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Archiv der Kategorie Tod
Wozu
22.11.2008 von m.s..
Der lange Flur der Kurklinik lag im schwachen Vormittagslicht eines Februartages. Draußen war Schnee gefallen. Jemand hatte eine Vase mit einem winzigen Blumenstrauß auf die nackte Platte des kleinen Tisches gestellt. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die Blumen als künstlich. Trotzdem was es eine nette Geste. Wenigstens bemühte man sich um ein wenig Freundlichkeit.
Der Tisch gehörte zu einer kleinen Sitzgruppe in einer Nische des Flures. Der alte Herr fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich zu mir setzen würde. Warum nicht, dachte ich. Ich hatte keine Eile. Hier hatte jeder Zeit.
Er setzte sich ächzend ohne meine Antwort abzuwarten.
Es war ganz still im Flur. Nur ab und zu ging ein Patient im Bademantel mit vorsichtigen Schritten den Flur entlang. Niemand kümmerte sich um uns.
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Der Abschied
22.11.2008 von m.s..
Kurzgeschichte
Sie ist froh, dass er wirklich gekommen ist. Jetzt ist sie doch froh darüber.
Zuerst sind ihr die heftigen Auseinandersetzungen eingefallen, die es jahrelang zwischen Heinrich und Wolfgang gegeben hat. Aber das ist nun schon lange her. Sie hat Wolfgang angerufen, als es mit Heinrich anfing, kritisch zu werden. Sie hat ihn zwischen zwei Konferenzen erreicht. Er war auf der Stelle bereit, her zu kommen.
Bestimmt wird Heinrich auch in seinem Zustand noch begreifen, dass sein Sohn da ist. Und er wird sich freuen.
Der Mann ist zögernd in der Tür stehen geblieben. Sie versucht, in seinen Zügen zu lesen. Er steht da und schaut ins Zimmer. Über seine Gestalt fällt ein Streifen Sonnenlicht, das durch die heruntergelassenen Jalousien fällt. Der Mann blinzelt. Die ins Dämmer hinein gestreute Helligkeit in diesem Krankenzimmer scheint ihn zu überraschen. Was hat er erwartet von dem Ort, an dem er seinen sterbenden Vater besucht?
Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen. Ingrid ist froh, dass der helle Tag bis in dieses Zimmer und bis an sein Bett dringt und ihn vielleicht noch einmal die Wärme der Sonne ahnen lässt. Es war den ganzen Tag düster und unfreundlich draußen. Seit ein paar Stunden aber hat es aufgehört zu regnen und nun steht der Himmel klar und blau über der Stadt. Und über die Krankenzimmerwände laufen nun blendende Sonnenbänder und überschütten die kahlen Flächen und die kühlen Gegenstände dieses dämmrigen Raumes streifenweise mit flirrendem Licht. Heinrich hat seit Tagen die Augen geschlossen.
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Schattenblumen
22.11.2008 von m.s..
Die hat sie ja noch gar nicht ausgesät!’, dachte Horst. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielen würde!
„Du, ich habe ein Päckchen Schattenblumen gefunden“, hatte sie ihm noch gestern erzählt. „Das sind lauter Blumen, die auch im Schatten gedeihen, ganz ohne Sonne und die trotzdem wunderschöne Farben entwickeln.“
Der Gartenblumenstrauß
Er hatte abgewunken. Natürlich, ihr Häuschen würde später, wenn es gebaut war, von der Nordseite her zu begehen sein. Da könnten diese Blumen dann entlang des Weges zum Haus stehen. Es würde sicher hübsch aussehen neben dem alten Kirschbaum, den sie hatten retten können, als die Baugrube ausgehoben worden war. Aber vorerst war diese Gegend ihres Grundstücks noch lange nichts als Baustelle. Sie würden das Säen der Schattenblumen auf das nächste Frühjahr verschieben müssen.
Und jetzt, während er ziellos und verzweifelt auf dem Grundstück herumirrte wie ein losgerissener Zweig, jetzt fiel ihm gerade dieses Samentütchen in die Hände. Sie würde die Samen nie mehr aussäen können.
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Der Zettel
22.11.2008 von m.s..
Linde Bischof, Nachdenken
Die Frau schloss die Tür auf. Es war still in der Wohnung. Sie atmete auf.
Marion stellte ihre Handtasche im Flur ab und zog den Mantel aus. Der Flurspiegel zeigte ihr eine erschöpfte Frau mittleren Alters. Ihre Bemühungen um ordentliches Aussehen waren auch nach den fünf Stunden Arbeit noch zu erkennen. Der Rock aber sah zerknittert aus. Unter ihrem rechten Auge färbte die Wimperntusche ab. Oder hatte sie etwa schon wieder Augenringe? Es fiel ihr immer schwerer, sich morgens in die adrette, gepflegte Sekretärin zu verwandeln, wie es in diesem blöden Job seit Jahren von ihr verlangt wurde. Sie versuchte den hochhackigen Schuh am linken Fuß wegzuschleudern. Aber er blieb am Fuß kleben. Sie musste sich herunterbücken, um den Schuh abzustreifen. Die ersten Schritte in den Birkenstockhausschuhen erlebte sie wie immer als eine kleine Wiedergeburt.
Bevor sie ins Schlafzimmer ging, um auch den Rest ihrer Berufsuniform abzulegen und sich in die lässigen Klamotten zu werfen, die sie zu Hause trug, ging Marion ins Wohnzimmer. Irgendetwas war ihr eingefallen, was sie von dort holen wollte.
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Die Bettnachbarin
22.11.2008 von m.s..
the last rose
Geschichte einer Liebe im Krankenhaus auf der Ontologischen Station.
Irene beobachtet ihre ältere Mitpatientin, die wegen Brustkrebs nun schon zum dritten Mal eingeliefert wurde. Während sie noch über die Gemeinheit und Sinnlosigkeit des Lebens philosophiert, das ein so trauriges und hartes Schicksal zulässt, erlebt sie, wie für ihre Bettnachbarin - sozusagen im Angesichte ihres Todes - eine Liebesgeschichte beginnt. Hin und her gerissen zwischen Neid, Angewidertheit und Ärger ergreift sie schließlich für die Liebenden Partei und damit auch für sich selber..
22. September
Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.
Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.
Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.
Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.
Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.
Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.
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