Archive für April 2009

Spießrutenlauf

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Er war nun schon zwei Minuten zu spät. Der Schulflur lag menschenleer da. Es war völlig still. Alles Leben hatte sich in die Klassenräume zurückgezogen, die rechts und links vom Flur abgingen.

Jürgen blickte über den langen Flur zurück bis zur Stirnwand, wo die große Uhr tickte. Der Fußboden war mit hellgrauen Steinfliesen ausgelegt, die Wände wirkten kahl. Er war schon drei Minuten über der Zeit. Er musste jetzt endlich diese Tür öffnen: Geographie in der 8a. Er hätte etwas darum gegeben, es nicht tun zu müssen. Er lauschte: Er konnte durch die Tür hindurch die Stimmen von Jens Burghold und Silvio Traveta hören. Das waren die Schlimmsten, jedenfalls die Lautesten. Jürgen stellte sich die Szene vor, die die sich jetzt hinter der Tür im Klassenraum abspielte: Die Jungen tobten über Tisch und Bänke. Die Mädchen gluckten in einer Ecke des Klassenzimmers. Ab und zu kreischte eines von ihnen laut auf.

Das Schlimme war, dass sie ganz einfach so weitermachen würden, wenn er gleich hereingekommen sein würde. Jürgen schluckte. Es sollte Kollegen geben, bei deren Betreten des Klassenraumes die Schüler sofort zu ihren Plätzen gingen und bei denen nach kurzer Zeit Ruhe eintrat. Eine Vorstellung wie im Paradies, dachte Jürgen. Für ihn war es eher die Hölle.

Jürgen hatte viele Unterlagen dabei für diese Stunde. Er hatte den ganzen gestrigen Abend Vorlagen am PC geschrieben und sie heute früh noch auf Folien kopiert. Eigentlich fand er sein Anschauungsmaterial richtig gut. Aber er wusste schon jetzt, als er vor dieser Tür zögerte, dass er es wieder einmal nicht schaffen würde, seine Folien zu zeigen.

Er drückte mit Widerwillen die Klinke herunter und betrat den Raum. Es war alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Kaum einer der Schüler und Schülerinnen hob den Kopf. Er ging zum Pult, legte seine Bücher und Unterlagen ab. Dann sah er genervt auf die wirbelnde Klasse. Sie nahmen noch immer keine Notiz von ihm.

Er musste etwas tun. Er wollte mit lauter, fester Stimme den Lärm übertönen, um sich endlich bemerkbar zu machen. Aber er spürte, dass seine Stimme belegt war. Er räusperte sich.

„Guten Morgen! Bitte, geht zu euren Plätzen. Wir haben jetzt Unterricht“, brachte er dann einigermaßen laut heraus. Niemand reagierte.

„Bitte, Leute, setzt euch, ich möchte anfangen!“ Er konnte selbst hören, dass dieser Appell wie eine klagende Bitte klang.

Regina aus der ersten Reihe, die dort alleine saß und ungerührt in ihrem Mathematikheft schrieb, sah flüchtig zu ihm hoch: „Dann fangen Sie doch an!“

Jürgen spürte, wie bei ihm der Schweiß ausbrach. Er wusste ja selbst, dass er einfach anfangen musste.

„Holt bitte eure Geographiehefte heraus. Wer möchte seine Antworten vorlesen?“

Es war, als spräche er mit den Wänden dieses Klassenzimmers. Es war wie immer. Er wusste, wie es weitergehen würde.

Plötzlich kam Wut in ihm hoch.

„Jetzt reicht’s! Hinsetzen! Holt die Hefte raus. Jens, du liest die Hausaufgaben vor!“ Er hatte angefangen zu brüllen.

Immerhin, die Schüler bewegten sich nun im Zeitlupentempo an ihre Plätze. Der Lärm beim Öffnen der Taschen und beim Rücken der Stühle war provozierend laut.

Jürgen spürte einen leisen Stich hinter der rechten Schläfe. So fing es immer an!

„Jens, also!“, sagte er noch mit fester Stimme.

„Was is?“ Jens sah ihn frech an.

„Die Hausaufgaben. Ich sage es euch jetzt schon zum dritten Mal!“

„Welche Hausaufgaben?“

„Werd’ nicht frech, Jens! Mir reicht’s jetzt wirklich!“

„Ach die Hausaufgaben!“, grinste Jens höhnisch. „Die hab ich nicht. Gestern hatte ich keine Zeit.“ Er lehnte sich selbstzufrieden zurück und sah Jürgen herausfordernd an. Den Rest des Eintrags lesen »

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