Archive für 6.1.2009

Denkmal für meine Mutter

Teil II der Friedhofsgespräche

Das zweite Gespräch:

 

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Wenn ich hier in der Nähe deines Grabes auf einer Bank sitzen könnte, vielleicht unter der großen Birke dort, dann wäre es viel einfacher. Auf Bänken darf man beliebig lange sitzen. Aber über Gebühr lange herumstehen, das erregt sofort Aufmerksamkeit. Und wahrsccheinlich sehe ich auch heute  nicht wie eine Trauernde aus. Es würde mich nicht wundern. I

Überall auf diesem hübschen, kleinen Friedhof huschen Frauen herum mit großen Gießkannen und gebückten Rücken. Sie schauen natürlich dezent weg, wenn sie mich hier stehen sehen. Aber sie zerbrechen sich sicher alle den Kopf, wer ich wohl bin und zu wem ich gehören könnte. Und warum ich so selten hier bin.

 

Ich hätte dir übrigens Blumen mitbringen sollen. Dein Grab sieht trist aus, ordentlich aber irgendwie blind. Das möchte ich nicht. Ich finde, trotz allem hast du Blumen verdient. Keine Friedhofsblumen, lieber irgendwelche bunten, verrückten Blumen, solche, die kein Mensch normalerweise auf ein Grab stellt. Du warst so gerne anders als andere, hast so gerne getan, was man nicht tat – zumindest im Kleinen. Wir fanden deine kleinen Extravaganzen lächerlich. Du hast es sicher immer gespürt. Wir fanden, sie passten nicht zu dir. Du warst eigentlich doch immer nur eine traurige, gescheiterte und unglückliche Frau. Und deine Versuche, anders zu sein, wirkten unglückselig und peinlich.

Heute jedenfalls kann ich dir diese Freude gönnen, in kleinen Dingen die zu sein, die du gerne gewesen wärst. Weißt du noch den bunten Strohblumenstrauß an Allerheiligen vor drei Jahren, als alle Gräber weit und breit Einheitskreuze in Tannengrün mit Moos trugen? Ich weiß, du hättest über deinen bunten, lustigen Strauß gelacht und dich gefreut. Er hätte dir gefallen. Und er gefiel mir auch. Ich fühlte mich an diesem kalten Novembertag plötzlich so, als steckte ich mit dir unter einer Decke, wie es zwei Freundinnen tun, die einen Streich ausgeheckt haben.

Als du noch gelebt hast, konnte ich mich nie fühlen mit dir. Vielleicht habe ich es mir manchmal gewünscht. Aber du hast es nicht gewollt. Ich war natürlich nicht deine Freundin. Ich war deine Tochter.

Aber wie ist das, wenn man die Tochter von jemand ist, der unglücklich ist. Da wird es ganz schön eng.

 

Schon wieder geht jemand vorbei. Eine Frau entfernt das Laub ein paar Grabreihen weiter. So lange und untätig steht hier niemand sonst herum. Ausnahmen werden nur bei frischem Schmerz gemacht und bei verzweifelten Tränen. Das trifft nicht zu. Damit wäre meine Zeit hier also schon um? Aber ich wollte dich doch sprechen!

Eigentlich ist es absurd zu meinen, mit einem toten Menschen reden zu können, wenn man an seinem Grab steht. Und ich brauche dieses Fleckchen Erde, in der sich deine Asche längst aufgelöst haben wird, wirklich nicht, um dich mir vergegenwärtigen zu können. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir genauso gegenwärtig wie vor 15, vor 30, vor 50 Jahren. Da uns niemand zuhört: Ich war ein Kind, das keine Mutter hatte. Ich habe es dir schon im letzten Jahr gesagt. Und ich muss dir auch dieses sagen: Ich hatte gehofft, dich loszuwerden, wenn du stirbst. Aber es ist mir nicht gelungen. Du bist mir mehr als gegenwärtig. Gerade weil du nicht die Mutter für mich warst, die ich gebraucht hätte, kann ich dich nicht vergessen. Ich fühle deine Gegenwart ständig in mir.

Aber allmählich begreife ich, dass ich ohne deine Liebe leben muss und es auch kann.

Es wird daher Zeit, dass ich mich von dir verabschiede. Vielleicht liege ich selbst bald irgendwo unter ein bisschen Erde und warte darauf, wieder in den Kreislauf der Natur einzutreten. Da sollte man schon mal in der Lage sein, der eigenen Mutter ins tote Angesicht zu sehen, finde ich. Was meinst du?

Ich würde es gerne versuchen. Heute. Ich glaube, heute könnte ich es versuchen. Friedhofsblumen habe ich dieses Mal nicht für dich, auch keinen lustigen Strauss. Aber ich möchte versuchen, dir endlich ein angemessenes Denkmal zu setzen. Nicht hier unter den Menschen, nein in mir, ein Mal, an dich zu denken, sowie du warst, so wie ich dich gesehen habe und sehen konnte. Ich will versuchen, mich deiner Wahrheit anzunähern, soweit ich es kann und so weit ich sie begreife.

Wenn ich dir also ein Mal setzte, so wird es doch letztlich meine Wahrheit sein, meine Wahrheit über dich. Den Rest des Eintrags lesen »

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