A. Kurzgeschichten

Die kalten Hände

Kurzgeschichte

Nun wurde es also doch noch rechtzeitig Winter! Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen. Peter fühlte ihn wie Bisse im Gesicht. Er zog sich den Schal enger um die Schultern. Er hätte sich wärmer anziehen sollen! Gut, dass er gleich da war!
Weiße Weihnachten würden es dieses Mal wohl trotzdem nicht werden, dachte er. Schade für die Kinder! Der Schlitten fiel ihm ein, den er letztes Jahr seinem Jüngsten geschenkt hatte. Wie hatte Chris sich gefreut! Damals war Weihnachten noch so wie immer gewesen. Alles war noch in Ordnung. Zumindest schien es so.

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Peter bog in die Hauptstraße ein. Wie oft war er wohl in den letzten zehn, zwölf Jahren diesen Weg gegangen? Sie hatten hier zusammen gewohnt seit sein Jüngster geboren war. An der ersten Kreuzung neben dem kleinen Bäckerladen konnte man bereits das Haus sehen. Im ersten Stock brannte schon Licht. Ja, sie waren da. Er wurde erwartet. Schließlich hatte er sich angemeldet. Schließlich war heute Weihnachten.

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Spießrutenlauf

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Er war nun schon zwei Minuten zu spät. Der Schulflur lag menschenleer da. Es war völlig still. Alles Leben hatte sich in die Klassenräume zurückgezogen, die rechts und links vom Flur abgingen.

Jürgen blickte über den langen Flur zurück bis zur Stirnwand, wo die große Uhr tickte. Der Fußboden war mit hellgrauen Steinfliesen ausgelegt, die Wände wirkten kahl. Er war schon drei Minuten über der Zeit. Er musste jetzt endlich diese Tür öffnen: Geographie in der 8a. Er hätte etwas darum gegeben, es nicht tun zu müssen. Er lauschte: Er konnte durch die Tür hindurch die Stimmen von Jens Burghold und Silvio Traveta hören. Das waren die Schlimmsten, jedenfalls die Lautesten. Jürgen stellte sich die Szene vor, die die sich jetzt hinter der Tür im Klassenraum abspielte: Die Jungen tobten über Tisch und Bänke. Die Mädchen gluckten in einer Ecke des Klassenzimmers. Ab und zu kreischte eines von ihnen laut auf.

Das Schlimme war, dass sie ganz einfach so weitermachen würden, wenn er gleich hereingekommen sein würde. Jürgen schluckte. Es sollte Kollegen geben, bei deren Betreten des Klassenraumes die Schüler sofort zu ihren Plätzen gingen und bei denen nach kurzer Zeit Ruhe eintrat. Eine Vorstellung wie im Paradies, dachte Jürgen. Für ihn war es eher die Hölle.

Jürgen hatte viele Unterlagen dabei für diese Stunde. Er hatte den ganzen gestrigen Abend Vorlagen am PC geschrieben und sie heute früh noch auf Folien kopiert. Eigentlich fand er sein Anschauungsmaterial richtig gut. Aber er wusste schon jetzt, als er vor dieser Tür zögerte, dass er es wieder einmal nicht schaffen würde, seine Folien zu zeigen.

Er drückte mit Widerwillen die Klinke herunter und betrat den Raum. Es war alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Kaum einer der Schüler und Schülerinnen hob den Kopf. Er ging zum Pult, legte seine Bücher und Unterlagen ab. Dann sah er genervt auf die wirbelnde Klasse. Sie nahmen noch immer keine Notiz von ihm.

Er musste etwas tun. Er wollte mit lauter, fester Stimme den Lärm übertönen, um sich endlich bemerkbar zu machen. Aber er spürte, dass seine Stimme belegt war. Er räusperte sich.

„Guten Morgen! Bitte, geht zu euren Plätzen. Wir haben jetzt Unterricht“, brachte er dann einigermaßen laut heraus. Niemand reagierte.

„Bitte, Leute, setzt euch, ich möchte anfangen!“ Er konnte selbst hören, dass dieser Appell wie eine klagende Bitte klang.

Regina aus der ersten Reihe, die dort alleine saß und ungerührt in ihrem Mathematikheft schrieb, sah flüchtig zu ihm hoch: „Dann fangen Sie doch an!“

Jürgen spürte, wie bei ihm der Schweiß ausbrach. Er wusste ja selbst, dass er einfach anfangen musste.

„Holt bitte eure Geographiehefte heraus. Wer möchte seine Antworten vorlesen?“

Es war, als spräche er mit den Wänden dieses Klassenzimmers. Es war wie immer. Er wusste, wie es weitergehen würde.

Plötzlich kam Wut in ihm hoch.

„Jetzt reicht’s! Hinsetzen! Holt die Hefte raus. Jens, du liest die Hausaufgaben vor!“ Er hatte angefangen zu brüllen.

Immerhin, die Schüler bewegten sich nun im Zeitlupentempo an ihre Plätze. Der Lärm beim Öffnen der Taschen und beim Rücken der Stühle war provozierend laut.

Jürgen spürte einen leisen Stich hinter der rechten Schläfe. So fing es immer an!

„Jens, also!“, sagte er noch mit fester Stimme.

„Was is?“ Jens sah ihn frech an.

„Die Hausaufgaben. Ich sage es euch jetzt schon zum dritten Mal!“

„Welche Hausaufgaben?“

„Werd‘ nicht frech, Jens! Mir reicht’s jetzt wirklich!“

„Ach die Hausaufgaben!“, grinste Jens höhnisch. „Die hab ich nicht. Gestern hatte ich keine Zeit.“ Er lehnte sich selbstzufrieden zurück und sah Jürgen herausfordernd an. Continue reading

Der Blinde

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Ich setze mich auf den Behindertenplatz, direkt hinter den Fahrer. Hier sitze ich am liebsten. Nahe am Ausgang und vor mir die schwarze Glasscheibe, in der ich mich sehen kann, wenn ich es darauf anlege. Ich lege es nicht darauf an.Den Fahrer sehe ich nicht. Es ist verboten, während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen.

Manchmal wähle ich mir auch einen von den wenigen aber oft freien da unbeliebten Plätzen, wo man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt und seinen Mitfahrern so ungehemmt und schamlos ins Gesicht sehen kann. Es gibt keine Alternative für meine Blickrichtung und sie wird deshalb nicht verübelt. Gesellschaftlich geduldeter Voyeurismus.

Heute sitze ich hinter der dunklen Glasscheibe. Es ist mir nicht nach den Gesichtern anderer Menschen. Ich habe den Kopf voll mit Dingen, die ich eben erlebt habe und die zu tun ich gleich Gelegenheit haben werde. Es sind nur noch zwei Stationen bis zu meiner Arbeitsstelle. Und ich bin mit der Zeit schon knapp.

 Als der Bus anhält fällt mir durch die Busfenster die distanzlose Körperhaltung des Mannes auf, der sich draußen mit einem Blinden unterhält. Er ist betrunken, angetrunken zumindest, und das sicherlich nicht zum ersten Mal. Seine rote Gesichtsfarbe, seine leicht verwahrlostes Äußeres in Kleidung und Haar weisen den Säufer aus.

Der andere, der, auf den er einredet, ist groß und schlank, ein bleicher, ernster, ganz in Schwarz gekleideter Mann, jung an Jahren aber vorsichtig in seinen Gebärden wie ein alter Mensch. Seine Augen sind tot. Das Weiß starrt ins Nichts. Er hält einen Blindenstock und trägt eine gelbe Armbinde.

Nun werde ich den Behindertenplatz doch freimachen müssen. Selbstverständlich. Ich muss ja sowieso gleich aussteigen.

Ich springe auf, um ihn ans Fenster durchzulassen. Ich muss mich nicht wieder setzen, obwohl ich neben ihm sitzen könnte. Irgendwo bin ich froh. Neben einem Blinden zu sitzen ist mir unangenehm. Ich will meine Ruhe haben.

Noch während ich aufstehe, wird der Blinde schon von dem angetrunkenen Mann an den Fensterplatz geschoben. Und dann setzt der sich neben ihn. Und ich sehe, dass das Gesicht des Blinden noch leerer wird, als es vorher war. Sein Versuch, sich vor dem anderen zu retten ist fehlgeschlagen. Ich habe dem anderen den Platz geräumt.

Ich sehe seine hilflosen Versuche, sich zu halten, an den Rändern des Abgrundes festzuhalten. Aber er weiß es, er kann nichts tun. Er ist es gewohnt zu fallen. Er trägt es mit Fassung. Ich sehe es: er antwortet auf die distanzlosen Fragen des Betrunkenen höflich, korrekt. Er sieht nicht den trüben und gleichzeitig listigen Blick des anderen. Ich bin sicher, er fühlt ihn. Mich überfällt plötzlich das Gefühl, selber ins Endlose zu fallen.

 Ich hätte diesen Platz nicht freimachen dürfen, hätte nicht zulassen dürfen, daß sich der da neben ihn setzen kann. Während ich im Gang stehe, gedrängt und um mein eigenes Gleichgewicht bemüht, abgewandt, spüre ich im Rücken seine Hilflosigkeit und seine erstarrte, verzweifelt verteidigte Würde. Durch die Fahrerscheibe sehe ich schon die Haltestelle, an der ich gleich aussteigen werde. Der Lautsprecher gibt die Haltestelle bekannt.

Mitten in das anbiedernde Geplauder seines Nebenmannes hinein höre ich die beunruhigte, etwas heisere Stimme des Blinden. ”Wieso Dortmunder Ring? Bin ich nicht in der 12?” Und als ich hinsehe auf die beiden und die beschwichtigende Handbewegung erhasche, die der andere macht, höre ich, wie er einschmeichelnd lügt, ”Doch, doch, na klar ist das hier die 12.“

”Aber der Fahrer hat gesagt, Dortmunder Ring, die 12 fährt nicht über den Dortmunder Ring. Da komme ich ja zum Forst raus. Das ist ganz falsch.”

”Der hat sich vertan”, höre ich sagen und bin schon fast ausgestiegen.

Durch die Menschenkörper, die alle zum Ausgang drängen und mich vom Eingang wegstoßen, sehe ich noch, wie der Blinde versucht aufzustehen und wie ihn der andere wieder herunterdrückt. Sehe seine freundliche grinsende Maske. Der Blinde hat keine Chance.

 Ich müsste etwas tun. Müsste dem Fahrer Bescheid sagen.

Es geht alles so schnell und genau um den Bruchteil einer Sekunde, den ich gebraucht hätte um die entscheidende Bewegung zurück in den Bus zu machen, zögere ich.

Der Bus fährt an und ich sehe durch die Scheibe die beiden auf ihren Plätzen sitzen und denke, man sieht es nicht. Man denkt, da sitzen zwei, die sich kennen und zusammen fahren.

 Keiner wird ihm helfen. Ich habe es auch nicht gekonnt. Meine Chance war sehr klein. Aber es hätte eine gegeben.

Ich sehe den Bus an der Endhaltestelle am Waldrand ankommen, sehe, wie der Betrunkene, ja leider überhaupt nicht so sehr Betrunkene, den Blinden am Arm nimmt und rausführt. Und der Blinde sagt in die Richtung, in der er den Fahrer vermutet, nervös: ”Sind wir hier nicht am Stadtwald?”.

Und der Fahrer lacht freundlich und unbekümmert, ”Jawohl mein Herr”. Und als er sieht, daß es ein Blinder ist, fragt er der Höflichkeit halber, ob er helfen soll.

Aber der Betrunkene sagt schnell und grinst, ”Ich mach das doch schon”. Und sie schwanken vom Bus fort, die Straße herunter.

Der Fahrer schließt die Tür und holt seine Zeitung heraus. Er hat Pause.

 Ich gehe in mein Büro und spüre eine furchtbare Unruhe. Meine Arbeit ist mir ganz fern gerückt. Mir ist, als stände ichselber irgendwo verloren zwischen Waldbäumen und mein einziger Halt, meine einzige Hilfe ist der, der vorhat, mich auszurauben. Und ich hoffe, daß er nichts will als Geld. Ich hoffe, er lässt mich ansonsten in Ruhe. Ich versuche, es mir nicht vorzustellen,was alles kommen kann. Und wen soll ich fragen, wie ich gehen muss, um hier wieder herauszukommen? Ich werde ihn bitten, mr die Richtung zu zeigen, wenn er nur mein Geld gewollt hat. Es bleibt mir nichts anderes übrig.

Tagelang werde ich jetzt in die Zeitung sehen, ob es eine Notiz gibt, einen Hinweis. Es kann gar nicht sein, daß ich mich in den Absichten des anderen getäuscht habe.

Aber es wird nichts erscheinen.

Die Gewalt ist zu alltäglich.

 

Frühling, was ist das?

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  „Waren Sei schon mal in einer Obdachlosensiedlung?“

fragte der Kollege. Sie lachte. „Nein eigentlich nicht“. Es fiel ihr erst jetzt auf. Aber warum sollte das problematisch sein? Sie hatte sich sofort gemeldet, als der Chef in der letzten Teamsitzung am Montag gefragte hatte, wer von ihnen bereit sei, in Zukunft die Betreuung des Kindergartens in der Siedlung „Am Hasengarten“ zu übernehmen. Die Psychologin, die das bisher gemacht habe, sei letzten Oktober in Pension gegangen und nun habe er von dort die Anfrage, ob die Beratungsstelle auch weiterhin bereit sei, die Mitarbeiter dort bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Iris war neu im Team, frisch von der Uni, voller Tatendrang aber auch ohne Illusionen. Natürlich war sie bereit, ihre Kompetenzen auch solchen Menschen zur Verfügung zu stellen. Solchen erst recht, dachte sie mit ein klein wenig Trotz. Und was soll’s? Kinder sind Kinder. Auch wenn diese Kinder arm waren und schlechte Chancen hatten und vielleicht Schlimmes erleben mussten. Sie bleiben Kinder und mit denen konnte Iris umgehen, sie wusste, was sie brauchen und wie man sie ansprechen konnte. 

Eine kleine Autofahrt in der Dienstzeit bei diesem schönen, klaren Vorfrühlingswetter, das war außerdem eine Freude. Iris begrüßte die sanft gewellte Landschaft, durch die sie fuhr. Auch vom Auto aus war deutlich zu erkennen, dass sie gerade dabei war, aus dem Winterschlaf aufzuwachen. Noch waren Bäume und Sträucher kahl. Aber auf den weiten Feldern leuchtete die Wintersaat in einem satten Grün. Ab und zu fuhr sie durch ein Dorf. In den Vorgärten blühten Forsythien und lockten Primeln. Der Himmel hatte jene veilchenblaue Tiefe, wie er sie nur im März hat, wenn die Sonne plötzlich die Erde wieder für sich entdeckt.

Iris fuhr langsamer und ließ die Wagen, die sich hinter ihr in einer ungeduldigen Schlange aufgestaut hatten, vorbei fahren. Sie drehte ihr Fenster herunter. Genüsslich reckte und dehnte sie ihre Glieder und atmete tief ein. Der Winter war lang und trübe gewesen in diesem Jahr. Jetzt räumte also endlich der Frühling mit dem Schmuddelwetter auf.

Iris sah die paar Häuserblocks von weitem. Sie standen einfach mitten in den Feldern, ein halbes Dutzend graue, dreistöckige Häuser mit flachen Dächern. Inmitten der sich gerade herausputzenden, strahlenden Natur wirkten sie ernüchternd und trübselig. Als Iris näher kam, sah sie, dass bei einigen der Häuser im oberen Stockwerk Fensterscheiben zerbrochen waren.  Der Putz blätterte überall von den Fassaden ab und unter den Fenstern zeugten  große, dunkle Flecken davon, dass hier seit Jahren Dreck an den Hauswänden herunter geflossen war. Continue reading

Das Schokoladengeschäft

1920 Inflation

 

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Lucie reckte sich. Ein bisschen tat ihr jetzt der Rücken weh. Aber das war nicht weiter schlimm. Hauptsache, es würde alles gut. Er musste einfach auf ihren Brief reagieren!

Die Kundin war gegangen. Lucie hatte das melodische Läuten der Türglocke noch im Ohr. Wie sie dieses Geräusch liebte! Ihre freundliche Ladenglocke! Sie hatte lange gesucht, bis sie damals eine Glocke mit einem solchen Klang gefunden hatte. Alles hier war sorgsam ausgewählt und zusammengestellt. Lucie warf einen zufriedenen Blick auf die gefüllten Regale und Auslagetische. Sauber aufgereiht, nach Farben und Größen sortiert und appetitlich auf einander gestapelt türmten sich mit Rosen bemalte Bonbonieren, Schokoladentafeln und bunte Konfektdosen. Schachteln mit Trüffeln, große Glasbehälter mit Rumkugeln, feinen Pralinen und glitzernd verpackten Bonbons standen auf der matt glänzenden Holztheke. Die goldene Folie der Konfektschachteln, das glänzende rote Papier, die silbern ausgeschlagenen Regalnischen, all das leuchtete geheimnisvoll auf dem dunkelroten Mahagonieholz der Ladeneinrichtung. Wenn man von der Straße die zwei Stufen zu ihrem Laden hinaufstieg und durch die Tür trat, glaubte man sich in die Wunderhöhle versetzt, in der Alibabas Schatz gehütet wurde. Und dazu roch es köstlich, aromatisch süß. Lucie sog den Duft ein, diesen Duft nach Schokoladenkeksen und Likör. Er erinnerte an gemütliche Dämmerstunden bei Kakao und zartem Gebäck. Sie roch diesen Duft noch immer gerne, obwohl sie nun schon seit fast vier Jahren im Laden stand und ihre erlesene Kundschaft bediente. Sie konnte sich eben selber nicht satt sehen und satt riechen an diesem prachtvollen Kunstwerk aus Schokolade und Pralinen.

 

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gewalt is up de straaten

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Alltag: Gewalt in den Schulen

Von der anderen Seite der Kreuzung her kann jeden Moment ihr Bus auftauchen.
Sie sind ihr sofort aufgefallen. Ein ganzes Stück weiter vorne liefen sie quer über die stark befahrene Straße.
Im Gehen knüpft sie den Mantel zu. Es ist doch kühl geworden heute Nachmittag, kühler als sie gedacht hat. Die blasse Bläue des aufgerissenen Oktoberhimmels, der durch die Doppelglasscheiben des Büros so freundlich aussah, hat sie getäuscht. Im Bus wird es wieder warm sein, warm und eng. Sie hat es eilig, die Haltestelle zu erreichen.

Dennoch sind sie ihr gleich aufgefallen. Und jetzt, auf der anderen Straßenseite, stößt sie fast mit ihnen zusammen. Der Kleinste der Drei rempelt sie an. Er schwankt auf sie zu, stößt sie fast um, ohne, dass sie den Grund für sein Verhalten erkennen kann. Für eine Sekunde, länger, als es nötig wäre, sieht sie in seine Augen, sieht in etwas Dunkles und bleibt daran hängen. Sie sieht ein Gespenst. Jemand stürzt auf sie zu, die geöffneten Arme greifen nach ihr. So sieht kein Mensch entgegenkommende Passanten an. Solchen Blicken begegnet man nur in Albträumen! Trotzdem geht sie einfach weiter. Es ist besser, jetzt weiter zu gehen. Jemand lacht.
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Wozu

Der lange Flur der Kurklinik lag im schwachen Vormittagslicht eines Februartages. Draußen war Schnee gefallen. Jemand hatte eine Vase mit einem winzigen Blumenstrauß auf die nackte Platte des kleinen Tisches gestellt. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die Blumen als künstlich. Trotzdem was es eine nette Geste. Wenigstens bemühte man sich um ein wenig Freundlichkeit.

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Der Tisch gehörte zu einer kleinen Sitzgruppe in einer Nische des Flures. Der alte Herr fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich zu mir setzen würde. Warum nicht, dachte ich. Ich hatte keine Eile. Hier hatte jeder Zeit.

Er setzte sich ächzend ohne meine Antwort abzuwarten.

Es war ganz still im Flur. Nur ab und zu ging ein Patient im Bademantel mit vorsichtigen Schritten den Flur entlang. Niemand kümmerte sich um uns.

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Die Haltestelle

Kurzgeschichte

Draußen wurde es langsam hell.
Er blickte durch die s Scheibe der Straßenbahn in die endende Nacht. Er kannte die Strecke. Er hatte jetzt Zeit. Bis Berlin Mitte würde es eine ganze Weile dauern.
Peter setzte sich bequemer zurecht und streckte die Beine aus. Er war erschöpft aber zufrieden. Er konnte auch zufrieden sein. Dieses Treffen am Wochenende hatte bei ihm zum ersten Mal das Gefühl entstehen lassen, dass es nun weitergehen könnte. Aufwärts? Nein, vielleicht nicht gerade aufwärts, aber immerhin irgendwohin, in eine neue Zukunft, die ihn fordern und brauchen würde. Zum ersten Mal konnte er sich heute vorstellen, dass das Leben wieder in ruhige und klare Bahnen zurückfließen würde, dass er aufhören könnte, die Luft anzuhalten und sich zu fühlen wie ein Fallschirmspringer, der sich weigert zu springen, weil er dem Fallschirm nicht traut.
Peter schloss die Augen und lauschte auf das ungleichmäßige Rumpeln der Bahn. Ab und zu hielt sie an, aber es stieg niemand ein und niemand aus. Er war ganz alleine mit dem Fahrer.
Dann fuhr die Bahn kreischend um eine enge Kurve. Der Lärm holte ihn ruckartig aus dem Dämmerzustand, in den er wohlig hineingerutscht war. Er riss die Augen auf. Noch brannten überall die Straßenlaternen, aber man konnte die Straßen und Häuser bereits genau erkennen. Die Stadt schlief noch.

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Der Abschied

Kurzgeschichte

Sie ist froh, dass er wirklich gekommen ist. Jetzt ist sie doch froh darüber.
Zuerst sind ihr die heftigen Auseinandersetzungen eingefallen, die es jahrelang zwischen Heinrich und Wolfgang gegeben hat. Aber das ist nun schon lange her. Sie hat Wolfgang angerufen, als es mit Heinrich anfing, kritisch zu werden. Sie hat ihn zwischen zwei Konferenzen erreicht. Er war auf der Stelle bereit, her zu kommen.
Bestimmt wird Heinrich auch in seinem Zustand noch begreifen, dass sein Sohn da ist. Und er wird sich freuen.
Der Mann ist zögernd in der Tür stehen geblieben. Sie versucht, in seinen Zügen zu lesen. Er steht da und schaut ins Zimmer. Über seine Gestalt fällt ein Streifen Sonnenlicht, das durch die heruntergelassenen Jalousien fällt. Der Mann blinzelt. Die ins Dämmer hinein gestreute Helligkeit in diesem Krankenzimmer scheint ihn zu überraschen. Was hat er erwartet von dem Ort, an dem er seinen sterbenden Vater besucht?
Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen. Ingrid ist froh, dass der helle Tag bis in dieses Zimmer und bis an sein Bett dringt und ihn vielleicht noch einmal die Wärme der Sonne ahnen lässt. Es war den ganzen Tag düster und unfreundlich draußen. Seit ein paar Stunden aber hat es aufgehört zu regnen und nun steht der Himmel klar und blau über der Stadt. Und über die Krankenzimmerwände laufen nun blendende Sonnenbänder und überschütten die kahlen Flächen und die kühlen Gegenstände dieses dämmrigen Raumes streifenweise mit flirrendem Licht. Heinrich hat seit Tagen die Augen geschlossen.

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Das Glücksarmband

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Der Nebel hatte sich inzwischen fast vollständig verzogen. Sie waren den Burgberg durch einen lichten, noch ganz kahlen Buchenwald hinaufgefahren. Die Sonne kam gerade vorsichtig heraus und warf schwache Schatten mit weichen Konturen. Plötzlich war vor ihnen die Burg aufgetaucht.
Ausser ihnen stand zu dieser Vormittagsstunde nur noch ein einziges Auto verloren auf dem Parkplatz an der Burg. Sie stellte den Motor aus und während sie den Schlüssel abzog, ging es ihr plötzlich durch den Kopf, wie sehr sie sich in den vergangenen Monaten so einen Tag wie heute herbeigewünscht hatte. Und nun war alles so einfach, so selbstverständlich, so als könne es gar nicht anders sein. Sie waren zusammen und besuchten an diesem Aprilsamstag irgendein Schloss, einfach weil es Freude machte und weil sie gerne zusammen waren.

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