Ilse und Bernhard

I

Nie hätte er sich getraut ein Mädchen anzusprechen, dieser schlaksige Unterprimaner. Doch auf einmal stand sie vor dem Schultor und wollte ihn abholen. Was war passiert? So richtig wusste er es selbst nicht. Aber sie war jetzt da. Als er auf sie zukam, stellte sie sich vor ihm auf die Zehen, schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie küsste ihn.

Das war geradezu unerhört! Bernhard Enders, der schüchternste Junge aus der ganzen Klasse hatte auf einmal eine Freundin! Und was für eine! Die Klassenkameraden drückten sich im Hintergrund der Szene herum. Sie bestaunten die Lady.
„Mensch, so eine hättest wohl auch mal gerne, Hänschen“, lästerte Peter Plaun.
„Guck mal, was die für Beine hat, gerade bis oben hin!“
„Na dann …“, zwitscherte Paule Schmieder, der immer mit seinen neusten Eroberungen angab. Alle wussten, dass da nichts dran war.
„Ich glaube, ich kenn die, die war mal mit meiner großen Schwester in einer Klasse, drüben auf dem Sophie-Scholl-Gymnasium.“
„Biste sicher, dann hat die schon Abi?“ Die Runde schwieg beeindruckt. Sie sahen die junge Frau mit großen Augen an.
„Und schau mal, dieser Mund!“, stieß Paul Hänschen in die Seite.
„Hoffentlich weiß der Bernhard auch, was man damit so machen kann“, witzelte der.
„Ich steh auch auf lange blonde Haare“, ließ sich Heinrich Pulka vernehmen, der die Szene bisher in aller Ruhe beobachtet hatte. Jetzt gab er sein Gutachten bekannt. „Tolle Frau, hätte man dem Bernhard echt nicht zugetraut.“ So war es auch.

Bernhard stand überrumpelt da. Er lächelte sie verunsichert an. Er fragte, ob er ihre Tasche tragen dürfe.
„Wenn du willst“, lachte die junge Frau. „Freust du dich nicht, dass ich dich abhole“, wollte sie wissen.
„Natürlich“, stotterte Bernhard. Dabei warf er einen verunsicherten Blick in die Richtung, wo die Klassenkameraden standen.
„Mach dir doch nichts aus denen“, sagte sie leicht hin. Sie hakte ihn unter und zog ihn vom Schulhofgelände in die Richtung der Hauptstraße.
„Oder bist du böse, dass ich hier einfach so aufgetaucht bin?“, fragte sie noch einmal. Er versicherte, ganz im Gegenteil, er sei begeistert. Von böse sein, könnte keine Rede sein. Nur überrascht sei er eben.
„Ich habe dich doch gestern nach der Schule gefragt, wann du morgen Schluss hast.“
„Aber, dass du dann auch gleich kommst.“
„Worauf soll ich denn warten? Und heute hat es gerade gepasst. Ich habe Mittagspause,“ fügte sie sachlich hinzu.

Das Paar setzte sich auf die Stühle eines der Cafés am Markt mit Blick auf das Rathaus. Die späte Märzsonne wärmte schon. Vor den Straßencafés saßen Menschen, die ihre bleichen Gesichter mit geschlossenen Augen der Sonne zuwandten. „Hier kann uns doch jeder sehen“, bemerkte er irritiert.

„Mensch, sei doch nicht so vorsichtig. Wer soll dir denn den Kopf abreißen, nur weil du hier mit mir sitzt und Cola trinkst?“
„Wenn meine Mutter davon hört, wird sie einen riesen Terror machen.“
“Echt? Also ich finde, das geht sie überhaupt nichts an, weißt du. Schließlich bist du doch schon, wie alt bist du jetzt eigentlich?“

„19, werde ich, nächsten Monat jedenfalls. Du bist wirklich schon 21?“
„Ist das schlimm für dich, so ne Alte?“, lachte sie ungezwungen. Dabei schlug sie mit den Händen vor Vergnügen auf ihre Oberschenkel. Sie trug ein grünes, kurzes Kleid, das beim Sitzen ihre Oberschenkel umspannte. Bernhard wagte gar nicht hinzugucken, denn es rutschte immer höher. Sie beachtete es nicht.

„Wieso bist du gerade auf mich verfallen?“, fragte Bernhard nach einiger Zeit.
„Na komm, so ganz unbeteiligt bist du auch nicht an der Sache! Hättest du mich nicht gefragt, ob ich wüsste, wie der Barkeeper heißt, dann wärst du mir gar nicht aufgefallen, so unauffällig, so stumm hast du da gesessen unter den lauten Gröhlern.“
„Ja, ich weiß auch nicht, wieso ich mich das getraut habe“, wunderte sich Bernhard. Er lächelte sie schüchtern an.
„Vielleicht habe ich dir gefallen?“
„Ja natürlich, du hast mir gleich gefallen, als du reinkamst. Trotzdem ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass du dich für mich interessieren könntest. Doch dann standst du da so neben unserem Tisch und gingst gar nicht weg. Da habe ich es einfach gemacht.“
„Top, das war‘s.“
„Dann kamen wir ins Gespräch, ach ja, über die Musik, die gerade gespielt wurde. Alle am Tisch haben die Luft angehalten. Und du: ‚ ‚Komm, wir tanzen einfach.‘“
„Was hätte ich sonst machen sollen, um dich da weg zu holen. Die schauten alle derartig verdattert.“
„Das war eine sehr gute Idee“. Bernhard lächelte sie offen an.
„Ilse, stimmt doch?“, fragte er.
„Ja, Ilse. Wie heißt du? Bernhard?“
„Stimmt.“

Als das Eis gebracht worden war, erzählte sie von der Arbeit, die sie aufgenommen hatte, um die Zeit zu überbrücken bis zum Studium. Sie wollte Medizin studieren, wahrscheinlich in der Schweiz. Ihre Noten reichten noch nicht ganz für den Numerus Clausus dort. Also hieß es, noch ein, zwei Semester zu warten.
„Was arbeitest du genau? Gestern hast du gesagt, du arbeitest im Buchladen?“
„Ja genau, bei Osterkamp, das hat mir von den verschiedenen Möglichkeiten noch am ehesten gefallen. Ewig machen möchte ich sowas allerdings nicht. Was willst du mal studieren?“, Ilse sah Bernhard auffordernd an. Obwohl sie redete, war es ihr gelungen, ihr Eis schon gänzlich zu verspeisen. Bernhard sah es und staunte. Er hielt noch immer den Löffel in der Hand, ohne seine Portion angerührt zu haben. Er riss sich zusammen.

„Ich weiß nicht genau, wahrscheinlich studiere ich Geschichte und Deutsch. Vielleicht muss ich auch erst noch zum Bund. Ich möchte eigentlich lieber Zivi werden. Doch ich habe noch Zeit. Das Abi mache ich ja erst im nächsten Sommer.“
„Da ist es ja toll, dass ich noch hier bin bis dahin.“
„Woran du alles denkst“, staunte Bernhard wieder.
Ich denke noch an ganz andere Sachen“, grinste sie.
Sie musste zurück in den Laden. Abends wollten sie sich noch einmal treffen. Diesmal würde er sie abholen, wenn der Buchladen schloss.

 

So hatte es angefangen. Bernhard wusste lange nicht, wie er zu seinem Glück kam. Er schwebte im siebten Himmel. Seine Mutter schien etwas zu merken, denn sie machte so merkwürdige Andeutungen. Am besten, er gab ihr ein bisschen Informationsstoff, damit sie zufrieden war.
„Ich hab‘ da so‘n Mädchen kennengelernt“, erzählte er beim Mittagessen. Sie waren da schon 8 Tage ein Paar.
„Was für ein Mädchen?“
„Sie heißt Ilse.“
„So ein Name! Was macht sie denn? Geht sie zur Schule?“
„Nein, sie hat schon Abi. Sie arbeitet in einem Buchladen, um die Zeit bis zu ihrem Studium zu überbrücken“, gab er präzise Auskunft. Seine Mutter sah ihn scharf an.
„Sie ist älter als du“, stellte sie fest. „Wenn du mal bloß jetzt die Schule ordentlich weitermachst!“

Bernhard war ein guter Schüler. Es fiel ihm nicht besonders schwer, es trotz Ilse zu bleiben. Er schrieb weiter gute Noten. So manchen Abend saß er bei Ilse in ihrer kleinen Wohnung. Er lernte mit ihr zusammen. Ihre Eltern waren geschieden. Der Vater lebte seit Jahren in Schweden. Die Mutter war meist auf Tournee mit einer Theatertruppe. Sie hatte nie viel Zeit für Ilse gehabt. Schon vor Jahren war die aus der Wohnung ihrer Mutter ausgezogen. Jetzt lag Ilse bäuchlings auf dem Bett. Sie hörte ihn Vokabeln ab. Es machte Spaß, mit ihr zu lernen!

Bernhards Mutter vernahm mit Staunen und verhaltenem Entzücken, dass die Freundin ihren Sohn bei den Schularbeiten unterstützte. Dass dies in Ilses eigener Wohnung geschah, davon durfte sie natürlich nichts erfahren. Sie glaubte, die beiden würden sich im Café treffen oder in der Stadtbücherei. Trotzdem blieb sie auf der Hut.
Als Bernhard Ilse dann wirklich einmal mit nach Hause brachte, wurde sie von der Mutter freundlich, dennoch auch zurückhaltend begrüßt. Ilse gab sich alle Mühe, der Mutter zu gefallen. Sie tranken Kaffee. Man plauderte über belanglose Dinge. Danach brachte Bernhard Ilse nach Hause. Als er zurückkam, sagte die Mutter nur: „Junge, du bist doch noch viel zu jung für sowas.“ Bernhard zuckte ein wenig zusammen. Im Grunde war er froh, dass sie offenbar ahnte, wie es mit ihm und Ilse wirklich stand.

Bernhards Leben hatte sich völlig verändert. Es hatte einen richtigen Sinn bekommen, zum ersten Mal in überhaupt. Das Zusammensein mit Ilse gab ihm ein völlig neues Lebensgefühl. Plötzlich gab es so vieles, was ihn bereicherte, gab es Sachen, die er vorher nie wahrgenommen hatte. Das waren nicht nur die Momente, wo er ihr ganz nahe war und sie ihm ihren Körper wie ein Geschenk überließ. Er bestaunte das Lächeln um ihren Mund, die feine Wölbung ihrer Brust. Er liebte den leichten rosa Schimmer auf ihren Wangen, wenn sie sich liebten. Schließlich war da das neue, nie geahnte Glücksgefühl, wenn er in sie eingedrungen war, wenn ihre und seine Lust miteinander zu verschmelzen schienen. Unsäglich! So hatte er sich das früher nie vorstellen können.
Auch sonst sahen seine Augen plötzlich Dinge, die ihn ganz neu beglückten: das goldene Licht am Abend hinter den großen Buchen im Kurpark, die beschwingten Häuserfassaden in der Promenadenstraße, die leuchtenden Blüten der weißen Magnolie neben ihrer Lieblingsparkbank. Die Welt war einfach wunderbar geworden. Bernhard ließ sich treiben wie ein glückseliges Kind auf einer Windschaukel.

„Du nimmst unsere Beziehung so selbstverständlich hin, wie du es früher hingenommen hast, dass du keine Freundin hattest“, bemerkte Ilse einmal, als sie im Bett lagen. „Manchmal frage ich mich, was aus uns geworden wäre, wenn ich damals nicht aktiv geworden wäre.“
Bernhard grinste vor sich hin. „Wie schön, dass du es gewesen bist“, sagte er nur.

Aus dem schüchternen Jungen war ein passabler Liebhaber geworden. Ilse wusste das zu schätzen. Sie wusste – nicht ohne heimlichen Stolz –, dass sie an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig war. Die Leute in seiner Klasse lästerten schon lange nicht mehr, denn Ilse war längst eine Alltagserscheinung am Schultor geworden. Inzwischen brachte man Bernhard eher Hochachtung als Spott entgegen. Der ging mit der Tatsache seiner Liebe so selbstverständlich um und wirkte so  bescheiden um, dass niemand auf die Idee kam, ihm die Freundin zu neiden.

Als die Osterferien anfingen, waren sie erst seit 14 Tagen zusammen, obwohl es beiden so vorkam, als liebten sie sich schon eine ganze Ewigkeit. In den Ferien verbrachte Bernhard jede Minute an ihrer Seite. Auf die Fragen wie auf Warnungen seiner Mutter reagierte er inzwischen gelassen. Er wusste, dass seine Mutter sich darein fügen würde, was er tat. Auch wenn sie es nicht billigen könnte.

„Heute war ich bei Dr. Maus. Er hat mir die Pille verschrieben“, teilte Ilse ihm freudestrahlend mit. Bernhard war überrascht. An so was hatte er noch gar nicht gedacht.
„Bisher ist ja alles gut gegangen“, stellte sie fest, „doch ich war, ehrlich gesagt, schon ein bisschen unruhig. Meine Periode war seit zwei Tagen überfällig. Heute früh sind sie endlich gekommen, gerade, als ich aus der Arztpraxis raus war. Ein Glück.“ Ilse setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl und zog Bernhard zu sich heran. Sie küssten sich. Ihre Erleichterung war mit Händen zu greifen. Auch als sie kurz darauf auf dem Bett liebten, merkte er, wie entspannt sie plötzlich war.
„Warum hast du denn nichts gesagt, ich meine wegen Verhütung?“ fragte er, als sie neben schließlich einander lagen.
„Ach, weißt du, ihr Männer seid da nicht so auf Zack. Umso was sollte man sich als Frau lieber selbst kümmern.“ Bernhard schwieg. Er versuchte mit diesen neuen Informationen klar zu kommen.

„Wenn etwas passiert wäre?“, fragte er dann, immer noch ein wenig ein wenig verstört.
„Dann würde ich das Kind kriegen und wir würden ein richtiges Paar, Vater, Mutter, Kind: Du müsstest Geld verdienen. Ich würde sehen, dass ich auch mit dem Kind studieren könnte.“
Sie lachte schallend. Er spürte ihren Ernst hinter dem Lachen.
„Hör auf, Ilse, das ist ja schrecklich. Ich bin doch noch Schüler. Das würde doch überhaupt nicht gehen“, antwortete er schnell.
Sie sah ihn lange mit Nachsicht an.
„Ist ja nichts passiert“, sagte sie leise. „Kannst also schön weiter zur Schule gehen, mein Schulbub.“
Bernhard sprang auf. Er stürzte sich lachend auf sie.
„Ich werde es dir zeigen, Schulbub! Sehe ich etwa nicht aus wie ein Mann? Schau mal diese Schultern? Hier, mein Bizeps?“ Er stand mit theatralischer Geste vor dem Bett und präsentierte seine Muskeln.
„Doch, du siehst aus wie ein Mann. Das hat mir ja so gefallen an dir. Nicht so wie deine noch nicht ausgewachsenen Klassenkameraden: Ein Mann, der mich im Zweifel sogar tragen könnte. Ich glaube aber, bis du auch innerlich ein Mann bist, da wird noch ein bisschen Zeit vergehen“. Ilse sagte das ganz sachlich.
„Du wirst mir sicher dabei helfen, Großmütterchen Ilse“, grinste Bernhard. Er nahm sie in die Arme.

 

Den ganzen Mai bis in den Sommer hinein blühte ihre Liebe bedenkenlos weiter. In den großen Sommerferien fuhren sie zusammen eine Woche in Urlaub. Seine Mutter war entsetzt. Habt ihr denn getrennte Zimmer?“, fragte sie mit bittender Stimme. Das war wieder einer der Momente, wo sie es schmerzlich bedauerte, dass der Vater von Bernhard nicht mehr lebte. Dem Jungen fehlte ganz klar eine harte Hand. Sie sah den beiden nach, als die vergnügt aus den Fenstern gestikulierend mit dem nagelneuen, roten Kleinwagen von Ilse losfuhren. Sie winkte lange. Sie weinte.

Der Liebessommer ging über ein einen Liebesherbst.

 

 

II

Im November merkte Bernhard zum ersten Mal eine gewisse Traurigkeit an Ilse. Oder war sie nur nachdenklich? Sie sprach jetzt oft über ihren Umzug in die Schweiz, wo sie studieren wollte. Immer wieder sah sie ihn dabei mit großen, erwartungsvollen Augen an.
„Warum in die Schweiz?“, wollte er wissen.
„Da habe ich Freunde, die mich unterstützen können. Das ist dann einfacher, mit dem Zimmer und so, weißt du“, antwortete sie vage.

Bernhard schaute sie irritiert an. Warum war sie nur traurig? Warum wollte sie so weit weg?
„Natürlich komme ich dich dann besuchen, bestimmt jedes Wochenende“, versuchte er sie aufzumuntern. Dann lächelte sie schief, sagte aber nichts dazu.

Die Unbeschwertheit ihrer Liebe war auf einmal verweht. Alles lief weiter wie bisher, doch die alte Leichtigkeit war fort. Auch die Lust ließ nach, zumindest bei ihr. Mal hatte sie Kopfweh hätte oder es ging ihr nicht so gut. Er spürte, dass sie sich ihm mehr entzog.  Bernhard ging an solchen Abenden heim. Er grübelte, ob er vielleicht etwas falsch gemacht hatte. Doch er kam zu keinem Schluss. Schließlich nahm er seinen Mut zusammen. Er fragte er sie direkt heraus.
Eine klare Antwort bekam er nicht. Ilse hatte ihn auf den Mund geküsst. Dann war sie in Tränen ausgebrochen.
„Ich liebe dich doch so“, schluchzte sie, „ich wünschte, du könntest bei mir bleiben, wenn ich fortmuss.“
„Ilse, ich mache doch nächstes Jahr im Juli mein Abi. Danach können wir zusammen machen, was wir wollen, dann habe ich alle Zeit der Welt.“
„Das ist mir zu spät“, murmelte sie kaum verständlich. Bernhard konnte einfach nicht schlau aus ihr werden. Sie hatte ihre Fröhlichkeit verloren.

Weil Bernhard inzwischen ernsthaft in den Abiturvorbereitungen steckte, hatte deutlich weniger Zeit. Sie trafen sich oft nur für eine oder eine halbe Stunde. Es kam vor, dass sie sich sogar ein oder zwei Tage gar nicht sehen konnten. Ilse hatte sich scheinbar wieder gefangen. Auch war sie ein bisschen runder geworden. Bernhard zog sie damit auf. Zu seinem Erstaunen fasste sie seinen Scherz nicht lustig auf, sondern blickt ihn nur merkwürdig an.
„Darf ich das nicht sagen?“, fragte er zärtlich. „Was zum Teufel ist los mit dir?“
„Es ist nichts. Wenn du nicht von selber draufkommst“, antwortete sie zögernd.

Bernhard fand ihre Empfindlichkeit ein bisschen übertrieben. Wenn es um ihr Gewicht ging, dann hörte bei Frauen wohl der Humor auf, dachte er. Er vertiefte sich wieder in den Mathestoff für die letzte Klassenarbeit vor den Abiturprüfungen. Die kleine Missstimmung war vergessen.
Sie trafen sich jetzt immer seltener, telefonierten ab und zu. Bernhard sah keine Chance, das zu ändern. Deshalb mied er die Auseinandersetzung mit ihr. Nach dem Abitur würde sich das sicher alles wieder richten lassen. Tage gingen dahin. Er lebte auf die Abi-Prüfung hin, die in der zweiten Aprilhälfte auf ihn zukam.

Als er gerade in der Schule seine Prüfungstermine bekommen hatte, erwartete ihn zu Hause ein Brief. Seine Mutter hatte ihn demonstrativ auf den Esstisch gelegt. Er erkannte Ilses Handschrift. Den Brief riss er verwundert auf.

Es war eine Verlobungsanzeige. Bernhard musste dreimal hinsehen, er konnte es nicht glauben. Ilse hatte sich mit jemandem verlobt. Er kannte den Namen nicht. Es war ein schweizerischer Name, wie es schien. Ilse hatte diesen Mann nie erwähnt. Unten auf den Rand war mit Ilses Handschrift gekritzelt:
‚Ich hoffe, du wirst ein gutes Leben haben, mein kleiner Bernhard. Ich muss tun, was nötig ist‘.

Bernhard rief sie auf der Stelle an. Sie nahm ab. „Ilse“, mehr bekam er nicht heraus.
„Ruf mich nicht mehr, Bernhard. Ich bin jetzt mit ihm zusammen. Es ist so. Da ist nichts dran zu ändern.“
„Ilse, das ist doch nicht dein Ernst“, brachte er jetzt heraus.
„Doch, Bernhard, das ist mein voller Ernst“.

Wie betäubt durchstand Bernhard die nächsten Tage bis zu den Prüfungen. Als alles vorbei war, fiel er in ein schwarzes Loch. Seine Mutter war entsetzt über seinen Zustand.

Ilse drückte seinen Anruf sofort weg, wenn er sie anrief. Mails beantwortete sie nicht. Briefe kamen zurück. In seiner Verzweiflung ging er schließlich in die Buchhandlung, um nach ihr zu fragen. Er bekam die Antwort: Ilse ist nicht mehr bei uns. Sie ist zu ihrem Verlobten in die Schweiz gezogen, soweit wir wissen.“

 

Den ganzen Sommer über saß Bernhard zu Hause. Er trauerte. Seine Mutter machte sich Sorgen um ihn. Er hatte den Immatrikulationstermin für das kommende Semester versäumt. Er verbrachte auch den Herbst, dann noch den halben Winter in seinem Zimmer, ohne irgendetwas zu tun. Das einzige, worum er sich kümmerte, war ein Antrag auf Wehrdienstverweigerung, dem nach einigem Hin und Her zunächst mündlich stattgegeben wurde. Im Frühjahr schließlich raffte er sich dann doch auf. Er immatrikulierte sich endlich zum Sommersemester an der Uni in Frankfurt. Er suchte sich einen Platz in einer Wohngemeinschaft. ER begann begann, ohne Elan und ohne Ziel mit dem Studium.

 

III.

Das erste Semester hatte gerade angefangen. An einem späten Vormittag, als er von einer Vorlesung nach Hause kam, erwartete ihn eine Überraschung. Am Küchentisch in seiner WG saß eine junge Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. Er glaubte es nicht.

Ilse lächelte ihn vorsichtig an. Ein wenig ein wenig schuldbewusst vielleicht.
„Ich bin zufällig in Frankfurt. Ich habe gehört, dass du hier studierst. Die Adresse habe ich von Paul Plaun aus deiner Klasse. Ich wollte dich einfach mal besuchen.“

Bernhard fand seine Sprache nicht wieder, sah sie nur mit einer Mischung aus Verzückung und Erstaunen an.

„Freust du dich nicht?“, frage Ilse jetzt mit gespielt vorwurfsvoller Stimme. Dann reichte sie das Kind zu ihm herüber. „Ist er nicht süß?“
Bernhard hätte das Kind beinahe fallen gelassen. Es war schwer. Er erschrak. Er verstand noch immer nichts.
„Das ist Benno!“, stellte sie ihm den kleinen Jungen vor. Der hatte bisher mit ernsten, großen Augen im Zimmer herumgeguckt. Als er merkte, dass er nicht mehr bei seiner Mutter war, fing er an zu weinen. Ilse nahm das Kind zurück. Sofort war der Kleine wieder still.
„Wie geht es dir denn so“, fragte Bernhard jetzt anstandshalber.
„Ach ganz gut, ich bin jetzt mit dem Studium angefangen. Das ist etwas schwierig mit Benno, aber mein Mann hilft mir ganz gut.“
„Dein Mann!“, sonst sagte Bernhard nichts.
„Ach das ist ein ganz Netter. Er würde dir sicher gefallen“, plauderte sie drauf los. Dabei ließ sie das Kind ein wenig auf ihren Armen reiten. Der Junge jauchzte auf. Sie blickte – plötzlich innehaltend – Bernhard voll ist Gesicht.
„Wie geht es dir denn? Ich hoffe du hast mich vergessen können?“
„Wie kannst du das denken? Ich habe dich nicht einen Tag vergessen.“

Die Mitbewohnerin, die sich bisher am Herd zu schaffen gemacht hatte, murmelte etwas und verließ die Küche. Sie hatte wohl erst jetzt begriffen, wer Ilse war.
Sie waren allein. Sie schwiegen.

„Es tut mir leid“, sagte sie jetzt mit veränderter Stimme. „Es tut mir so unendlich leid“, wiederholte sie.
„Warum, Ilse. Ich verstehe es nicht!“.
Es kam keine Antwort.
Bernhard fing an, sich aus seiner Starre zu lösen.
„Ich mach mal Kaffee. Wir gehen dann mal rüber in mein Zimmer, ich glaube wir stören hier gerade“, sagte er gefasst.

Bis sie, die vollen Tassen durch den Flur balancierend, in seinem Zimmerangekommen waren, sagte keiner von beiden mehr ein Wort. Nur Benno krähte, weil er ein buntes Bild an der Pinnwand der WG entdeckt hatte.

Im Zimmer setzte sich Ilse auf einen Stuhl. Über der Lehne hingen Klamotten von Bernhard. Auch der Fußboden war voller Sachen, die eigentlich nicht dahin gehörten. Ilse sah sich um.
„Mein lieber Mann“, meinte sie ein wenig belustigt, „typische Männerbude“.
„Entschuldige.“ Bernhard beeilte sich, die Sachen wegzuräumen. Sich gegenübersitzend tranken sie schweigend den Kaffee.
„Benno wird müde, siehst du, ihm fallen schon die Augen zu. Ich lege ihn mal hier auf den Liegesessel, er muss schlafen.“
Sie stand auf, legte das Kind hin, suchte nach einem Tuch oder einer Decke, um es zu zudecken. Dann wartete sie noch ein paar Augenblick, nickte dann zufrieden und kam zu Bernhard zurück. Sie sah ihn unverwandt an. Irgendwann streckte sie schließlich den Arm nach ihm au. Sie berührte seine Schulter. Bernhard zuckte zusammen. Im nächsten Moment lagen sie sich in den Armen. Es war wie in ihren ersten, in den wildesten Tagen.
„Sei nicht so laut, das weckt den Kleinen auf“, flüsterte sie einmal. Sonst sprachen sie kein Wort.

Irgendwann wachte Benno auf. Er fing an zu lallen. Ilse zog ihre Sachen zu recht. Sie ging, um ihn zu holen.
„Ich muss übrigens den Zug am Hauptbahnhof um 17.03 kriegen“, erzählte sie. Dann Sie sah wie beiläufig auf ihre Armbanduhr.
„Au weia, das wird ja jetzt schon knapp! Ich glaube, ich muss mir eine Taxe bestellen, sonst schaffe ich das gar nicht mehr.“
Der Abschied kam so schnell für Bernhard, dass er überhaupt nicht reagieren konnte.
„Was wird denn jetzt aus uns?“, brachte er nur heraus.
„Ich schreibe dir, ich schreibe dir bald“, versicherte sie. Im selben Moment hörten sie schon die Taxe hupen. Ilse stürzte mit Benno auf dem Arm aus der Tür. Bernhard rannte hinterher. Er konnte nur noch sehen, wie sie in das Taxi stieg. Das fuhr sofort los. Die Fenster des Autos blendeten. Ihm war so, hätte sie noch gewinkt. Er blieb verwirrter denn je zurück.

In den nächsten Tagen war mit Bernhard nichts anzufangen. Seine WG Mitbewohner versuchten herauszufinden, was hinter dem merkwürdigen Besuch der jungen Frau steckte. Bernhard erzählte nichts.
Als am fünften Tag nach ihrem Besuch der Briefträger einen Brief von Ilse brachte, tat er so, als sei nichts weiter. Er schaffte es sogar, den Brief erst aufzumachen, als er wieder alleine in seinem Zimmer saß. Seine Hände zitterten.

‚Lieber Bernhard, Bernhard du meine unglückliche, glückliche Liebe!
Wie wunderbar war es mit dir. Ich hatte das beinahe schon vergessen. Wie konnte ich das vergessen. Ich bin eine Idiotin, dass ich ihn geheiratet habe. Doch nun ist das Kind da. Es ist nicht mehr zu ändern. Oder siehst du das anders?

Ich habe mir was überlegt. Vielleicht geht das:
Mein Mann ist Handwerker. Er ist eigentlich den ganzen Tag unterwegs. Ich schaffe es kaum, meinen Alltag hinzukriegen mit Uni und Kind. Kochen muss ich ja auch noch. Ich brauche Hilfe, sagt er. Er ist sehr nett zu mir. Er möchte nicht, dass ich leide oder dass es mir schlecht geht.
Wenn ich ihm nun erzählen würde, ich hätte dich zufällig wieder getroffen. Du würdest – genau wie ich vor ein paar Jahren – auf den Beginn deines Studiums warten, also mehr oder weniger beschäftigungslos zu Hause rumsitzen. Da wäre mir die Idee gekommen, dass du eigentlich auch bei uns, in der Schweiz warten könntest. Kurz und gut, was hieltest du davon, wenn ich ihm sagen würde, ich hätte dich gefragt, ob du Lust hast, bei uns als Kindermädchen, also sozusagen als Kindermann, einzuziehen, um dich um den Kleinen zu kümmern- sagen wir, als so ne Art Au pair. Ein Zimmer hätten wir. Das Geld haben wir auch. Er verdient ganz gut mit seinem Elektrozeug. Wie findest du die Idee?

Dann, Liebster, dann könnten wir Feste zusammen feiern. Wir hätten unendlich viel Zeit für uns. Benno ist noch so klein, der wird nicht begreifen, was los ist. Mein Mann, der ist so verliebt in mich, ich glaube, der würde sich das überhaupt nicht vorstellen können.

Also was meinst du? Du kannst doch dein Studium mal aussetzen für ein paar Wochen? Vielleicht ein Semester oder so.
Ich finde die Idee herrlich. Ich würde mich so freuen!“

Der Brief war mit „Deine Ilse“ unterschrieben. Hinter dem letzten Wort standen drei Ausrufezeichen. Als Absender war angegeben: Ilse Hützli.

Bernhard musste sich setzen. Er brauchte lange, um überhaupt zu begreifen, was sie da geschrieben hatte. Kurz verfinsterte sich sein Gemüt, als er sich die Rolle vorstellte, die Ise ihrem Mann zugedacht hatte. Der tat ihm leid. Andererseits, warum auch hatte er ihm Ilse weggeschnappt?

Und dennoch: So was war ja gar nicht möglich! Am liebsten hätte er jetzt alle nur möglichen Schwierigkeiten aufgelistet, die ihn daran hindern würden, Ilse den Wunsch zu erfüllen: Seine Mutter wäre mit Sicherheit entsetzt. Dann müsste er sehen, wie und ob er dann am Semesterende Prüfungen ableisten könnte. Überhaupt, konnte man wirklich als Mann so etwas machen, Kinder hüten?

Ihr Brief mit diesem irrsinnigen Vorschlag lag verführerisch in seiner Hand. Er brannte sich dort regelrecht ein. Er kämpfte, aber er wusste längst, dass er sich geschlagen geben würde.

Seiner Mutter sagte er, er besuche eine alte Freundin übers Wochenende in der Schweiz. Sie hätte vor einigen Monaten ein Kind bekommen. Das wollte er sich ansehen. Dass er dann wohl länger blieben würde, das könnte er ihr immer noch schreiben.
An Ilse schrieb er nur das Datum sowie die Ankunftszeit seines Zuges. Ilse schrieb postwendend zurück, sie würde am Bahnsteig stehen.

 

 

IV

Es war eine lange Fahrt. Trotzdem verging für ihn die  die Zeit schnell. Dann fuhr der Zug ein.

Während der Zug noch rollte, sah er sie bereits am Bahnsteig stehen. Bei ihr war ein Mann. Bernhard erschrak. Das musste er also sein. Klar, dass er ihm begegnen hier würde, sozusagen auf Schritt und Tritt.
Ilses Augen funkelten, doch sie gab ihm nur freundlich die Hand. Dann wies sie auf den Mann an ihrer Seite.
„Das ist Ernst. Er hat es sich nicht nehmen lassen, dich mit abzuholen. Er ist so gespannt, wie ein männlicher Babysitter aussieht.“
Bernhard schluckte ein wenig. Er reichte dem anderen Mann die Hand. Ernst schüttelte sie herzlich.
„Das war eine gute Idee von meiner Frau, dass sie hier bei uns die Zeit überbrücken können. Man vertraut sein Kind ja doch lieber jemandem an, den man dem man vertrauen kann.“
Bernhard erhaschte Ilses Blick. Die lachte zu diesen Worten  unbefangen. Sie schien zu allem entschlossen.
„Waren Sie denn schon mal in der Schweiz, Herr Enders?“, fragte Ernst unbekümmert weiter.
„Nein, noch nie, ich bin sehr gespannt“, antwortete Bernhard erleichtert. Ilse griff nach dem Bügel des Kinderwagens.
„Kommt Leute, wir sollten hier nicht ewig stehen bleiben. Kommt. Ich denke, wir gehen erst mal nach Hause. Da können wir da ja noch weiter plaudern über die Schweiz zum Beispiel und darüber,  was du so erwartest, Bernhard.“
Sie liefen los. Bernhard folgte Ilse wie in einem Trancezustand.

Die Wohnung war in der Nähe des Bahnhofs. Sie konnten also laufen. Bernhard nahm die Straßen und Gebäude der fremden Stadt wie im Traum wahr. Ilse erklärte dieweil munter, wo genau sie sich jetzt befänden, wohin es zur Uni ginge, wo die Werkstatt von Ernst wäre, welche berühmten Leute auf dieser oder jener Straße  schon gewohnt hätten. Die Männer folgten ihr beide ohne viel zu sagen. Irgendwann bogen sie in eine kleine, etwas ruhigere Nebenstraße ein. Bernhard bemerkte gepflegte duftende Vorgärten hinter Steinmäuerchen. Dann endlich waren sie da.
Ilse wohnte in einem Mehrfamilienhaus im 2. Stock. Als es darum ging, den Buggy die Treppe hochzutragen, packte Bernhard sofort zu. Damit war für alle klar, was hier seine Aufgabe sein würde. Ernst lachte. Er lobte seine Tatkraft.
„Das mach sonst immer ich. Für euch junge Leute ist das ja ein Kinderspiel, stimmt’s? Ich merk‘s schon manchmal im Rücken, wenn ich den Wagen schlepp. Das kommt auch vom vielen Stehen bei der Arbeit.“
Bernhard versicherte, er mache das gerne. Sicherlich würde Ernst den Wagen mit derselben Leichtigkeit nach oben bringen können, wie er, betonte er freundlich.  Er sei doch überhaupt noch gar nicht alt!“
„Nun ja, 10 Jährchen älter als Sie werde ich schon sein, oder?“ Ernst richtete diese Frage an Ilse, die ein wenig zusammenschrak. „Ja, Bernhard, wie alt bist du inzwischen“, fragte sie leichthin über die Schulter. Sie lief voran, mit dem Kind auf dem Arm. „Ich bin jetzt 21“, gab der etwas kleinlaut zurück.
„Tja, das waren noch Zeiten!“, seufzte Ernst.
„Komm, was soll das denn, du bist doch nicht alt, Ernst!“ schüttelte auch Ilse jetzt den Kopf. Sie sah sich ein wenig tadelnd nach ihrem Mann um. Ernst kam als letzter hinter Bernhard die Treppe hinauf. Dann schloss sie die Wohnungstür auf. Alle standen mit einem Mal in dem kleinen Flur. Bernhard streifte den Arm von Ilse, als er ihr seine Jacke gab, die sie an die Garderobe hängen wollte. Er spürte, wie auch sie zusammenzuckte.

„Kommen Sie hier herein“, bot Ernst jetzt an. „Ich glaube, Ilse macht uns erst mal einen guten Kaffee, oder, Ilse? Ich setze mich mit unserem Gast schon mal in die Stube.“

Da saß Bernhard für die nächsten zwei Stunden, lauschte den Fragen und Erzählungen von Ernst. Auch denen von Ilse. Er trank Kaffee, probierte die Obsttorte, die extra wegen seiner Ankunft gekauft worden war. Er versuchte, allen und allem gerecht zu werden. Auf die Aufforderung von Ilse hin, nahm er das Kind auf den Schoss. Er bemühte sich, mit ihm ein bisschen zu spielen. Benno zeigte heute durchaus Interesse an Bernhard. Er wollte unbedingt seine Nase anfassen, worauf hin alle lachten.
Bernhard war froh, als das Kind wieder die Arme nach Ilse ausstreckte.

„Ihr werdet sicher gut klarkommen, das sieht man schon“, sagte Ernst mit zuversichtlicher Mine.
„Wir haben Ihnen doch noch gar nicht Ihr Zimmer gezeigt“, fiel ihm jetzt ein. Alle standen auf. Sie führten Bernhard in einen kleineren Raum am Ende des Flures. Er sah: ein Bett, ein Schreibtisch, ein Schrank, ein paar Stühle. An der Wand hingen Fotos aus der Stadt, in der er Ilse kennen gelernt hatte. Es waren die Orte, wo sie gesessen hatten in jenem vergangenen Sommer: Bilder aus dem Kurpark, ein Blick vom Taunusrand aus über den kleinen Weinberg auf die Stadt hinunter, das Café am Rathaus, wo sie zum ersten Mal gesessen hatten… . „Na gefällt es dir?“, wollte sie nach einer kleinen Pause wissen. „Gefallen dir die Fotos?“, schob sie hinterher.
„Sehr schön“, stieß er heraus. „Gemütlich. Ein schöner Blick auf die Bäume hinter dem Haus. Danke, dass ihr euch so viel Mühe gemacht habt, auch mit den Bildern meine ich.“
„Ach, das hat alles Ilse gemacht. Ich habe ja überhaupt kaum Zeit für solche Dinge. Heute ist eine Ausnahme, da habe ich mir freigenommen. Sonst sieht mich Ilse leider viel zu selten, nicht wahr Schatz?“ Ernst drehte sich zu Ilse um. Er legte seinen Arm um ihre Schultern. Die stand etwas steif da, beugte sich dann zu ihm hin,  gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Stimmt schon Ernst. Da kann man wohl nichts machen. Wir sind noch in der Aufbauphase des Betriebes, weißt du“, sie wandte sich erneut an Bernhard. Wenn es einmal richtig gut laufen wird, dann hat Ernst sicher wieder viel mehr Zeit für Benno und mich.“

 

Erst am nächsten Vormittag sah er Ilse allein. Sie hatten zu dritt gefrühstückt. Ilse hatte allerhand erzählt, was Benno, seine Pflege, sein Essenbetraf, wie man ihn am besten beschäftigen und bei Laune halten könnte. Bernhard versuchte sich als gelehrigen Schüler. Als Ernst sich verabschiedete, um zu seiner Arbeit zu fahren, kündigte Ilse an, sie würden jetzt erst mal üben, wie man Benno wickelt und ihm sein Essen zubereitet. „Heute Abend können wir dir von unseren Fortschritten erzählen“, rief sie ihm in den Flur nach.

Als die Wohnungstür hinter ihm zugeschlagen war, standen beide da wie angewurzelt. Nach ein paar Augenblicken, in denen man den Straßenlärm von der Hauptstraße bis hier hören konnte, fragte Ilse: „Soll ich es dir jetzt zeigen?“ „Was,“ fragte Bernhard atemlos. „Na das Wickeln und so.“ „Ja sicher“, meinte er unsicher. Dann stürzten sie auf einander zu. Sie hielten sich fest umklammert.
„Du bist verrückt“, sagte er schließlich. Dann mussten sie beide lachen, sie schütteten sich aus vor Lachen. Benno kreischte. Schuld bewusst wandte Ilse sich ihrem Sohn zu. Sie nahm ihn hoch. „Komm, setzt dich, erzähl mal, wie es dir so ergangen ist im letzten Jahr. Wir müssen warten, bis Benno wieder schläft.“ Sie zog ihn neben sich auf das Sofa. Während sie mit einer kleinen hölzernen Glocke spielten, die Benno großen Spaß machte, genossen beide die Enge und Vertrautheit ihrer Körper, die immer dichter aneinander rückten.

Irgendwann wurde Benno tatsächlich gewickelt, bekam seinen Brei.  Bernhard schaute mit Ernst und Eifer zu. Dann lag der Kleine in seinem Bettchen, das im Kinderzimmer stand.
„Wir versuchen gerade, ihn daran zu gewöhnen, dass er alleine schläft, also nicht bei uns im Bett. Mal sehen, ob es heute klappt.“
Der Junge war offenbar von all den neuen Eindrücken, besonders von Bernhard, ziemlich erschöpft. Er schlief recht bald ein.

Ganz leise ging Ilse auf Zehenspitzen aus dem Kinderzimmer, den Finger auf dem Mund. Sie deutete Bernhard an, ihr zu folgen. Sie verharrte noch kurz an der Tür, dann schloss sie sie ganz vorsichtig. Noch einmal blieb sie hinter der Tür stehen.  Sie lauschte. Dann dreht sie sich um und zog Bernhard in das Schlafzimmer, das er bisher noch nicht zusehen bekommen hatte. Sie stürzten übereinander auf das bereits gemachte Ehebett. Verzweifelt vor Glück wälzten sie sich  um einander. Er brauchte einen Moment, um zu vergessen, unter welch wahnsinnigen Umständen sie hier lagen. Dann ging die alte Welt unter. Sie durchkreuzten zusammen ein Land voller Sonne und Feuer.

„Meine Güte“, stöhnte Ilse, als sie wieder entspannt nebeneinander lagen. „Weißt du, ich habe so oft nachts wach gelegen und davon geträumt.“
„Ich liebe dich“, es fiel ihm nichts Besseres ein.

Sie lagen da, voller Glückseligkeit, erschöpft, erhitzt, zufrieden. Bis Ilse plötzlich hochfuhr.
„Ich glaube Benno ist wieder wach. Bleib du hier, ich muss nach ihm schauen. Oder besser, zieh dich auch wieder an, ich weiß nicht, wie weit wir vor so einem kleinen Kind gehen können.“ Sie war wieder ganz die Praktische.

Bernhard blieb eine Zeit unbewegt auf der Bettkante sitzen. In seinem Kopf schlugen die Gefühle um sich. Erst nach ein paar Minuten kam er, wieder angezogen, aus dem Schlafzimmer und gesellte sich zu Mutter und Sohn. Die saßen auf dem Teppich. Sie schäkerten mit einem Kuscheltierbären.

„Mann!“, sagte Benno, und zeigte auf Bernhard.
„Das ist Bernhard, der bleibt jetzt bei uns. Bernhard wird mit dir spielen, wenn Mama zur Uni muss.“ Ob Benno diese Verheißung nicht verstanden hatte oder ob er von dieser Aussicht nicht sonderlich begeistert war, jedenfalls verzog er sein Gesicht und fing an zu weinen.
„Lass uns einen Spaziergang machen! Heute muss ich nicht zur Uni.“

 

 

V

Seiner Mutter hatte Bernhard geschrieben, er könne noch nicht weg. Die Mutter des Kindes hätte in einigen Monaten ihr Vorphysikum und da bräuchte sie gerade jetzt Unterstützung.
„Heißt die Mutter Ilse“, fragte seine Mutter zurück. Er konnte es ihr nicht länger verheimlichen. „Willst du denn nicht studieren?“
„Doch, aber nicht im Moment.“
„Das Kreiswehrersatzamt hat geschrieben, sie wollen dich doch einziehen. Dein Antrag auf Wehrdienstverweigerung ist nicht akzeptiert worden.“
„Das kann nicht sein. Sie hatten mir doch gesagt, dass alles in Ordnung ist. Da muss was schiefgelaufen sein. Kannst du dich nicht darum kümmern, Mama?“
Sie sagte es zu.

 

In Bern war inzwischen der Alltag eingekehrt.
Bernhard hatte sich an seine Aufgaben als Babysitter gewöhnt. Mit dem Kleinen kam er gut zurecht. Ernst hatte ihm das Du angeboten. Sie verstanden sich von Mann zu Mann gar nicht schlecht.

Ilse studierte fleißig. An ihren freien Terminen blieb sie bei ihm. Wenn sie nicht im Bett lagen, gingen sie mit dem Kinderwagen durch die Stadt. Ilse zeigte ihm ihre neue Heimat. Sie saßen Nachmittage lang am Strandufer der Smaragd farbenen Aare. Dort waren viele Leute. Sicher hielten alle sie für ein Paar. Oder sie tranken auf der Münsterterrasse Kaffee und sahen den ersten Schritten von Benno zu. Der Sommer in Bern kam Bernhard vor wie ein eigens für ihn bestellter Traum. Die Stadt schien ihn zu mögen. Alles hier fiel ihm leicht hier, alles machte ihm Freude.

An den Wochenenden unternahm die Familie zusammen mit dem Babysitter kleine Ausflüge in die Berge. Die beiden Liebenden genossen diese Zeit, in der sie ihr Geheimnis zwar hinter einer freundschaftlichen Fassade verstecken mussten, ihre Sehnsucht sich dabei wieder aufladen konnte. Die Werktage jedoch gehörten ihnen bis zum meist späteren Abend, wenn Ernst heimkam. Er saß dann erschöpft am Abendtisch, während er sich mit Vergnügen von Ilse die kleinen Streiche und Fortschritte des Sohnes erzählen ließ.
Bernhard war im Frühjahr gekommen. Als der Herbst begann, war er immer noch in Bern.

Ihre Liebe hatte inzwischen etwas Selbstverständliches angenommen. So kam es, dass jetzt manchmal heikle Situationen passierten, bei denen sie sich fast verraten hätten. Sie wurden unvorsichtig. Auch der kleine Benno war nun nicht mehr ganz so klein. Manchmal plauderte er in seiner noch sehr unverständlichen Kindersprache so manches daher, was Misstrauen bei Ernst hätte erwecken können. Doch Ernst war vor allem froh, dass es seiner Frau mit der Unterstützung von Bernhard offensichtlich wieder gut ging. Ilse lag ihm jetzt nicht mehr jeden Abend in den Ohren, dass sie mit all dem alleine nicht fertig würde. Er war dafür dankbar. Mehr kam ihm nicht in den Sinn.

Nur einmal runzelte er die Stirn, als sein Sohn beim Frühstück zu ihm auf den Schoß geklettert kam und zu seinem Vater sagte:
„Bussi machen, komm Papa, Bussi machen, wie Onkel Berni und Mama!“ Die im Zimmer anwesenden drei Erwachsenen sahen auf, zwei hielten die Luft an. Ernst schaute verdutzt drein. „Was, Mama macht mit Onkel Berni Bussi?“, fragte der dann scheinbar belustigt.
„Berni gibt Benno Bussi, das meinst du doch“, sagte Ilse mit lächelndem Gesicht zu ihrem Sohn, nahm ihn in die Arme, wirbelte ihn durch die Luft, so dass von dem nun folgenden Protestgeplauder des Kindes nichts mehr zu verstehen war. Ernst lachte. Bernhard versuchte, möglichst belanglos zu gucken.
„Bring meinem Sohn keine Schandtaten bei, hörst du. Mit Männern küsst man sich doch nicht, Junge!“, scherzte er. Er küsste sein Kind. Dann stand er auf, um ins Bad zu gehen. Die Frühstückssituation löste sich auf. Sie hinterließ zumindest bei Ilse und Bernhard weiche Knie.

Ilse musste mit Benno zur Vorsorgeuntersuchung zum Kinderarzt Der Termin lag schon länger fest. Bernhard würde sie natürlich begleiten. Kurz bevor sie losziehen wollten, rief jemand vom Studentenbüro an um mitzuteilen, dass bei Ilse die Zahlung der Studiengebühren offensichtlich nicht rechtzeitig erfolgt sei. Ilse verstand das nicht, denn sie hatte die Zahlung schon vor Wochen vorgenommen. „Am besten kommen Sie mit ihren Bankunterlagen mal, Frau Hützli, dann können wir das schnell aus der Welt schaffen. Am besten kommen Sie gleich, denn heute ist der letzte Tag.“ Deshalb habe sie auch angerufen, meinte sie noch.

Das Studentenbüro lag auf dem Weg zum Kinderarzt. Deshalb beschlossen sie, dass Ilse Kurz dort hinein gehen würde. Bernhard wollte schon mal vorlaufen. Sie käme ja gleich hinterher.

Beim Kinderarzt meldete Bernhard sich bzw. Ilse und Benno an. Er wurde aufgefordert, noch im Wartezimmer Platz zu nehmen. Dort saßen einige Mütter mit kleinen Kindern. Fast alle sahen angenehm überrascht auf, als ein junger Mann mit Kind dazu stieß. Sie kamen ins Gespräch. Eine der Frauensagte:
„Da hat ihre Frau ja wirklich Glück, dass Sie das hier so selbstverständlich übernehmen. Das würde nicht jeder Mann tun.“
„Ich bin nicht Bennos Vater, ich bin sozusagen der Aupair-Junge der Familie“, erklärte Bernhard. Es war ihm sichtlich peinlich.
„Na sowas“, sagte eine andere der Frauen, „dabei hätte schon beinah gesagt, da sieht aber jemand dem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich!“
„Ach, das kann man bei Kindern doch eigentlich erst viel später wirklich sehen“, sprang ihm eine der jungen Frauen zu Hilfe, denn sie sah, dass Bernhard rot geworden war. Das Gespräch verstummte für eine Zeit.

Als Ise hereinkam, erzählte sie Bernhard, wie das Problem mit den Studiengebühren gelöst worden war.  Sie bemerkte erst nach ein paar Minuten, dass alle sie anstarrten. Schließlich wurde Benno mit seiner Mutter hereingerufen. Ilse gab Bernhard einen Wink, mitzukommen.

Während der Vorsorgeuntersuchung saß er etwas abseits der Szene und wartete. Sein Stuhl stand neben dem Tisch des Arztes. Dort lagen die Karteiunterlagen von Benno. Geboren 7. August 1965, las er. Er hatte bisher nie darüber nachgedacht.
Als die Untersuchung zu Ende war, verließen sie die Praxis. Sie gingen wie immer, zu dritt nach Hause.

Abends lag Bernhard in seinem Bett. Das Paar war nebenan. Er konnte mal wieder hören, wie sie mit einander schliefen. Es dauerte nicht besonders lange. Er hörte Ilse stöhnen, ein wenig nur, sehr unterdrückt. Trotzdem musste sich die Ohren zuhalten.

Wie war dieser Mann eigentlich in Ilses Leben getreten?
Zum ersten Mal dachte Bernhard ernsthaft über die damaligen Umstände nach. Wann hatte Ilse eigentlich angefangen, sich zurückzuziehen? War das im November gewesen oder erst im Januar? Er war damals so in seine Abitur-Vorbereitungen eingespannt gewesen, dass er sonst nicht viel mitbekommen hatte. Das Geburtsdatum von Benno fiel ihm ein. Er wagte es, zu rechnen. Wenn Benno Anfang August im letzten Jahr geboren war, dann müsste er ja schon im November gezeugt worden sein. In der Zeit waren sie doch noch richtig zusammen? Wie konnte das sein?
Damals war ja schon der Wurm drin, fiel ihm ein, damals hatte es ja angefangen, damals war sie doch schon so merkwürdig. Also hatte sie in der Zeit schon den Anderen. Warum bloß? Hatte sie vielleicht das Gefühl, er vernachlässige sie? War sie deshalb diese andere Beziehung eingegangen? Vielleicht bestand die Beziehung zu Ernst auch schon länger . Dann war er nur eine kleine Abwechslung für sie gewesen, ein Zeitvertreib, bis sie endlich ihre eigentlichen Pläne würde umsetzen können.
Bernhard musste sich aufsetzen. Er starrte in die Dunkelheit. Das gleichmäßige Schnarchen von Ernst drang jetzt durch die Wand. Bernhard bekam plötzlich Magenschmerzen. Wie war das gewesen? Aber ja, von Schweizer Freunden, zu denen sie ziehen wollte, hatte sie doch vom ersten Tag ihrer Beziehung an schon gesprochen. Es gab ihn also schon vorher. Sie hatte gewusst, dass sie am Ende zu ihm gehen würde. Vielleicht war ja Ernst im Herbst aus der Schweiz zu Besuch gekommen. Sie hatte damals nichts dergleichen gesagt. Doch er hatte es gespürt, dass da etwas zwischen ihnen war. Irgendwann im Frühjahr hatten sie sich ja auch kaum noch gesehen. In der Zeit seiner Abi-Prüfungen.
Bernhard wälzte sich unruhig im Bett. Wie konnte sie so etwas tun? Ihn dann später einfach wieder herholen und dann ihren Mann betrügen, dass konnte sie ja schließlich auch, dachte er bitter.

Bernhard wurde diese Gedanken nicht mehr los. Er wurde zunehmend zänkisch ihr gegenüber. Sie wunderte sich erst, fing dann aber auch an, an ihm herumzunörgeln. Im Bett ging es noch leidlich. Dennoch,   insgesamt war die Lage vergiftet.
Schließlich nahm er sich vor, sie zur Rede zu stellen. Es fiel ihm schwer, denn sie war verführerisch wie immer.
„Sag mal, hattest du damals schon was mit Ernst, als wir noch zusammen waren?“, fragte er einen Vormittag, als sie alleine waren. Es sollte möglichst beiläufig klingen.
Ilse schwieg. Er sah sie prüfend an. Sie war völlig erstarrt.
„Was ist los? Also doch?“ Er blickte jetzt verärgert aus dem Fenster. Es entging ihm, dass sie weinte. Weil sie nichts sagte, platzte es schließlich aus ihm heraus:
„Und mich hattest du dir also nur mal so als Gelegenheitsablenkung zugelegt, oder? Ein netter kleiner Junge, der keine Ahnung hat. Dem kann man  mal so richtig zeigen, wie die Liebe geht.“
Bernhard starrte Ilse verbittert an. Er war verletzt.

„So war es nicht“, sagte sie tonlos. Jetzt sah er ihre Tränen.
„Wie war es denn?“
„Ich habe dich immer geliebt, Bernhard. Das müsstest du doch wissen“, schluchzte sie.
„Warum dann hast du dir dann diesen Schweizer Typen angelacht, während wir beide zusammen waren.“
„Was sollte ich denn tun?“.Sie schluchzte wieder auf. Dann sah sie ihn erwartungsvoll an.
„Nur weil ich keine Zeit hatte damals, wegen meinem Abi-Stress?“
Jetzt sprang sie auf. „Ach“, sie schrie es fast, brach sofort wieder ab.
„Es hat einfach keinen Sinn, Bernhard. Was soll ich machen?“
Er wusste keine Antwort. Schließlich verstand er die Frage ja gar nicht.

Wenige Tage später erhielt Bernhard Post vom Wehrdienstersatzamt. Es war eine Einberufung. Er rief sofort seine Mutter an. Er war wütend.
„Ja“, sagte sie, „ich habe mit dem Offizier gesprochen, damals kurz vor deinem 21. Geburtstag. Du warst ja nicht hier. Er hat den Antrag abgelehnt. Junge, das muss doch mal ein Ende haben!“ Ihre Stimme klang flehend.
Er hasste seine Mutter.
Als er Ilse die Sache erzählte, sah die ihn lange an. Dann sagte sie nur:  „Richtig, irgendwie muss es ja mal ein Ende haben.“

Er packte seine Sachen, fuhr zurück nach Deutschland und trat den Wehrdienst an.

Von Ilse hörte er kein Wort mehr. Er versuchte sie mit aller Gewalt zu vergessen.
Bekannte, die mit ihm zusammen eingezogen worden waren, erzählten, dass er schrecklich viel tränke. Bei jedem Gepäckmarsch bäte er um die schwersten Gepäckteile und liefe dann damit wie ein Irrer los.
Als er nach 18 Monaten zurückkam, war er sichtbar älter geworden. Er sah mitgenommen aus. Man sah es ihm an, dass er trank. Seine Mutter nahm ihn wieder auf. Wieder musste sie zusehen, wie ihr Sohn seine Tage mit Grübeln, Trinken und Nichtstun zubrachte. Der Name Ilse fiel zwischen den beiden nie mehr.

Bernhard gab irgendwann den Bitten seiner Mutter nach. Er immatrikulierte sich erneut zum nächsten Semester an der Uni. Er tat das unlustig, einfach nur, damit irgendetwas passierte.
Es waren die 68er Jahre. Die die politischen Ereignisse und Aktivitäten lenkten ihn ein wenig ab. Bernhard kehrte ins Leben zurück. Er versuchte, zurecht zu kommen, soweit, wie es möglich war.

 

„Hey, du, stehst du eigentlich unter Naturschutz?“, fragte ihn eines Tages eine Kommilitonin. Er kannte sie von einer politischen Aktion. Sie waren zusammen in einem Seminar und sahen sich fast täglich. Sie war nett. Auf den Gedanken, mehr von ihr zu erwarten, war er nicht gekommen.
„Ne, wieso“, fragte er erstaunt, beinah belustigt.
„Wie schön“, sagte sie. Sie lachte ihn an. Ich würde gerne mal anfragen, ob in deinem Leben noch ein bisschen Platz ist, zum Beispiel für mich.“

Bernhard staunte. Sie zog ihn mit sich in die Mensa.
Das Leben fing wieder an, ein bisschen zu leuchten.

 

 

Februar 2016

 

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