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Der Blinde
tagebau
Ich setze mich auf den Behindertenplatz, direkt hinter den Fahrer. Hier sitze ich am liebsten. Nahe am Ausgang und vor mir die schwarze Glasscheibe, in der ich mich sehen kann, wenn ich es darauf anlege. Ich lege es nicht darauf an.Den Fahrer sehe ich nicht. Es ist verboten, während der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen.
Manchmal wähle ich mir auch einen von den wenigen aber oft freien da unbeliebten Plätzen, wo man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt und seinen Mitfahrern so ungehemmt und schamlos ins Gesicht sehen kann. Es gibt keine Alternative für meine Blickrichtung und sie wird deshalb nicht verübelt. Gesellschaftlich geduldeter Voyeurismus.
Heute sitze ich hinter der dunklen Glasscheibe. Es ist mir nicht nach den Gesichtern anderer Menschen. Ich habe den Kopf voll mit Dingen, die ich eben erlebt habe und die zu tun ich gleich Gelegenheit haben werde. Es sind nur noch zwei Stationen bis zu meiner Arbeitsstelle. Und ich bin mit der Zeit schon knapp.
Als der Bus anhält fällt mir durch die Busfenster die distanzlose Körperhaltung des Mannes auf, der sich draußen mit einem Blinden unterhält. Er ist betrunken, angetrunken zumindest, und das sicherlich nicht zum ersten Mal. Seine rote Gesichtsfarbe, seine leicht verwahrlostes Äußeres in Kleidung und Haar weisen den Säufer aus.
Der andere, der, auf den er einredet, ist groß und schlank, ein bleicher, ernster, ganz in Schwarz gekleideter Mann, jung an Jahren aber vorsichtig in seinen Gebärden wie ein alter Mensch. Seine Augen sind tot. Das Weiß starrt ins Nichts. Er hält einen Blindenstock und trägt eine gelbe Armbinde.
Nun werde ich den Behindertenplatz doch freimachen müssen. Selbstverständlich. Ich muss ja sowieso gleich aussteigen.
Ich springe auf, um ihn ans Fenster durchzulassen. Ich muss mich nicht wieder setzen, obwohl ich neben ihm sitzen könnte. Irgendwo bin ich froh. Neben einem Blinden zu sitzen ist mir unangenehm. Ich will meine Ruhe haben.
Noch während ich aufstehe, wird der Blinde schon von dem angetrunkenen Mann an den Fensterplatz geschoben. Und dann setzt der sich neben ihn. Und ich sehe, dass das Gesicht des Blinden noch leerer wird, als es vorher war. Sein Versuch, sich vor dem anderen zu retten ist fehlgeschlagen. Ich habe dem anderen den Platz geräumt.
Ich sehe seine hilflosen Versuche, sich zu halten, an den Rändern des Abgrundes festzuhalten. Aber er weiß es, er kann nichts tun. Er ist es gewohnt zu fallen. Er trägt es mit Fassung. Ich sehe es: er antwortet auf die distanzlosen Fragen des Betrunkenen höflich, korrekt. Er sieht nicht den trüben und gleichzeitig listigen Blick des anderen. Ich bin sicher, er fühlt ihn. Mich überfällt plötzlich das Gefühl, selber ins Endlose zu fallen.
Ich hätte diesen Platz nicht freimachen dürfen, hätte nicht zulassen dürfen, daß sich der da neben ihn setzen kann. Während ich im Gang stehe, gedrängt und um mein eigenes Gleichgewicht bemüht, abgewandt, spüre ich im Rücken seine Hilflosigkeit und seine erstarrte, verzweifelt verteidigte Würde. Durch die Fahrerscheibe sehe ich schon die Haltestelle, an der ich gleich aussteigen werde. Der Lautsprecher gibt die Haltestelle bekannt.
Mitten in das anbiedernde Geplauder seines Nebenmannes hinein höre ich die beunruhigte, etwas heisere Stimme des Blinden. ”Wieso Dortmunder Ring? Bin ich nicht in der 12?” Und als ich hinsehe auf die beiden und die beschwichtigende Handbewegung erhasche, die der andere macht, höre ich, wie er einschmeichelnd lügt, ”Doch, doch, na klar ist das hier die 12.”
”Aber der Fahrer hat gesagt, Dortmunder Ring, die 12 fährt nicht über den Dortmunder Ring. Da komme ich ja zum Forst raus. Das ist ganz falsch.”
”Der hat sich vertan”, höre ich sagen und bin schon fast ausgestiegen.
Durch die Menschenkörper, die alle zum Ausgang drängen und mich vom Eingang wegstoßen, sehe ich noch, wie der Blinde versucht aufzustehen und wie ihn der andere wieder herunterdrückt. Sehe seine freundliche grinsende Maske. Der Blinde hat keine Chance.
Ich müsste etwas tun. Müsste dem Fahrer Bescheid sagen.
Es geht alles so schnell und genau um den Bruchteil einer Sekunde, den ich gebraucht hätte um die entscheidende Bewegung zurück in den Bus zu machen, zögere ich.
Der Bus fährt an und ich sehe durch die Scheibe die beiden auf ihren Plätzen sitzen und denke, man sieht es nicht. Man denkt, da sitzen zwei, die sich kennen und zusammen fahren.
Keiner wird ihm helfen. Ich habe es auch nicht gekonnt. Meine Chance war sehr klein. Aber es hätte eine gegeben.
Ich sehe den Bus an der Endhaltestelle am Waldrand ankommen, sehe, wie der Betrunkene, ja leider überhaupt nicht so sehr Betrunkene, den Blinden am Arm nimmt und rausführt. Und der Blinde sagt in die Richtung, in der er den Fahrer vermutet, nervös: ”Sind wir hier nicht am Stadtwald?”.
Und der Fahrer lacht freundlich und unbekümmert, ”Jawohl mein Herr”. Und als er sieht, daß es ein Blinder ist, fragt er der Höflichkeit halber, ob er helfen soll.
Aber der Betrunkene sagt schnell und grinst, ”Ich mach das doch schon”. Und sie schwanken vom Bus fort, die Straße herunter.
Der Fahrer schließt die Tür und holt seine Zeitung heraus. Er hat Pause.
Ich gehe in mein Büro und spüre eine furchtbare Unruhe. Meine Arbeit ist mir ganz fern gerückt. Mir ist, als stände ichselber irgendwo verloren zwischen Waldbäumen und mein einziger Halt, meine einzige Hilfe ist der, der vorhat, mich auszurauben. Und ich hoffe, daß er nichts will als Geld. Ich hoffe, er lässt mich ansonsten in Ruhe. Ich versuche, es mir nicht vorzustellen,was alles kommen kann. Und wen soll ich fragen, wie ich gehen muss, um hier wieder herauszukommen? Ich werde ihn bitten, mr die Richtung zu zeigen, wenn er nur mein Geld gewollt hat. Es bleibt mir nichts anderes übrig.
Tagelang werde ich jetzt in die Zeitung sehen, ob es eine Notiz gibt, einen Hinweis. Es kann gar nicht sein, daß ich mich in den Absichten des anderen getäuscht habe.
Aber es wird nichts erscheinen.
Die Gewalt ist zu alltäglich.
