xy Denkmal für meine Mutter

Teil II der Friedhofsgespräche

Das zweite Gespräch:

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Wenn ich hier in der Nähe deines Grabes auf einer Bank sitzen könnte, vielleicht unter der großen Birke dort, dann wäre es viel einfacher. Auf Bänken darf man beliebig lange sitzen. Aber über Gebühr lange herumstehen, das erregt sofort Aufmerksamkeit. Und wahrsccheinlich sehe ich auch heute  nicht wie eine Trauernde aus. Es würde mich nicht wundern. I

Überall auf diesem hübschen, kleinen Friedhof huschen Frauen herum mit großen Gießkannen und gebückten Rücken. Sie schauen natürlich dezent weg, wenn sie mich hier stehen sehen. Aber sie zerbrechen sich sicher alle den Kopf, wer ich wohl bin und zu wem ich gehören könnte. Und warum ich so selten hier bin.

Ich hätte dir übrigens Blumen mitbringen sollen. Dein Grab sieht trist aus, ordentlich aber irgendwie blind. Das möchte ich nicht. Ich finde, trotz allem hast du Blumen verdient. Keine Friedhofsblumen, lieber irgendwelche bunten, verrückten Blumen, solche, die kein Mensch normalerweise auf ein Grab stellt. Du warst so gerne anders als andere, hast so gerne getan, was man nicht tat – zumindest im Kleinen. Wir fanden deine kleinen Extravaganzen lächerlich. Du hast es sicher immer gespürt. Wir fanden, sie passten nicht zu dir. Du warst eigentlich doch immer nur eine traurige, gescheiterte und unglückliche Frau. Und deine Versuche, anders zu sein, wirkten unglückselig und peinlich.

Heute jedenfalls kann ich dir diese Freude gönnen, in kleinen Dingen die zu sein, die du gerne gewesen wärst. Weißt du noch den bunten Strohblumenstrauß an Allerheiligen vor drei Jahren, als alle Gräber weit und breit Einheitskreuze in Tannengrün mit Moos trugen? Ich weiß, du hättest über deinen bunten, lustigen Strauß gelacht und dich gefreut. Er hätte dir gefallen. Und er gefiel mir auch. Ich fühlte mich an diesem kalten Novembertag plötzlich so, als steckte ich mit dir unter einer Decke, wie es zwei Freundinnen tun, die einen Streich ausgeheckt haben.

Als du noch gelebt hast, konnte ich mich nie fühlen mit dir. Vielleicht habe ich es mir manchmal gewünscht. Aber du hast es nicht gewollt. Ich war natürlich nicht deine Freundin. Ich war deine Tochter.

Aber wie ist das, wenn man die Tochter von jemand ist, der unglücklich ist. Da wird es ganz schön eng.

Schon wieder geht jemand vorbei. Eine Frau entfernt das Laub ein paar Grabreihen weiter. So lange und untätig steht hier niemand sonst herum. Ausnahmen werden nur bei frischem Schmerz gemacht und bei verzweifelten Tränen. Das trifft nicht zu. Damit wäre meine Zeit hier also schon um? Aber ich wollte dich doch sprechen!

Eigentlich ist es absurd zu meinen, mit einem toten Menschen reden zu können, wenn man an seinem Grab steht. Und ich brauche dieses Fleckchen Erde, in der sich deine Asche längst aufgelöst haben wird, wirklich nicht, um dich mir vergegenwärtigen zu können. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir genauso gegenwärtig wie vor 15, vor 30, vor 50 Jahren. Da uns niemand zuhört: Ich war ein Kind, das keine Mutter hatte. Ich habe es dir schon im letzten Jahr gesagt. Und ich muss dir auch dieses sagen: Ich hatte gehofft, dich loszuwerden, wenn du stirbst. Aber es ist mir nicht gelungen. Du bist mir mehr als gegenwärtig. Gerade weil du nicht die Mutter für mich warst, die ich gebraucht hätte, kann ich dich nicht vergessen. Ich fühle deine Gegenwart ständig in mir.

Aber allmählich begreife ich, dass ich ohne deine Liebe leben muss und es auch kann.

Es wird daher Zeit, dass ich mich von dir verabschiede. Vielleicht liege ich selbst bald irgendwo unter ein bisschen Erde und warte darauf, wieder in den Kreislauf der Natur einzutreten. Da sollte man schon mal in der Lage sein, der eigenen Mutter ins tote Angesicht zu sehen, finde ich. Was meinst du?

Ich würde es gerne versuchen. Heute. Ich glaube, heute könnte ich es versuchen. Friedhofsblumen habe ich dieses Mal nicht für dich, auch keinen lustigen Strauss. Aber ich möchte versuchen, dir endlich ein angemessenes Denkmal zu setzen. Nicht hier unter den Menschen, nein in mir, ein Mal, an dich zu denken, sowie du warst, so wie ich dich gesehen habe und sehen konnte. Ich will versuchen, mich deiner Wahrheit anzunähern, soweit ich es kann und so weit ich sie begreife.

Wenn ich dir also ein Mal setzte, so wird es doch letztlich meine Wahrheit sein, meine Wahrheit über dich.

 

Margot, die Dresdnerin

so hast du verfügt, dass es hier steht, auf deinem Grabstein.

Stolz warst du auf deine Heimat- und Geburtsstadt wie andere Menschen es sind auf einen Adelstitel, auf das Wappen eines alten Geschlechtes, das sie tragen dürfen.

Du hast es so gewollt: hier im Irgendwo liegt Margot aus Dresden. Das war die wichtigste Botschaft, die du der Nachwelt über dich hinterlassen wolltest: Dass du nicht von hier bist, nicht von irgendwo, dass du aus Dresden kommst, dem Elbflorenz, dass du aufgewachsen bist zwischen Barockschlössern und dem schimmernden Fluss mit seiner weißen Flotte, dass du aus einem Märchenreich stammst, von dem die gewöhnlichen Sterblichen hier und an allen Orten der Welt nicht einmal träumen können.

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Du liegst auf einem fremden Friedhof irgendwo zwischen Birken und Wiesen, wo du beerdigt werden wolltest, um nicht dort begraben zu sein, wo du dein Leben lang gelitten hast, im Ruhrgebiet, in der wirklichen Fremde. Keiner hier kennt deinen Namen. Keiner hat dich je lebend gesehen.Ich denke, nur wenige die deine Grabinschrift lesen, werden sich unter Dresden etwas vorstellen können.

Keiner wird ihn hören können, den Schrei, den du da in Stein hast meißeln lassen.

Deine Stadt wurde zerstört, als du sie verlassen hattest, als du in die Fremde gehen musstest. Deine Stadt nahm deine Lebenstragödie voraus.

Ich erinnere mich gut an den großen, sorgfältig eingeklebten, schon langsam vergilbenden Zeitungsausschnitt in unserem Familienalbum: „Der Todesengel über dem zerstörten Dresden“. Ich habe dieses Bild oft mit Grausen angeschaut. Ich war noch sehr klein. Ich habe nur geahnt, dass dort etwas Furchtbares passiert ist, was wie ein dunkler Schatten über deinem Leben lag. Als ich selbst mit dir 1953 in Dresden war und du ständig irgendwo mitten auf der Straße stehen bliebst, meist vor riesigen Grasflächen, auf denen nichts mehr stand, und hemmungslos weintest, konnte ich nicht wissen, was du verloren hattest. Ich selbst fand diese weiten Wiesen mitten in der Stadt anheimelnd und freundlich. Und ich mochte deine Stadt, weil an den großen Mietshäusern an allen Fenstern freundliche Geranienkästen aufgehängt waren und weil es in Kleingärten die ersten Rettiche meines Lebens gab, die unglaublich scharf und verheißungsvoll schmeckten. Und ich mochte diese Stadt, weil ich plötzlich – trotz deiner Trauer – eine fröhliche, eine glückliche Mutter hatte, die mich loslassen konnte und die mir nicht mehr die Luft nahm mit ihrer Unzufriedenheit und ihrer Wut. Ich hatte mit einem Mal eine Mutter, die wieder zu Hause war, die wieder sie selbst war. Obwohl sie weinte, wenn wir auf Ruinen trafen.

Ich kannte selber Ruinen. Wir spielten darin, obwohl es streng verboten war. Ich liebte die Kuckucksnelken und sammelte mit Begeisterung zerbrochene Bodenfliesen mit geheimnisvollen Ornamenten darauf. Aber meine wunderschönen Fliesenbruchstücke haben dir immer nur ein müdes Lächeln entlocken können. Du kamst schließlich aus einem fernen Königreich in dem es von Kunstschätzen und wunderschönen Bauwerken nur so wimmelte.

Über unserem Sofa hing eine große Ansicht des Panoramas von Dresden. Davor stand ein fünfarmiger Holzleuchter mit edlen Honigkerzen. Ja, es war nicht und nie zu übersehen und zu überhören: du warst eine Dresdnerin.

Auch in mir breitete sich diese Traumstadt aus und hat die Sicht auf alle Städte und Heimaten meines späteren Lebens geprägt. Und ich kannte dein Dresden bald so gut, als sei ich selber dort aufgewachsen: Einmal war die Elbe zugefroren, und du konntest über den Fluss nach Dresden Neustadt hinüber laufen. Nachmittage über Nachmittage hast du im Hygienemuseum zugebracht, für das du viele Jahre lang eine Dauerkarte geschenkt bekamst. Eine Art Tischleindeckdich war das für dich, wo du nach Herzenslust und so viel du nur wolltest Wissen und Vergnügen für dich herausholen konntest. Ich stand mit dir im Scheinwerferlicht, wenn du im Theater beim Weihnachtsmärchen im Kinderballett aufgetreten bist. Ich bin mit dir durch die riesigen Parks gestreift, fuhr mit dir auf den Elbdampfern spazieren, trödelte mit dir über die Vogelwiese. Wir kaufte Lose und fuhren mit dem Riesenrad.

Als ich fünf war, hast du mir all das dann auch in der Wirklichkeit zu zeigen versucht. Ich erlebte mit Entzücken auf der Vogelwiese zum ersten Mal ein Marionettentheater. Du erzähltest mir, wie schön dies schwarzen Ruinen des Zwingers einsmals gewesen waren. Die vielen Figuren auf den Dächern überall in der Stadt beeindruckten mich. Noch mehr gefallen haben mir die Geranien und der Rettich, die großen Wiesen überall und die kleinen Eisenbahnwagen, die in der ganzen Stadt herumfuhren um Trümmer weg zufahren. Aber wirklich verzaubert hat mich der Lindenduft, der über deiner Stadt lag. Es war Juni.

Später warst du noch öfter in deiner alten Heimat und manchmal hast du nach solchen Reisen angedeutet, dass man mit Dresden etwas angestellt habe, dass dir noch schlimmer schien als die Bombennächte: die Braunkohle. Dresden war dreckig geworden. Es tat dir weh, Ähnlichkeiten feststellen zu müssen zwischen deiner Märchenheimat und der gehassten Realität Ruhrpott, in die dich dein Schicksal geworfen hatte. Wenn ich als Kind einen Zaun anfasste (was mir streng verboten war), hinterließen meine Finger schwarze Flecken auf meinem Kleid und du hast dann am Waschbrett geschwitzt und dein Schicksal verflucht. Und nun war auch dein Dresden voller Kohlespuren. Es muß dich sehr gepeinigt haben.

Aber du bliebst dieser Stadt immer treu: Jedes Jahr schicktest du an die Hofkirchengemeinde einen Eimer Bohnerwachs, weil du die Pflege einer der Stufen in der Hofkirche übernommen hattest, sozusagen als Patenschaft. Und zu Weihnachten gab es vor deinem leckeren Streuselkuchen immer erst – sozusagen als Mauer vor dem Schlaraffenland – Dresdner Stollen: Da wurden die mageren, trockenen Stollen angeschnitten, die uns deine Freundinnen aus Dresden geschickt hatten und ebenso die aus der Form gegangenen, fetten, von Butter und vom Wirtschaftswunder triefenden, die du selbst gebacken hattest. Abende lang hast du geknetet und wochenlang Muskelkater davon gehabt. Ich weiß gar nicht, ob irgendwer von uns überhaupt Stollen mochte. Ich weiß nicht, ob du ihn selbst wirklich mochtest. Aber das Essen von Stollen vor dem Zugang zu allen anderen weihnachtlichen Köstlichkeiten war ungeschriebenes Gesetz bei uns, dem auch unser Vater nicht zu widersprechen wagte.

Als ich mit 18 Jahren von einer Klassenfahrt begeistert aus Paris nach Hause schrieb, diese Stadt sei phantastisch, sie sei eine gelungene Synthese aus Gelsenkirchen und Dresden, warst du schockiert. Die Integration der beiden Welten meiner Kindheit, der realen und der Traumwelt, die für mich so nötig und endlich gelungen schien, nahmst du übel. Nichts und niemand kam an deine Stadt heran.

Ja, du warst aus Dresden. Da steht es.

Ist dies das Denkmal, das du willst? Ist dir diese Stadt wichtiger gewesen als du selbst?

Und wer warst du? Wie warst du?

Ich möchte sie einmal wegschieben, deine Stadt und schaue dich selber an, dich, die Frau, die mit dieser eigenwilligen Inschrift in die Nachwelt eingehen wollte. Ja, eigenwillig warst du, eine Kämpferin bist du gewesen und trotz allem geblieben bis zum Schluss.

Wäre das nicht die bessere Inschrift: Margot die Kämpferin?

 

Margot die Kämpferin

Du hast vom ersten Tag an gekämpft, um deinen Anspruch auf dieses Leben, um Anerkennung, um dein Glück. Ich weiß, es blieb dir ja nichts anderes übrig.

Ich sehe dich, dreijährig, mit deinen hübschen, brauen Locken in den Eisenbahnzug steigen und nach Oberschlesien fahren, alleine, zur noch unbekannten Großmutter. Ich denke, dein Herz hat heftig geklopft, als du dich aus dem geöffneten Zugabteil lehntest und deine Mutter auf dem Bahnsteig stehen sahst. Sie winkte und dann fuhr der Zug an und sie verschwand aus deinem Blick. Und du warst auf einmal ohne sie und musstest nun alleine klarkommen. Und du wolltest es schaffen! Die fremde Frau von der Bahnhofsmission war nett zu dir. Du hast tapfer an deinen Tränen geschluckt. Als der Zug in Ratibor hielt und du die dicke, alte Frau auf dem Bahnsteig stehen sahst , die aussah wie deine Großmutter auf dem Foto und genau so einen Hut trug wie sie, hast du nicht eine Sekunde gezögert und bist „Gromuddel, Gromuddel“ schreiend auf sie zugestürmt. Wenn sie es nicht gewesen wäre, sie hätte dir auch so nicht widerstehen können. Aber sie war es. Du hattest Glück. Auch mit deinen Onkeln und Tanten und deinen Cousins und Cousinen, die plötzlich in dein Leben traten, hattest du weitgehend Glück in diesen Jahren deiner Vorschulzeit. Als aber der eine Onkel dich in einen dunklen Raum sperrte, weil du nicht brav gewesen warst und er nun meinte, erzieherische Wunderwerke an dir vollbringen zu müssen, hast du ohne zu jammern die Zähne auf einander gebissen und dich zum Kampf gerüstet. Der vom Onkel angekündigte Teufel kam nicht, als du alleine im Dunklen saßest, aber du hättest dich nicht kampflos ergeben, nicht wahr? Du hättest ihn in die Flucht geschlagen, du warst zu allem bereit.

Oh nein, du warst nicht irgendwer! Alle mussten mit dir rechnen.

Du lebstest seit deiner Einschulung wieder in Dresden. Als das erste Schuljahr  zu Ende ging, an einem blauen Märztag des Jahres 1927, hast du auf deinem Schulweg durch den Blüherpark die ersten Schneeglöckchen entdeckt Der Lehrer kam an diesem Morgen in den Klassenraum, grüßte die Kinder stumm, schrieb mit großen, klaren Buchstaben an die Tafel: „Er kommt….“ und wandte sich dann mit fragendem Gesicht an die Klasse. Die Kinder schwiegen erst verwirrt, bis sie begriffen, was der Lehrer von ihnen wollte. Dann schnellten die Finger hoch. „Der Lehrer kommt“, posaunte stolz ein Junge heraus. „Nein“, der Lehrer schüttelte den Kopf. Diese Antworte wollte er nicht. „Der Vater kommt“, „die Mutter kommt“, „das Kind kommt“, „der Mann kommt“, „die Frau kommt“…….. Immer wieder schüttelte der Lehrer bestimmt und geheimnisvoll seinen Kopf und nahm das nächste Kind dran. Schließlich kamst du an die Reihe, die du vom ersten Moment die richtige Antwort gewusst hast, und prustetest atemlos in die Klasse „Der Frühling kommt!“. „Du“, sagte der Lehrer, „du kannst dich auf der Vogelwiese sehen lassen“.

Keiner konnte dir das Wasser reichen.

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Als dein Vater starb, warst du 12 Jahre alt. Du warst froh, nun sagen zu können: „Mein Vater ist tot“, denn dein Vater lebte nicht bei euch. Das war damals etwas Ungewöhnliches und irgendwie nicht in Ordnung und die Leute tuschelten. Du machtest den Rücken gerade und hast wieder auf die Zähne gebissen.

Als du 13 Jahre alt wurdest, erklärtest du deiner Mutter, dass du ab jetzt dein eigenes Leben leben wolltest. Du hast keinen Zweifel daran gelassen, dass du das können würdest und du hast niemanden geschont, auch nicht sie. Du hast dir deine eigene, eine neue Heimat gesucht und bist dort aus und eingegangen. Zu Hause hast du nur noch geschlafen. Du hast dir dein Leben selbst zusammengebaut ohne zurückzuschauen und mit der Wimper zu zucken. Deine Heimat wurde die Jugendgruppe der einzigen katholischen Gemeinde in der Diasporastadt Dresden. Dort hast du gefunden, was du brauchtest an Zuneigung und Anerkennung, an Anregungen und Herausforderungen.

Später wurdest du wegen deiner den Nazis suspekten Tätigkeit in der katholischen Gemeinde von der Gestapo vorgeladen und hast dort gesessen und mit naiver Miene von deiner Tätigkeit als katholische Jugendführerin erzählt, von euren Gottesdiensten und Gebeten und frommen Liedern und Wallfahrten. Und sie haben dich wieder gehen lassen, weil du so überzeugend warst in deiner Frömmigkeit und Beschränktheit. Und du hast dir ins Fäustchen gelacht und ihr habt weitergemacht mit all dem, was denen nicht passte. Ihr habt es mit ihnen aufgenommen. Mit Teufeln hattest du schließlich Übung. Und Angst gab es für dich nicht. Zumindest dachtest du das. Wenn sie dich damals wirklich eingesperrt hätten, so hast du uns Kindern später immer erzählt, dann hättest du einfach alle Lieder gesungen, die du kennst und das hätte so viele Jahre gedauert, so lange hätten sie dich gar nicht festhalten können! Und außerdem wärst du auf diese Weise immer fröhlich geblieben. Dich kriegte keiner unter.

Als du keine Lust mehr hattest, im Rechtsanwaltsbüro weiterzuarbeiten, wo der Nazichef als einziger übrig geblieben war, nachdem sein jüdischer Kompanion hatte fortgehen müssen, hast du deinen Ausbruch beschlossen und kühl durchgezogen: Du erzähltest dem Chef blumenreich, dass du die Berufung zur Kindergärtnerin in dir fühlen würdest. Dein großes Ideal sei es,  polnische Kinder deutsch zu erziehen. Er war begeistert und hat dir den Abschluss vorzeitig anerkannt. Und dann bist du aufs katholische Kindergärtnerinnenseminar nach Freiburg gegangen, dem einzigen damals, das nicht in Naziregie lief. Gut hingekriegt! Bei dir musste man eben eher aufstehen.

Als dir kurz vor Kriegsende ein amerikanischer Besatzungssoldat auf der Straße ein Lasso überwarf, bliebst du einfach stehen mit deinem dicken schwangeren Bauch, ließet das Lasso langsam an deinem Körper herunter gleiten, stiegst aus dem Seil, das schließlich am Boden lag und sahst den Mann mit stolzem und vernichtendem Blick an. Und er murmelte eine Entschuldigung und zog sich mit einem Gesicht wie ein ertappter Schuljunge zurück. Mit solchen Sachen wurdest du spielend fertig.

Doch dann, als du spürtest, dass ganz andere Kräfte auf dich zukamen, Kräfte, die dich ernsthaft bedrohten, wurde das Kämpfen immer schwerer. Du warst auf einmal ganz alleine. Da war keine Gromuddel mehr, die zu dir hielt und dich retten konnte: Plötzlich musstest du leben mit diesen fremden Menschen, dieser hochnäsigen Familie mit ihrem bornierten Naserümpfen über dich, deine uneheliche Geburt, den Osten Deutschlands und sogar über deine Stadt. Und dein eigener Mann stellte diese Menschen, seine Mutter und seine Geschwister, über die Liebe zu dir, immer und immer wieder.

Aber du hast auch dann noch versucht zu kämpfen. Als du schon mit meiner Schwester hochschwanger warst, in den letzten Tagen vor Kriegsende, hast du es geschafft, dich aus der Enge und Erniedrigung der gemeinsamen Kriegsunterkunft mit dieser Familie zu befreien und dir für dich, das Kind und deinen Mann eine eigene kleine Dachwohnung zu organisieren. Nur, dein Mann hat es dir übel genommen, dass du dich erhoben hattest gegen seine Leute. Und so es wurde mit dem Kämpfen für dich immer schwieriger.

Nur noch selten blitzen sie auf, deine Energie, dein Witz, dein Einfallsreichtum. Alle hielten wir dich immer für ein bisschen naiv und dumm, weil du nicht mit Zahlen umgehen konntest und nichts von Technik verstanden hast. Dabei warst du in Wirklichkeit ein Mensch mit hoher Intuition und Kombinationsgabe. Aber das schien in unserer Familie nicht viel wert, es war eher etwas anrüchig, etwas skurril und nicht vorzeigbar, so wie es dein angebliches zweites Gesicht war. Es gab in unserer Familie die besonders oft und mit geheimnisvoller Mine immer wieder erzählten Beweise dieser angeblichen Gabe:

So hast du zum Beispiel am Tag, als dein Mann am Abend zu Fuß aus der Kriegsgefangenschaft kam, ohne dass du das gewusst hast und auch nur hättest ahnen können, beim Metzger am Morgen vier Pfund Pferdefleisch erstanden. Was hättest du bloß damit angefangen, wenn er nicht an diesem Tag plötzlich unten an der Strasse aufgetaucht wäre? Du wusstest es eben.

Ein anderes Mal stand mein Vater kurz vor Weihnachten abends stolz vor unserer Wohnungstür, einen großen, flachen, länglichen Gegenstand in ein Tuch gewickelt unter den rechten Arm geklemmt, der offenbar sehr schwer war. Er sagte mit geheimnisvoller Mine zu dir: „Rate mal was ich hier habe“. Und ohne eine Sekunde nachzudenken, hast du gesagt: „Das ist das Abendmahl von Leonardo da Vinci in Gusseisen“. Bei solchen Gelegenheiten wurde es meinem Vater heiß und kalt und er fing tatsächlich an, an dein zweites Gesicht zu glauben. Aber es befiel ihn Unbehagen dabei und er schämte sich dafür. Genau so, wie er sich schämte, wenn du – selten genug – bei Festen unter fremden Leuten Witz und Geist so heftig gesprüht hast, dass sich alle um dich herum zu fragen begannen, wer da unter dem Allerleirauh versteckt war. Ich weiß noch, wie ich als Kind immer wieder staunend und kopfschüttelnd ein Foto betrachtet habe, auf dem du zu Karneval eine mondäne Frau mimtest. Ich konnte und konnte in diesem Bild meine Mutter nicht erkennen.

Doch solche Ereignisse wurden immer seltener. Sie waren letztlich unerwünscht und deine Energie richtete sich bald nur noch darauf, dich allem zu verweigern: der neuen Heimat, die nie eine für dich wurde, deinem Leben als Mutter und Hausfrau, das dir vorkam wie Sklaverei, deiner eigenen Familie, die nie das Leben für dich bereitstellen konnte, das du dir erträumt hattest.

Deine Kämpfe erstreckten sich in der Folgezeit nur noch auf Kleinkriege. In den ersten Jahren waren sie noch sinnvoll: So bekamst du von Persil ein Riesen-Paket voll Waschmittel geschenkt, weil du dich bei der Firma über die Tatsache heftig beklagt hattest, dass die Ata-Dose aus Pappe schneller aufgeweicht war, als man sie aufbrauchen konnte. Dieser Kampf schien sinnvoll. Er war gut für die Familienkasse.

Später schriebst du ständig Leserbriefe an die Tageszeitungen und beschwertest dich über die ungepflasterten Bürgersteige der Stadt, in der du leben musstest, die unbeleuchteten Straßen, das viele Papier auf den Wegen und in den Grünanlagen. Du machtest dir mit diesen Kämpfen viele Feinde. Meist aber wurden diese Briefe wohl belächelt.

Es tut mir heute noch weh, wie sehr man dich an so vielen Orten und in all den Jahren belächelt hat. Wir, deine Familie, haben dich schließlich auch belächelt. Deine Kämpfe wurden immer absurder und unsinniger: In Gaststätten beschwertest du dich jedes Mal über irgendetwas aber fast immer wurde dir nachgewiesen, dass der Fehler bei dir lag. Oder du bestelltest mutig und voller Experimentierfreude Menüs, die dir aufregend und exotisch schienen. Aber du bekamst sie dann nicht herunter und warst ärgerlich über dich und über die ganze Welt und am meisten über meinen Vater, der mit seinem ewigen Wiener Schnitzel glücklich war.

Ich weiß noch gut, wie du dich einmal vor uns allen brüstetest, dass es dir nichts ausmachen würde, nackt unsere Bahnhofstraße hinunterzugehen. Es sei dir völlig egal, was die Leute sagen würden, drohtest du an. Mein Vater hatte damals richtig Angst, du könntest es tun.

In der Straßenbahn sprachst du grundsätzlich so provozierend laut, dass alle dich hören mussten. Es sollten dich alle hören! Du wolltest immer diskutieren, mit den Leuten reden, sie aufklären darüber, wie hässlich die Stadt sei, durch die wir fuhren. Aber keiner wollte dich anhören. Sie behandelten dich manchmal fast wie eine Irre. Wie oft sind wir Kinder auf solchen Fahrten vor Scham beinah im Boden versunken!

Als ich einmal ein Rezept für dich bei deinem Arzt abholte – ich war schon lange aus dem Haus und war nur zufällig zu Besuch da – nahmen mich dort die Sprechstundenhilfen bei Seite und baten mich, doch einmal mit dir zu reden, dass du nicht immer erst kommen solltest, wenn eigentlich die Sprechstunde schon vorüber sei. Sie wüssten nicht, wie sie es dir beibringen sollten, du würdest es offenbar für selbstverständlich halten, dass sie alle Überstunden wegen dir machen müssten. Ich habe mich geschämt und war bestürzt. Aber als ich es versuchte, dir zu erklären, warst du erzürnt und voller Wut auf die unfreundlichen Menschen, unter denen du leben musstest.

Wie sinnlos und selbstzerstörerisch waren deine Kämpfe geworden! Der Teufel saß längst im Zimmer und lachte sich über dich kaputt, wenn du mit hochrotem Kopf wie wahnsinnig auf die Luft vor dir einschlugst, wo er doch vor deinen Schlägen sicher hinter dir stand.

Viel später dann, als meine Schwester und ich schon lange aus dem Haus waren, muß es dir aber doch noch einmal gelungen sein, geschickt und auch mit harten Bandagen zu kämpfen und das mit vollem Erfolg. Hinter dem Rücken und gegen den Willen meines Vaters bist du bei seiner Firma vorstellig geworden, hast erklärt, dass dir die neue Dienstwohnung, die er bereits zugesagt hatte, obwohl er deine heftigen Bedenken kannte, nicht passe und gefalle. Und man hat dir sofort eine andere, bessere, günstigere angeboten. Er ist schließlich mit in diese andere, viel schönere Wohnung eingezogen, aber es war für ihn eine Niederlage als Mann und Familienvorstand und eine fast unerträgliche Blamage vor seinem Arbeitsgeber und den Kollegen. Er hat es mir noch zehn Jahre nach deinem Tod mit knirschenden Zähnen erzählt.

Vielleicht hättest du soetwas viel früher tun sollen, damals, als es anfing damit, dass deine Kämpfe ins Leere liefen, weil er dich nicht als Kämpferin haben wollte, sondern versuchte, aus dir eine Dulderin zu machen so wie er ein Dulder war. Ich hoffe, du hast damals wenigstens deinen Erfolg ausgekostet und dir nichts aus seiner ratlosen Wut gemacht! Die schönere Wohnung hat dir schließlich Recht gegeben. Glückwunsch noch heute!

Und dann bist du gestorben. Du hattest so furchtbar große Schmerzen, lange Zeit. Du hast im Delirium dein ganzes Leben noch einmal durchgekämpft. Du hast meinen Vater beschimpft, du hast vor Wut geweint, weil er neben deinem Bett saß und Kreuzworträtsel löste, während du mit dem Tod gerungen hast. Aber du hast nicht aufhören wollen zu leben. Der Arzt sagte mir irgendwann, dass du bei diesen Schmerzen und beim Fortschritt deiner Krankheit eigentlich längst tot sein müsstest. Du hättest aber ein zu starkes Herz. Und das würde kämpfen, als könne es den Tod aufhalten.

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Diesen Kampf konntest du nicht gewinnen. Das kann keiner.

Ja, du warst wahrhaftig eine Kämpferin, später zwar nur noch im Kleinen, später nur noch eine, über die gelacht wurde. Aber im Tod hast du es uns allen noch einmal gezeigt: Margot die Kämpferin.

Bist du das gewesen? Ist es das, was über dich zu sagen ist nach alle dem?

Aber ist es nicht eigentlich der Erfolg, sind es nicht die Ergebnisse eines Kampfes, die einen Menschen ehren, die ihm zum Andenken gereichen, für die man ihm Denkmale errichtet? Und wenn ich dein Leben aus dieser Perspektive betrachte, dann erschrecke ich. All deine Kämpfe sind schließlich ins Leere gelaufen. Erfolg war dir fast keine beschieden. Du bist wahrhaftig untergegangen. Du hast bis zuletzt nicht nachgegeben und nicht aufgegeben, aber du hast versagt. Ist es nicht so? Ich muss das ganz deutlich und laut sagen. Weil es wahr ist und weil es notwendig ist, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Du hast versucht, sie vor dir und uns zu verstecken, lange, lange Zeit. Aber wir beide haben heute die Kraft, den Schleier herunter zu reißen.

Margot, die Versagerin

Es tut doch noch weh, so etwas zu sagen. Es erfordert auch jetzt noch Mut von mir, das einfach so auszusprechen. Es tut gerade mir besonders weh, denn ich habe als Kind an deinen Träumen ebenso festgehalten und an sie geglaubt wie du. Aber du weißt es selbst, wenn du ehrlich bist – und heute, 15 Jahren nach deinem Tod wirst du mit dir ehrlich sein können, nicht wahr? –  nichts davon ist dir gelungen:

Margot, die eigentlich eine Schauspielkarriere hätte machen können, Margot, die begehrte und beliebte Frau, die fünf Männer hätte haben können an jeder Hand, Margot, die sich nichts gefallen ließ, die kämpfen konnte und wollte, die nie klein beigab … Das Bild von der Kämpferin Margot, der mutigen, erfolgreichen, strahlenden Frau, das du von dir aufgebaut und ein Leben lang hochgehalten hast und von uns hast feiern lassen, ohne es je einzulösen, das war nicht mehr als ein Trugbild. Diese Margot ist nur ein Traum gewesen. So ist es.

Du hast viel Kraft aufgewandt, uns deine Träume als Wirklichkeit zu verkaufen und selber als Lebenssehnsuchten einzuätzen.

Es ist dir in gewisser Hinsicht auch gelungen. Deine Schauspielerinnenkarriere z.B., das, was du ohne uns, ohne Kinder, ohne Gelsenkirchen, ohne diesen Mann, vielleicht auch ohne Krieg hättest werden können, hing über uns allen wie eine Losung, die uns die Wertlosigkeit der Wirklichkeit offenbarte.

Aber nichts davon war wirklich zu sehen, nichts war wahr. Es ist dir nicht einmal gelungen, irgendetwas von deinen Träumen in dein Alltagsleben hinein zunehmen, wenigstens ein Stückchen von deinen Träumen für dich zu retten. Weil du nicht alles bekommen konntest, hast du dich geweigert, einen Teil davon zu nehmen, auch wenn er vor dir lag: Du hast nie das Theater besucht im Ruhrgebiet, weil du nicht glauben wolltest, dass es hier auch Menschen geben könnte, die etwas von Kunst verstehen. Du hast keine Laienspielgruppe aufgezogen, in keiner mitgespielt, weil du davon überzeugt warst, dass diese hier deine Fähigkeiten nicht würden würdigen können. Du hast im Wohnzimmer mit uns Kindern Tänze eingeübt, aber du warst unzufrieden und unglücklich über die steifen, ausstrahlungslosen Westfalenkinder, die du da abbekommen hattest.

Und die haben dann heimlich geweint, weil sie dich enttäuschen mussten.

Es mit den neuen Verwandten aufzunehmen, das hast du am Anfang schon noch versucht. Aber du hast den Stursinn und die Borniertheit einer mittelständigen Familie aus Gelsenkirchen hoffnungslos unterschätzt. Ihre dummen Vorurteile bohrten sich wie Angelhaken in deine alten Wunden. Und da war keiner, der dich schützte, der dich verstand, der dir half, der sich auf deine Seite stellte. Die haben dich überrannt und einfach zu Nichte gemacht. Menschen, denen du dich eigentlich Haus hoch überlegen fühltest mit deiner Herkunft, deiner Bildung, deinem Hintergrund, konnten dich mit ihrer Nichtachtung zerstören. Und du hattest nichts als deinen Hass, den du auf sie alle richten konntest.
Du warst einfach die Schwächere. Du, Dresdnerin, Kämpferin, du hast den Kürzeren gezogen.

Und Margot die Mutter?

Ob du selbst deine Kinder als zufrieden stellende Nachkommenschaft erlebt hast, wage ich nicht erst zu fragen. Keine von uns hätte der kleinen, braun gelockten, süßen Margot aus Dresden je das Wasser reichen können. So glaubten wir. Ich kenne deine Träume von Mutterschaft nicht, kenne keine Vorstellungen von dir über Kinder, die du gerne gehabt hättest und an denen du uns vielleicht gemessen hast. Gemessen wurden wir einfach an dir.

Freilich: Was heute aus mir geworden ist, verdanke ich in weiten Stücken auch dir: Von dir habe ich mir den Kampfesmut abgeschaut, den unnachgiebigen Kampfesmut, der auch dann nicht aufhört, wenn eigentlich alles verloren ist. Von dir habe ich meine Phantasie, meine Kreativität, meine Intuition, meine Kombinationsgabe. Von dir habe ich die Freude am Querdenken, am Anderssein, am gegen den Strom Schwimmen.

Aber mit ansehen zu müssen, wie meine Mutter versagte, trotz ihrer Kämpfe und Träume einfach unterging, das war nicht gut für mich. Dass du immer am Leben gelitten hast, mir nicht vormachen konntest, wie man es bewältigt, wie man Freunde gewinnt, wie man Lebensfreude entwickelt, wie man liebt, all das ist traurig und hat mir viel Probleme bereitet. Dennoch: Du siehst, ich stehe hier. Ich komme zurecht.

Wärst du darüber froh? Warst du je auf uns stolz?

Vielleicht hast du später sogar mit Freude gesehen, dass wir es irgendwie schafften, unser Leben zu leben und hier und da sogar besser klar zu kommen als du? Oder hat dich das noch wütender und trauriger gemacht? Ich staune, wie wenig ich weiß über deine Gefühle. Was haben dir deine Kinder eigentlich bedeutet?

Ich fürchte, dass in deinen Lebensträumen Kinder eignetlich überhaupt nicht vorgekommen waren. So konnten wir dich also auch nicht wirklich enttäuschen.

Nur konnten wir dich so auch nicht lieben. Eine lange Zeit in meinem Leben habe ich dich gehasst. Kinder kamen in deinem Herzen nicht vor. Natürlich gehörten sie zum Bild, das du hattest von deinem Leben als Ehefrau und Katholikin. Du hast damals das erwünschte Bild erfüllt, natürlich, hattest immerhin zwei Kinder und bist bei deinem Mann geblieben, bis dass der Tod dich schied. Aber du hast deinen Kindern viel zu oft erzählt, wie schwer dir das alles fiel, dass du dich für uns geopfert hättest. Ich habe auf dieses Opfer immer gepfiffen. Ich hätte dieses Opfer nicht gebraucht. Ich hätte deine Liebe gebraucht.

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Nein, auch als Mutter hast du letztlich versagt, auch als Mutter ist dein Leben nicht aufgegangen, vielleicht ja für dich aber nicht für uns.

Auf alle Fälle aber war deine Ehe nicht das, was du dir vorgestellt hattest. Du fandest dich mit einem Mal hilflos und ausgeliefert an einen Mann, der in aller Fürsorge und Verantwortung, aber ohne dich wirklich einzubeziehen, mit dir sein Ding machte, tat, was er für dich für richtig hielt. Und er opferte dich – zu allem anderen – immer wieder auf dem Altar seiner eigenen Familie. Er war selber das letzte Rad am Wagen dieser Familie, die er aber über alles liebte und ehrte. Und damit war dein Schicksal besiegelt: Du warst vom letzten Rad nicht mehr als eine Speiche. Nein, dies war nicht das Bild von Ehe und Liebe, das du mit dir herumgetragen hattest. Du warst in einem Maße zur persönlichen Bedeutungslosigkeit, zu Machtlosigkeit degradiert und zur Verfremdung gezwungen, wie du es dir wohl kaum hättest vorstellen können. Du hast ständig, all die Jahre deiner Ehe, aufbegehrt aber keine Konsequenzen gezogen außer deinen vielen verzweifelten, anklagenden Tränen. Auch deine Ehe und dein Leben als Ehefrau war also ein einziges Versagen.

Du warst nicht wirklich die wunderbare Margot deiner Träume und meiner Kinderträume? Wer also bist du tatsächlich gewesen?

Du hast keine Identität gehabt als diese deine Träume. Du hattest keine Freunde als die, die dir aus deinem alten Leben geblieben waren, du hast keine neuen Interessen entwickelt, keine Hobbys entdeckt, nichts gefunden, was dich neu bewegt, berührt hätte. Du bist nicht mehr gewachsen, du hast nicht mehr wirklich gelebt. Alles, was dich erfüllte, war dein Traum von der Margot aus Dresden und die Trauer um diesen Traum. In deinem neuen, deinem Jahrzehnte dauernden Leben mit uns, an der Seite deines Mannes, hast du dich dem Leben und deiner Umwelt verweigert. Du zogst es vor, lieber als Zombie zu leben als zu akzeptieren, dass deine alten Träume nicht aufgehen und du dir neue erkämpfen müsstest.

Zeit deines Lebens hast du mit deinem Schicksal gehadert und deine Mitmenschen angeklagt. Aber statt wirklich zu kämpfen und selbstbewusst dein Leben zu leben, hast du aufgegeben, dich tot gestellt. Du hast die Verantwortung für dein Leben nie mehr wirklich übernommen. Du warst einfach verletzt und hast wütend aber kampflos aufgegeben. Margot, die Versagerin, war in gewisser Hinsicht eine Versagerin aus freien Stücken. Aber was ändert das?

„Sie hat getan, was sie konnte“, sagte der Pfarrer bei deiner Beerdigung. Er kannte dich nicht. Es war so daher gesagt. Es hat mich zutiefst erschreckt. So war es also, mehr konntest du nicht. Es war nicht viel. Es war eigentlich zu wenig. Es war erschreckend wenig, wenn man deine Träume kannte.

Nein, das ist gemein, das kann nicht das Bild sein, das von dir bleiben soll. Das ist nicht gerecht. Wenn du auch versagt hast, so hast du dabei gelitten. Du warst vor allem immer eine Leidende. Auch das bist du gewesen.

Margot, die Leidende

Du hast mehr gelitten, als du je sagen konntest. Deshalb hast du ständig versucht, über deine Leiden zu reden. Und so hast du mehr über deine Leiden gesprochen, als es deine Umgebung ertragen konnte. Statt Trost und Mitleid erfuhrst du deshalb Ungeduld und Ablehnung. Nicht einmal deine Leiden haben sie dir geglaubt und gegönnt.
Als die Diagnose schließlich Leukämie lautete, klang in deiner Stimme fast ein bitterer Triumph mit, als du mir das am Telefon erzähltest. Endlich mussten sie es dir glauben, endlich war dein Leiden verbürgt. Später, denke ich, war es so groß, dass du gerne auf diesen Triumph verzichtet hättest.

Als du mit vier Jahren in Oberschlesien im Garten der Großmutter in die Abortgrube gefallen warst und an Scheiße zu ersticken drohtest, hast du vielleicht zum ersten Mal bewusst erfahren, was leiden heißen kann. Sie haben dich gerettet und Gromuddel hat dich gewaschen und beweint. Es blieb immer fraglich, ob sie dich finden und retten würden. Du selber konntest dich nicht befreien.Aber so richtig bist du nie wieder aus dieser Grube aufgetaucht.

Und es half dir später deine Kämpfernatur auch nichts, als dir deine erste Liebe wegstarb mit 17, als dein Dresden in Rauch und Feuer aufging, als du dich entwurzelt und ungeliebt wieder fandest in einer hässlichen, fremden Welt, in einer Welt, die dir vorkam wie ein Totenreich.

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Ich weiß noch, wie oft du in Gelsenkirchen zu dem Arzt an der Ecke gegangen bist. Ich habe dann im Wartezimmer gesessen und auf dich gewartet und bei meinem kleinen, runden Geduldsspiel versucht, die flache Blechmaus in die Falle zu locken. Wenn du dann endlich aus dem Sprechzimmer kamst, war ich immer froh, aber du sahst unglücklich aus und unzufrieden. Denn niemand konnte dir wirklich sagen, was dir fehlte. Aber du wusstest, dass du krank warst, verwundet und verletzt, am Körper und im Herzen.

Alle deine Leiden hatte ich damals auch, weißt du das noch? Ich wollte sie mit dir teilen, sie dir abnehmen: die Herzstiche, die Beinschmerzen, die Atemnot, die Bauchkrämpfe …

Als du eines Tages nach Hause kamst, mit dick umwickelten Beinen, weil dir auf der Hauptkreuzung in der Innenstadt plötzlich die Krampfadern geplatzt waren und du ausführlich und aufwendig in der nahen Stadtapotheke verarztet und behandelt worden warst, freuten wir uns alle über die Realität deiner Leiden.

Und zu deinen Schmerzen, die du fühlen, aber die niemand verorten konnte, kam deine panische Angst, die dich lähmte, die immer schlimmer wurde und über die man ebenso lachte. Dein Mann lachte allerdings nicht, schlimmer, er war ärgerlich. Er fand deine Angst lästig und er versuchte, sie zu bekämpfen mit den Mitteln des Zähneaufeinanderbeißens. Und du kamst dir vor, als wollte man eine Tote noch einmal umbringen: hinten auf seinem Motorroller, wo du vor Angst nur noch ein Häuflein Fleisch warst, das sich versuchte im Gleichgewicht zu halten oder auf den Alpenpisten, wo der Blick ins Tal bei ihm Begeisterung hervorrief und bei dir das totsichere Gefühl, gleich hilf- und hoffnungslos in Abgründe zu stürzen. Ich erinnere mich noch, dass du irgendwann vor Angst nicht mehr in der Lage warst, beim Spazierengehen über eine Pfütze hinweg zu schreiten.

Dein ständiges Husten klang Jahre lang wie eine gleich bleibende Anklage an alle Ich hielt mir schließlich die Ohren zu. Das tat ich auch dann, wenn ich dich weinen hörte und wenn du mit dir selber zu sprechen anfingst, zu schimpfen, zu diskutieren, wenn du auf diese Weise versuchtest, dir doch irgendwie deine Lebendigkeit zu beweisen. Ich habe damals die Tage gezählt, wann ich endlich von zu Hause fort könnte. Im Reich der Zombies fühlt man sich nicht wohl, wenn man 14 Jahre alt ist.

Das war die Zeit, wo du anfingst, zur Kur zu fahren. Ich weiß noch, wie du in der Nacht nach deiner ersten Kur, von der du in für mich fast unheimlicher Weise verändert und erholt zurück gekommen warst, ins Krankenhaus eingeliefert wurdest. Dort operierte man dich an einer enorm großen Darmfistel. Und voller Staunen und Verwunderung erzählten wir uns lange noch die Geschichte von dem Arzt, der bei der Operation Verstärkung holen musste, weil er der Eitermenge, die sich in dir angesammelt hatte und die nun herausdrängte, nicht gewachsen war und drohte umzukippen. Dein Körper hatte für sich einen Weg gefunden, sich von dem Gift zu befreien, das sich in deiner Seele angestaut hatte.

Aber leider gab dein Alltagsleben die in der Kur erahnte Veränderung nicht wirklich her. Später konnte der Eiter nicht mehr heraus. Du erkranktes an chronischer Leukämie.

Dein Leiden wurde jetzt geglaubt. Nur, jetzt nutzte es dir nicht mehr viel. Viel zu früh bist du an deinen weißen Blutkörperchen erstickt.

Du hast immer gelitten und keiner hat dich dafür geliebt, keiner hat dich dafür in den Arm genommen und getröstet. Bis zuletzt. Und schon gar nicht ich. Du warst eine Leidende, eine einsame, unverstandene, ungetröstete Leidende.

Margot, die Leidende. Ist es das, was über dich zu sagen wäre? Würde dir das Genugtuung geben? Dieses Bild wirft Schuld auf uns andere. Würden sie dir gefallen, diese späten Entschuldigungen? Ich könnte es dir nicht verdenken.

Aber da ist noch mehr als Leid, da sind die Gründe für deine Leiden und für dein Versagen. Ich kenne sie, und auch die will ich nennen.

Margot, die Verletzte

Du warst von Anfang an ein verletzter, verwundeter Mensch.

Keiner weiß so genau, was du wirklich erlebt hast als Kind. Aber anders kann es gar nicht gewesen sein: du warst unerwünscht und ungewollt. Du warst Anlass für deine Mutter, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Sie musste das so lange ersehnte und hart erarbeitete eigene Schokoladengeschäft wieder verkaufen, weil sie mit dickem Bauch als unverheiratetes Fräulein nicht mehr Geschäftsfrau sein konnte. Später hast du mit den Milliardenscheinen gespielt, die ihr der Verkauf gebracht hatte. Das hast du oft erzählt. Die Inflation hat ihr alles genommen, aber du warst der Anlass. Und du warst auch der Grund, dass ihr langjähriger Freund, dein Vater, sie verließ, sie alleine ließ mit dem Schicksal, als 35jährige ein uneheliches Kind zu bekommen.

Vielleicht hat deine Mutter dich ja  trotzdem geliebt, verzweifelt geliebt. Aber Fakt ist, dass sie dich, als du drei Jahr alt warst, nach Ratibor geschickt hat zu ihrer eigenen Mutter. Und Tatsache ist, dass du, als du 13 wurdest, ihr selbst den Rücken zu gedreht hast. Du hast nie darüber gesprochen, wie es dir und ihr erging in den Jahren, als ihr zusammen lebtet. Du hast nie darüber gesprochen, ob sie dich geliebt hat. Du hast darüber nichts erzählt.

Aber du hattest keine Scheu, uns mitzuteilen, dass du deine Mutter nicht geliebt hast. Du hast immer über sie gesprochen wie über eine Fremde, die dich nicht allzu viel anging. Als viele Jahre später dein Mann seine an Krebs erkrankte Schwiegermutter aus Dresden über die grüne Grenze zu uns holte, warst du entsetzt und trautest dich nicht, wirklich deutlich zu sagen, dass du das nicht wolltest. Später aber hast du mir das wieder und wieder erzählt.

Deine Mutter gehörte nicht in dein Leben.

Als sie schließlich in Gelsenkirchen bei uns im Schlafzimmer in deinem Bett lag, tot krank, spürte ich manchmal, dass es dir fast peinlich war, wenn wir Kinder merkten, dass du dir eigentlich nicht viel aus ihr machtest. Sie war nur ein paar Tage bei uns, bevor sie ins Krankenhaus kam, wo sie dann später an Magenkrebs starb. Für uns strickte und häkelte sie unermüdlich Puppensachen in diesen wenigen Tagen und wir hätten eine liebe Großmutter gut gebrauchen können. Über deine Kühle ihr gegenüber habe ich mich nicht gewundert. Ich kannte diese Kühle nur zu gut.

Könnte es sein, dass auch du dein ganzes Leben davon geträumt hast, dass abends eine Mutter an dein Bett kommt und du weißt, es ist gut so, du weißt, da ist jemand, der dich hält, der dich mag, der zu dir hält, egal was du getan hast, egal wie du bist? Auch du bist ein Kind, das keine Mutter hatte, keine, die so war, wie sie eigentlich hätte sein sollen, eine Mutter, die einem wirklich gut tut. Diese Mutter gab es nicht für dich. Und dafür hast du ihr jede Liebe verweigert. Auch du.

Es gab in deiner Kindheit und Jugend allerdings auch Menschen, die versucht haben, dich stark zu machen und selbstbewusst und die du geliebt und verehrt hast: Deine Gromuddel, dein Onkel Paul, der für deine Bildung sorgte, dem du die Dauerkarte fürs Hygienemuseum und die Ballettstunden für das jährliche Weihnachtsmärchen zu verdanken hattest, der dir die Idee eingab, du könntest Schauspielerin werden. Es gab die jungen Kapläne in der Kirchengemeinde, die dir sagten, was du kannst und wer du bist. Es gab Freundinnen, die zu dir aufsahen und es gab junge Männer, die dich verehrten und dir vermittelten, dass du schön warst und begehrenswert.

Aber dann war da Helmut. Mit 13 Jahren hast du dich in ihn verliebt, hast dich an seine Zuwendung und Liebe gehängt wie eine Ertrinkende. Als er mit 17 Jahren starb, fühltest du dich so abgrundtief verlassen, wie es nur jemand sein kann, der dieses Gefühl eigentlich schon lange kennt und der sein Leben lang immer am Abgrund gestanden hat. Die Liebe, die du glaubtest gefunden zu haben, wurde dir wieder entrissen. Davon hast du dich nie erholt.

Und so oft du später von diesem Helmut erzähltest, so sehr drängte sich mir immer mehr der Verdacht auf, dass du seiner Liebe gar nicht einmal sicher gewesen bist, dass er sich für dich aber auch für andere interessiert hat und du durch seinen frühen Tod nun nie mehr die Erfüllung dieser Liebe wirklich erfahren konntest, die du so sehr gewünscht hattest und dass du nie für dich die Frage hast beantworten können, ob du wirklich auch geliebt worden bist. Doppelt verlassen durch seinen Tod. Das hat dir schlimme Wunden geschlagen, alte aufgerissen und neue versetzt.

Und dann kam mein Vater und du hast versucht, ein ganz normales, gutes Leben zu leben, mit einem Mann gemeinsam eine Familie aufzubauen, mit einem Mann zu leben, für den du Hochachtung und Dankbarkeit empfinden konntest, wenn schon nicht Leidenschaft und Bewunderung. Aber dieser Mann, der dich selbst so sehr bewundert und geliebt hat, trotz und vielleicht wegen deines Mutes und deines schweren Schicksals, der Mann, der mit dir zusammen gelacht hatte über die Vorurteile anderer Menschen was deine uneheliche Geburt betraf, dieser Mann hat dich dann noch vor euerer Hochzeit für seine Familie, seine Mutter, seine Geschwister verraten. Er hat die Hochzeit verschoben und ist nach Hause zu seiner Familie gereist, um bei Aufräumarbeiten nach einem Bombenangriff zu helfen. Niemand aus seiner Familie war verletzt worden. Aber dich zu verletzten war ihm kein Problem. Er war zuerst Sohn. Erst dann kamst du. Er hat die Frau alleine gelassen, die selbst unehelich, nun selber ein Kind erwartete ohne verheiratet zu sein. Er hat dich im Stich gelassen, dich, die er eigentlich mit flammendem Schwert Tag und Nacht hätte schützen und verteidigen müssen vor aller Welt. Aber er tat es nicht, nie mehr.

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Und du hingst plötzlich in der Luft wie eine aus den Angeln gehobene Tür: Es griff nichts mehr. All deine Talente und Fähigkeiten liefen auf einmal ins Leere. Und so ging es dann weiter, noch vierzig Jahre lang. Dieser Mann hat alles für dich und die Familie getan, er war ein perfekter Ehemann und Vater: er rauchte nicht, trank nicht, war zuverlässig, treu, fleißig, ein Mustergatte. Aber immer kam seine Herkunftsfamilie an erster Stelle und er erwartete, dass du seine Rolle als Underdog im Familienclan teiltest. Und alles, was er vorher an dir bewundert hatte, all das war plötzlich – mit den Augen seiner Familie gesehen – nichts mehr wert, musste versteckt, musste unterdrückt, sollte am besten geändert werden. Die Entwertung rollte über dich hinweg wie ein Alptraum, aus dem du nicht mehr erwacht bist.

Du wurdest rund, bekamst Kummerspeck. Mein Vater sagte „dick“ dazu und betonte ständig seine Vorliebe für große, schlanke Frauen mit wenig Busen. Was solltest du machen? Andere hätten dich sicher auch so begehrenswert gefunden. Dein Mann verschmähte deine Reize und dich selbst. Dein Körper klagte, deine Seele klagte sowieso.

Und während ihn seine Familie, die Mutter, die Geschwister einfach wegwischen konnten, ohne dass er auch nur etwas dabei fand, im eigenen Hause wollte er der Herr sein. Seine Führungsrolle war unantastbar. Er konnte diese Rolle nur durchhalten, wenn niemand an seiner Autorität zweifelte. Da hattest du keine Chance. Da war dann eben die barocke Hofkirche August des Starken gotisch, da musste Kaffee eben ziehen wie Tee, da waren Fingerhüte nicht giftig. Und dunkle Möbel waren schön und vornehm, helle aber waren unseriös, einfach, weil er es so sagte. Du hast jede Sekunde deines Ehelebens gekämpft um die kleinen, kümmerlichen Reste deiner Identität und er konnte sie dir nicht zugestehen, weil er schwach war und als Mann nur glaubte überleben zu können, wenn er ein noch schwächeres Weib hatte. Arme Margot!

Und wir Kinder haben dann später auch noch mitgemacht. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Das verzeihe ich mir nicht. Als wir heraus waren aus der Zeit, in der wir glaubten, ein Teil von dir zu sein, mit dir leiden zu müssen, dich beschützen zu müssen, haben wir uns dadurch gerettet, dass wir dich einfach nicht mehr ernst nahmen. Wir haben dich ein paar Jahre lang „Häschen“ genannt, versucht, in dir ein nicht ernstzunehmendes, nettes, liebes aber völlig belangloses Kuscheltier zu sehen. Und du hast das bisschen Zuwendung mit einem weinenden und einem lachenden Auge auch noch entgegen genommen. Es war wohl das einzige an Zuneigung, was du von uns bekamst. Auch deine Kinder haben dich entwertet und verletzt. Was nutzt es, zu betonen, dass sicher auch wir für solche Grausamkeiten unsere Gründe gehabt haben?

Der Pfarrer hat dich nicht gekannt. Er hat es bei deiner Beerdigung nur so dahin gesagt:„Sie hat getan, was sie konnte“. Aber genau so war es: mehr konntest du nicht. Mehr gab deine Kraft nicht her. Mehr war nicht möglich. Es war wirklich nicht viel, aber wer sagt, dass es angesichts dieser Verletzungen mehr hätte sein können?

Margot, die Verletzte. Das warst du, da liegt die Wurzel.

Was hätte jemals solche Verletzungen heilen können? Was hätte sie wenigstens lindern können? Die Liebe?

Margot, die Liebende

Ob es die gegeben hat?

Von deiner Liebe zu jenem dunkelhaarigen Jüngling mit den großen, traurigen Augen, zu Helmut, hast du mir schon erzählt, als ich kaum wusste, was Liebe ist. Ich saß in unserer Küche auf der Kiste, in der das Kleinholz für den Ofen aufbewahrt wurde und du hast geputzt und gewaschen und dabei ständig erzählt. Dieser Jüngling war von ausgesuchter Schönheit und von unglaublichem Edelmut, von Witz und Klugheit dazu. Er verwandelte sich für mich in einen Märchenprinzen und du warst die Prinzessin, die ihren Prinzen verloren hat und nun ein Leben lang um ihn trauern musste.

Wir hatten dieser deiner Liebe zu Helmut nichts entgegenzusetzen. Dass nicht unser Vater dein Märchenprinz war, sondern du deinen Prinzen schon lange vor ihm mit dir im Herzen herumgetragen hattest und es noch immer tatest, war uns bald klar. Irgendwie hielten wir diesen Helmut deshalb für unseren eigentlichen Vater, waren darauf gefasst, dass gleich die Tür aufgehen könnte und er herein käme. Aber er war damals schon 15 Jahre lang tot. So wie du heute.

Ob diese Liebe wirklich gegenseitig war und wie weit sie für dich als junges Mädchen mehr war als eine kleine Jugendliebe, weiß ich nicht. Ein Leben lang hast du dieser Liebe nachgetrauert.

Später gab es einen Verlobten aus Österreich, über den du manchmal lustige Geschichten erzählt hast und der mir sehr lebensfroh und sympathisch erschien. Du hast dich immer ein wenig über ihn mokiert. Und du hast deine Verlobung gelöst, – so lautete die Geschichte, die du uns erzählt hast, – als seine Mutter, deine zukünftige Schwiegermutter, dir zu Weihnachten ein Buch über das Schneidern geschenkt hatte. Da fiel es dir wie Schuppen von den Augen und du hast dich noch schnell retten können vor dem Schicksal, eine österreichische Hausfrau zu werden.

Das Schneiderbuch habe ich mitgenommen, als ich von zu Hause auszog. Du legtest noch immer keinen Wert darauf, obwohl es dir viele Jahre wertvolle Dienste geleistet hatte, als du für uns nach dem Krieg aus alten Sachen neue Kleider nähen musstest.

Hast du diesen Mann geliebt? Ich weiß nichts darüber.

Und dann kam mein Vater.

Auch hier fallen mir Geschichten ein, die du immer wieder erzählen musstest: Eigentlich wolltest du diesen schüchternen, blassen jungen Mann, der dir so treu ergeben war, an deine beste Freundin Hilde verkuppeln. Irgendwie hat es nicht geklappt und du bist selbst an ihm hängen geblieben. Uns hast du gesagt, dass es damals eben nicht mehr viele Männer gab. Die meisten waren im Krieg. Und deine Freundinnen hätten alle Kinder gekriegt und da käme man in so eine Stimmung, dass man meint, man müsse jetzt auch jemanden haben. Das klang nicht sehr liebevoll und sehr berechnend.

Auf den Fotos aus dieser Zeit aber siehst du locker und glücklich aus. Es gibt eine Menge Liebesbriefe, die ihr euch geschrieben habt in den vier Jahren, die ihr euch kanntet, bevor ihr geheiratet habt. Was also ist die Wahrheit? Hast du ihn je geliebt? Ich kann nicht glauben, dass du so berechnend gehandelt hast, wie du es uns weismachen wolltest. Warum hast du deinen Kindern vermittelt, dass du ihn verachtenswert und lächerlich fandest?

Vielleicht ist deine Liebe ja zerbrochen, als du merktest, wie und wer er wirklich war, wie wenig Stütze und Rückhalt du von ihm erwarten konntest, wenn seine Familie ins Spiel kam. Er hat dich geliebt, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Aber er hat tatsächlich nie danach gefragt, was wirklich in dir vor geht und was du fühlst und brauchst.

Chronischer Ehekrach, ständige, unerträgliche Spannungen, Streit um die nichtigsten Anlässe, das war mein Kindheitsalltag. Als ich 15 Jahre alt war, habt ihr euch noch immer Nächte lang angeschrieen und gestritten, genauso wie damals, als ich fünf war. Diese Ehe wurde für dich zu einem Überlebenskampf, den du täglich verloren hast. Vielleicht war die Geschichte um Helmut eine Rache an meinem Vater.

Immerhin wurde eure Beziehung entspannter, als wir Kinder aus dem Haus waren. In dieser Zeit ereignete sich auch, was man als ein makabres Liebensbekenntnis meines Vaters bezeichnen könnte, das dich aber im Herzen erreichte und das dich von seiner Zuneigung überzeugt hat. Danach konntest du dich ihm wieder mehr zuwenden: Als er heim kam fand er dich im Wohnzimmer, wie so oft in Tränen aufgelöst und neben dir ein dickes Tablettenröhrchen, halb leer. Und er glaubte wohl, du hättest die Tabletten geschluckt und versucht, dich umzubringen. Und da hat er ausgeholt und dir eine heftige Ohrfeige gegeben, die man noch tagelang als blauen Fleck in deinem Gesicht sah.

Und du hörtest auf zu weinen, sahst ihn an und hast gelacht und dich gefreut. Und den blauen Fleck hast du nicht etwa versteckt sondern aller Welt erzählt, was passiert war, strahlend. So sah es mit euch aus, dass die Erfahrung von Sorge, Nähe und Angst um den anderen sich nur noch über solche Wege vermitteln konnte.

Als ich 14 Jahre alt war, fuhrst du zum ersten Mal zur Kur. Du kamst völlig verändert wieder: gelassen, zufrieden, aufgeschlossen und selbstbewusst. Ich weiß nicht, ob du schon bei deiner ersten Kur auf Amors Pfaden gewandert bist. Jedenfalls fuhrst du danach ziemlich regelmäßig alle zwei Jahre zur Kur und fingst allmählich wohl so was wie ein Doppelleben an. Der Auserwählte war der Pfarrer der Gemeinde, mit dem du dich viel unterhalten hast. Ich vermute, das Verhältnis blieb platonisch und eher therapeutisch. Aber immerhin: du hast angefangen zu wachsen, ganz in dir drin, aber immerhin. Die Liebe hatte dich wieder lebendig gemacht, zunächst glücklich, dann unglücklich, aber immer lebendig. Aus dieser Zeit deiner unglücklichen Liebe hast du Gedichte hinterlassen. Du hast versucht, dir die Seele wieder heil zu schreiben. Befreien konntest du dich nicht aus deinem Leben. Aber du hattest jetzt wieder den Geschmack von Glück und Freiheit auf der Zunge.

Und als du dann soweit gekommen warst, dass du wieder fühlen konntest, dass dir neben Verständnis und Achtung vor allem die Liebe fehlte, hast du dich in Dresden bei einem deiner Besuche dort in den Mann deiner Freundin verliebt. Ihr habt euch dann Jahre lang viele Liebesbriefe, erotische Briefe, geschrieben und vielleicht hat dir diese Liebe geholfen, dein Leben weiter zu leben und auszuhalten. Als du gestorben warst, bekam mein Vater die Romanze heraus und auch dass du deinem Liebsten irgendwann eine gute Uhr gekauft und geschenkt hattest. Und mein Vater sagte in heller, verletzter Empörung: „Dass sie das einfach so gemacht hat und auch noch mit meinem Geld!“ Aber du hattest damals wohl begriffen, dass sein Geld auch deins war, deins sein musste und hast ein klein wenig für dich gesorgt, endlich.

Ich habe deine Briefe an R. gelesen. Ich war überrascht und betroffen: In diesen Briefen bist du mir begegnet, wie ich dich nie kennen gelernt habe. Da zeigte sich eine Margot, wie sie wohl hätte sein können, wenn ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie die Kraft gehabt hätte, sich zur Wehr zu setzen, wenn sie das Glück gehabt hätte, wirklich geliebt zu werden und zu lieben.

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Deine Sprache war plötzlich klug, großzügig und sicher und von einer einfachen Klarheit. Ich habe nicht gewusst, dass ich eine so begabte Mutter hatte. Bis heute also dauert es an, dass die Welt dich unterschätzt. Verzeih!

Und was noch verblüffender war: die Margot dieser Briefe war in der Lage, von sich selbst abzusehen, auf den anderen zu zu gehen, offen zu sein für das Gegenüber, interessiert an ihm, nicht nur daran, dass sie selbst gesehen, begriffen und verstanden wurde. Plötzlich stand da ein Mensch vor mir, der lieben konnte! Für diesen Menschen war ich Zeit meines Lebens blind gewesen

„Margot, die Liebende“ – ob das zu einem Denkmal reicht? Du warst bedürftig nach Liebe, das ja. Aber wo du nichts bekamst, hast du deine Liebe entzogen und bitterlich verachtet und gehasst. Doch wo du geliebt wurdest, hast du mit vollen Händen und mit reichem Herzen gegeben.

Was ist uns allen entgangen!

Ich weiß es jetzt: Ich denke an dich als „Margot, die so sehr der Liebe bedurft hat“.

Das ist es, nicht wahr?

Und somit denke ich an dich als an eine, die unser aller Schicksal teilt und unsere Hoffnung nährt: Die uns dieses traurige Schicksal vorgelitten hat, aber die doch noch der Liebe begegnet ist.

Nun kann ich dir zulächeln hier an deinem Grab. Die Frauen mit ihren Gießkannen schauen immer noch herüber. Wenn sie mich lächeln sehen, was werden sie denken?

Du aber, du weißt es und lächelst zurück.

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