Archiv der Kategorie Liebe

Jürgen

Variation zu Wohmann

Ich werde nicht einschlafen können, ich sehe es schon kommen. Kathrins Erzählung geht mir nicht aus dem Kopf.
Sie hat Julia auf der Bahnhofstraße gesehen, zusammen mit einem jungen Mann. Ich habe nichts dazu gesagt. Was soll ich sagen? Ich habe ja sowieso keinen Einfluss auf meine Tochter. Die Kinder sind doch sowieso Kathrins Kinder. Die Zeiten, wo ich mich über so was aufregen konnte sind doch längst vorbei.
Wenn unten auf der Straße ein Auto vorbeifährt, huscht das Scheinwerferlicht über die Schlafzimmerdecke. Das ist wohl schon immer so. Ich habe es noch nie bemerkt.

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Linde Bischof, verwickelte Welten

Warum bloß beschäftigt mich die Vorstellung so sehr, dass Julia mit einem Mann über die Bahnhofstrasse zieht? Wäre ich denn vielleicht zusammengezuckt, wenn ich den beiden unerwartet begegnet wäre? Ich glaube kaum. Was also macht mich so betroffen an dem, was Kathrin erzählte?

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Der böse Hahn

 

 „Danke“, sagt sie und lächelt ihm zu. Noch vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen. Bernd hat sich wirklich verändert. Sie hat es also nicht umsonst getan.

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Linde Bischof, spontaner Auszug

 Jetzt ist sie ihm wirklich dankbar, dass er die beiden Kleinen an ihren Anorakärmeln gefasst hat und nun zur Wohnungstür hinaus bugsiert. Es wird gut tun, an diesem Sonntagmorgen noch ein wenig Ruhe zu haben, bevor es losgeht.

Bernd hat vor ein paar Tagen sogar gefragt, ob es ihr auch Recht sei, dass seine Mutter an diesem Sonntag zu Besuch käme. So was hat er noch nie getan. Und mit Blick auf ihr verbundenes Handgelenk hat er besorgt hinzugefügt. „Vielleicht ist es dir zu viel, Liebes, nach all dem?“ Ein Besuch von Monika war Kathrin eigentlich immer zu viel, aber sie wollte den Kindern und Bernd die Freude nicht verderben. Und wäre es nicht albern, Angst vor der eigenen Schwiegermutter zu haben? Und diesmal wird Bernd ihr beistehen.

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Die Bettnachbarin

 Erzählung

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the last rose

Geschichte einer Liebe im Krankenhaus auf der Ontologischen Station.

Irene beobachtet ihre ältere Mitpatientin, die wegen Brustkrebs nun schon zum dritten Mal eingeliefert wurde. Während sie noch über die Gemeinheit und Sinnlosigkeit des Lebens philosophiert, das ein so trauriges und hartes Schicksal zulässt, erlebt sie, wie für ihre Bettnachbarin - sozusagen im Angesichte ihres Todes - eine Liebesgeschichte beginnt. Hin und her gerissen zwischen Neid, Angewidertheit und Ärger ergreift sie schließlich für die Liebenden Partei und damit auch für sich selber..

22. September


Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.
Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.
Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.
Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.
Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.
Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.

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Träume und Albträume

  lb-vision.jpg  Linde Bischof, Vision

Vor einiger Zeit sah sich ein Freund von mir bei einer Haushaltsauflösung um. Er ist ein Sammler besonderer Bücher und hoffte, im Nachlass des verstorbenen alten Herrn etwas Interessantes zu finden. Als er im Bücherschrank einen dicken, handgebundenen Band entdeckte, sah er ihn sich genauer an. Der Lederrücken hielt die aus rohem Lindenholz gefertigten Buchdeckel zusammen, in die liebevoll Pflanzenornamente geschnitzt waren. Zwei schmale Lederbänder waren zur Schleife gebunden. Als er sie öffnete, sah er, dass es sich um viele Dutzend handgeschriebener Briefe handelte. Alle waren aus den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges datiert und es wechselten je ein Brief in einer exakten, klaren Handschrift mit Seiten, die mit einer fast fröhlich anmutenden Schrift aus runden, vollen, ein wenig verspielten Buchstabenketten bedeckt waren.

Mein Freund hatte sich mit dem Band auf einen der verbliebenen Wohnzimmerstühle gesetzt und wollte sich gerade in seinen Fund vertiefen, als ihm die Tochter des Verstorbenen, selbst schon eine ältere Dame, auf die Schulter tippte.

Es tut mir Leid, die Briefe sind nicht verkäuflich. Ich hätte sie vorher an mich nehmen sollen. Entschuldigen Sie bitte. Es sind die Liebesbriefe, die sich meine Eltern vor ihrer Hochzeit geschrieben haben“, sagte sie etwas verschämt.

Mein Freund entschuldigte sich und mit einem Blick auf den dicken Band fügte er freundlich-höflich hinzu: „So viele Briefe. Das muss ja eine große Liebe gewesen sein!“

Die Dame zögerte einen Moment und meinte dann mit einem süß-saueren Lächeln: „Das kann man eigentlich nicht direkt sagen. Meine Mutter war während ihrer langen Ehe immer eine traurige und unglückliche Frau.“

Mein Freund sah sie erstaunt an. „Was ist passiert?“, fragte er und merkte im gleichen Moment, dass er zu weit gegangen war. Das ginge ihn nun wirklich nichts an, entschuldigte er sich sofort.

Die Frau blickte ein paar Sekunden nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie ihn an. „Wissen Sie, ich habe mir gerade eine Kanne Kaffee gekocht. So eine Haushaltsauflösung ist anstrengend, auch für die Seele. Jetzt sind alle fortgegangen, Sie sind der Letzte. Wenn Sie Lust haben, trinken wir einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen die Geschichte? Irgendwann muss sie ja mal erzählt werden.“

Und so kam es, dass mein Freund nicht den Briefband aber dafür diese Geschichte mit nach Hause brachte.

 

***

Der Unteroffizier

Als der Feldwebel Herbert Binder aus Gelsenkirchen im Jahre 1940 als Flugzeugtechniker in Dresden stationiert wurde, erschien ihm diese Stadt als die Erfüllung all seiner Träume.

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