Das Marienkind -Fortsetzung


Als der Morgen dämmert, steht er auf. Sie ist endlich eingeschlafen.

Die Wachen haben niemanden gefunden. Alle Tore waren bewacht oder verschlossen. Auf dem Hof rotten sich die Leute zusammen. Ein bedrohliches Murmeln erhebt sich aus der Menge. Er hört es durch die Fensterscheiben hindurch.

Er küsst sie auf die Stirn. Ihr Gesicht ist eingefallen. Sie stöhnt im Schlaf.

Er geht durch die Flure. Die Dienerschaft tuschelt. Er hört das Wort ‘Hexe’. Er geht weiter, geht vor das Schloss, bleibt auf der Treppe stehen. Die Leute verstummen.

“Sie ist die Königin”, sagt er mit leiser, scharfer Stimme. “Sie hat viel Leid erlebt, sie hat Feinde. Diese Feinde haben unser Kind gestohlen. Sie kann nichts dafür. Ich liebe sie. Keiner krümmt ihr ein Haar”. Er wendet sich ab und geht zurück.

Die Leute gehen schweigend auseinander. Keiner wagt es, aufzumucken.

 

Die Zeit verging. Die Soldaten des Königs fanden das Kind nicht. Es blieb verschollen.

Marie erholte sich nur sehr langsam. Viele Monate lag sie krank und geschwächt in ihrer Kammer. Keiner zeigte ihr gegenüber Ablehnung oder Misstrauen, aber sie spürte die Scheu der Menschen, die abrückten von ihr.

Nur ihr Mann kam täglich, brachte ihr Blumen und Früchte, versuchte, sie mit lustigen Geschichten zu erheitern, zeigte ihr seine Liebe auf alle erdenkliche Weise. Aber auch seine Liebe hatte sich verändert, hatte ihre heitere Arglosigkeit eingebüßt und war einer fast verbissenen Zärtlichkeit und Sorge gewichen.

Und oft, wenn er alleine war oder wenn er glaubte, Marie schliefe, murmelte er vor sich hin: “Warum?”

Aber das hatte sie ihm nicht sagen können. Sie wusste es selber nicht, wusste nur, dass der drohende Schatten ihres Hasses und ihrer Macht also doch nicht aus ihrem, Maries, Leben gewichen war und jetzt nicht nur sie selbst, sondern auch alles das bedrohte, was sie liebte.

 

Als der Sommer kam, nahm er sie mit auf eine Reise, gut eingepackt und in Begleitung eines halben Dutzend Ärzte. Er fuhr mit ihr in den Wald ihrer Kindheit und er hatte sich nicht geirrt: Hier kam sie zu Kräften, verlor ihre Todesblässe, hier glitt das erste Lächeln wieder über ihr Gesicht, hier gewann sie ein Stück ihres Lebensmutes wieder. Zwischen den hohen Stämmen im Unterholz spielten sie wie die Kinder. Und allmählich versöhnte Marie sich wieder mit der Welt und mit ihrem Schicksal.

 

* * *

 

Als es erneut Gewissheit war, befiel sie eine namenlose Furcht.

Auch der König erschrak vor Freude und vor Angst. Er verstärkte die Soldatenreihen, ordnete doppelte Wachen an, vergitterte die Fenster auf der Seite des Schlosses, auf der die Schlafgemächer lagen.

Marie ging es schlecht. So sehr sie sich vornahm, fröhlich zu sein und ihm ihren Mut zu zeigen, so wenig gelang es ihr. Sie kam fast um vor Sorgen und den ganzen Tag sann sie auf irgendwelche Auswege, sich und ihr neues Kind zu retten.

Und wenn die Sorge sie nicht im Griff hatte, fühlte sie ihren erschöpften Körper, der schwer und kurzatmig wurde. Die Übelkeit verließ sie keine Stunde, ihre Beine schmerzten, der Magen brannte. Sie ersehnte das Ende dieser Qual und fürchtete doch nichts mehr als den Tag, an dem das Kind geboren sein würde.

Und als sie nach schwerer, langwieriger Geburt alleine im Bett lang, in der hell erleuchteten Kammer, das Kind neben sich, vor Angst zitternd, trat sie doch wieder ein, als gäbe es keine Riegel und keine Wachen, stand auf einmal da und blickte mit hoheitsvoller, selbstgerechter Strenge auf Marie. Die Amme, die mit ihr im Zimmer schlief, lag in ihrem Bett wie tot und rührte sich nicht.

Und wieder schwieg Marie verbissen, als die Fürstin ihre bohrende, anklagende Frage stellte. Und wieder musste sie ohnmächtig zusehen, wie jene weiter ihr Leben zerstörte, ihr das zweite Kind nahm und mit der Überzeugung, eine gerechte Strafe ausgeteilt zu haben, mit ihm davon ging. Und wieder brach über ihr und dem König die Welt zusammen.

Diesmal war es viel schwieriger, die Leute zu beruhigen. Noch Wochen lang hörte man am Hof und im Land Gerüchte über verhextes Vieh, über Missgeburten, die die Königin herbeigezaubert hätte, über einen Fluch, der sie bestrafe und mit ihr das ganze Land. Der König ließ jeden ins Gefängnis werfen, der einen Argwohn gegen die Königin aussprach.

Es dauerte diesmal lange, bis Marie sich erholt hatte. Und als sie endlich aufstehen konnte, ängstigte sie sich, über die Flure zu gehen und den Leuten ins Gesicht zu sehen. Ihr Glück schien vergiftet. Sie hatte das zweite Kind verloren, das Kind, das sie so viele Monate unter großen Anstrengungen und Beschwerden ausgetragen hatte, das sie liebte, wie eine Frau nur ein Kind lieben kann, dass ihr alle Kräfte abverlangt hat und dann auf einmal da ist und so hilflos und vertrauensvoll in ihren Armen liegt, als gehöre es nur hier hin, an diese Brust, ein Leben lang.

Marie dachte an ihre Mutter. Die würde sie sicher verstanden haben. Sie hatte selber ein Kind verloren. Sie würde wissen, was das bedeutet, würde wissen, dass es fast ein kleiner Tod ist, ein Kind zu verlieren, das einen noch gebraucht hätte, so sehr gebraucht. Sie hatte geweint, so erzählte der Bruder, lange hatte sie geweint und war vor Trauer gestorben.

Wie hatte sie damals bei ihrem Bruder geweint, als er es erzählt hatte! Warum nur war der König böse gewesen damals? Es fiel ihr nicht mehr ein.

Marie trauerte wegen ihres verlorenen Kindes.

Aber das Schlimmste für Marie, das, was ihr am meisten Angst machte und Hoffnungslosigkeit in ihr Herz trieb, das waren seine Zweifel. Er hatte angefangen, ihr nicht mehr vollständig zu glauben, nicht mehr an sie zu glauben. Sie sah es in seinen Augen. Er kämpfte dagegen an, er wollte an seine Frau glauben, er wurde böse und wild, wenn er auf einen traf, der an ihrer Unschuld nur den geringsten Zweifel hatte. Aber es fraß beständig in ihm weiter und sie fühlte es und sah es.

 

Als sie erneut ein Kind erwartete, überlegte sie wochenlang, ob sie nicht besser wieder in die Wälder fliehen sollte, bevor es zu spät wäre, dorthin, wohin ihr die Feindin nicht gefolgt war. Wenn die Eltern noch leben würden! Dorthin würde sie fliehen, dort wäre sie in Sicherheit! Und flüchtig erschien vor ihrem inneren Auge wieder das Bild, das Bild einer weinenden Frau, die ihrem Kind nachsah, dass von einer anderen Frau mit einer Kutsche weggebracht wurde. ‚Auch meine Mutter hatte ein Kind verloren. Sie könnte mir sicher nachfühlen, was mir angetan wurde’, dachte Marie immer wieder. Aber irgendetwas an diesem Gedanken verwirrte sie. Natürlich, die Eltern waren tot. Aber das war es nicht. Aber hatte ihre Mutter denn ihr Kind so verloren wie Marie? War es ihr tatsächlich auch entrissen worden? Hatte sie es nicht selber fortgeschickt? Marie streifte ein kalter Hauch. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie wischte den Gedanken fort. Er tat weh.

‚Die Fürstin hat mein Leben zerstört von Anfang an und sie hört nicht auf damit, bis ich zu Kreuze krieche oder vollständig vernichtet sein werde’, dachte sie verstört. Was sollte, was konnte sie tun? Auf jeden Fall könnte sie in den Wald ihrer Kindheit fliehen. Dort fühlte sie sich immer sicher, dort war sie beim letzten Mal gesund geworden, dorthin würde die Fürstin ihr nicht folgen.

Aber der König erriet ihre Gedanken und flehte sie an, zu bleiben. Und für einige Zeit blühte ihre Liebe wieder auf und in ihrem Herzen machte sich vorsichtig Hoffnung breit.

 

Und mit der Hoffnung kam eine neue Kraft, ein fester, wütender Wille, dem Fluch zu begegnen und sich endlich zu befreien. Irgendwie müsste es ihr gelingen, endlich diesen Fluch zu lösen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu bekommen. Und wenn sie selber es nicht wert sein sollte, so war sie es ihm schuldig, seiner Liebe, ihrer Liebe.

Als die Geburt näher rückte, lag sie oft nachts wach und grübelte. Ihr war es so, als müsse sie nur eine Antwort finden auf seine Frage, die er so oft gestellt hatte, seit die Fürstin zum ersten Mal in ihr Leben, ihre Liebe eingegriffen hatte: “Warum?”, und sie würde sich von dem Fluch befreien können.

Sie lag da und dachte nach, ließ die gehasste Erinnerung in sich aufsteigen an jenen Tag, als die Fürstin ihr zum ersten Mal die entscheidende Frage gestellt hatte. Sie sah sie vor sich stehen: groß und mächtig und schön und untadelig, so wie sie immer gewesen war, sah ihre nie lächelnden Augen, sah die blanke Härte darin, die sie anrührte wie kalte Klingen.

“Warst du im dreizehnten Zimmer, Maria?”

Welche Frage?

Natürlich war Marie dort gewesen. Oft. Hatte die es wirklich jetzt erst bemerkt? Seit eh hatte die Fürstin ihr strengstens verboten, diesen Raum zu betreten. Alle anderen Zimmer des Schlosses standen ihr zur Verfügung. Aber in dieses wollte sie. Marie überschritt die Schranke des Verbotes ohne zu zögern. In diesem Zimmer, in das sie irgendwann einfach nur die Neugierde getrieben hatte, fand sie, was sie seit Jahren suchte: ein Schriftstück, in dem ihr Name genannt.

Ganz allmählich hatte Marie begriffen, was sie hier in Händen hielt: den Beweis nämlich, dass es sie gab, sie, nicht Maria, die Tochter dieser Frau sondern Marie, das Mädchen aus dem Wald, Marie, die Tochter des Korbflechters! Marie hatte zitternd das Papier in die Vitrine zurückgelegt, zitternd vor Aufregung und vor Angst, entdeckt zu werden aber in der Gewissheit, sich jetzt, nachdem sie das gefunden hatte, eines Tages doch befreien zu können.

Plötzlich aber war ihr klar geworden, was dieses Schriftstück außerdem bedeutete: es war ein Kaufvertrag. Ihre Eltern hatten ihr Zeichen darunter gesetzt.

Marie war vor diesem Fund damals lange betroffen stehen geblieben. Alle Empörung und alle Traurigkeit waren wieder aufgestanden. Und neben ihrem Hass auf die Fürstin, die sie gestohlen, entführt und belogen hatte und betrogen um ihre Kindheit, ihr Glück, ihr zu Hause, neben diesem Hass regte sich noch ein anderes, ein verwirrendes Gefühl. Für kurze Zeit begriff sie voller Entsetzen, dass, wenn sie gekauft worden war, ihre eigenen Eltern sie verkauft hatten, weggegeben für Geld. Sie hatten sie weggegeben, obwohl sie gefleht und gebettelt hatte, bei ihnen bleiben zu dürfen. Sie wusste es noch genau. Wie hatte sie sie angefleht! Es hatte ihr nichts geholfen. Sie hatten sie fortgeschickt, verkauft wie eine Sklavin.

Eine eisige Kälte hatte Marie ans Herz gegriffen. Nebel zogen auf. Sie schloss entsetzt die Augen. Schließlich waren ihre Eltern damals in Not und diese da hatte diese Not brutal und raffiniert ausgenutzt. Ganz langsam löste sich ihre Erstarrung, die wieder aufflammende Wut auf die Fürstin tat gut.

Oft war sie danach heimlich hier eingedrungen und hatte feierlich und froh gestimmt vor dem Beweis ihrer wirklichen Existenz gestanden. Wenn sie den Vertrag in Händen hielt, schien es, als genüge es ihr, den Beweis zu kennen und alles sei damit wieder gut. Sie behielt ihr Geheimnis sehr lange für sich und glaubte sich unentdeckt. Als aber die Fürstin sie dann schließlich doch stellte, drohend und kühl, da war es Marie nur möglich gewesen, trotzig zu schweigen. Und schließlich zu fliehen.

Warum? Warum schwieg sie? Gab es nichts zu sagen? Hatte sie nicht ein Recht darauf, den Beweis laut herauszuschreien. Warum schwieg sie vor dieser Frau? Und konnte noch immer nur schweigen? Sie hätte doch einfach wenigstens lügen können?! Wie oft hatte sie ohne schlechtes Gewissen mit heimlichem Ingrimm diese Frau belogen! Aber jetzt zu lügen, das wäre ihr vorgekommen wie ein Verrat an sich selbst.

Und es einfach zugeben? Das wäre noch schlimmer, das hieße, sich auszuliefern, eine Schuld einzugestehen, die keine Schuld war. Das hieße hinzunehmen, dass diese hier ihr Leben, sie, alles vernichtete. Die Fürstin hätte zweifellos das Schriftstück zerrissen und die Fetzen hohnlachend in die Winde gestreut. Und dann wäre es aus gewesen für Marie.

Was aber sonst hätte sie tun können? Und was könnte sie jetzt tun, heute, in wenigen Stunden, wenn die Fürstin erneut käme mit ihrer Frage, wenn diese Frau erneut käme, um Maries Kind fortzunehmen, weil sie, Marie bestraft werden müsse für ihren Trotz und für ihr verstocktes Schweigen?!

Könnte es einen anderen Weg geben? Könnte sie etwa den Kampf aufnehmen, mutig den Kopf heben und vortreten und sagen: “O ja ich habe dieses Zimmer betreten, oft und immer wieder. Und ich kenne dein Geheimnis und ich habe den Beweis gefunden für deine Gemeinheit. Jetzt ist es aus mit deiner Macht! Ich werde gehen, wohin es mir beliebt, in meine Welt, aus der du mich als hilfloses Kind geraubt hast. Und ich verlange von dir alles, was du mir gestohlen hast, zurück: das Glück, die Eltern, den Wald, meinen Namen.”

Aber ehe Marie dies zu Ende denken konnte, waren schon schwarze Wolken über ihr Herz gezogen und sie verharrte in Angst und Verzweifelung. Und das trotzige Schweigen erschien ihr erneut als einzig mögliche Antwort auf die furchtbare Frage der Feindin.

 

In der Nacht, bevor das Kind kommen sollte, träumte Marie:

Wieder kam die Fürstin, wieder fragte sie, wieder schwieg Marie und konnte sich nicht rühren.

Am Tage darauf wurde im Schlosshof ein Scheiterhaufen errichtet. Der Mob tobte und johlte. Der König stand am Fenster und weinte. Er rettete sie nicht mehr.

Die Flammen züngelten. Sie musste an Arco denken, dachte, dass es besser gewesen wäre, er hätte ihr damals wie einem Reh das Genick durchgebissen.

Da erklang auf einmal Pferdegetrappel auf dem Pflaster des Schlosshofes. Eine Kutsche war durchs Tor gefahren. Sie kannte das Wappen. Die Feindin stieg aus. An der Hand hielt sie zwei Kinder, ein drittes trug sie auf dem Arm. Irgendjemand schrie laut auf.

“Gibst du es jetzt endlich zu, Maria, dass du in das verbotene Zimmer gegangen bist?!”

Die Flammen erhitzten die Luft. Gleich würden sie anfangen, ihre Beine anzusengen. Marie starrte verzweifelt und gebannt in die fremden Gesichter ihrer Kinder.

Die Menge war verstummt. Man hörte nur noch das Knistern der Flammen.

“Ja” hörte sie sich gellend schreien. “Ja, ja ich war es, ich bekenne mich schuldig!”

Die Angst war stärker gewesen als ihr Stolz und ihre Würde. Sie brach zusammen im Angesichte ihrer Vernichtung wie ein gequältes Tier in Todesangst. Sie gab sich auf. Sie würde leben aber fortan würde sie ihr Leben verachten müssen.

Die Frau kam auf Marie zu. Die Flammen fielen in sich zusammen und erloschen.

Die Feindin legte ihr das Baby in die Arme und wies mit der Hand auf sie. Die beiden Kinder kamen zögernd auf Marie zu und fassten sie am Rock an.

“Siehst du, du hättest es gleich zugeben sollen. Ich wusste es doch”, sagte die Frau leise und ohne Eifer. Und sie drehte sich um und ging zur Kutsche zurück.

Die Kutsche verließ den Schlosshof.

Jubel brach aus. Jubel, der ihr im Ohr gellte wie Hohngelächter.

 

Marie erwachte schweißgebadet.

‘Nein’, dachte sie. ‘So nicht! So nicht!’

Aber anders. Es musste heraus. Jetzt endlich würde sie sich befreien. Sie war am Ende. Wenn sie es nicht schaffte, würde sie vernichtet sein für den Rest ihres bedauernswerten Lebens. Nein, sie war nicht ausgeliefert. Sie konnte dem Fluch entgehen. Sie war frei. Wenn sie nur endlich ihr Schweigen brechen und die Wahrheit herausschreien würde, ihre Wahrheit, die wirkliche Wahrheit. Und sie kannte die Wahrheit doch längst, schon immer. Noch konnte sie sie nicht aussprechen. Aber sie konnte sie schon mit den Händen greifen.

 

In der Nacht nach der Geburt hielt sie ihr Kind im Arm. Sie wartete. Wartete ruhig.

Es kam niemand. Es blieb still.

Aber sie wusste genau, dass sie schon längst da war und auf ihre Gelegenheit lauerte.

Marie richtete sich auf und lauschte angestrengt. Sie hielt ihr Kind fest im Arm. Als die Schlossuhr dreimal schlug, ehe diese Nacht sich dem Ende zuneigte, sprach Marie auf einmal laut und wunderte sich nicht einmal darüber:

“Ja, ich war in dem verbotenen Raum. Oft war ich dort. Und ich schäme mich nicht. Es war mein Raum, hörst du? Du hast ihn mir all die Jahre vorenthalten. Aber ich habe ihn gefunden“.

Marie hielt inne. Ihre Stimme hatte leicht gezittert, aber sie fühlte in sich eine große Kraft wachsen, während sie sprach. Sie lauschte. Es gab keinen Zweifel, dass die Feindin da war. Sie meinte ihren Atem zu spüren, fühlte die Kälte ihres Körpers, sie glaubte die Arme zu erkennen, die sich durch die Dunkelheit nach ihrem Kind ausstreckten.

Marie presste das Kind an ihren Leib und richtete sich kampfbereit noch weiter auf. Ihre rechte Hand griff nach dem silbernen Kerzenleuchter, der neben ihrem Bett gestanden hatte. Es blieb weiter still. Aber in dieser Stille meinte sie ein verstecktes Keuchen zu vernehmen. War sie es selbst oder war es die andere?

“Rühr mein Kind nicht an!” schrie sie plötzlich. “Rühr mich nicht an! Denkst du etwa, jetzt hast du gesiegt? Denkst du, jetzt käme ich reumütig zu dir gekrochen? Da irrst du dich. Es ist ganz anders. Hör gut zu, vergiss es nie: Ich klage dich an, hörst du, ich hätte es schon lange tun sollen, schon damals, als ich das erste Mal in jenem Raum war und alles fand, was du vor mir geheim halten wolltest: Ich klage dich an des Kindesraubes, der Lügen, der Quälerei, der Heuchelei. Du bist eine herzlose, armselige Gestalt, ja du, die hohe, stolze über Alles erhabene, mildtätige Fürstin! Du glaubtest, mich kaufen zu können, glaubtest meine Dankbarkeit und Liebe erzwingen zu können. Aber du hast mich nur zur Sklavin gemacht. Ich habe gelitten und mich gebeugt. Aber ich habe dich nicht geliebt. Und dann bin ich geflohen und du hast mich verfolgt und bestraft, wie man es mit einer Sklavin kann. Aber ich, hörst du, ich bin nicht deine Tochter und nicht deine Sklavin, ich bin Marie, die Tochter des Korbmachers und die Herrin in meinem eigenen Reich“.

Marie holte Luft. Es blieb still. Aber es drängte sie, weiter zu sprechen:

„Behalte deinen Kaufvertrag, zerreiße ihn, verstecke ihn: ich brauche ihn nicht mehr. Ich weiß es auch so: ich bin frei, freier als du es dir auch nur vorstellen kannst! Du siehst, deine Macht ist also doch nicht unbegrenzt: Du konntest nicht verhindern, dass ich das verbotene Zimmer betrat und du konntest meine Flucht nicht verhindern. Und jetzt kannst du es nicht mehr verhindern, dass ich dir endlich ins Gesicht lache. Ja, o ja, ich habe es getan. Und es war mein Recht“.

Marie schwieg. Sie spürte eine Veränderung im Raum, die Kälte schien zu weichen. Aber die Trauer blieb, schwarz und erstickend. Sie war noch nicht fertig. Da war noch etwas. Da war noch eine, mit der sie abrechnen musste.

Marie stellte den Kerzenleuchter zurück und sagte jetzt mit ruhiger, bestimmter Stimme in die Dunkelheit hinein:

“Ich weiß, dass auch du hier bist. Nein ich habe auch dir nicht verziehen Mutter, auch dir nicht. Ich war deine Tochter. Ich habe dich geliebt. Aber du hast mich verkauft. Die andere hat nur genommen, was du ihr für Geld überlassen hast. Sie hat auf ihrem Recht bestanden, mich zu besitzen. Schließlich hatte sie mich gekauft. Aber du, Mutter, du hast dein eigenes Kind verkauft. Ich wollte es nie glauben. Jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich, dass ich die ganze Zeit auch dich gehasst habe. Und verzweifelt geliebt. Ich konnte es einfach nicht zugeben, dass meine eigene Mutter, die ich so liebte, und an deren Liebe ich glauben wollte und an die ich mich mit aller Macht geklammert habe, dass diese Mutter mich verkauft hat, weggegeben gegen Geld, verschachert. Und jetzt kann ich sprechen und ich sage dir. Ich verzeihe dir nicht.

Aber ab heute brauche ich meinen Hass nicht mehr. Ich brauche ich euch nicht mehr, beide nicht. Geht!”

 

Es war totenstill. Irgendwo klirrte Glas.

Marie fasste ihr Kind mit beiden Armen und stand auf. Sie öffnete das Fenster und starrte hinaus. Der Schlosshof lag im Dunkel der mondlosen Nacht. Am Horizont schimmerte schon ein heller Streifen.

Marie atmete die frische Luft gierig ein und beugte sich ein wenig hinaus. Ihre Stimme schnitt durch die Schwärze der sinkenden Nacht: “Verschwindet endlich aus meinem Leben!”

Die Amme war erwacht und ins Zimmer gestürzt. Jetzt starrte sie Marie sprachlos an: Die Königin sprach und sie sprach mit jemand, der nicht zu sehen war.

“Das Kind, Königin?”, fragte sie ängstlich.

“Das Kind ist hier und bleibt hier”, sagte Marie. “Geh und sag es allen. Der Fluch ist gelöst. Ich habe ihn zerrissen. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben.”

 

Eine Woche später brachten Soldaten die Leiche einer Frau ins Schloss. Sie hatten sie im Wald gefunden, erschlagen.

Neben ihr hatten weinend zwei kleine Kinder gehockt.

“Sie könnten es sein”, sagte Marie. “Ich nehme sie zu mir. Wenn sie eines Tages gehen wollen, dürfen sie gehen.”

 

 

 

 

Ende

 

 

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