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Die andere Bank am Watt


 Sonnenuntergang am Watt in Morsum (Sylt)

 Plötzlich war vor ihnen das Watt aufgetaucht, eine endlose Weite, so weit, dass es unmöglich schien, alles mit einem Blick zu erfassen. Sie musste den Kopf nach beiden Seiten wenden, um das Panorama ganz einfangen und in sich aufnehmen zu können. Das Auge glitt über glitzernde, mit kleinen Wasserpfützen besprenkelte, dunkle Schlammfelder hinweg über helle Wasserstreifen, über schimmernde, sich dehnende, glatte oder auch vom Wind gekräuselte Wasserflächen bis an den Horizont. Hier verdichtete sich das Wasser zu einem dunkelblauen, breiten Strich, der sich über die ganze Breite des Horizontes hinzog und das scheinbar endlose Watt gegen den noch um ein Vielfaches größeren Himmel abschloss. Der war überall, hinter dem Watt, über dem Watt und auch an den Seiten, wo das Wattenmeer an Land grenzte und Dünen den Horizont markierten. Der Himmel schien allgegenwärtig und hatte von der Welt nur dieses eine, kleine Stückchen festen Boden übrig gelassen, genau die Stelle am Ufer, auf der sie stand und schaute.

„Dies hier wird meine ganz persönliche Urlaubslandschaft!“, dachte sie beglückt. Sie konnte sich nicht losreißen von diesem Anblick. Er erfüllte sie mit einem Gefühl, für das ihr kein anderer Begriff einfiel als das Wort Andacht.

„Wo bleibst du?“ riefen Susanne und Marie ungeduldig. Sie waren inzwischen schon weitergegangen, den Weg nach Osten, der zwischen Watt und Dünen zur Spitze des Morsumer Kliffs führte. „Seht doch mal, wie schön!“, sagte sie. Sie sprach nur halblaut, um den Zauber nicht zu vertreiben. “Was denn?“, fragten die Freundinnen zerstreut im Weitergehen. Heike fühlte für einen Moment das Verlangen in sich, zu erklären, was sie sah. Aber die beiden anderen fanden scheinbar nichts Besonderes am Anblick des Wattenmeeres. Heike holte tief Luft, sagte dann aber doch lieber nichts. Sollten die beiden von ihren Sandstränden schwärmen und von blauem Meer! Dies hier war ihr Wunder, ein Wunder, das scheinbar nur sie sehen konnte, obwohl es offen und endlos vor allen Augen lag. Sollte es also ihr Geheimnis bleiben! Sie war einfach nicht der Mensch, der sich im Strandgetümmel und zwischen vielen Menschen wohl fühlte. Aber sie liebte das Meer und die weiten Blicke hier überall. Deshalb hatte sie „ja“ gesagt, als Marie und Susann sie gefragt hatten, ob sie Lust hätte, mit ihnen einen Urlaub auf Sylt zu verbringen.

Ihre Freundinnen hatten sich vorgenommen, das Strandleben nach Herzenslust auskosten. Dafür waren sie hergekommen. Dieser Urlaub war teuer genug und sie wollten alles mitnehmen, was es eben mitzunehmen gab. Doch Heike hatte schon jetzt, nach zwei Tagen, vom Strandleben genug. Das Watt gefiel ihr wesentlich besser. Das würde sie ein bisschen entschädigen für die Langweile und den Frust, die sie sicher auch hier in Sylt wieder erleben würde, so wie es schon so oft war, wenn sie mit den beiden gemeinsame Unternehmungen gestartet hatte. Warum nahmen die beiden sie überhaupt mit? Vielleicht tat es ihnen gut, sich gegen ihr Mauerblümchendasein leuchtend abzuheben? Vielleicht hatten sie ja auch Mitleid mit ihr und ihrem ewigen Singledasein?

Heike war vor Jahren eine kurze Liebesbeziehung mit einem Kollegen eingegangen. Sie war bitter enttäuscht und zutiefst verletzt, als er sie von einem auf den anderen Tag einfach verließ. Seit dem hatte sie sich mit niemandem mehr eingelassen und allmählich gewöhnte sie sich daran, dass sie alleine lebte und wohl auch alleine bleiben würde. Sie war eben ganz anders als die anderen und es gab vermutlich niemanden, der wirklich zu ihr passte.

Ihre Freundinnen versuchten ab und zu, sie an irgendeinen netten Mann zu verkuppeln aber Heilke machte bei solchen Versuchen immer nur lahm und unwillig mit. Es wurde nie etwas daraus.

Sollten die beiden doch ihren Spaß haben. Heike gönnte es ihnen von Herzen. Aber sie würde sich ihren Urlaub so gestalten, wie er ihr gefiel. Es gab schließlich noch andere Freuden auf dieser Welt, als die Liebe und als Männer.

Die drei gingen weiter am Watt entlang nach Westen. Heike bestaunte schweigend noch immer die Weite der Wasser durchzogenen Schlickfläche mit ihrer tröstenden Unberührtheit.

„Ganz schön einsam, so’n Watt“, bemerkte Marie nach einiger Zeit, „und immer nur Schlamm. Also, den Strand an der Westseite finde ich wesentlich schöner.“ „Bei Flut ist hier wenigstens auch überall Wasser, hab ich mir sagen lassen“, stellte Susanne fest. Heike schwieg.

Morgen Abend würde sie wieder herkommen, diesmal alleine.

 

Dünenwanderweg über dem Watt bei Morsum

Heike hatte nicht warten können. Als sie am nächsten Morgen sehr früh erwachte, war es schon taghell. Sie stand leise auf und verließ kurze Zeit später die Ferienwohnung so geräuschlos, dass sich die beiden anderen nur im Bett umdrehten und gleich wieder einschliefen. Heike war froh, alleine den Morgen genießen zu können. Dieser tägliche Trubel am Strand lag ihr wirklich nicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, würden sie jetzt irgendwo in einsamen Dünen liegen und träumen.

Die Straße zum Watt führte zwischen sorgfältig gepflegten Vorgärten hindurch, die die großen, mit Reed gedeckten Häuser den neugierigen Blicken der Vorbeigehenden entrückten. Hohe, im Wind leise rauschende Buschreihen wechselten zu beiden Seiten der  Straße mit Steinmauern ab, die aus Feldsteinen exakt und kunstvoll zusammengefügt waren. Hinter dem letzten Haus machte die Straße eine Biegung nach rechts. Hier setzte ein mit Gras bewachsener Hohlweg an, der geradeaus zum Watt führte und an dessen Böschungen rechts und links dichte hellrot blühende Heckenrosenbüsche wucherten. Das wohlhabende, gepflegte Dorf mit seinen mächtigen Reeddächern war schon nach wenigen Schritten nicht mehr zu sehen. Hier übernahm die Natur die Regie.

Heike war ein wenig aufgeregt, als sie diesen Weg einschlug. Sie kam sich vor, als ginge sie zu einem Rendezvous. „Ein Rendezvous mit einer Landschaft!“, lächelte sie vergnügt und zufrieden in sich hinein.

Noch war nichts zu sehen, noch endete ihr Blick in Richtung Watt irgendwo im Himmelsblau. Doch mit einem Mal gab der Weg einen Durchblick frei zwischen dem hohen Buschwerk. Und sie sah überwältigt auf jene Unendlichkeit, die sich nun mit jedem Schritt weiter öffnete und in alle Richtungen auseinander floss.

An der Stelle, wo der Weg zum Ufer hin leicht abfiel und nun das ganze, grenzenlose Watt zu überblicken war, blieb Heike stehen. Vor ihr lag eine vorzeitliche Welt, in der sich das Wasser gerade erst vom Land zu trennen schien. Bis zum Horizont mischten sich Erde und Nässe, wechselten sich braune und silbrige Flächen ab, vermischten sich Wasserlachen und dunkler Schlamm, durchzogen schmale und breite Wasserläufe den Schlick. Und diese uferlose, mit der Trennung der Elemente befasste Welt war ganz und gar menschenleer. Es gab kein Haus, kein Boot, keinen Hinweis auf irgendein menschliches Wesen oder eine menschliche Nutzung dieser Landschaft. Ihre Weite war unbegehbar und unbefahrbar und sie gehörte nur sich selbst, sich und vielleicht den Möwen, die in weiten Bögen über die Wasserwege und Schlickfelder segelten. Nur hin und wieder bremsten sie mit kräftigen Flügelschlägen ihren Flug ab, um irgendwo Halt zu machen und nach Nahrung Ausschau zu halten. Weiter hinten im Watt sah Heike einen großen, dunklen Vogel aus den tieferen Prielen aufsteigen, über einen silbrig blauen Wasserstreifen hinziehen und dann wieder auf der Wasserfläche landen. Jetzt flog direkt neben ihr ein kleiner Vogel aus den Rosenhecken auf zum Watt hin, stieg steil nach oben und bohrte sich wie ein geworfener Stein in den Himmel. Sie hört dem Lied zu, bis es abbrach und die Lerche im Blau ihrem Blick entschwunden war.

Es war unglaublich still. Man hörte nichts als den Wind im Schilf. Heike war an den grünen Ufersaum herangetreten. Hohe, blühende Gräser wechselten mit niedrigem Bewuchs aus Kräutern, durchsetzt mit Inseln von weißer Kamille und violetten Blütenrispen. Dahinter, zum Watt hin, standen dichte Schilffelder. Über all dies ging unausgesetzt ein leises Wogen und Schwanken, das anstieg, abebbte, sich wieder aufblähte, aber nie ganz aufhörte. In der Wiese und den Schilfkolonien stand überall Wasser und blinkte hier und da in der Sonne auf. An diesen Stellen war der Pflanzenteppich unterbrochen und gab den Blick auf den feuchten Boden frei. Zum Watt hin gingen die Wiesen allmählich in helle und dunkle, nur noch spärlich begrünte Schlammbrachen über, zogen sich noch hier und da wie Wellenbrecher in den Schlick hinein und gaben sich dann geschlagen: Ab da übernahm das Wasser die Herrschaft über die Erde, nässte sie, durchtränkte sie, durchzog sie und überflutete sie schließlich ganz.

Heike stand fasziniert da und versuchte, diesen Anblick ganz und gar in sich aufzunehmen, um ihn nie mehr vergessen zu können.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch auf dem Weg am Watt entlang Richtung Morsumer Kliff, den sie gestern mit den Freundinnen gegangen waren, konnte Heike keinen Spaziergänger ausmachen. Niemand war zu dieser Stunde hier, der schon wie sie diese wundersame Landschaft anschauen wollte.

Auf der anderen Seite des Dünenweges, ein paar Schritte weiter am Ufersaum nach Westen hin, entdeckt Heike eine Bank. Irgendjemand hatte sie aufgestellt, jemand, der mit ihr die Bewunderung für diesen Anblick zu teilen schien. Sie ging hin und setzte sich. Es kam ihr so vor, als sei sie endlich nach Hause gekommen.

Von hier aus konnte sie sich in Ruhe satt sehen: Bis hin zum Horizont reihten sich immer wieder anders gemusterte Wattstreifen aneinander und endeten schließlich an dem dunkelblauen, unscharfen Strich, der nach Norden hin das Wasser zum Himmel hin zu begrenzen schien. Und über all dem Schlick und dem Wasser floss tiefes Blau, wie ein himmlisches Weltenmeer, das im Westen von einer taghellen Sonne weißgelb überflutet wurde.


Ebbe am Watt bei Morsum

Heike blieb nicht lange. Die Freundinnen würden sicher schon mit dem Kaffee warten. Heute stand ein Ausflug zum Strand bei Kampen auf dem Programm. Sie seufzte, wenn sie dran dachte. Aber sie wollte ihre beiden Freundinnen nicht enttäuschen. Die hatten sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dort am Strand und unter den quirlenden, sich sonnenden und sich vergnügenden Menschen interessante Leute, am besten junge Männer kennen zu lernen. Heike sah da für sich ohnehin keine Chance. Wenn Susann braungebrannt in ihrem knallroten Bikini daherstolzierte und wenn Marie ihre breiten Hüften schwang und allem, was männlich aussah, zulächelte, saß sie auf ihrer Decke und las und niemand beachtete sie und niemanden würde sie kennen lernen wollen. Das war schon immer so gewesen.

 Vor dem gemeinsamen Abendessen war noch etwas Zeit. Die beiden anderen entspannten sich vor dem Fernseher und schauten sich Video-Clips an. Sie hatten die Lautstärke voll aufgedreht. Marie lag auf dem Sofa und hatte die Augen geschlossen. Ihr Tag war erfolgreich gewesen, sie hatte mehrere Männer kennen gelernt und eine vage Verabredung für den nächsten Tag getroffen. Susann dagegen war ein wenig frustriert, weil ihr heute niemand ins Netz gegangen war. Sie saugte sich voll mit der Musik um sich wieder wohl zu fühlen und Kraft zu schöpfen.

Heike zog so leise die Tür zu, dass die anderen ihre Abwesenheit erst später bemerken würden. Sie ging hinunter zum Watt. Ihr war, als müsste sie dorthin, um sich selbst wieder zu finden nach diesem Tag. Und ihr Watt enttäuschte sie nicht.

Es war bereits früher Abend aber noch immer hell wie am Tag.. Die Sonnenstrahlen glitzerten und reflektierten auf dem nassen Wattboden in vielerlei Lichtgestalten. In den zahlreichen Wasserpfützen direkt hinter dem Schilfgürtel, die wie eine bizarre, vorzeitliche Seenlandschaft über den dunklen Schlick verstreut lagen, blinkte die Sonne hundertfach. Dahinter schimmerte das Licht matt im silbrigen, hellblauen Wasser eines seichten Wasserstreifens. Hier durchzogen kleine, hellbraune Buckel das flache Wasser und brachen das Licht. Es sah aus, als ständen Wellenberge in einer unruhigen Wasserfläche und als sei diese mitten in der Bewegung erstarrt. Noch weiter hinten leuchtete und glänzte das Sonnenlicht ungebrochen auf einer makellosen, blaugrauen Wasserfläche, die sich bis zum Horizont hinzog.

Je länger Heike schaute, desto mehr Kleinigkeiten offenbarten sich ihrem Auge in dieser wundersamen Eintönigkeit. Weit hinten im Westen, dort, wo das Ufer im Dunst lag, konnte sie jetzt in der flimmernden Luft die Umrisse des Keitumer Kirchturmes erspähen, der so klein aussah wie ein Baustein aus einem Spielzeugkastens.

Durch das Watt waren in großen Schwüngen doppelte Pflockreihen in den Schlickboden gesetzt. Sie glänzten in der späten Sonne und verloren sich irgendwo weit hinten, wo das Wasser sie zu verschlucken schienen. Sehr weit draußen, mitten in einem dunklen Schlammfeld, stand ein langer, dünner Stab, den irgendwer aus irgendwelchen Gründen ins Watt gerammt hatte. Er stand leicht zur Seite geneigt. Während sie diesen Stock beobachtete, setzte sich eine Möwe auf sein oberes Ende, flog aber gleich wieder weiter.

Heike saß eine lange Zeit ganz still. Sie sah nicht einmal auf die Uhr. Als sie schließlich doch aufstand, um zurück zu gehen, wanderte ihr Blick absichtslos am grün bewachsenen Uferstreifen weiter nach Westen und sie bemerkte mit einem Mal eine zweite Bank, die ein paar dutzend Meter weiter aufgestellt war. Auch auf dieser Bank schien jemand zu sitzen. Gegen die blendende Abendsonne konnte sie nicht erkennen, wer es war.

Im ersten Moment erschrak sie, weil es ihr unangenehm war, dass dieser Mensch dort die ganze Zeit gesessen haben musste, während sie hier das Watt bestaunt hatte. Aber warum sollte es außer ihr eigentlich keine anderen Menschen geben, die diesen Anblick als wohltuend empfanden? Sie warf noch einen kurzen Blick zur anderen Bank hinüber. Sie deutete sogar ein Nicken an, um ihre Verbundenheit mit diesem fremden Menschen zu zeigen und ging dann langsam den Weg zwischen den Heckenrosen zurück ins Dorf.

 „Wo warst du denn schon wieder so lange?“, fragte Susann leicht ärgerlich, als sie wieder in der Ferienwohnung angekommen war. Heike lächelte. „Ich hatte ein Rendezvous am Wattenmeer“, sagte sie geheimnisvoll. Die beiden anderen sahen sie erstaunt und skeptisch an. Sie lachte. Es war nur ein Scherz.

Sie sprachen von ihrem Ausflug nach Kampen, den sie heute gemacht hatten.

Heike fiel plötzlich die Gestalt auf der anderen wieder Bank ein.

Am nächsten Vormittag konnte Heike nur kurz ans Watt gehen. Geplant war für diesen Tag eine Fahrt nach Helgoland. Gegen elf Uhr sollten sie sich an der Schiffsanlegestelle einfinden. Sie würden erst im Dunklen wieder zurück sein.

Als sie an der Stelle des Weges, wo sich plötzlich der Blick weitet, das Watt im Morgenlicht erblickte, war es ihr, als wäre sie schon ihr ganzes Leben lang jeden Tag hierher gekommen. Dennoch war alles heute anders. Heute kam sie bei beginnender Flut. Die Wattstreifen standen schon voll Wasser. Die Pfützen sahen nicht mehr aus wie kleine, eingegrenzte Seen, sondern uferten aus in eine riesige Überschwemmungslandschaft, flossen ineinander, flossen über, bildeten Priele und Wasserläufe, ergossen sich in andere Seen und Wasserbecken. Die Morgensonne glänzte und glitzerte auf dieser fließenden Wasserwelt und blendete so sehr, dass einem die Augen schmerzten. Der Himmel schimmerte dunstig blau. Am westlichen Himmelsrand zog eine Kette weißer Wolkenballen dahin, die sich ständig veränderten. Sie sahen lustig aus, wie ein Zug aus lauter weißen Zirkuswagen.

Alles schien heute verändert und doch war alles wie vorher.

Heikes Bank war noch nass vom Tau. Sie trocknete sie mit einem Papiertaschentuch ab und als sie sich setzte, warf sie einen schnellen Blick in die Richtung der zweiten Bank. Heute früh lag sie nicht im Gegenlicht und Heike bemerkte mit einem kleinen Schrecken, dass wieder jemand auf der anderen Bank saß: Es war Mann, ein junger Mann, nicht viel älter als sie selbst. Er blickte aufs Wattenmeer hinaus und schien sie nicht zu bemerken. „Der wird mir noch die Freude an meinem Watt kaputtmachen“, dachte sie etwas bitter und tat so, als hätte auch sie ihn nicht bemerkt. Sie schaute über das Watt und versuchte, noch einmal all die Ruhe in sich zu fühlen, all dieses stille und zufriedene Glück vom einfach-nur-hier-Sein, das sie in den vergangenen Tagen an diesem Ort empfunden hatte. Aber jetzt kam sie nicht richtig zur Ruhe. Sie fühlte sich beobachtet. Der Mensch auf der anderen Bank machte sie nervös. Schließlich stand sie wieder auf und ohne noch einmal zur anderen Bank hinzusehen, ging sie langsam zurück. Als sie schon zwischen den Rosenbüschen war, drehte sie sich noch einmal um und sah zwei große Vögel über das Watt dahin gleiten. Sie zogen Seite an Seite in weiten, eleganten Bögen immer größere Kreise über die Wasserfläche. Heike sah ihnen nach, bis sie nicht mehr zu erkennen waren.

Die zweite Bank war von hier aus nicht zu sehen.

 

Blick über das Watt bei Morsum

Den ganzen Tag über musste Heike immer wieder an ihre Begegnung am Watt denken: Bis zum Mittag überwog ihr Verdruss über die Störung und über die Enttäuschung darüber, dass sie nun ihr Geheimnis wider Willen teilen musste mit einem unbekannten Menschen.

Sehr bald aber begann sie, sich nach ihrer Bank im Watt zu sehnen. Auf dem Schiff war es voll und unruhig. Und sie hasste es, zwischen lauten Menschen hocken zu müssen und nicht fort zu können. Die endlose Wasserfläche des offenen Meeres erschien ihr unpersönlich und erbarmungslos. Nirgendwo konnte sich ihr Auge ausruhen. Das ununterbrochene Gewoge und das ständige Rauschen des Meeres verfolgten sie, auch wenn sie die Augen schloss. Das Gekreische der Möwen war ihr lästig und kam ihr beunruhigend vor.

Wie friedlich, wie rücksichtsvoll, wie unaufdringlich war dagegen ihr Watt! Keines der Lebewesen, das dort lebte, vertrieb irgendein anderes. Für alle war mehr als reichlich Platz. Alles lebte im Stillen, geschützt und versteckt von der endlosen Weite. Alle Geräusche klangen vorsichtig, wie Versuche, nur angedeutet, von einer leisen Zärtlichkeit.

Der Fremde fiel ihr jetzt wieder ein. Was er wohl dort am Watt suchte? Das Wahrscheinlichste war wohl, dass er genau wie sie diese Landschaft liebte und ebenfalls hoffte, dort Ruhe zu finden und in dieser anspruchslosen Einsamkeit sich selber zu fühlen, sich lebendig fühlen zu können. Er war genau wie sie in das Geheimnis eingeweiht. Morgen, dachte sie mit einer ansteigenden Unruhe in ihrem Herzen, morgen würde sie erneut zum Watt gehen, morgen früh. Und sie würde dort bleiben, egal ob der andere da wäre oder nicht. Vielleicht war es ja gar  nicht so schlecht, dieses Geheimnis zu teilen?

Am Abend dachte sie noch immer an ihre Begegnung. Als die Sonne schon im Westen versunken war und sie sich endlich wieder ihrem Ferien-Heimatdorf Morsum näherten, überlegte sie bereits, wie der Fremde wohl aussähe. Sie ertappte sich dabei und verscheuchte sofort irritiert diese Gedanken. Aber ohne es recht zu merken, versuchte sie sich immer wieder an seine Gestalt zu erinnern, und sie tat es noch, während sie schon kurz davor war, einzuschlafen.

 Als Heike am nächsten Morgen aufwachte, war der Himmel verhangen. Es sah nach Regen aus, aber vielleicht würde die Sonne doch noch durchkommen. An der See folgte das Wetter anderen Gesetzen. Sie zog sich schnell an, verschwand leise aus der Wohnung und lief zum Watt hinunter.

Die andere Bank war leer. Irgendwie erleichterte sie das. Sie setzte sich, um in stiller Freude das Schauspiel dieses Morgens zu genießen. Diesmal war volle Flut und das gesamte Watt lag unter einer gleichmäßigen, kaum bewegten, hellgrauen Wasserfläche, über die der Wind großzügige, verspielte Muster warf. Hier und da schäumten winzige Schaumkronen auf der grauen Weite. Nirgends schimmerte der Boden durch, an keiner Stelle sah man etwas anderes als Wasser. Und dennoch herrschte über dieser großen Fläche die gleiche Ruhe und Stille, die auch sonst über dem Watt gelegen hatte. Heike zuckte von dem unerwarteten Geräusch zusammen, als sie aus Versehen gegen einen Stein stieß, der neben ihrer Bank lag. Sie lauschte in die Stille der Wattlandschaft hinein. Wie gestern flog ein Paar Vögel mit weit ausladenden Schwingen in großem Bogen über das Watt und nahm ihre Gedanken mit.

Allmählich riss die Wolkendecke wirklich auf und ließ an mehreren Stellen blauen Himmel sehen. Und dann brach die Sonne plötzlich durch und schüttete eine handvoll dicker Lichtbündel wie Scheinwerferstrahlen über das graue Vlies, das vor ihr ausgebreitet lag. Sie war so verzückt bei diesem bizarren Anblick, dass sie den Mann erst bemerkte, als er schon auf der Höhe ihrer Bank an ihr vorbei ging. Er sah sie lächelnd an wie eine alte Bekannte, ging aber weiter bis zur nächsten Bank und setzte sich auch.

Sein Lächeln überwältigte Heike genau so wie das plötzliche Aufleuchten der Sonnenstrahlen kurz vorher. Sie hatte auf einmal das Gefühl, einem Zauber ausgesetzt zu sein. Sie saß da, als warte sie auf etwas. Aber es geschah nichts weiter.

Sie blickte weiter auf das sonnenbeschienen Watt, aber sie sah es nicht mehr wirklich. Sie hockte noch ein paar Minuten da, dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie stand auf. Sie wagte es, flüchtig zur anderen Bank hinzusehen. Aber der junge Mann saß unbewegt da und starrte aufs Watt, ohne sie zu beachten. Sie ging still fort.

 „Was ist mit dir los?“, wollten die Freundinnen wissen, als sie zurückkam. „Was machst du da immer im Watt? Triffst du dich etwa wirklich mit jemandem?“ Sie schwieg. Jetzt war das ja schließlich kein Witz mehr. Ihre Gedanken und Gefühle kreisten um diesen fremden Menschen. Sie konnte es nicht verheimlichen und nicht verhindern. Sie ging ins Bad, weil sie fühlte, dass ihr Gesicht rot angelaufen war.

Auch als sie später am Tag am Strand in Westerland lag und all die gebräunten und gut geformten Körper um sich herum bewundern durfte, ging ihr „der Mann von der anderen Bank“, wie sie ihn bei sich nannte, nicht aus dem Kopf. Warum kam er? War er vielleicht so ein Menschentyp wie sie? Liebte er die Einsamkeit, die Stille, sah auch er, was andere nicht sahen? Heike spürte, wie ihr bei diesen Überlegungen das Blut schneller durch den Körper floss.

Und es kamen noch verwegenere Gedanken in ihr hoch. War er etwa wegen ihr wieder gekommen, wollte er sie wieder sehen? War er neugierig darauf, was das für eine junge Frau sei, die dort wie er am Watt sitzen und immer wieder diesen Anblick genießen konnte?

Aber warum hatte er sich dann nicht einfach neben sie gesetzt heute früh, fragte sie sich beunruhigt. Wahrscheinlich war er einfach zu schüchtern. So wie sie eben auch. Leute, die das Watt liebten, waren wohl alle keine Draufgänger. Aber irgendwann würde er sich schon zu ihr setzen. Sie konnte es bereits fühlen, wie es sein würde, wenn sie nebeneinander dort sitzen und gemeinsam in die Weite schauen würden. Gemeinsam betrachtet würde ihr Watt nicht an Schönheit einbüßen

Heike versuchte, sich sein Gesicht vorzustellen. Braune, kurze Haare hatte er, eine große, kräftige Nase. Irgendwie lag ein freundlicher Zug um seine Augen, soweit sie das so schnell hatte sehen können. An seine Gestalt konnte sie sich noch weniger erinnern. Da sie gesessen hatte, als er an ihr vorbeiging, wusste sie nicht einmal, wie groß er war. Aber sie erinnerte sich an eine schmale Taille, an Jeans, ein schwarzes T-Shirt und an Turnschuhe.

Plötzlich hielt sie inne. Ihr war, als hätte sie sich selber ertappt. ‚Ich dachte, Heike, du wärst anders als die anderen. Und jetzt läuft dir der erste Mann über den Weg und schon bist du innerlich nur noch mit ihm beschäftigt!’ Sie schüttelte den Kopf über sich selbst.

‚Bin ich vielleicht sogar wegen ihm immer wieder hingegangen?, stellte sie sich zur Rede. ‚Wollte ich etwa nur diesen Mann wieder sehen?’ Nein, Heike war sich ganz sicher, sie hatte immer wirklich ihre Landschaft besuchen wollen, die Landschaft. Da war sie sicher. Nur: auf einmal waren sie eins, das Watt und dieser Mann auf der anderen Bank. Auf einmal gehörte er dazu. Ab jetzt, das wurde ihr plötzlich klar, würde ihr der Platz am Rande des Wattenmeeres unvollkommen erscheinen, wenn die zweite Bank leer bliebe.

 

In den Dünen ; Wattenmeer Morsum

Am nächsten Morgen wachte sie viel zu zeitig auf. Sie wartete ungeduldig, bis es richtig hell war. Es fiel ihr schwer, die Zeit totzuschlagen, bis sie endlich losgehen konnte. Sie wollte nicht zu früh am Ort erscheinen.

Als sie in den kurzen, von Heckenrosen gesäumten Weg zum Ufer einbog, kam er ihr bereits entgegen. Sie erschrak. Hatte sie sich etwa doch verspätet?

Er kam einfach auf sie zu und lachte sie im Vorbeigehen an: „Ein schönes Plätzchen ist das hier, nicht?“ Sie nickte. Die Stimme versagte ihr. Was hätte sie auch sagen sollen? ‚Wollen Sie schon gehen? Kommen Sie noch mal mit?’ Das ging wohl nicht. Also lächelte sie ihn etwas verwirrt an und lief weiter, als würde die Tatsache, dass er bereits jetzt fort ginge, nichts, aber auch gar nichts daran ändern können, dass sie ihren Morgenbesuch am gewohnten Lieblingsplatz absolvieren würde.

Das Watt schien ihr heute leerer und unbewegter als sonst. Vergeblich suchte sie es nach Vögeln ab und nach irgendwelchen anderen Lebenszeichen. Es lag einfach da, unbeeindruckt und ungerührt.

Vielleicht war auch nur sie anders als gestern.

Als Heike schließlich wieder aufstand, kam ihr die Idee, einmal zu seiner Bank hinzugehen und sich selbst dort hinzusetzen. Die Aussicht war fast genau die gleiche wie die von ihrer Bank aus. Aber sie hielt es nicht aus. Sie stand schnell wieder auf und lief wie ertappt zurück zur Ferienwohnung, wo die beiden Freundinnen schon mit dem Frühstück auf sie warteten.

 Heike blieb sehr einsilbig an diesem Tag. Unablässig musste sie darüber nachgrübeln, ob es ihm nur seine Schüchternheit nicht erlaubt hatte, einfach noch ein wenig da zu bleiben. Vielleicht hatte er ja auch zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein müssen? Gegen Abend war sie sich endlich sicher, dass er sich bald zu ihr auf ihre Bank setzen würde. Immerhin hatte er sie bereits angesprochen! Ihr Bild von ihm musste sie nach der letzten Begegnung allerdings etwas revidieren. Er war eigentlich dunkelblond, hatte graue Augen und trug eine Brille. Das war ihr vorher nicht aufgefallen. Aber er gefiel ihr gut. Er gefiel ihr sogar ausnehmend gut. Heike fing an, sich vor den Spiegel zu stellen und zu überlegen, wie sie am nächsten Morgen das Haar tragen sollte.

 Dieser Morgen kam. Diesmal saß er tatsächlich bereits auf seiner Bank. Sie nickten sich zu und Heike setzte sich verwirrt. Was sollte sie jetzt tun? Sie sah noch einmal schüchtern und innerlich voller Verlangen zur anderen Bank hin. Sie konnte doch nicht selbst hingehen und sich einfach zu ihm setzen! Wie würde das denn aussehen? ‚Aber Susann’, dachte sie, ‚Susann würde es tun. Und vielleicht auch Marie.’ Nur sie, Heike, sie konnte es nicht. Hilfe suchend blickte sie über das Watt, als könnte von dort eine Lösung ihrer Lage kommen. Heute sah es wieder ganz so aus wie am ersten Tag. Es war Ebbe. Die abgelaufenen Wattflächen lagen wie eine gescheckte, verwunschene Seenlandschaft da und die vielen Pfützen glitzerten wie in einem Märchen. Dahinter lag ruhig ein breiter blauer Wasserstreifen und reflektierte die Morgensonne in schillernden Bändern.

Plötzlich stand er neben ihr. Er war einfach aufgestanden und zu ihr herüber gekommen. „Wenn wir schon beide so gerne aufs Watt gucken, können wir es eigentlich auch zusammen tun, oder?“ Sie rückte sofort zur Seite. Er setzte sich neben sie.

Eine ganze Zeit lang schwiegen sie und betrachteten das vor ihnen liegende Watt wie all die Tage zuvor.

„Machen Sie auch hier Urlaub?“, fragte sie schließlich. An diesem Satz hatte sie im Stillen die ganze Zeit geübt. „Ja, ich bin jetzt schon die zweite Woche in Morsum. Es ist wirklich schön hier, nicht wahr? Ich meine an der Ostseite der Insel. Ich weiß nicht, warum die Leute alle an die Westküste müssen oder gar auch noch nach Westerland.“

Sie unterhielten sich ein wenig über das verschandelte und voll gestopfte Westerland und priesen abwechselnd und immer wieder den Anblick der Landschaft, die vor ihnen lag.

Das Watt blinkte in der Sonne und schwieg und nahm nicht den geringsten Anteil an ihnen.

Irgendwann stand er auf. Er müsse jetzt los, die Leute, mit denen er hier sei, würden schon auf ihn warten.

Sie ging mit. Beide verabschiedeten sich mit einem langen, vertrauten Blick vom Watt und dann, zwei Straßen weiter mit einem freundlichen Nicken auch von einander.

Alles in ihr jubelte! Es war wunderbar! Es war einfach nicht zu fassen! Da lernte sie, ausgerechnet sie, im Sylturlaub einen netten Mann kennen und dann auch noch am Morsumer Watt und nicht am mondänen Westerländer Sandstrand! Wer hätte das gedacht? Während Marie und Susann den ganzen Tag über herumrätselten, welche Chancen sie bei einem halben Dutzend braungebrannter und Muskel bepackter Männer haben könnten, die sie am Stand kennen gelernt hatten, saß Heikle dabei und dachte vergnügt an „ihren“ Mann, den Mann von der anderen Bank und an ihr gemeinsames Geheimnis von der Schönheit des Watts. Und während sich ihre Freundinnen über die Vorzüge der einen oder der anderen ihrer Eroberungen nicht satt reden konnten, sah sie sein strahlendes Lächeln und spürte, dass sich in ihr etwas zu lösen begann, was sie seit vielen Jahren unter Kontrolle gehabt hatte. Es fühlte sich an wie Glück.

 Heike nahm sich vor, heute am Abend noch einmal wiederzukommen. Schließlich hatte sie ihn ja auch schon abends hier im Watt angetroffen. Und hatte er vorhin nicht gesagt: „Hier ist es zu jeder Tageszeit schön. Ich komme auch abends oft hierher.“ War das nicht fast schon eine Verabredung?

 Gegen Abend zogen Wolken auf. Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und verbarg die Sonne, erst nur für Minuten, dann immer länger. Als Heike gegen neunzehn Uhr ihren Platz am Wattenmeer aufsuchte, türmten sich im Westen schon dicke, dunkle Wolkenbänke und versperrten ihr endgültig den Weg.

Er war nicht da, als sie kam.
Sie setzte sich auf ihre Bank und betrachtete mit leichter Nervosität ihr Watt, das heute Abend merkwürdig düster und trostlos auf sie wirkte. Die Unbewegtheit, die sie immer so beruhigend und faszinierend gefunden hatte, erschien ihr auf einmal starr und abweisend. Kein Vogel war in der ganzen Weite zu sehen. Von irgendwoher ertönte zaghaft, beinah klagend, ein einzelner Vogellaut und verstummte dann wieder.

Unruhe stieg in Heike auf. Wenn er gar nicht kommen würde? Wenn ihn das Wetter abhielte? Sie konnte es sich eigentlich nicht vorstellen. Bei jeder Tageszeit, hatte er gesagt, und bei jedem Wetter sei das Watt wunderschön. Und sie hatte ihm mit Begeisterung zugestimmt.

Jetzt und war sie sich nicht mehr so sicher, ob diese Aussage wirklich stimmte. Heike schaute über das eintönige, unfreundlich graue Watt. Die Fläche lag da wie ein kaltes, totes Feld aus dunklem Wasser. Wenn sie ehrlich war: So gefiel ihr das Watt ganz und gar nicht. Es machte ihr fast ein wenig Angst, ohne dass sie hätte sagen können, woran das lag.

Die Wolken, die die Sonne verdeckten, sahen inzwischen noch drohender aus. Vielleicht gab es sogar ein Gewitter? Möglicherweise wäre es besser, sie ginge jetzt gleich wieder nach Hause, wenn sie nicht nass werden wollte.

Mit leichter Beunruhigung blickte sie nach Osten, dorthin, wo der grüne Vegetationsstreifen, der sich zwischen Watt und Dünen hinzog, bis unmittelbar an die hohen Dünen des Morsumer Kliffs heranreichte. Von dort kam der Weg, der am Watt entlang führte und bis zur Spitze des Kliffs reichte. Ganz selten hatte Heike Spaziergänger diesen Weg entlangkommen sehen, während sie hier saß. Jetzt war ihr, als hätte ihr Auge aus dieser Richtung irgendetwas aufgefangen, eine Bewegung vielleicht. Sie strengte ihren Blick an und suchte die Strecke bis zur Dünenspitze ab. Die Sicht schien nicht so klar wie sonst. Es war wohl auch schon ein wenig düster, als würde es bald richtig dunkel werden. Da, jetzt sah sie es wieder, zwei schwarze Punkte, die sich eilig in Richtung auf sie zu bewegten. Wahrscheinlich waren es zwei Spaziergänger, die auch Angst bekommen hatten, von einem Unwetter überrascht zu werden. Nein, heute würde es wohl nichts werden mit ihrem Rendezvous.

Heike warf einen enttäuschten Blick auf das Watt vor sich. Es sah wenig einladend aus. Sie zögerte noch. Wahrscheinlich würde es wirklich besser sein, sie ginge auch schleunigst nach Hause. Der Himmel über ihr wurde immer dunkler. Der Wind nahm zu.


Spaziergänger am Morsumer Watt

Sie wollte gerade aufstehen und blickte dabei erneut in die Richtung, wo sie die eiligen Spaziergänger gesehen hatte. Sie waren inzwischen ein ganzes Stück näher gekommen. Es war ein Paar, das konnte sie jetzt erkennen: eine Frau mit langen blonden Haaren und ein Mann. Sie hielten sich an der Hand und beeilten sich, schnell voran zu kommen. Sie sprangen manchmal, wahrscheinlich über feuchte Wegstellen, dann rannten sie ein paar Schritte, kamen zusammen, entfernten wieder sich voneinander. Es sah fast so aus, als würden sie Fangen spielen.
„Eigentlich“, dachte Heike verwundert, „wirken die nicht wie Spaziergänger, die ängstlicher vor einem Gewitter fliehen“. Jetzt blieben die beiden plötzlich stehen und man konnte erkennen, dass sie einander umarmten und sich küssten. Heike sah weg. Sie war kein Voyeur. Aber sie fühlte Neid in sich aufsteigen, den sie sofort niederkämpfte. Hatte sie nicht selbst schon Schönes hier erlebt und hatte sie nicht Grund, zu hoffen, dass noch viel Wundervolleres passieren würde in ihrem Urlaub?

Jetzt waren sie schon sehr nah gekommen. Heike konnte bereits die Stimmen hören, die der Wind zu ihr hertrug. Sie hörte das Lachen der Frau. Es klang glücklich. Gleich würden die beiden um die Ecke kommen und in den Heckenrosenweg einbiegen. Sie wurden noch vom hohen Schilf verdeckt, nur ab und zu tauchten ihre Köpfe kurz über den Schilfspitzen auf und verschwanden dann erneut. Jetzt hörte sie auch die Stimme des Mannes.

Sie erstarrte. Sie musste sich geirrt haben! Sie blickte fassungslos an die Stelle, an der das Pärchen jeden Moment auftauchen würde. Dann sah sie ihn. Er war es wirklich. Auch er erblickte sie und er lachte sie an. „Hallo, Sie sind hier! Hätte ich mir ja fast denken können! Es wird gleich regnen. Wir wollen nicht nass werden. Gehen Sie lieber auch nach Hause!“, rief er ihr zu. Seine Stimme klang so fröhlich wie am Morgen. Das Paar fasste sich erneut bei den Händen und sie rannten den Anstieg hinauf zum Dorf.

Heike musste sich wieder hinsetzen.

Um sie wurde es dunkel. Sie hätte nicht sagen können, ob es hier am Watt nun noch düsterer geworden  oder ob ihr Herz in Finsternis versunken war. Sie starrte auf das schwarze Nass vor sich, auf das stille, das schweigsame Watt. Es kam ihr jetzt noch bedrohlicher vor. Plötzlich fielen ihr Geschichten ein von Wattwanderern, die ertrunken waren, weil sie sich nicht hatten vor den hereindrängenden Fluten retten können. Sie klammerte sich daran, versuchte sich ganz genau an diese Geschichten zu erinnern, um nichts fühlen zu müssen.

Dies war also ihr Watt, dachte sie auf einmal: unbefahrbar, unbegehbar und einsam. Als der Regen einsetzte, von einer Sekunde zur nächsten und mit voller Wucht, spürte sie ihn kaum.

Die da also gehörte zu ihm. Sonst niemand. Der Regen ließ allmählich nach, aber auch das spürte sie nicht. Sie starrte blicklos in die dunkelgraue, undurchsichtige Welt vor sich und wusste nicht, wie ihr nächster Schritt aussehen könnte, ob sie überhaupt noch zu irgendeinem Schritt fähig sein würde.

Eine Zeit später wurde sie von den aufgeregten Stimmen ihrer Freundinnen aufschreckt. Sie fühlte Erleichterung.Als es wie aus Kannen zu schütten angefangen hatte und Heike nicht zurückgekommen war, waren sie aufgebrochen, um sie zu suchen.
Heike stand gehorsam auf von der Bank, von ihrer Bank, und drehte der großen, dunklen Einsamkeit vor sich den Rücken zu.

Sie gingen zwischen den tropfnassen Hecken hindurch zurück ins Dorf. Vom Regen schwer beladen neigten sich die Zweige mit den hellroten Blüten bis zum Boden.

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Das Marienkind -Fortsetzung


Als der Morgen dämmert, steht er auf. Sie ist endlich eingeschlafen.

Die Wachen haben niemanden gefunden. Alle Tore waren bewacht oder verschlossen. Auf dem Hof rotten sich die Leute zusammen. Ein bedrohliches Murmeln erhebt sich aus der Menge. Er hört es durch die Fensterscheiben hindurch.

Er küsst sie auf die Stirn. Ihr Gesicht ist eingefallen. Sie stöhnt im Schlaf.

Er geht durch die Flure. Die Dienerschaft tuschelt. Er hört das Wort ‘Hexe’. Er geht weiter, geht vor das Schloss, bleibt auf der Treppe stehen. Die Leute verstummen.

“Sie ist die Königin”, sagt er mit leiser, scharfer Stimme. “Sie hat viel Leid erlebt, sie hat Feinde. Diese Feinde haben unser Kind gestohlen. Sie kann nichts dafür. Ich liebe sie. Keiner krümmt ihr ein Haar”. Er wendet sich ab und geht zurück.

Die Leute gehen schweigend auseinander. Keiner wagt es, aufzumucken.

 

Die Zeit verging. Die Soldaten des Königs fanden das Kind nicht. Es blieb verschollen.

Marie erholte sich nur sehr langsam. Viele Monate lag sie krank und geschwächt in ihrer Kammer. Keiner zeigte ihr gegenüber Ablehnung oder Misstrauen, aber sie spürte die Scheu der Menschen, die abrückten von ihr.

Nur ihr Mann kam täglich, brachte ihr Blumen und Früchte, versuchte, sie mit lustigen Geschichten zu erheitern, zeigte ihr seine Liebe auf alle erdenkliche Weise. Aber auch seine Liebe hatte sich verändert, hatte ihre heitere Arglosigkeit eingebüßt und war einer fast verbissenen Zärtlichkeit und Sorge gewichen.

Und oft, wenn er alleine war oder wenn er glaubte, Marie schliefe, murmelte er vor sich hin: “Warum?”

Aber das hatte sie ihm nicht sagen können. Sie wusste es selber nicht, wusste nur, dass der drohende Schatten ihres Hasses und ihrer Macht also doch nicht aus ihrem, Maries, Leben gewichen war und jetzt nicht nur sie selbst, sondern auch alles das bedrohte, was sie liebte.

 

Als der Sommer kam, nahm er sie mit auf eine Reise, gut eingepackt und in Begleitung eines halben Dutzend Ärzte. Er fuhr mit ihr in den Wald ihrer Kindheit und er hatte sich nicht geirrt: Hier kam sie zu Kräften, verlor ihre Todesblässe, hier glitt das erste Lächeln wieder über ihr Gesicht, hier gewann sie ein Stück ihres Lebensmutes wieder. Zwischen den hohen Stämmen im Unterholz spielten sie wie die Kinder. Und allmählich versöhnte Marie sich wieder mit der Welt und mit ihrem Schicksal.

 

* * *

 

Als es erneut Gewissheit war, befiel sie eine namenlose Furcht.

Auch der König erschrak vor Freude und vor Angst. Er verstärkte die Soldatenreihen, ordnete doppelte Wachen an, vergitterte die Fenster auf der Seite des Schlosses, auf der die Schlafgemächer lagen.

Marie ging es schlecht. So sehr sie sich vornahm, fröhlich zu sein und ihm ihren Mut zu zeigen, so wenig gelang es ihr. Sie kam fast um vor Sorgen und den ganzen Tag sann sie auf irgendwelche Auswege, sich und ihr neues Kind zu retten.

Und wenn die Sorge sie nicht im Griff hatte, fühlte sie ihren erschöpften Körper, der schwer und kurzatmig wurde. Die Übelkeit verließ sie keine Stunde, ihre Beine schmerzten, der Magen brannte. Sie ersehnte das Ende dieser Qual und fürchtete doch nichts mehr als den Tag, an dem das Kind geboren sein würde.

Und als sie nach schwerer, langwieriger Geburt alleine im Bett lang, in der hell erleuchteten Kammer, das Kind neben sich, vor Angst zitternd, trat sie doch wieder ein, als gäbe es keine Riegel und keine Wachen, stand auf einmal da und blickte mit hoheitsvoller, selbstgerechter Strenge auf Marie. Die Amme, die mit ihr im Zimmer schlief, lag in ihrem Bett wie tot und rührte sich nicht.

Und wieder schwieg Marie verbissen, als die Fürstin ihre bohrende, anklagende Frage stellte. Und wieder musste sie ohnmächtig zusehen, wie jene weiter ihr Leben zerstörte, ihr das zweite Kind nahm und mit der Überzeugung, eine gerechte Strafe ausgeteilt zu haben, mit ihm davon ging. Und wieder brach über ihr und dem König die Welt zusammen.

Diesmal war es viel schwieriger, die Leute zu beruhigen. Noch Wochen lang hörte man am Hof und im Land Gerüchte über verhextes Vieh, über Missgeburten, die die Königin herbeigezaubert hätte, über einen Fluch, der sie bestrafe und mit ihr das ganze Land. Der König ließ jeden ins Gefängnis werfen, der einen Argwohn gegen die Königin aussprach.

Es dauerte diesmal lange, bis Marie sich erholt hatte. Und als sie endlich aufstehen konnte, ängstigte sie sich, über die Flure zu gehen und den Leuten ins Gesicht zu sehen. Ihr Glück schien vergiftet. Sie hatte das zweite Kind verloren, das Kind, das sie so viele Monate unter großen Anstrengungen und Beschwerden ausgetragen hatte, das sie liebte, wie eine Frau nur ein Kind lieben kann, dass ihr alle Kräfte abverlangt hat und dann auf einmal da ist und so hilflos und vertrauensvoll in ihren Armen liegt, als gehöre es nur hier hin, an diese Brust, ein Leben lang.

Marie dachte an ihre Mutter. Die würde sie sicher verstanden haben. Sie hatte selber ein Kind verloren. Sie würde wissen, was das bedeutet, würde wissen, dass es fast ein kleiner Tod ist, ein Kind zu verlieren, das einen noch gebraucht hätte, so sehr gebraucht. Sie hatte geweint, so erzählte der Bruder, lange hatte sie geweint und war vor Trauer gestorben.

Wie hatte sie damals bei ihrem Bruder geweint, als er es erzählt hatte! Warum nur war der König böse gewesen damals? Es fiel ihr nicht mehr ein.

Marie trauerte wegen ihres verlorenen Kindes.

Aber das Schlimmste für Marie, das, was ihr am meisten Angst machte und Hoffnungslosigkeit in ihr Herz trieb, das waren seine Zweifel. Er hatte angefangen, ihr nicht mehr vollständig zu glauben, nicht mehr an sie zu glauben. Sie sah es in seinen Augen. Er kämpfte dagegen an, er wollte an seine Frau glauben, er wurde böse und wild, wenn er auf einen traf, der an ihrer Unschuld nur den geringsten Zweifel hatte. Aber es fraß beständig in ihm weiter und sie fühlte es und sah es.

 

Als sie erneut ein Kind erwartete, überlegte sie wochenlang, ob sie nicht besser wieder in die Wälder fliehen sollte, bevor es zu spät wäre, dorthin, wohin ihr die Feindin nicht gefolgt war. Wenn die Eltern noch leben würden! Dorthin würde sie fliehen, dort wäre sie in Sicherheit! Und flüchtig erschien vor ihrem inneren Auge wieder das Bild, das Bild einer weinenden Frau, die ihrem Kind nachsah, dass von einer anderen Frau mit einer Kutsche weggebracht wurde. ‚Auch meine Mutter hatte ein Kind verloren. Sie könnte mir sicher nachfühlen, was mir angetan wurde’, dachte Marie immer wieder. Aber irgendetwas an diesem Gedanken verwirrte sie. Natürlich, die Eltern waren tot. Aber das war es nicht. Aber hatte ihre Mutter denn ihr Kind so verloren wie Marie? War es ihr tatsächlich auch entrissen worden? Hatte sie es nicht selber fortgeschickt? Marie streifte ein kalter Hauch. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie wischte den Gedanken fort. Er tat weh.

‚Die Fürstin hat mein Leben zerstört von Anfang an und sie hört nicht auf damit, bis ich zu Kreuze krieche oder vollständig vernichtet sein werde’, dachte sie verstört. Was sollte, was konnte sie tun? Auf jeden Fall könnte sie in den Wald ihrer Kindheit fliehen. Dort fühlte sie sich immer sicher, dort war sie beim letzten Mal gesund geworden, dorthin würde die Fürstin ihr nicht folgen.

Aber der König erriet ihre Gedanken und flehte sie an, zu bleiben. Und für einige Zeit blühte ihre Liebe wieder auf und in ihrem Herzen machte sich vorsichtig Hoffnung breit.

 

Und mit der Hoffnung kam eine neue Kraft, ein fester, wütender Wille, dem Fluch zu begegnen und sich endlich zu befreien. Irgendwie müsste es ihr gelingen, endlich diesen Fluch zu lösen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu bekommen. Und wenn sie selber es nicht wert sein sollte, so war sie es ihm schuldig, seiner Liebe, ihrer Liebe.

Als die Geburt näher rückte, lag sie oft nachts wach und grübelte. Ihr war es so, als müsse sie nur eine Antwort finden auf seine Frage, die er so oft gestellt hatte, seit die Fürstin zum ersten Mal in ihr Leben, ihre Liebe eingegriffen hatte: “Warum?”, und sie würde sich von dem Fluch befreien können.

Sie lag da und dachte nach, ließ die gehasste Erinnerung in sich aufsteigen an jenen Tag, als die Fürstin ihr zum ersten Mal die entscheidende Frage gestellt hatte. Sie sah sie vor sich stehen: groß und mächtig und schön und untadelig, so wie sie immer gewesen war, sah ihre nie lächelnden Augen, sah die blanke Härte darin, die sie anrührte wie kalte Klingen.

“Warst du im dreizehnten Zimmer, Maria?”

Welche Frage?

Natürlich war Marie dort gewesen. Oft. Hatte die es wirklich jetzt erst bemerkt? Seit eh hatte die Fürstin ihr strengstens verboten, diesen Raum zu betreten. Alle anderen Zimmer des Schlosses standen ihr zur Verfügung. Aber in dieses wollte sie. Marie überschritt die Schranke des Verbotes ohne zu zögern. In diesem Zimmer, in das sie irgendwann einfach nur die Neugierde getrieben hatte, fand sie, was sie seit Jahren suchte: ein Schriftstück, in dem ihr Name genannt.

Ganz allmählich hatte Marie begriffen, was sie hier in Händen hielt: den Beweis nämlich, dass es sie gab, sie, nicht Maria, die Tochter dieser Frau sondern Marie, das Mädchen aus dem Wald, Marie, die Tochter des Korbflechters! Marie hatte zitternd das Papier in die Vitrine zurückgelegt, zitternd vor Aufregung und vor Angst, entdeckt zu werden aber in der Gewissheit, sich jetzt, nachdem sie das gefunden hatte, eines Tages doch befreien zu können.

Plötzlich aber war ihr klar geworden, was dieses Schriftstück außerdem bedeutete: es war ein Kaufvertrag. Ihre Eltern hatten ihr Zeichen darunter gesetzt.

Marie war vor diesem Fund damals lange betroffen stehen geblieben. Alle Empörung und alle Traurigkeit waren wieder aufgestanden. Und neben ihrem Hass auf die Fürstin, die sie gestohlen, entführt und belogen hatte und betrogen um ihre Kindheit, ihr Glück, ihr zu Hause, neben diesem Hass regte sich noch ein anderes, ein verwirrendes Gefühl. Für kurze Zeit begriff sie voller Entsetzen, dass, wenn sie gekauft worden war, ihre eigenen Eltern sie verkauft hatten, weggegeben für Geld. Sie hatten sie weggegeben, obwohl sie gefleht und gebettelt hatte, bei ihnen bleiben zu dürfen. Sie wusste es noch genau. Wie hatte sie sie angefleht! Es hatte ihr nichts geholfen. Sie hatten sie fortgeschickt, verkauft wie eine Sklavin.

Eine eisige Kälte hatte Marie ans Herz gegriffen. Nebel zogen auf. Sie schloss entsetzt die Augen. Schließlich waren ihre Eltern damals in Not und diese da hatte diese Not brutal und raffiniert ausgenutzt. Ganz langsam löste sich ihre Erstarrung, die wieder aufflammende Wut auf die Fürstin tat gut.

Oft war sie danach heimlich hier eingedrungen und hatte feierlich und froh gestimmt vor dem Beweis ihrer wirklichen Existenz gestanden. Wenn sie den Vertrag in Händen hielt, schien es, als genüge es ihr, den Beweis zu kennen und alles sei damit wieder gut. Sie behielt ihr Geheimnis sehr lange für sich und glaubte sich unentdeckt. Als aber die Fürstin sie dann schließlich doch stellte, drohend und kühl, da war es Marie nur möglich gewesen, trotzig zu schweigen. Und schließlich zu fliehen.

Warum? Warum schwieg sie? Gab es nichts zu sagen? Hatte sie nicht ein Recht darauf, den Beweis laut herauszuschreien. Warum schwieg sie vor dieser Frau? Und konnte noch immer nur schweigen? Sie hätte doch einfach wenigstens lügen können?! Wie oft hatte sie ohne schlechtes Gewissen mit heimlichem Ingrimm diese Frau belogen! Aber jetzt zu lügen, das wäre ihr vorgekommen wie ein Verrat an sich selbst.

Und es einfach zugeben? Das wäre noch schlimmer, das hieße, sich auszuliefern, eine Schuld einzugestehen, die keine Schuld war. Das hieße hinzunehmen, dass diese hier ihr Leben, sie, alles vernichtete. Die Fürstin hätte zweifellos das Schriftstück zerrissen und die Fetzen hohnlachend in die Winde gestreut. Und dann wäre es aus gewesen für Marie.

Was aber sonst hätte sie tun können? Und was könnte sie jetzt tun, heute, in wenigen Stunden, wenn die Fürstin erneut käme mit ihrer Frage, wenn diese Frau erneut käme, um Maries Kind fortzunehmen, weil sie, Marie bestraft werden müsse für ihren Trotz und für ihr verstocktes Schweigen?!

Könnte es einen anderen Weg geben? Könnte sie etwa den Kampf aufnehmen, mutig den Kopf heben und vortreten und sagen: “O ja ich habe dieses Zimmer betreten, oft und immer wieder. Und ich kenne dein Geheimnis und ich habe den Beweis gefunden für deine Gemeinheit. Jetzt ist es aus mit deiner Macht! Ich werde gehen, wohin es mir beliebt, in meine Welt, aus der du mich als hilfloses Kind geraubt hast. Und ich verlange von dir alles, was du mir gestohlen hast, zurück: das Glück, die Eltern, den Wald, meinen Namen.”

Aber ehe Marie dies zu Ende denken konnte, waren schon schwarze Wolken über ihr Herz gezogen und sie verharrte in Angst und Verzweifelung. Und das trotzige Schweigen erschien ihr erneut als einzig mögliche Antwort auf die furchtbare Frage der Feindin.

 

In der Nacht, bevor das Kind kommen sollte, träumte Marie:

Wieder kam die Fürstin, wieder fragte sie, wieder schwieg Marie und konnte sich nicht rühren.

Am Tage darauf wurde im Schlosshof ein Scheiterhaufen errichtet. Der Mob tobte und johlte. Der König stand am Fenster und weinte. Er rettete sie nicht mehr.

Die Flammen züngelten. Sie musste an Arco denken, dachte, dass es besser gewesen wäre, er hätte ihr damals wie einem Reh das Genick durchgebissen.

Da erklang auf einmal Pferdegetrappel auf dem Pflaster des Schlosshofes. Eine Kutsche war durchs Tor gefahren. Sie kannte das Wappen. Die Feindin stieg aus. An der Hand hielt sie zwei Kinder, ein drittes trug sie auf dem Arm. Irgendjemand schrie laut auf.

“Gibst du es jetzt endlich zu, Maria, dass du in das verbotene Zimmer gegangen bist?!”

Die Flammen erhitzten die Luft. Gleich würden sie anfangen, ihre Beine anzusengen. Marie starrte verzweifelt und gebannt in die fremden Gesichter ihrer Kinder.

Die Menge war verstummt. Man hörte nur noch das Knistern der Flammen.

“Ja” hörte sie sich gellend schreien. “Ja, ja ich war es, ich bekenne mich schuldig!”

Die Angst war stärker gewesen als ihr Stolz und ihre Würde. Sie brach zusammen im Angesichte ihrer Vernichtung wie ein gequältes Tier in Todesangst. Sie gab sich auf. Sie würde leben aber fortan würde sie ihr Leben verachten müssen.

Die Frau kam auf Marie zu. Die Flammen fielen in sich zusammen und erloschen.

Die Feindin legte ihr das Baby in die Arme und wies mit der Hand auf sie. Die beiden Kinder kamen zögernd auf Marie zu und fassten sie am Rock an.

“Siehst du, du hättest es gleich zugeben sollen. Ich wusste es doch”, sagte die Frau leise und ohne Eifer. Und sie drehte sich um und ging zur Kutsche zurück.

Die Kutsche verließ den Schlosshof.

Jubel brach aus. Jubel, der ihr im Ohr gellte wie Hohngelächter.

 

Marie erwachte schweißgebadet.

‘Nein’, dachte sie. ‘So nicht! So nicht!’

Aber anders. Es musste heraus. Jetzt endlich würde sie sich befreien. Sie war am Ende. Wenn sie es nicht schaffte, würde sie vernichtet sein für den Rest ihres bedauernswerten Lebens. Nein, sie war nicht ausgeliefert. Sie konnte dem Fluch entgehen. Sie war frei. Wenn sie nur endlich ihr Schweigen brechen und die Wahrheit herausschreien würde, ihre Wahrheit, die wirkliche Wahrheit. Und sie kannte die Wahrheit doch längst, schon immer. Noch konnte sie sie nicht aussprechen. Aber sie konnte sie schon mit den Händen greifen.

 

In der Nacht nach der Geburt hielt sie ihr Kind im Arm. Sie wartete. Wartete ruhig.

Es kam niemand. Es blieb still.

Aber sie wusste genau, dass sie schon längst da war und auf ihre Gelegenheit lauerte.

Marie richtete sich auf und lauschte angestrengt. Sie hielt ihr Kind fest im Arm. Als die Schlossuhr dreimal schlug, ehe diese Nacht sich dem Ende zuneigte, sprach Marie auf einmal laut und wunderte sich nicht einmal darüber:

“Ja, ich war in dem verbotenen Raum. Oft war ich dort. Und ich schäme mich nicht. Es war mein Raum, hörst du? Du hast ihn mir all die Jahre vorenthalten. Aber ich habe ihn gefunden“.

Marie hielt inne. Ihre Stimme hatte leicht gezittert, aber sie fühlte in sich eine große Kraft wachsen, während sie sprach. Sie lauschte. Es gab keinen Zweifel, dass die Feindin da war. Sie meinte ihren Atem zu spüren, fühlte die Kälte ihres Körpers, sie glaubte die Arme zu erkennen, die sich durch die Dunkelheit nach ihrem Kind ausstreckten.

Marie presste das Kind an ihren Leib und richtete sich kampfbereit noch weiter auf. Ihre rechte Hand griff nach dem silbernen Kerzenleuchter, der neben ihrem Bett gestanden hatte. Es blieb weiter still. Aber in dieser Stille meinte sie ein verstecktes Keuchen zu vernehmen. War sie es selbst oder war es die andere?

“Rühr mein Kind nicht an!” schrie sie plötzlich. “Rühr mich nicht an! Denkst du etwa, jetzt hast du gesiegt? Denkst du, jetzt käme ich reumütig zu dir gekrochen? Da irrst du dich. Es ist ganz anders. Hör gut zu, vergiss es nie: Ich klage dich an, hörst du, ich hätte es schon lange tun sollen, schon damals, als ich das erste Mal in jenem Raum war und alles fand, was du vor mir geheim halten wolltest: Ich klage dich an des Kindesraubes, der Lügen, der Quälerei, der Heuchelei. Du bist eine herzlose, armselige Gestalt, ja du, die hohe, stolze über Alles erhabene, mildtätige Fürstin! Du glaubtest, mich kaufen zu können, glaubtest meine Dankbarkeit und Liebe erzwingen zu können. Aber du hast mich nur zur Sklavin gemacht. Ich habe gelitten und mich gebeugt. Aber ich habe dich nicht geliebt. Und dann bin ich geflohen und du hast mich verfolgt und bestraft, wie man es mit einer Sklavin kann. Aber ich, hörst du, ich bin nicht deine Tochter und nicht deine Sklavin, ich bin Marie, die Tochter des Korbmachers und die Herrin in meinem eigenen Reich“.

Marie holte Luft. Es blieb still. Aber es drängte sie, weiter zu sprechen:

„Behalte deinen Kaufvertrag, zerreiße ihn, verstecke ihn: ich brauche ihn nicht mehr. Ich weiß es auch so: ich bin frei, freier als du es dir auch nur vorstellen kannst! Du siehst, deine Macht ist also doch nicht unbegrenzt: Du konntest nicht verhindern, dass ich das verbotene Zimmer betrat und du konntest meine Flucht nicht verhindern. Und jetzt kannst du es nicht mehr verhindern, dass ich dir endlich ins Gesicht lache. Ja, o ja, ich habe es getan. Und es war mein Recht“.

Marie schwieg. Sie spürte eine Veränderung im Raum, die Kälte schien zu weichen. Aber die Trauer blieb, schwarz und erstickend. Sie war noch nicht fertig. Da war noch etwas. Da war noch eine, mit der sie abrechnen musste.

Marie stellte den Kerzenleuchter zurück und sagte jetzt mit ruhiger, bestimmter Stimme in die Dunkelheit hinein:

“Ich weiß, dass auch du hier bist. Nein ich habe auch dir nicht verziehen Mutter, auch dir nicht. Ich war deine Tochter. Ich habe dich geliebt. Aber du hast mich verkauft. Die andere hat nur genommen, was du ihr für Geld überlassen hast. Sie hat auf ihrem Recht bestanden, mich zu besitzen. Schließlich hatte sie mich gekauft. Aber du, Mutter, du hast dein eigenes Kind verkauft. Ich wollte es nie glauben. Jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich, dass ich die ganze Zeit auch dich gehasst habe. Und verzweifelt geliebt. Ich konnte es einfach nicht zugeben, dass meine eigene Mutter, die ich so liebte, und an deren Liebe ich glauben wollte und an die ich mich mit aller Macht geklammert habe, dass diese Mutter mich verkauft hat, weggegeben gegen Geld, verschachert. Und jetzt kann ich sprechen und ich sage dir. Ich verzeihe dir nicht.

Aber ab heute brauche ich meinen Hass nicht mehr. Ich brauche ich euch nicht mehr, beide nicht. Geht!”

 

Es war totenstill. Irgendwo klirrte Glas.

Marie fasste ihr Kind mit beiden Armen und stand auf. Sie öffnete das Fenster und starrte hinaus. Der Schlosshof lag im Dunkel der mondlosen Nacht. Am Horizont schimmerte schon ein heller Streifen.

Marie atmete die frische Luft gierig ein und beugte sich ein wenig hinaus. Ihre Stimme schnitt durch die Schwärze der sinkenden Nacht: “Verschwindet endlich aus meinem Leben!”

Die Amme war erwacht und ins Zimmer gestürzt. Jetzt starrte sie Marie sprachlos an: Die Königin sprach und sie sprach mit jemand, der nicht zu sehen war.

“Das Kind, Königin?”, fragte sie ängstlich.

“Das Kind ist hier und bleibt hier”, sagte Marie. “Geh und sag es allen. Der Fluch ist gelöst. Ich habe ihn zerrissen. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben.”

 

Eine Woche später brachten Soldaten die Leiche einer Frau ins Schloss. Sie hatten sie im Wald gefunden, erschlagen.

Neben ihr hatten weinend zwei kleine Kinder gehockt.

“Sie könnten es sein”, sagte Marie. “Ich nehme sie zu mir. Wenn sie eines Tages gehen wollen, dürfen sie gehen.”

 

 

 

 

Ende

 

 

Friedhofsgespräche

Erzählung in drei Monologen

 

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Eine Frau besucht das Grab ihrer Mutter und beginnt dabei einen Dialog, der schon lange für sie überfällig war…

Neben der großen Birke ist dein Grab. Du bist gestorben, als mein jüngstes Kind unterwegs war. Weil es einer Schwangeren nicht gut tut, den Tod zu sehen, haben damals alle verstanden, dass ich dich nicht mehr besuchen konnte.

Meine Tochter ist heute 16 Jahre alt.

An deinem Todestag fahre ich noch immer auf den Friedhof. Er liegt in einer kleinen Stadt, irgendwo im Hessischen, dort wo meine Schwester ihr Haus hat. Du hast dort nie gelebt. Aber du wolltest nicht an dem Ort begraben werden, wo du so lange gelitten hattest.

Und bei der Birke ist es auch sehr hübsch. Man schaut in ein sanft geschwungenes kleines Wiesental. Hinter dem Städtchen stehen auf Hügeln zwei Burgen. Die Häuser in der Nähe des Friedhofs sind gepflegt und freundlich. Wenn die Lampe an deinem Grab brennt, kann man das Licht im Winter, wenn alle Bäume kahl sind, vom Küchenfenster meiner Schwester aus sehen.

Manchmal sind auch meine Kinder mitgekommen, wenn ich zu deinem Todestag her gefahren bin. Jetzt sind sie schon groß und zwei leben in anderen Städten. So kommt es, dass ich jetzt meist alleine fahre.

Und alleine stehe ich an der Birke und versuche mit dir zu sprechen, Jahr für Jahr…..

 

Die drei folgenden Teile werden in den nächsten Tagen eingestellt.

Teil I: Mutterlos
Eine Abrechnung mit der toten Mutter, 50 Jahre zu spät aber immer noch nötig…

a_tat1.jpgTeil II: Denkmal für meine Mutter
Der Versuch, der Mutter gerecht zu werden, sie zu sehen, wie sie wirklich war…
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Teil III: Rabenmütter unter sich

Gespräch von Mutter zu Mutter: über das Schicksal, Mutter zu sein und die Trauer darüber, dass es nie gelingt, wirklich eine gute Mutter zu sein…

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Rabenmütter unter sich

Teil III der Friedhofsgespräche

Das dritte Gespräch

 

Ja, siehst du, ich komme immer noch, komme auch jetzt noch, wo ich mich halbwegs ausgesöhnt habe mit dir.

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Wenn ich ehrlich bin, komme ich heute, weil ich ein bisschen mit dir plaudern möchte, von Mutter zu Mutter. Da sind die drei Kinder, die ich bekommen habe und die nun fast alle groß sind. Sie fangen an, mit mir abzurechnen, so wie ich in den letzten Jahren endlich mit dir abgerechnet habe.

Nun stehe ich da wie du und bekomme die Quittung. Das tut weh, nicht wahr? Wir sind alle Kinder von Müttern, die ihre Kinder nicht genug geliebt haben. Unsere Kinder sind es auch. Ich hoffe, es geht nicht immer so weiter, weißt du. Man müsste es stoppen können.

Was uns beide betrifft, wir haben unser Pulver schon verschossen, du und ich. Wir können nichts mehr tun. Wir haben schon alles falsch gemacht und können es nun nicht mehr ändern.

Darüber möchte ich mit dir reden, mit einer Leidensgenossin, mit einer Mittäterin wenn du willst, mit einer Schicksalsgenossin auf jeden Fall: Sozusagen von Rabenmutter zu Rabenmutter. Du verzeihst mir, dass ich dich so nenne. Natürlich warst du keine. Und ich war auch keine. Aber unsere Kinder haben uns so erlebt. Deine dich und meine mich .

„Ich hasse dich so, Mama!“, sagte meine Älteste neulich zu mir. Und sie hat sich sicher gewundert, dass ich nicht entsetzt war und in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe nur den Kopf eingezogen und habe an dich gedacht. An uns.

Und obwohl ich wusste, dass es nun auch meiner eigenen Tochter so geht wie mir ein Leben lang, dass sie sich nichts so sehr wünscht wie eine Mutter, die sie tröstet, ermuntert und die ihr Anerkennung, rückhaltlose Anerkennung und uneingeschränkte Liebe anbietet, konnte ich doch nur sagen: „Ich kann dir nicht mehr geben, als ich dir schon gebe.“ Und sie hat mich dafür sicher noch mehr gehasst.

Darf ich dir ein wenig von meinem Rabenmutterschicksal erzählen? Früher hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es vor dir, ausgerechnet vor dir zuzugeben. Nun kann ich es. Nun möchte ich es. Wir sind sozusagen unter uns.

Ich hatte mir so fest vorgenommen, es besser zumachen, es anders zu machen als du. Lange habe ich mir auch eingebildet, es besser gemacht zu haben. Doch ich fürchte schon seit einiger Zeit, dass es nicht so war.

Ich stieg jeden Abend müde und erschöpft die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich hätte jetzt ein wenig Ruhe nötig gehabt, jemanden, der mir einen Tee bringt, jemanden, der mich fragt, wie es war. Gut war es, aber nun war es auch genug. Nun hätte ich mich so gerne erholt.

Ich blieb vor der Wohnungstür stehen, lauschte mit zwiespältigen Gefühlen auf die Geräusche, die aus der Wohnung bis in den Hausflur drangen. Die Stimmen meiner Kinder. Jemand schrie. Ein anderer rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Etwas fiel zu Boden und schepperte verdächtig. Es blieb einen Moment still. Dann kreischten sie alle durcheinander. Eine Tür schlug zu. Jemand weinte heftig.

Wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecken würde, kämen sie alle sofort angerannt. Eine Möglichkeit, ungesehen in einen versteckten Winkel der Wohnung zu entkommen, wo ich für ein paar Minuten im Dämmerlicht meine Beine hätte von mir strecken und die Augen schließen können, die gab es nicht.

Ich öffnete also irgendwann doch die Tür und ließ meine Identität, zumindest meine Identität als Erwachsener, arbeitender Mensch von außen an der Türklinke hängen. Das, was ich den ganzen Tag über gemacht, gedacht, geschafft, erreicht hatte, das zählte nicht mehr. Jetzt gehörte ich ihnen mit Haut und Haar.

 

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Denkmal für meine Mutter

Teil II der Friedhofsgespräche

Das zweite Gespräch:

 

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Wenn ich hier in der Nähe deines Grabes auf einer Bank sitzen könnte, vielleicht unter der großen Birke dort, dann wäre es viel einfacher. Auf Bänken darf man beliebig lange sitzen. Aber über Gebühr lange herumstehen, das erregt sofort Aufmerksamkeit. Und wahrsccheinlich sehe ich auch heute  nicht wie eine Trauernde aus. Es würde mich nicht wundern. I

Überall auf diesem hübschen, kleinen Friedhof huschen Frauen herum mit großen Gießkannen und gebückten Rücken. Sie schauen natürlich dezent weg, wenn sie mich hier stehen sehen. Aber sie zerbrechen sich sicher alle den Kopf, wer ich wohl bin und zu wem ich gehören könnte. Und warum ich so selten hier bin.

 

Ich hätte dir übrigens Blumen mitbringen sollen. Dein Grab sieht trist aus, ordentlich aber irgendwie blind. Das möchte ich nicht. Ich finde, trotz allem hast du Blumen verdient. Keine Friedhofsblumen, lieber irgendwelche bunten, verrückten Blumen, solche, die kein Mensch normalerweise auf ein Grab stellt. Du warst so gerne anders als andere, hast so gerne getan, was man nicht tat – zumindest im Kleinen. Wir fanden deine kleinen Extravaganzen lächerlich. Du hast es sicher immer gespürt. Wir fanden, sie passten nicht zu dir. Du warst eigentlich doch immer nur eine traurige, gescheiterte und unglückliche Frau. Und deine Versuche, anders zu sein, wirkten unglückselig und peinlich.

Heute jedenfalls kann ich dir diese Freude gönnen, in kleinen Dingen die zu sein, die du gerne gewesen wärst. Weißt du noch den bunten Strohblumenstrauß an Allerheiligen vor drei Jahren, als alle Gräber weit und breit Einheitskreuze in Tannengrün mit Moos trugen? Ich weiß, du hättest über deinen bunten, lustigen Strauß gelacht und dich gefreut. Er hätte dir gefallen. Und er gefiel mir auch. Ich fühlte mich an diesem kalten Novembertag plötzlich so, als steckte ich mit dir unter einer Decke, wie es zwei Freundinnen tun, die einen Streich ausgeheckt haben.

Als du noch gelebt hast, konnte ich mich nie fühlen mit dir. Vielleicht habe ich es mir manchmal gewünscht. Aber du hast es nicht gewollt. Ich war natürlich nicht deine Freundin. Ich war deine Tochter.

Aber wie ist das, wenn man die Tochter von jemand ist, der unglücklich ist. Da wird es ganz schön eng.

 

Schon wieder geht jemand vorbei. Eine Frau entfernt das Laub ein paar Grabreihen weiter. So lange und untätig steht hier niemand sonst herum. Ausnahmen werden nur bei frischem Schmerz gemacht und bei verzweifelten Tränen. Das trifft nicht zu. Damit wäre meine Zeit hier also schon um? Aber ich wollte dich doch sprechen!

Eigentlich ist es absurd zu meinen, mit einem toten Menschen reden zu können, wenn man an seinem Grab steht. Und ich brauche dieses Fleckchen Erde, in der sich deine Asche längst aufgelöst haben wird, wirklich nicht, um dich mir vergegenwärtigen zu können. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir genauso gegenwärtig wie vor 15, vor 30, vor 50 Jahren. Da uns niemand zuhört: Ich war ein Kind, das keine Mutter hatte. Ich habe es dir schon im letzten Jahr gesagt. Und ich muss dir auch dieses sagen: Ich hatte gehofft, dich loszuwerden, wenn du stirbst. Aber es ist mir nicht gelungen. Du bist mir mehr als gegenwärtig. Gerade weil du nicht die Mutter für mich warst, die ich gebraucht hätte, kann ich dich nicht vergessen. Ich fühle deine Gegenwart ständig in mir.

Aber allmählich begreife ich, dass ich ohne deine Liebe leben muss und es auch kann.

Es wird daher Zeit, dass ich mich von dir verabschiede. Vielleicht liege ich selbst bald irgendwo unter ein bisschen Erde und warte darauf, wieder in den Kreislauf der Natur einzutreten. Da sollte man schon mal in der Lage sein, der eigenen Mutter ins tote Angesicht zu sehen, finde ich. Was meinst du?

Ich würde es gerne versuchen. Heute. Ich glaube, heute könnte ich es versuchen. Friedhofsblumen habe ich dieses Mal nicht für dich, auch keinen lustigen Strauss. Aber ich möchte versuchen, dir endlich ein angemessenes Denkmal zu setzen. Nicht hier unter den Menschen, nein in mir, ein Mal, an dich zu denken, sowie du warst, so wie ich dich gesehen habe und sehen konnte. Ich will versuchen, mich deiner Wahrheit anzunähern, soweit ich es kann und so weit ich sie begreife.

Wenn ich dir also ein Mal setzte, so wird es doch letztlich meine Wahrheit sein, meine Wahrheit über dich. Den Rest des Eintrags lesen »

Mutterlos


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Teil I der Friedhofsgespräche

 

Das erste Gespräch

 

 

Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen, endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Aber irgendwann hat dein Körper dann doch aufgegeben.

Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammen reißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war, gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.

Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?

Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber es ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter halt am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräber eifrig herumhuschen, mit Blumen und Gieskannen und mit stillen, eifrigen Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?

Ich bin wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Ich bin nicht traurig.

Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?

Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war. Ich konnte es dir nie sagen. Ich möchte es noch immer am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass, weil du Zeit deines Lebens immer nur mit dir selber beschäftigt warst, nie wirklich mit mir.

Du hast mich geboren, aber du hast mich nicht mir selber vorgestellt. Immer warst zuerst du wichtig. Immer kam zuerst Margot. Ich kam eigentlich nie. Noch als ich selbst Kinder hatte, wenn du etwas mit ihnen unternommen hast, wenn du mit ihnen gespielt oder gesprochen hast, hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um sie, immer um dich. Ich kannte das so gut. Jetzt endlich will ich es loswerden:

 

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Leben und Schreiben

Autobiographie

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Ich habe dir und allen anderen Menschen in meinem Leben nie gesagt, wie schlimm und auch nie, wie wichtig das Ganze für mich war.

Du fragst, wie es kommt, dass ich heute, mit 55 Jahren, das zu schaffen glaube, wovon Du mich ein Leben lang hast träumen hören? Ich verstehe, dass du staunst. Ein wenig staune ich selbst. Ich will es Dir erzählen.

Denn heute, wo ich mich fühle wie eine, die nach langer Krankheit wagen kann, aufzustehen, heute weiß ich, dass ich über den Berg bin. Ich bin noch immer blass und der Spiegel zeigt mir noch kein Bild von blühendem Leben. Dennoch: Ich werde dieses Haus verlassen können und meinen Weg gehen und ich werde ans Ziel gelangen.

Deshalb wage ich es an diesem Tag, zurückzublicken. Ich sehe auf all die Jahre meiner Sehnsucht, meiner immer erneut mich niederstreckenden Entmutigung zurück wie eine Genesende auf die lange Phase der Schwäche und der Gebrechlichkeit blickt - frohen Herzens und voller Rührung.

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Die Bettnachbarin

 Erzählung

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the last rose

Geschichte einer Liebe im Krankenhaus auf der Ontologischen Station.

Irene beobachtet ihre ältere Mitpatientin, die wegen Brustkrebs nun schon zum dritten Mal eingeliefert wurde. Während sie noch über die Gemeinheit und Sinnlosigkeit des Lebens philosophiert, das ein so trauriges und hartes Schicksal zulässt, erlebt sie, wie für ihre Bettnachbarin - sozusagen im Angesichte ihres Todes - eine Liebesgeschichte beginnt. Hin und her gerissen zwischen Neid, Angewidertheit und Ärger ergreift sie schließlich für die Liebenden Partei und damit auch für sich selber..

22. September


Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.
Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.
Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.
Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.
Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.
Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.

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Träume und Albträume

  lb-vision.jpg  Linde Bischof, Vision

Vor einiger Zeit sah sich ein Freund von mir bei einer Haushaltsauflösung um. Er ist ein Sammler besonderer Bücher und hoffte, im Nachlass des verstorbenen alten Herrn etwas Interessantes zu finden. Als er im Bücherschrank einen dicken, handgebundenen Band entdeckte, sah er ihn sich genauer an. Der Lederrücken hielt die aus rohem Lindenholz gefertigten Buchdeckel zusammen, in die liebevoll Pflanzenornamente geschnitzt waren. Zwei schmale Lederbänder waren zur Schleife gebunden. Als er sie öffnete, sah er, dass es sich um viele Dutzend handgeschriebener Briefe handelte. Alle waren aus den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges datiert und es wechselten je ein Brief in einer exakten, klaren Handschrift mit Seiten, die mit einer fast fröhlich anmutenden Schrift aus runden, vollen, ein wenig verspielten Buchstabenketten bedeckt waren.

Mein Freund hatte sich mit dem Band auf einen der verbliebenen Wohnzimmerstühle gesetzt und wollte sich gerade in seinen Fund vertiefen, als ihm die Tochter des Verstorbenen, selbst schon eine ältere Dame, auf die Schulter tippte.

Es tut mir Leid, die Briefe sind nicht verkäuflich. Ich hätte sie vorher an mich nehmen sollen. Entschuldigen Sie bitte. Es sind die Liebesbriefe, die sich meine Eltern vor ihrer Hochzeit geschrieben haben“, sagte sie etwas verschämt.

Mein Freund entschuldigte sich und mit einem Blick auf den dicken Band fügte er freundlich-höflich hinzu: „So viele Briefe. Das muss ja eine große Liebe gewesen sein!“

Die Dame zögerte einen Moment und meinte dann mit einem süß-saueren Lächeln: „Das kann man eigentlich nicht direkt sagen. Meine Mutter war während ihrer langen Ehe immer eine traurige und unglückliche Frau.“

Mein Freund sah sie erstaunt an. „Was ist passiert?“, fragte er und merkte im gleichen Moment, dass er zu weit gegangen war. Das ginge ihn nun wirklich nichts an, entschuldigte er sich sofort.

Die Frau blickte ein paar Sekunden nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie ihn an. „Wissen Sie, ich habe mir gerade eine Kanne Kaffee gekocht. So eine Haushaltsauflösung ist anstrengend, auch für die Seele. Jetzt sind alle fortgegangen, Sie sind der Letzte. Wenn Sie Lust haben, trinken wir einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen die Geschichte? Irgendwann muss sie ja mal erzählt werden.“

Und so kam es, dass mein Freund nicht den Briefband aber dafür diese Geschichte mit nach Hause brachte.

 

***

Der Unteroffizier

Als der Feldwebel Herbert Binder aus Gelsenkirchen im Jahre 1940 als Flugzeugtechniker in Dresden stationiert wurde, erschien ihm diese Stadt als die Erfüllung all seiner Träume.

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