlte sich an wie Glück.

Heike nahm sich vor, heute am Abend noch einmal wiederzukommen. Schließlich hatte sie ihn ja auch schon abends hier im Watt angetroffen. Und hatte er vorhin nicht gesagt: „Hier ist es zu jeder Tageszeit schön. Ich komme auch abends oft hierher.“ War das nicht fast schon eine Verabredung?

Gegen Abend zogen Wolken auf. Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und verbarg die Sonne, erst nur für Minuten, dann immer länger. Als Heike gegen neunzehn Uhr ihren Platz am Wattenmeer aufsuchte, türmten sich im Westen schon dicke, dunkle Wolkenbänke und versperrten ihr endgültig den Weg.

Er war nicht da, als sie kam. Sie setzte sich auf ihre Bank und betrachtete mit leichter Nervosität ihr Watt, das heute Abend merkwürdig düster und trostlos auf sie wirkte. Die Unbewegtheit, die sie immer so beruhigend und faszinierend gefunden hatte, erschien ihr auf einmal starr und abweisend. Kein Vogel war in der ganzen Weite zu sehen. Von irgendwoher ertönte zaghaft, beinah klagend, ein einzelner Vogellaut und verstummte dann wieder.
Unruhe stieg in Heike auf. Wenn er gar nicht kommen würde? Wenn ihn das Wetter abhielte? Sie konnte es sich eigentlich nicht vorstellen. Bei jeder Tageszeit, hatte er gesagt, und bei jedem Wetter sei das Watt wunderschön. Und sie hatte ihm mit Begeisterung zugestimmt.

Heike schaute über das eintönige, unfreundlich graue Watt und war sich nicht mehr so sicher, ob diese Aussage wirklich stimmte. Die Fläche lag da wie ein kaltes, totes Feld aus dunklem Wasser. Wenn sie ehrlich war: So gefiel ihr das Watt ganz und gar nicht. Es machte ihr fast ein wenigAngst, ohne dass sie hätte sagen können, woran das lag.

Die Wolken, die die Sonne verdeckten, sahen inzwischen noch drohender aus. Vielleicht gab es sogar ein Gewitter? Möglicherweise wäre es besser, sie ginge jetzt gleich wieder nach Hause, wenn sie nicht nass werden wollte.

Mit leichter Beunruhigung blickte sie nach Osten, dorthin, wo der grüne Vegetationsstreifen, der sich zwischen Watt und Dünen hinzog, bis unmittelbar an die hohen Dünen des Morsumer Kliffs heranreichte. Von dort kam der Weg, der am Watt entlangführte und bis zur Spitze des Kliffs reichte. Ganz selten hatte Heike Spaziergänger diesen Weg entlangkommen sehen, während sie hier saß. Jetzt war ihr, als hätte ihr Auge aus dieser Richtung irgendetwas aufgefangen, eine Bewegung vielleicht. Sie strengte ihren Blick an und suchte die Strecke bis zur Dünenspitze ab. Die Sicht schien nicht so klar wie sonst. Es war wohl auch schon ein wenig düster, als würde es bald richtig dunkel werden. Da, jetzt sah sie es wieder, zwei schwarze Punkte, die sich eilig in Richtung auf sie zu bewegten. Wahrscheinlich waren es zwei Spaziergänger, die auch Angst bekommen hatten, von einem Unwetter überrascht zu werden. Nein, heute würde es wohl nichts werden mit ihrem Rendezvous.

Heike warf einen enttäuschten Blick auf das Watt vor sich. Es sah wenig einladend aus. Sie zögerte noch. Wahrscheinlich würde es wirklich besser sein, sie ginge auch schleunigst nach Hause. Der Himmel über ihr wurde immer dunkler. Der Wind nahm zu.

Sie wollte gerade aufstehen und blickte dabei erneut in die Richtung, wo sie die eiligen Spaziergänger gesehen hatte. Sie waren inzwischen ein ganzes Stück nähergekommen. Es war ein Paar, das konnte sie jetzt erkennen: eine Frau mit langen blonden Haaren und ein Mann. Sie hielten sich an der Hand und beeilten sich, schnell voran zu kommen. Sie sprangen manchmal, wahrscheinlich über feuchte Wegstellen, dann rannten sie ein paar Schritte, kamen zusammen, entfernten wieder sich voneinander. Es sah fast so aus, als würden sie Fangen spielen. „Eigentlich“, dachte Heike verwundert, „wirken die nicht wie Spaziergänger, die ängstlicher vor einem Gewitter fliehen“. Jetzt blieben die beiden plötzlich stehen und man konnte erkennen, dass sie einander umarmten und sich küssten. Heike sah weg. Sie war kein Voyeur. Aber sie fühlte Neid in sich aufsteigen, den sie sofort niederkämpfte. Hatte sie nicht selbst schon Schönes hier erlebt und hatte sie nicht Grund, zu hoffen, dass noch viel Wundervolleres passieren würde in ihrem Urlaub?

Jetzt waren sie schon sehr nah gekommen. Heike konnte bereits die Stimmen hören, die der Wind zu ihr hertrug. Sie hörte das Lachen der Frau. Es klang glücklich. Gleich würden die beiden um die Ecke kommen und in den Heckenrosenweg einbiegen. Ihre Köpfe wurden noch vom hohen Schilf verdeckt, nur ab und zu tauchten sie kurz über den Schilfspitzen auf und verschwanden dann erneut. Jetzt hörte sie auch die Stimme des Mannes.
Sie erstarrte. Sie musste sich geirrt haben! Sie blickte fassungslos an die Stelle, an der das Pärchen jeden Moment auftauchen würde. Dann sah sie ihn. Er war es wirklich. Auch er erblickte sie und er lachte sie an. „Hallo, Sie sind hier! Hätte ich mir ja fast denken können! Es wird gleich regnen. Wir wollen nicht nass werden. Gehen Sie lieber auch nach Hause!“, rief er ihr zu. Seine Stimme klang so fröhlich wie am Morgen. Das Paar fasste sich erneut bei den Händen und sie rannten den Anstieg hinauf zum Dorf.

Heike musste sich wieder hinsetzen.
Um sie wurde es dunkel. Sie hätte nicht sagen können, ob es hier am Watt nun noch düsterer geworden war oder ob ihr Herz in Finsternis versank. Sie starrte auf das schwarze Nass vor sich, auf das stille, das schweigsame Watt. Es kam ihr jetzt bedrohlich vor. Plötzlich fielen ihr Geschichten ein von Wattwanderern, die ertrunken waren, weil sie sich nicht hatten vor den hereindrängenden Fluten retten können. Sie versuchte sich ganz genau an diese Geschichten zu erinnern, um nichts fühlen zu müssen.

Als der Regen einsetzte, von einer Sekunde zur nächsten und mit voller Wucht, spürte sie ihn kaum.
Dies war also ihr Watt, dachte sie einmal: unbefahrbar, unbegehbar und einsam. Sie gehörte zu ihm. Sonst niemand. Der Regen ließ allmählich nach, aber auch das spürte sie nicht. Sie starrte blicklos in die dunkelgraue, undurchsichtige Welt vor sich und wusste nicht, wie ihr nächster Schritt aussehen könnte, ob sie überhaupt noch zu irgendeinem Schritt fähig sein würde.

Als sie eine Zeit später durch die aufgeregten Stimmen ihrer Freundinnen aufschreckt wurde, war sie beinahe froh. Als es wie aus Kannen zu schütten angefangen hatte und Heike nicht zurückgekommen war, waren sie aufgebrochen, um sie zu suchen.

Heike stand gehorsam auf von der Bank, von ihrer Bank, und drehte der großen, dunklen Einsamkeit vor sich den Rücken zu.

Sie gingen mit den anderen zwischen den tropfnassen Hecken hindurch zurück ins Dorf. Vom Regen schwer beladen neigten sich die Zweige mit den hellroten Blüten bis zum Boden.

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Die kalten Hände

Nun wurde es also doch noch rechtzeitig Winter! Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen. Peter fühlte ihn wie Bisse im Gesicht. Er zog sich den Schal enger um die Schultern. Er hätte sich wärmer anziehen sollen! Gut, dass er gleich da war!
Weiße Weihnachten würden es dieses Mal wohl trotzdem nicht werden, dachte er. Schade für die Kinder! Der Schlitten fiel ihm ein, den er letztes Jahr seinem Jüngsten geschenkt hatte. Wie hatte Chris sich gefreut! Damals war Weihnachten noch so wie immer gewesen. Alles war noch in Ordnung. Zumindest schien es so.

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Peter bog in die Hauptstraße ein. Wie oft war er wohl in den letzten zehn, zwölf Jahren diesen Weg gegangen? Sie hatten hier zusammen gewohnt seit sein Jüngster geboren war. An der ersten Kreuzung neben dem kleinen Bäckerladen konnte man bereits das Haus sehen. Im ersten Stock brannte schon Licht. Ja, sie waren da. Er wurde erwartet. Schließlich hatte er sich angemeldet. Schließlich war heute Weihnachten.

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Frühe Winternacht

Eine Straßenlaterne

wirft orangefarbenes Licht

auf den verschneiten Hang

hinter meiner Fensterscheibe.

 

Zwischen den Kinderschlittenspuren

laufen Perlenschnüre kleiner Fußabdrücke

Hang aufwärts.

 

Meine Sommerabendbank

steht schwarz im Schnee,

dort,

wo das Licht nicht mehr hinreicht.

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