Archiv der Kategorie Beziehungskisten

Das Riesenrad

Kurzgeschichte

Er solle schon vorausgehen. Sie müsse noch ihren Eyeliner nachziehen, hatte sie gesagt.
Als er die Tür des Hotelzimmers hinter sich schloss, war sie plötzlich alleine. Ihr war, als tauche sie für kurze Zeit aus einer drückenden Wassertiefe auf, um Atem zu holen. Die Heftigkeit des Befreiungsgefühls überraschte sie. Sie stand im Bad, als er hinaus ging. Die Spiegel im schneeweiß gekachelten Raum zeigten ihr ein blasses, fragendes Gesicht, das wohl ihres sein musste. Sie schaltete die Badezimmerlampe aus.
Im Hotelzimmer waren die Betten noch nicht gemacht. Auf dem Nachttisch neben ihrem Kopfende lag der Brief ihrer Tochter, wegen dem sie sich vor dem Einschlafen gestritten hatten: Jetzt fiel es ihr wieder ein. Richtig gestritten hatten sie sich natürlich nicht. Eigentlich hatten sie sich noch nie gestritten. Keiner von ihnen wollte das. Sie hatten beide genug gekämpft in ihrem Leben mit anderen und mit sich selber.
Es war auch gar nichts weiter geschehen. Er hatte sich über ihre Sorgen lustig gemacht. Er fand sie überflüssig. Natürlich waren sie überflüssig, ihre Sorgen. Und dennoch hatten sie diese Sorgen auf einmal überfallen, als sie den Brief las. Und sie hatte ihre Sorgen den ganzen Tag nicht wieder loswerden können.

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Zweifel

„Ich kann nicht“, flüsterte Laureta und schob seine Hand von ihrem Oberschenkel herunter. Sie richtete sich auf und zog ihren Rock über die Knie zurück.
Im Zimmer war es schon dämmrig. Sie hatten den Vorhang noch nicht vorgezogen. Die Straßenbeleuchtung war vor wenigen Minuten angegangen und warf nun einen hellen Fleck auf die Wand hinter dem Sofa.
„Wieso?“, fragte er verständnislos. „Was ist?“
„Komm, versteh das nicht falsch, Jan. Du weißt, dass ich es auch gerne mache und du weißt, dass ich dich liebe.”
Er schwieg.
“Es ist wegen denen da unten. Ich sehe sie sitzen und lauschen, ob mein Bett knarrt.“

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P.S. Und herzliche Grüße an deine Frau

er Kaffee dampfte schon in den Tassen. Christine hatte noch eben schnell die Post aus dem Hausbriefkasten neben der Tür geholt und im Vorbeigehen mit dem Brieföffner aufgeschlitzt, der auf dem Garderobentischchen bereit lag. Das machte sie immer so. Beide Briefe waren für ihren Mann und sie reichte sie ihm nach einem kurzen Blick auf die Absender. Matthias hatte die weißen Umschläge einfach achtlos neben seine Kaffeetasse gelegt.

 

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Linde Bischof, Stillleben und Frauenkopf

 

Der eine Brief kam von irgendeiner Kundin. Christine kannte den Namen nicht. Der andere war von ihm.

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Der Zettel

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Linde Bischof,  Nachdenken

 Die Frau schloss die Tür auf. Es war still in der Wohnung. Sie atmete auf.

Marion stellte ihre Handtasche im Flur ab und zog den Mantel aus. Der Flurspiegel zeigte ihr eine erschöpfte Frau mittleren Alters. Ihre Bemühungen um ordentliches Aussehen waren auch nach den fünf Stunden Arbeit noch zu erkennen. Der Rock aber sah zerknittert aus. Unter ihrem rechten Auge färbte die Wimperntusche ab. Oder hatte sie etwa schon wieder Augenringe? Es fiel ihr immer schwerer, sich morgens in die adrette, gepflegte Sekretärin zu verwandeln, wie es in diesem blöden Job seit Jahren von ihr verlangt wurde. Sie versuchte den hochhackigen Schuh am linken Fuß wegzuschleudern. Aber er blieb am Fuß kleben. Sie musste sich herunterbücken, um den Schuh abzustreifen. Die ersten Schritte in den Birkenstockhausschuhen erlebte sie wie immer als eine kleine Wiedergeburt.

Bevor sie ins Schlafzimmer ging, um auch den Rest ihrer Berufsuniform abzulegen und sich in die lässigen Klamotten zu werfen, die sie zu Hause trug, ging Marion ins Wohnzimmer. Irgendetwas war ihr eingefallen, was sie von dort holen wollte.

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Der fünfte Goldfisch

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Linde Bischof, Die Siegerin

 Thore stand vor der Haustür und sah ihr nach.
Der dunkelrote BMW würde gleich um die Ecke auf die Dorfstraße einbiegen.

 Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihr Gesicht noch sehen, ihren zusammengepressten Mund und die harten, angespannten Züge. „Alte Hexe“, dachte er. Wie gut, dass er sie für ein paar Stunden nicht würde ansehen müssen!

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Jürgen

Variation zu Wohmann

Ich werde nicht einschlafen können, ich sehe es schon kommen. Kathrins Erzählung geht mir nicht aus dem Kopf.
Sie hat Julia auf der Bahnhofstraße gesehen, zusammen mit einem jungen Mann. Ich habe nichts dazu gesagt. Was soll ich sagen? Ich habe ja sowieso keinen Einfluss auf meine Tochter. Die Kinder sind doch sowieso Kathrins Kinder. Die Zeiten, wo ich mich über so was aufregen konnte sind doch längst vorbei.
Wenn unten auf der Straße ein Auto vorbeifährt, huscht das Scheinwerferlicht über die Schlafzimmerdecke. Das ist wohl schon immer so. Ich habe es noch nie bemerkt.

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Linde Bischof, verwickelte Welten

Warum bloß beschäftigt mich die Vorstellung so sehr, dass Julia mit einem Mann über die Bahnhofstrasse zieht? Wäre ich denn vielleicht zusammengezuckt, wenn ich den beiden unerwartet begegnet wäre? Ich glaube kaum. Was also macht mich so betroffen an dem, was Kathrin erzählte?

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Der böse Hahn

 

 „Danke“, sagt sie und lächelt ihm zu. Noch vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen. Bernd hat sich wirklich verändert. Sie hat es also nicht umsonst getan.

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Linde Bischof, spontaner Auszug

 Jetzt ist sie ihm wirklich dankbar, dass er die beiden Kleinen an ihren Anorakärmeln gefasst hat und nun zur Wohnungstür hinaus bugsiert. Es wird gut tun, an diesem Sonntagmorgen noch ein wenig Ruhe zu haben, bevor es losgeht.

Bernd hat vor ein paar Tagen sogar gefragt, ob es ihr auch Recht sei, dass seine Mutter an diesem Sonntag zu Besuch käme. So was hat er noch nie getan. Und mit Blick auf ihr verbundenes Handgelenk hat er besorgt hinzugefügt. „Vielleicht ist es dir zu viel, Liebes, nach all dem?“ Ein Besuch von Monika war Kathrin eigentlich immer zu viel, aber sie wollte den Kindern und Bernd die Freude nicht verderben. Und wäre es nicht albern, Angst vor der eigenen Schwiegermutter zu haben? Und diesmal wird Bernd ihr beistehen.

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Träume und Albträume

  lb-vision.jpg  Linde Bischof, Vision

Vor einiger Zeit sah sich ein Freund von mir bei einer Haushaltsauflösung um. Er ist ein Sammler besonderer Bücher und hoffte, im Nachlass des verstorbenen alten Herrn etwas Interessantes zu finden. Als er im Bücherschrank einen dicken, handgebundenen Band entdeckte, sah er ihn sich genauer an. Der Lederrücken hielt die aus rohem Lindenholz gefertigten Buchdeckel zusammen, in die liebevoll Pflanzenornamente geschnitzt waren. Zwei schmale Lederbänder waren zur Schleife gebunden. Als er sie öffnete, sah er, dass es sich um viele Dutzend handgeschriebener Briefe handelte. Alle waren aus den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges datiert und es wechselten je ein Brief in einer exakten, klaren Handschrift mit Seiten, die mit einer fast fröhlich anmutenden Schrift aus runden, vollen, ein wenig verspielten Buchstabenketten bedeckt waren.

Mein Freund hatte sich mit dem Band auf einen der verbliebenen Wohnzimmerstühle gesetzt und wollte sich gerade in seinen Fund vertiefen, als ihm die Tochter des Verstorbenen, selbst schon eine ältere Dame, auf die Schulter tippte.

Es tut mir Leid, die Briefe sind nicht verkäuflich. Ich hätte sie vorher an mich nehmen sollen. Entschuldigen Sie bitte. Es sind die Liebesbriefe, die sich meine Eltern vor ihrer Hochzeit geschrieben haben“, sagte sie etwas verschämt.

Mein Freund entschuldigte sich und mit einem Blick auf den dicken Band fügte er freundlich-höflich hinzu: „So viele Briefe. Das muss ja eine große Liebe gewesen sein!“

Die Dame zögerte einen Moment und meinte dann mit einem süß-saueren Lächeln: „Das kann man eigentlich nicht direkt sagen. Meine Mutter war während ihrer langen Ehe immer eine traurige und unglückliche Frau.“

Mein Freund sah sie erstaunt an. „Was ist passiert?“, fragte er und merkte im gleichen Moment, dass er zu weit gegangen war. Das ginge ihn nun wirklich nichts an, entschuldigte er sich sofort.

Die Frau blickte ein paar Sekunden nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie ihn an. „Wissen Sie, ich habe mir gerade eine Kanne Kaffee gekocht. So eine Haushaltsauflösung ist anstrengend, auch für die Seele. Jetzt sind alle fortgegangen, Sie sind der Letzte. Wenn Sie Lust haben, trinken wir einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen die Geschichte? Irgendwann muss sie ja mal erzählt werden.“

Und so kam es, dass mein Freund nicht den Briefband aber dafür diese Geschichte mit nach Hause brachte.

 

***

Der Unteroffizier

Als der Feldwebel Herbert Binder aus Gelsenkirchen im Jahre 1940 als Flugzeugtechniker in Dresden stationiert wurde, erschien ihm diese Stadt als die Erfüllung all seiner Träume.

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