Archiv der Kategorie Abschied

Die kalten Hände

Kurzgeschichte

Nun wurde es also doch noch rechtzeitig Winter! Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen. Peter fühlte ihn wie Bisse im Gesicht. Er zog sich den Schal enger um die Schultern. Er hätte sich wärmer anziehen sollen! Gut, dass er gleich da war!
Weiße Weihnachten würden es dieses Mal wohl trotzdem nicht werden, dachte er. Schade für die Kinder! Der Schlitten fiel ihm ein, den er letztes Jahr seinem Jüngsten geschenkt hatte. Wie hatte Chris sich gefreut! Damals war Weihnachten noch so wie immer gewesen. Alles war noch in Ordnung. Zumindest schien es so.

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Peter bog in die Hauptstraße ein. Wie oft war er wohl in den letzten zehn, zwölf Jahren diesen Weg gegangen? Sie hatten hier zusammen gewohnt seit sein Jüngster geboren war. An der ersten Kreuzung neben dem kleinen Bäckerladen konnte man bereits das Haus sehen. Im ersten Stock brannte schon Licht. Ja, sie waren da. Er wurde erwartet. Schließlich hatte er sich angemeldet. Schließlich war heute Weihnachten.

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Die Haltestelle

Kurzgeschichte

Draußen wurde es langsam hell.
Er blickte durch die s Scheibe der Straßenbahn in die endende Nacht. Er kannte die Strecke. Er hatte jetzt Zeit. Bis Berlin Mitte würde es eine ganze Weile dauern.
Peter setzte sich bequemer zurecht und streckte die Beine aus. Er war erschöpft aber zufrieden. Er konnte auch zufrieden sein. Dieses Treffen am Wochenende hatte bei ihm zum ersten Mal das Gefühl entstehen lassen, dass es nun weitergehen könnte. Aufwärts? Nein, vielleicht nicht gerade aufwärts, aber immerhin irgendwohin, in eine neue Zukunft, die ihn fordern und brauchen würde. Zum ersten Mal konnte er sich heute vorstellen, dass das Leben wieder in ruhige und klare Bahnen zurückfließen würde, dass er aufhören könnte, die Luft anzuhalten und sich zu fühlen wie ein Fallschirmspringer, der sich weigert zu springen, weil er dem Fallschirm nicht traut.
Peter schloss die Augen und lauschte auf das ungleichmäßige Rumpeln der Bahn. Ab und zu hielt sie an, aber es stieg niemand ein und niemand aus. Er war ganz alleine mit dem Fahrer.
Dann fuhr die Bahn kreischend um eine enge Kurve. Der Lärm holte ihn ruckartig aus dem Dämmerzustand, in den er wohlig hineingerutscht war. Er riss die Augen auf. Noch brannten überall die Straßenlaternen, aber man konnte die Straßen und Häuser bereits genau erkennen. Die Stadt schlief noch.

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Der Abschied

Kurzgeschichte

Sie ist froh, dass er wirklich gekommen ist. Jetzt ist sie doch froh darüber.
Zuerst sind ihr die heftigen Auseinandersetzungen eingefallen, die es jahrelang zwischen Heinrich und Wolfgang gegeben hat. Aber das ist nun schon lange her. Sie hat Wolfgang angerufen, als es mit Heinrich anfing, kritisch zu werden. Sie hat ihn zwischen zwei Konferenzen erreicht. Er war auf der Stelle bereit, her zu kommen.
Bestimmt wird Heinrich auch in seinem Zustand noch begreifen, dass sein Sohn da ist. Und er wird sich freuen.
Der Mann ist zögernd in der Tür stehen geblieben. Sie versucht, in seinen Zügen zu lesen. Er steht da und schaut ins Zimmer. Über seine Gestalt fällt ein Streifen Sonnenlicht, das durch die heruntergelassenen Jalousien fällt. Der Mann blinzelt. Die ins Dämmer hinein gestreute Helligkeit in diesem Krankenzimmer scheint ihn zu überraschen. Was hat er erwartet von dem Ort, an dem er seinen sterbenden Vater besucht?
Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen. Ingrid ist froh, dass der helle Tag bis in dieses Zimmer und bis an sein Bett dringt und ihn vielleicht noch einmal die Wärme der Sonne ahnen lässt. Es war den ganzen Tag düster und unfreundlich draußen. Seit ein paar Stunden aber hat es aufgehört zu regnen und nun steht der Himmel klar und blau über der Stadt. Und über die Krankenzimmerwände laufen nun blendende Sonnenbänder und überschütten die kahlen Flächen und die kühlen Gegenstände dieses dämmrigen Raumes streifenweise mit flirrendem Licht. Heinrich hat seit Tagen die Augen geschlossen.

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Der Fremde vom Meer

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Dies war der Morgen, auf den er seit Monaten gewartet hatte. Aber seit das Schiff am Hafen angelegt hatte, war seine unerschütterliche Zuversicht verschwunden. Niels fühlte sich mit einem Mal beklommen, als er aufbrach, um sie zu holen. Und obwohl er jetzt alles genau so machte, wie er es geplant und monatelang, Tag für Tag, Schritt für Schritt durchgegangen war, kam er sich vor wie ein Schauspieler, der in einem lang geprobten Stück auftreten will, das aber im letzten Moment vom Spielplan genommen wurde.

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