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Ankunft im Moor

Wir aber haben Zeit.

Im Hochmoor zählen die die Jahrtausende.

Zwischen rostrot gesäumten Wassergräben

und blassgrünen Wiesengründen

bis zum Horizont,

wird sich der Frühling entfalten

und über den Wassergräben

die Luft anfüllen mit flimmerndem

Licht.Später.

Noch hält der Frost die Luft an.

Hohe Binsenrispen vom Vorjahr

glitzern wie blühendes Eis.

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Binse im Moorsee

Kahle Erlen stehen mit geschlossenen Augen

in der Morgenhelle.

Die Stille wartet auf die ersten Lerchen.

Und voller Verheißung legt das warme Sonnenlicht

seine Hände auf unsere Wintergesichter.

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Weg durchs Moor

Reise dem Frühling entgegen

Wir reisen durch eisweiss bereifte Wälder

dem östlichen Winter davon.

Die Sonne steht flach am Horizont.

Nur der Himmel flüstert vom Frühling.

Wenn sie im Westen untergeht,

werden auch wir am Ziel sein.

Allmählich beginnt der Nebel zu steigen.

Das befreite Licht

zaubert Kirschblütenträume an unseren Weg.

Frühlingsbäume säumen für eine Weile

die verschneiten Felder entlang der Straße.

Stunden später durchbricht auf den Äckern

schwarzbraune Erde die Decke aus Schnee.

Das Land kämpft sich ans Licht.

Nur in den Schattensenken

bleiben weiße Flecken zurück.

Zwischen roten Kieferstämmen leuchtet

voller Verheißung ein sonnentrunkner Wald.

Menschen stehen in ihren kahlen Gärten

und plaudern in der Mittagswärme,

sorglos auf ihren Spaten gestützt.

In diesem Garten prahlt längst der Frühling

mit seiner prallen Gegenwart:

zwei Hände voll, dahin geschüttet

vor die hellen Mauer,

wie kleine lila Sonnensegel aufgebläht.

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Frühlingsboten

Dort, wo die Reise enden soll,

wird all das noch ersehnt.

Das Moor liegt still dem Himmel gegenüber.

Und wartet.

Spießrutenlauf

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.

Er war nun schon zwei Minuten zu spät. Der Schulflur lag menschenleer da. Es war völlig still. Alles Leben hatte sich in die Klassenräume zurückgezogen, die rechts und links vom Flur abgingen.

Jürgen blickte über den langen Flur zurück bis zur Stirnwand, wo die große Uhr tickte. Der Fußboden war mit hellgrauen Steinfliesen ausgelegt, die Wände wirkten kahl. Er war schon drei Minuten über der Zeit. Er musste jetzt endlich diese Tür öffnen: Geographie in der 8a. Er hätte etwas darum gegeben, es nicht tun zu müssen. Er lauschte: Er konnte durch die Tür hindurch die Stimmen von Jens Burghold und Silvio Traveta hören. Das waren die Schlimmsten, jedenfalls die Lautesten. Jürgen stellte sich die Szene vor, die die sich jetzt hinter der Tür im Klassenraum abspielte: Die Jungen tobten über Tisch und Bänke. Die Mädchen gluckten in einer Ecke des Klassenzimmers. Ab und zu kreischte eines von ihnen laut auf.

Das Schlimme war, dass sie ganz einfach so weitermachen würden, wenn er gleich hereingekommen sein würde. Jürgen schluckte. Es sollte Kollegen geben, bei deren Betreten des Klassenraumes die Schüler sofort zu ihren Plätzen gingen und bei denen nach kurzer Zeit Ruhe eintrat. Eine Vorstellung wie im Paradies, dachte Jürgen. Für ihn war es eher die Hölle.

Jürgen hatte viele Unterlagen dabei für diese Stunde. Er hatte den ganzen gestrigen Abend Vorlagen am PC geschrieben und sie heute früh noch auf Folien kopiert. Eigentlich fand er sein Anschauungsmaterial richtig gut. Aber er wusste schon jetzt, als er vor dieser Tür zögerte, dass er es wieder einmal nicht schaffen würde, seine Folien zu zeigen.

Er drückte mit Widerwillen die Klinke herunter und betrat den Raum. Es war alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Kaum einer der Schüler und Schülerinnen hob den Kopf. Er ging zum Pult, legte seine Bücher und Unterlagen ab. Dann sah er genervt auf die wirbelnde Klasse. Sie nahmen noch immer keine Notiz von ihm.

Er musste etwas tun. Er wollte mit lauter, fester Stimme den Lärm übertönen, um sich endlich bemerkbar zu machen. Aber er spürte, dass seine Stimme belegt war. Er räusperte sich.

„Guten Morgen! Bitte, geht zu euren Plätzen. Wir haben jetzt Unterricht“, brachte er dann einigermaßen laut heraus. Niemand reagierte.

„Bitte, Leute, setzt euch, ich möchte anfangen!“ Er konnte selbst hören, dass dieser Appell wie eine klagende Bitte klang.

Regina aus der ersten Reihe, die dort alleine saß und ungerührt in ihrem Mathematikheft schrieb, sah flüchtig zu ihm hoch: „Dann fangen Sie doch an!“

Jürgen spürte, wie bei ihm der Schweiß ausbrach. Er wusste ja selbst, dass er einfach anfangen musste.

„Holt bitte eure Geographiehefte heraus. Wer möchte seine Antworten vorlesen?“

Es war, als spräche er mit den Wänden dieses Klassenzimmers. Es war wie immer. Er wusste, wie es weitergehen würde.

Plötzlich kam Wut in ihm hoch.

„Jetzt reicht’s! Hinsetzen! Holt die Hefte raus. Jens, du liest die Hausaufgaben vor!“ Er hatte angefangen zu brüllen.

Immerhin, die Schüler bewegten sich nun im Zeitlupentempo an ihre Plätze. Der Lärm beim Öffnen der Taschen und beim Rücken der Stühle war provozierend laut.

Jürgen spürte einen leisen Stich hinter der rechten Schläfe. So fing es immer an!

„Jens, also!“, sagte er noch mit fester Stimme.

„Was is?“ Jens sah ihn frech an.

„Die Hausaufgaben. Ich sage es euch jetzt schon zum dritten Mal!“

„Welche Hausaufgaben?“

„Werd’ nicht frech, Jens! Mir reicht’s jetzt wirklich!“

„Ach die Hausaufgaben!“, grinste Jens höhnisch. „Die hab ich nicht. Gestern hatte ich keine Zeit.“ Er lehnte sich selbstzufrieden zurück und sah Jürgen herausfordernd an. Den Rest des Eintrags lesen »

Der Blinde

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Ich setze mich auf den Behindertenplatz, direkt hinter den Fahrer. Hier sitze ich am liebsten. Nahe am Ausgang und vor mir die schwarze Glasscheibe, in der ich mich sehen kann, wenn ich es darauf anlege. Ich lege es nicht darauf an.Den Fahrer sehe ich nicht. Es ist verboten, während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen.

Manchmal wähle ich mir auch einen von den wenigen aber oft freien da unbeliebten Plätzen, wo man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt und seinen Mitfahrern so ungehemmt und schamlos ins Gesicht sehen kann. Es gibt keine Alternative für meine Blickrichtung und sie wird deshalb nicht verübelt. Gesellschaftlich geduldeter Voyeurismus.

Heute sitze ich hinter der dunklen Glasscheibe. Es ist mir nicht nach den Gesichtern anderer Menschen. Ich habe den Kopf voll mit Dingen, die ich eben erlebt habe und die zu tun ich gleich Gelegenheit haben werde. Es sind nur noch zwei Stationen bis zu meiner Arbeitsstelle. Und ich bin mit der Zeit schon knapp.

 Als der Bus anhält fällt mir durch die Busfenster die distanzlose Körperhaltung des Mannes auf, der sich draußen mit einem Blinden unterhält. Er ist betrunken, angetrunken zumindest, und das sicherlich nicht zum ersten Mal. Seine rote Gesichtsfarbe, seine leicht verwahrlostes Äußeres in Kleidung und Haar weisen den Säufer aus.

Der andere, der, auf den er einredet, ist groß und schlank, ein bleicher, ernster, ganz in Schwarz gekleideter Mann, jung an Jahren aber vorsichtig in seinen Gebärden wie ein alter Mensch. Seine Augen sind tot. Das Weiß starrt ins Nichts. Er hält einen Blindenstock und trägt eine gelbe Armbinde.

Nun werde ich den Behindertenplatz doch freimachen müssen. Selbstverständlich. Ich muss ja sowieso gleich aussteigen.

Ich springe auf, um ihn ans Fenster durchzulassen. Ich muss mich nicht wieder setzen, obwohl ich neben ihm sitzen könnte. Irgendwo bin ich froh. Neben einem Blinden zu sitzen ist mir unangenehm. Ich will meine Ruhe haben.

Noch während ich aufstehe, wird der Blinde schon von dem angetrunkenen Mann an den Fensterplatz geschoben. Und dann setzt der sich neben ihn. Und ich sehe, dass das Gesicht des Blinden noch leerer wird, als es vorher war. Sein Versuch, sich vor dem anderen zu retten ist fehlgeschlagen. Ich habe dem anderen den Platz geräumt.

Ich sehe seine hilflosen Versuche, sich zu halten, an den Rändern des Abgrundes festzuhalten. Aber er weiß es, er kann nichts tun. Er ist es gewohnt zu fallen. Er trägt es mit Fassung. Ich sehe es: er antwortet auf die distanzlosen Fragen des Betrunkenen höflich, korrekt. Er sieht nicht den trüben und gleichzeitig listigen Blick des anderen. Ich bin sicher, er fühlt ihn. Mich überfällt plötzlich das Gefühl, selber ins Endlose zu fallen.

 Ich hätte diesen Platz nicht freimachen dürfen, hätte nicht zulassen dürfen, daß sich der da neben ihn setzen kann. Während ich im Gang stehe, gedrängt und um mein eigenes Gleichgewicht bemüht, abgewandt, spüre ich im Rücken seine Hilflosigkeit und seine erstarrte, verzweifelt verteidigte Würde. Durch die Fahrerscheibe sehe ich schon die Haltestelle, an der ich gleich aussteigen werde. Der Lautsprecher gibt die Haltestelle bekannt.

Mitten in das anbiedernde Geplauder seines Nebenmannes hinein höre ich die beunruhigte, etwas heisere Stimme des Blinden. ”Wieso Dortmunder Ring? Bin ich nicht in der 12?” Und als ich hinsehe auf die beiden und die beschwichtigende Handbewegung erhasche, die der andere macht, höre ich, wie er einschmeichelnd lügt, ”Doch, doch, na klar ist das hier die 12.”

”Aber der Fahrer hat gesagt, Dortmunder Ring, die 12 fährt nicht über den Dortmunder Ring. Da komme ich ja zum Forst raus. Das ist ganz falsch.”

”Der hat sich vertan”, höre ich sagen und bin schon fast ausgestiegen.

Durch die Menschenkörper, die alle zum Ausgang drängen und mich vom Eingang wegstoßen, sehe ich noch, wie der Blinde versucht aufzustehen und wie ihn der andere wieder herunterdrückt. Sehe seine freundliche grinsende Maske. Der Blinde hat keine Chance.

 Ich müsste etwas tun. Müsste dem Fahrer Bescheid sagen.

Es geht alles so schnell und genau um den Bruchteil einer Sekunde, den ich gebraucht hätte um die entscheidende Bewegung zurück in den Bus zu machen, zögere ich.

Der Bus fährt an und ich sehe durch die Scheibe die beiden auf ihren Plätzen sitzen und denke, man sieht es nicht. Man denkt, da sitzen zwei, die sich kennen und zusammen fahren.

 Keiner wird ihm helfen. Ich habe es auch nicht gekonnt. Meine Chance war sehr klein. Aber es hätte eine gegeben.

Ich sehe den Bus an der Endhaltestelle am Waldrand ankommen, sehe, wie der Betrunkene, ja leider überhaupt nicht so sehr Betrunkene, den Blinden am Arm nimmt und rausführt. Und der Blinde sagt in die Richtung, in der er den Fahrer vermutet, nervös: ”Sind wir hier nicht am Stadtwald?”.

Und der Fahrer lacht freundlich und unbekümmert, ”Jawohl mein Herr”. Und als er sieht, daß es ein Blinder ist, fragt er der Höflichkeit halber, ob er helfen soll.

Aber der Betrunkene sagt schnell und grinst, ”Ich mach das doch schon”. Und sie schwanken vom Bus fort, die Straße herunter.

Der Fahrer schließt die Tür und holt seine Zeitung heraus. Er hat Pause.

 Ich gehe in mein Büro und spüre eine furchtbare Unruhe. Meine Arbeit ist mir ganz fern gerückt. Mir ist, als stände ichselber irgendwo verloren zwischen Waldbäumen und mein einziger Halt, meine einzige Hilfe ist der, der vorhat, mich auszurauben. Und ich hoffe, daß er nichts will als Geld. Ich hoffe, er lässt mich ansonsten in Ruhe. Ich versuche, es mir nicht vorzustellen,was alles kommen kann. Und wen soll ich fragen, wie ich gehen muss, um hier wieder herauszukommen? Ich werde ihn bitten, mr die Richtung zu zeigen, wenn er nur mein Geld gewollt hat. Es bleibt mir nichts anderes übrig.

Tagelang werde ich jetzt in die Zeitung sehen, ob es eine Notiz gibt, einen Hinweis. Es kann gar nicht sein, daß ich mich in den Absichten des anderen getäuscht habe.

Aber es wird nichts erscheinen.

Die Gewalt ist zu alltäglich.

 

Frühling, was ist das?

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  “Waren Sei schon mal in einer Obdachlosensiedlung?”

fragte der Kollege. Sie lachte. “Nein eigentlich nicht”. Es fiel ihr erst jetzt auf. Aber warum sollte das problematisch sein? Sie hatte sich sofort gemeldet, als der Chef in der letzten Teamsitzung am Montag gefragte hatte, wer von ihnen bereit sei, in Zukunft die Betreuung des Kindergartens in der Siedlung “Am Hasengarten” zu übernehmen. Die Psychologin, die das bisher gemacht habe, sei letzten Oktober in Pension gegangen und nun habe er von dort die Anfrage, ob die Beratungsstelle auch weiterhin bereit sei, die Mitarbeiter dort bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Iris war neu im Team, frisch von der Uni, voller Tatendrang aber auch ohne Illusionen. Natürlich war sie bereit, ihre Kompetenzen auch solchen Menschen zur Verfügung zu stellen. Solchen erst recht, dachte sie mit ein klein wenig Trotz. Und was soll’s? Kinder sind Kinder. Auch wenn diese Kinder arm waren und schlechte Chancen hatten und vielleicht Schlimmes erleben mussten. Sie bleiben Kinder und mit denen konnte Iris umgehen, sie wusste, was sie brauchen und wie man sie ansprechen konnte. 

Eine kleine Autofahrt in der Dienstzeit bei diesem schönen, klaren Vorfrühlingswetter, das war außerdem eine Freude. Iris begrüßte die sanft gewellte Landschaft, durch die sie fuhr. Auch vom Auto aus war deutlich zu erkennen, dass sie gerade dabei war, aus dem Winterschlaf aufzuwachen. Noch waren Bäume und Sträucher kahl. Aber auf den weiten Feldern leuchtete die Wintersaat in einem satten Grün. Ab und zu fuhr sie durch ein Dorf. In den Vorgärten blühten Forsythien und lockten Primeln. Der Himmel hatte jene veilchenblaue Tiefe, wie er sie nur im März hat, wenn die Sonne plötzlich die Erde wieder für sich entdeckt.

Iris fuhr langsamer und ließ die Wagen, die sich hinter ihr in einer ungeduldigen Schlange aufgestaut hatten, vorbei fahren. Sie drehte ihr Fenster herunter. Genüsslich reckte und dehnte sie ihre Glieder und atmete tief ein. Der Winter war lang und trübe gewesen in diesem Jahr. Jetzt räumte also endlich der Frühling mit dem Schmuddelwetter auf.

Iris sah die paar Häuserblocks von weitem. Sie standen einfach mitten in den Feldern, ein halbes Dutzend graue, dreistöckige Häuser mit flachen Dächern. Inmitten der sich gerade herausputzenden, strahlenden Natur wirkten sie ernüchternd und trübselig. Als Iris näher kam, sah sie, dass bei einigen der Häuser im oberen Stockwerk Fensterscheiben zerbrochen waren.  Der Putz blätterte überall von den Fassaden ab und unter den Fenstern zeugten  große, dunkle Flecken davon, dass hier seit Jahren Dreck an den Hauswänden herunter geflossen war. Den Rest des Eintrags lesen »

Das Schokoladengeschäft


1920 Inflation

 

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Lucie reckte sich. Ein bisschen tat ihr jetzt der Rücken weh. Aber das war nicht weiter schlimm. Hauptsache, es würde alles gut. Er musste einfach auf ihren Brief reagieren!

Die Kundin war gegangen. Lucie hatte das melodische Läuten der Türglocke noch im Ohr. Wie sie dieses Geräusch liebte! Ihre freundliche Ladenglocke! Sie hatte lange gesucht, bis sie damals eine Glocke mit einem solchen Klang gefunden hatte. Alles hier war sorgsam ausgewählt und zusammengestellt. Lucie warf einen zufriedenen Blick auf die gefüllten Regale und Auslagetische. Sauber aufgereiht, nach Farben und Größen sortiert und appetitlich auf einander gestapelt türmten sich mit Rosen bemalte Bonbonieren, Schokoladentafeln und bunte Konfektdosen. Schachteln mit Trüffeln, große Glasbehälter mit Rumkugeln, feinen Pralinen und glitzernd verpackten Bonbons standen auf der matt glänzenden Holztheke. Die goldene Folie der Konfektschachteln, das glänzende rote Papier, die silbern ausgeschlagenen Regalnischen, all das leuchtete geheimnisvoll auf dem dunkelroten Mahagonieholz der Ladeneinrichtung. Wenn man von der Straße die zwei Stufen zu ihrem Laden hinaufstieg und durch die Tür trat, glaubte man sich in die Wunderhöhle versetzt, in der Alibabas Schatz gehütet wurde. Und dazu roch es köstlich, aromatisch süß. Lucie sog den Duft ein, diesen Duft nach Schokoladenkeksen und Likör. Er erinnerte an gemütliche Dämmerstunden bei Kakao und zartem Gebäck. Sie roch diesen Duft noch immer gerne, obwohl sie nun schon seit fast vier Jahren im Laden stand und ihre erlesene Kundschaft bediente. Sie konnte sich eben selber nicht satt sehen und satt riechen an diesem prachtvollen Kunstwerk aus Schokolade und Pralinen.

 

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Friedhofsgespräche

Erzählung in drei Monologen

 

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Eine Frau besucht das Grab ihrer Mutter und beginnt dabei einen Dialog, der schon lange für sie überfällig war…

Neben der großen Birke ist dein Grab. Du bist gestorben, als mein jüngstes Kind unterwegs war. Weil es einer Schwangeren nicht gut tut, den Tod zu sehen, haben damals alle verstanden, dass ich dich nicht mehr besuchen konnte.

Meine Tochter ist heute 16 Jahre alt.

An deinem Todestag fahre ich noch immer auf den Friedhof. Er liegt in einer kleinen Stadt, irgendwo im Hessischen, dort wo meine Schwester ihr Haus hat. Du hast dort nie gelebt. Aber du wolltest nicht an dem Ort begraben werden, wo du so lange gelitten hattest.

Und bei der Birke ist es auch sehr hübsch. Man schaut in ein sanft geschwungenes kleines Wiesental. Hinter dem Städtchen stehen auf Hügeln zwei Burgen. Die Häuser in der Nähe des Friedhofs sind gepflegt und freundlich. Wenn die Lampe an deinem Grab brennt, kann man das Licht im Winter, wenn alle Bäume kahl sind, vom Küchenfenster meiner Schwester aus sehen.

Manchmal sind auch meine Kinder mitgekommen, wenn ich zu deinem Todestag her gefahren bin. Jetzt sind sie schon groß und zwei leben in anderen Städten. So kommt es, dass ich jetzt meist alleine fahre.

Und alleine stehe ich an der Birke und versuche mit dir zu sprechen, Jahr für Jahr…..

 

Die drei folgenden Teile werden in den nächsten Tagen eingestellt.

Teil I: Mutterlos
Eine Abrechnung mit der toten Mutter, 50 Jahre zu spät aber immer noch nötig…

a_tat1.jpgTeil II: Denkmal für meine Mutter
Der Versuch, der Mutter gerecht zu werden, sie zu sehen, wie sie wirklich war…
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Teil III: Rabenmütter unter sich

Gespräch von Mutter zu Mutter: über das Schicksal, Mutter zu sein und die Trauer darüber, dass es nie gelingt, wirklich eine gute Mutter zu sein…

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Rabenmütter unter sich

Teil III der Friedhofsgespräche

Das dritte Gespräch

 

Ja, siehst du, ich komme immer noch, komme auch jetzt noch, wo ich mich halbwegs ausgesöhnt habe mit dir.

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Wenn ich ehrlich bin, komme ich heute, weil ich ein bisschen mit dir plaudern möchte, von Mutter zu Mutter. Da sind die drei Kinder, die ich bekommen habe und die nun fast alle groß sind. Sie fangen an, mit mir abzurechnen, so wie ich in den letzten Jahren endlich mit dir abgerechnet habe.

Nun stehe ich da wie du und bekomme die Quittung. Das tut weh, nicht wahr? Wir sind alle Kinder von Müttern, die ihre Kinder nicht genug geliebt haben. Unsere Kinder sind es auch. Ich hoffe, es geht nicht immer so weiter, weißt du. Man müsste es stoppen können.

Was uns beide betrifft, wir haben unser Pulver schon verschossen, du und ich. Wir können nichts mehr tun. Wir haben schon alles falsch gemacht und können es nun nicht mehr ändern.

Darüber möchte ich mit dir reden, mit einer Leidensgenossin, mit einer Mittäterin wenn du willst, mit einer Schicksalsgenossin auf jeden Fall: Sozusagen von Rabenmutter zu Rabenmutter. Du verzeihst mir, dass ich dich so nenne. Natürlich warst du keine. Und ich war auch keine. Aber unsere Kinder haben uns so erlebt. Deine dich und meine mich .

„Ich hasse dich so, Mama!“, sagte meine Älteste neulich zu mir. Und sie hat sich sicher gewundert, dass ich nicht entsetzt war und in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe nur den Kopf eingezogen und habe an dich gedacht. An uns.

Und obwohl ich wusste, dass es nun auch meiner eigenen Tochter so geht wie mir ein Leben lang, dass sie sich nichts so sehr wünscht wie eine Mutter, die sie tröstet, ermuntert und die ihr Anerkennung, rückhaltlose Anerkennung und uneingeschränkte Liebe anbietet, konnte ich doch nur sagen: „Ich kann dir nicht mehr geben, als ich dir schon gebe.“ Und sie hat mich dafür sicher noch mehr gehasst.

Darf ich dir ein wenig von meinem Rabenmutterschicksal erzählen? Früher hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es vor dir, ausgerechnet vor dir zuzugeben. Nun kann ich es. Nun möchte ich es. Wir sind sozusagen unter uns.

Ich hatte mir so fest vorgenommen, es besser zumachen, es anders zu machen als du. Lange habe ich mir auch eingebildet, es besser gemacht zu haben. Doch ich fürchte schon seit einiger Zeit, dass es nicht so war.

Ich stieg jeden Abend müde und erschöpft die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich hätte jetzt ein wenig Ruhe nötig gehabt, jemanden, der mir einen Tee bringt, jemanden, der mich fragt, wie es war. Gut war es, aber nun war es auch genug. Nun hätte ich mich so gerne erholt.

Ich blieb vor der Wohnungstür stehen, lauschte mit zwiespältigen Gefühlen auf die Geräusche, die aus der Wohnung bis in den Hausflur drangen. Die Stimmen meiner Kinder. Jemand schrie. Ein anderer rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Etwas fiel zu Boden und schepperte verdächtig. Es blieb einen Moment still. Dann kreischten sie alle durcheinander. Eine Tür schlug zu. Jemand weinte heftig.

Wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecken würde, kämen sie alle sofort angerannt. Eine Möglichkeit, ungesehen in einen versteckten Winkel der Wohnung zu entkommen, wo ich für ein paar Minuten im Dämmerlicht meine Beine hätte von mir strecken und die Augen schließen können, die gab es nicht.

Ich öffnete also irgendwann doch die Tür und ließ meine Identität, zumindest meine Identität als Erwachsener, arbeitender Mensch von außen an der Türklinke hängen. Das, was ich den ganzen Tag über gemacht, gedacht, geschafft, erreicht hatte, das zählte nicht mehr. Jetzt gehörte ich ihnen mit Haut und Haar.

 

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Denkmal für meine Mutter

Teil II der Friedhofsgespräche

Das zweite Gespräch:

 

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Wenn ich hier in der Nähe deines Grabes auf einer Bank sitzen könnte, vielleicht unter der großen Birke dort, dann wäre es viel einfacher. Auf Bänken darf man beliebig lange sitzen. Aber über Gebühr lange herumstehen, das erregt sofort Aufmerksamkeit. Und wahrsccheinlich sehe ich auch heute  nicht wie eine Trauernde aus. Es würde mich nicht wundern. I

Überall auf diesem hübschen, kleinen Friedhof huschen Frauen herum mit großen Gießkannen und gebückten Rücken. Sie schauen natürlich dezent weg, wenn sie mich hier stehen sehen. Aber sie zerbrechen sich sicher alle den Kopf, wer ich wohl bin und zu wem ich gehören könnte. Und warum ich so selten hier bin.

 

Ich hätte dir übrigens Blumen mitbringen sollen. Dein Grab sieht trist aus, ordentlich aber irgendwie blind. Das möchte ich nicht. Ich finde, trotz allem hast du Blumen verdient. Keine Friedhofsblumen, lieber irgendwelche bunten, verrückten Blumen, solche, die kein Mensch normalerweise auf ein Grab stellt. Du warst so gerne anders als andere, hast so gerne getan, was man nicht tat – zumindest im Kleinen. Wir fanden deine kleinen Extravaganzen lächerlich. Du hast es sicher immer gespürt. Wir fanden, sie passten nicht zu dir. Du warst eigentlich doch immer nur eine traurige, gescheiterte und unglückliche Frau. Und deine Versuche, anders zu sein, wirkten unglückselig und peinlich.

Heute jedenfalls kann ich dir diese Freude gönnen, in kleinen Dingen die zu sein, die du gerne gewesen wärst. Weißt du noch den bunten Strohblumenstrauß an Allerheiligen vor drei Jahren, als alle Gräber weit und breit Einheitskreuze in Tannengrün mit Moos trugen? Ich weiß, du hättest über deinen bunten, lustigen Strauß gelacht und dich gefreut. Er hätte dir gefallen. Und er gefiel mir auch. Ich fühlte mich an diesem kalten Novembertag plötzlich so, als steckte ich mit dir unter einer Decke, wie es zwei Freundinnen tun, die einen Streich ausgeheckt haben.

Als du noch gelebt hast, konnte ich mich nie fühlen mit dir. Vielleicht habe ich es mir manchmal gewünscht. Aber du hast es nicht gewollt. Ich war natürlich nicht deine Freundin. Ich war deine Tochter.

Aber wie ist das, wenn man die Tochter von jemand ist, der unglücklich ist. Da wird es ganz schön eng.

 

Schon wieder geht jemand vorbei. Eine Frau entfernt das Laub ein paar Grabreihen weiter. So lange und untätig steht hier niemand sonst herum. Ausnahmen werden nur bei frischem Schmerz gemacht und bei verzweifelten Tränen. Das trifft nicht zu. Damit wäre meine Zeit hier also schon um? Aber ich wollte dich doch sprechen!

Eigentlich ist es absurd zu meinen, mit einem toten Menschen reden zu können, wenn man an seinem Grab steht. Und ich brauche dieses Fleckchen Erde, in der sich deine Asche längst aufgelöst haben wird, wirklich nicht, um dich mir vergegenwärtigen zu können. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir genauso gegenwärtig wie vor 15, vor 30, vor 50 Jahren. Da uns niemand zuhört: Ich war ein Kind, das keine Mutter hatte. Ich habe es dir schon im letzten Jahr gesagt. Und ich muss dir auch dieses sagen: Ich hatte gehofft, dich loszuwerden, wenn du stirbst. Aber es ist mir nicht gelungen. Du bist mir mehr als gegenwärtig. Gerade weil du nicht die Mutter für mich warst, die ich gebraucht hätte, kann ich dich nicht vergessen. Ich fühle deine Gegenwart ständig in mir.

Aber allmählich begreife ich, dass ich ohne deine Liebe leben muss und es auch kann.

Es wird daher Zeit, dass ich mich von dir verabschiede. Vielleicht liege ich selbst bald irgendwo unter ein bisschen Erde und warte darauf, wieder in den Kreislauf der Natur einzutreten. Da sollte man schon mal in der Lage sein, der eigenen Mutter ins tote Angesicht zu sehen, finde ich. Was meinst du?

Ich würde es gerne versuchen. Heute. Ich glaube, heute könnte ich es versuchen. Friedhofsblumen habe ich dieses Mal nicht für dich, auch keinen lustigen Strauss. Aber ich möchte versuchen, dir endlich ein angemessenes Denkmal zu setzen. Nicht hier unter den Menschen, nein in mir, ein Mal, an dich zu denken, sowie du warst, so wie ich dich gesehen habe und sehen konnte. Ich will versuchen, mich deiner Wahrheit anzunähern, soweit ich es kann und so weit ich sie begreife.

Wenn ich dir also ein Mal setzte, so wird es doch letztlich meine Wahrheit sein, meine Wahrheit über dich. Den Rest des Eintrags lesen »

Mutterlos


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Teil I der Friedhofsgespräche

 

Das erste Gespräch

 

 

Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen, endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Aber irgendwann hat dein Körper dann doch aufgegeben.

Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammen reißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war, gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.

Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?

Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber es ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter halt am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräber eifrig herumhuschen, mit Blumen und Gieskannen und mit stillen, eifrigen Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?

Ich bin wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Ich bin nicht traurig.

Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?

Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war. Ich konnte es dir nie sagen. Ich möchte es noch immer am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass, weil du Zeit deines Lebens immer nur mit dir selber beschäftigt warst, nie wirklich mit mir.

Du hast mich geboren, aber du hast mich nicht mir selber vorgestellt. Immer warst zuerst du wichtig. Immer kam zuerst Margot. Ich kam eigentlich nie. Noch als ich selbst Kinder hatte, wenn du etwas mit ihnen unternommen hast, wenn du mit ihnen gespielt oder gesprochen hast, hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um sie, immer um dich. Ich kannte das so gut. Jetzt endlich will ich es loswerden:

 

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