Archive für 24.12.2009

Das Marienkind

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Eine Geschichte von Flucht und Befreiung

 

Das Licht war nur zu erahnen. Dort, wo sie den Osten vermutete, schien die blinde Dunkelheit zwischen den Baumstämmen abzuflauen. Ihr war, als erwache sie nach einem langen, bösen Traum in einem vertrauten Land. Sie erkannte die Gerüche und Düfte wieder, die Geräusche des frühen Morgens.

Sie saß im Stamm der hohlen Eiche, in die sie am Abend zuvor hineingekrochen war, tot müde und kaum noch fähig, die Hand vor die Augen zu halten, um zu prüfen, ob sie sie noch erkennen konnte. Ihre Glieder hatten längst jedes Gefühl verloren. Die Kälte des Morgengrauens drang durch ihre Kleider.

Sie musste also doch eingeschlafen sein vor Erschöpfung, irgendwann, als die Bilder der letzen zwei Tage angefangen hatten, sich langsamer in ihrem Kopf zu drehen. Dem Gefühl der Erleichterung nach gelungener Flucht folgte eine sanfte, totenstille Ruhe, die mit der Gewissheit wuchs, dass sie entkommen war, entkommen einem nicht endenden Grauen und einer furchtbaren Bedrohung. Sie hatte wählen müssen zwischen dem Erstickungstod in einem Paradies und dem Fluch, leben zu dürfen, aber ausgestoßen zu werden. Sie hatte ohne zu zögern den Fluch gewählt, hungrig, als sei er das Leben selber.

Und da saß sie nun und lauschte in eine Welt hinein, die ihr vertraut war von frühester Kindheit an. Sie hatte keine Angst vor dem Wald. Trotz Kälte und Dunkelheit und völliger Ungewissheit, wo sie war, fühlte sie sich frei und lebendig. Niemand war mehr da, der sie zu ersticken drohte. Viel Luft war hier, klare Luft mit dem Duft nach feuchtem Holz und Pilzen und Gras. Und diese Klarheit reichte bis zu den Sternen, ohne Grenze.

Wie hatte sie den Wald vermisst in jener prachtvollen Welt der Parks und Gärten und Paläste! Dort war sie in goldenen Kutschen gefahren und hatte seidene Kleider getragen. Hatte sie nicht Beine um zu laufen? Was kümmerten sie die Dornenrisse? Was kümmerte sie ihr zerfetztes Gewand? Nein, gerne, nur zu gerne hatte sie alles zurückgelassen. Nichts sollte bleiben aus jener Welt, nichts, was sie zu Dank oder zu Kompromissen hätte verpflichten können! Was als Fluch gemeint war, wird ihre Befreiung sein! Sie war heimgekehrt. Endlich!

Denn das, was diese da für eine fürchterliche Strafe hielt, was diese als grausame Rache gemeint haben dürfte, sie, Marie, wird es nehmen als eine Heimkehr, eine Rückkehr zu der Welt, in der sie aufrecht gehen und endlich wieder frei atmen kann! Damit war die Rechnung der Fürstin also doch daneben gegangen! Damit hatte sie wohl nicht gerechnet! Weil sie es nie begriffen hatte, dass ihre vermeintliche Gnade von Anfang an grausam gewesen war, ein brutaler Einbruch in Maries kleine, geliebte, einzige Welt, die gerade und eben gezimmert war und voller Blumen und voller Freunde, eine Welt, in der es durchaus Tränen gegeben hatte aber auch Trost, in der es Armut gab aber auch Hoffnung.

Nie hatte sie in diesen langen Jahren ihrer Gefangenschaft im Paradies vergessen können, was sie verloren hatte! Und nie hatte sie es vergessen, dass diese da sie zwingen wollte, dankbar zu sein für ihre vermeintliche Großtat.

Aber war es denn nicht großartig, ein armes, kleines Mädchen, ein Kind ohne jede Chancen, ohne Hoffnung auf Bildung und Wohlstand, aus seiner Umgebung herauszuholen, es zu verpflanzen in eine andere, wunderbare Welt, ihm alle Türen zu öffnen - bis auf eine freilich? Keiner konnte es je anders sehen: Jeder sagte, es sei ihr Glück! Sie hatte zuzugreifen, sie hatte entzückt und dankbar zu sein und sich der Ehre würdig zu erweisen. Aber stattdessen hatte diese scheinbar so großzügige Tat das Leben eines kleinen Mädchens zerstört und sein Herz zerrissen. Und dieses Herz wurde hart und kalt mitten in all der neuen Pracht, die es nun umgab.

Die Tränen der Mutter beim Abschied hatten ihr weher getan, als wenn sie sie hinausgeworfen hätte: Ausgestoßen ins Glück! Taumelnd, geblendet. Verloren. Aber sie hatte nichts vergessen.

 

Sie durfte nicht mehr über ihr Zuhause sprechen, sie durfte nicht mehr nach den Eltern fragen. Auf einmal war sie dort in jenem Paradies und nichts sonst zählte und nichts sonst sollte wahr sein. Sie hatte zu vergessen. Maria hieß sie nun. Jeder nannte sie so. Aber sie vergaß nichts. Und wenn auch alle um sie herum so taten, als hätte es die Korbmachermarie nie gegeben, sie wusste es und dieses Wissen trennte sie auf ewig von dieser großen, mächtigen, grausamen Frau in ihrer wunderbaren Welt.

 

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Viel später, gebeugt über Bücher, hatte sie sich tastend wieder gefunden, hatte angefangen, die Dinge zu begreifen und nun auch wirklich Besitz zu ergreifen von dieser ihr dargebotenen Welt, die sie nicht liebte aber schätzen gelernt hatte. Aber auch dieses neue Leben wurde ihr nicht gegönnt. Der Zugang zur Wahrheit wurde ihr verboten. Vielmehr sollte sie wieder das arme Kind sein, sollte sich bescheiden und verzichten, sich ducken und klein machen, sie, die die Wahrheit geahnt und nun gefunden hatte hinter jener Tür. Diese da verbot ihr den Zugang, stellte sich drohend davor und ließ ihr die Wahl zwischen Unterwerfung oder Fluch.

Nie würde sie sich unterwerfen!

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