Archive für 9.1.2009

Rabenmütter unter sich

Teil III der Friedhofsgespräche

Das dritte Gespräch

 

Ja, siehst du, ich komme immer noch, komme auch jetzt noch, wo ich mich halbwegs ausgesöhnt habe mit dir.

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Wenn ich ehrlich bin, komme ich heute, weil ich ein bisschen mit dir plaudern möchte, von Mutter zu Mutter. Da sind die drei Kinder, die ich bekommen habe und die nun fast alle groß sind. Sie fangen an, mit mir abzurechnen, so wie ich in den letzten Jahren endlich mit dir abgerechnet habe.

Nun stehe ich da wie du und bekomme die Quittung. Das tut weh, nicht wahr? Wir sind alle Kinder von Müttern, die ihre Kinder nicht genug geliebt haben. Unsere Kinder sind es auch. Ich hoffe, es geht nicht immer so weiter, weißt du. Man müsste es stoppen können.

Was uns beide betrifft, wir haben unser Pulver schon verschossen, du und ich. Wir können nichts mehr tun. Wir haben schon alles falsch gemacht und können es nun nicht mehr ändern.

Darüber möchte ich mit dir reden, mit einer Leidensgenossin, mit einer Mittäterin wenn du willst, mit einer Schicksalsgenossin auf jeden Fall: Sozusagen von Rabenmutter zu Rabenmutter. Du verzeihst mir, dass ich dich so nenne. Natürlich warst du keine. Und ich war auch keine. Aber unsere Kinder haben uns so erlebt. Deine dich und meine mich .

„Ich hasse dich so, Mama!“, sagte meine Älteste neulich zu mir. Und sie hat sich sicher gewundert, dass ich nicht entsetzt war und in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe nur den Kopf eingezogen und habe an dich gedacht. An uns.

Und obwohl ich wusste, dass es nun auch meiner eigenen Tochter so geht wie mir ein Leben lang, dass sie sich nichts so sehr wünscht wie eine Mutter, die sie tröstet, ermuntert und die ihr Anerkennung, rückhaltlose Anerkennung und uneingeschränkte Liebe anbietet, konnte ich doch nur sagen: „Ich kann dir nicht mehr geben, als ich dir schon gebe.“ Und sie hat mich dafür sicher noch mehr gehasst.

Darf ich dir ein wenig von meinem Rabenmutterschicksal erzählen? Früher hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es vor dir, ausgerechnet vor dir zuzugeben. Nun kann ich es. Nun möchte ich es. Wir sind sozusagen unter uns.

Ich hatte mir so fest vorgenommen, es besser zumachen, es anders zu machen als du. Lange habe ich mir auch eingebildet, es besser gemacht zu haben. Doch ich fürchte schon seit einiger Zeit, dass es nicht so war.

Ich stieg jeden Abend müde und erschöpft die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich hätte jetzt ein wenig Ruhe nötig gehabt, jemanden, der mir einen Tee bringt, jemanden, der mich fragt, wie es war. Gut war es, aber nun war es auch genug. Nun hätte ich mich so gerne erholt.

Ich blieb vor der Wohnungstür stehen, lauschte mit zwiespältigen Gefühlen auf die Geräusche, die aus der Wohnung bis in den Hausflur drangen. Die Stimmen meiner Kinder. Jemand schrie. Ein anderer rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Etwas fiel zu Boden und schepperte verdächtig. Es blieb einen Moment still. Dann kreischten sie alle durcheinander. Eine Tür schlug zu. Jemand weinte heftig.

Wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecken würde, kämen sie alle sofort angerannt. Eine Möglichkeit, ungesehen in einen versteckten Winkel der Wohnung zu entkommen, wo ich für ein paar Minuten im Dämmerlicht meine Beine hätte von mir strecken und die Augen schließen können, die gab es nicht.

Ich öffnete also irgendwann doch die Tür und ließ meine Identität, zumindest meine Identität als Erwachsener, arbeitender Mensch von außen an der Türklinke hängen. Das, was ich den ganzen Tag über gemacht, gedacht, geschafft, erreicht hatte, das zählte nicht mehr. Jetzt gehörte ich ihnen mit Haut und Haar.

 

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