| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Nov | Mrz » | |||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | |||
| 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |
| 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 |
| 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 |
| 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | |
- A. Autobiografien (1)
- A. Erzählungen (9)
- A. Fabeln (1)
- A. Kurzgeschichten (20)
- A. Märchen (3)
- A. Poesie (37)
- A. Satiren (1)
- Abschied (4)
- Beziehungskisten (8)
- Frauen (6)
- Frühling (4)
- Gewalt (7)
- Kinder haben (5)
- Liebe (14)
- Natur (6)
- Tod (5)
- Trauer (2)
- Verlust (10)
- 12.2.2010: Die andere Bank am Watt
- 19.1.2010: Das Marienkind -Fortsetzung
- 24.12.2009: Das Marienkind
- 22.12.2009: Die kalten Hände
- 15.12.2009: mein garten im ersten frost
- 25.11.2009: Frühe Winternacht
- 22.7.2009: l'aprèsmidi d'un faun
- 1.7.2009: sommerversprechen
- 27.6.2009: Liebeslied im Juni
- 17.5.2009: Vorfrühling im Moor
Mutterlos
Das erste Gespräch
Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen, endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Aber irgendwann hat dein Körper dann doch aufgegeben.
Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammen reißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war, gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.
Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?
Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber es ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter halt am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräber eifrig herumhuschen, mit Blumen und Gieskannen und mit stillen, eifrigen Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?
Ich bin wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Ich bin nicht traurig.
Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?
Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war. Ich konnte es dir nie sagen. Ich möchte es noch immer am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass, weil du Zeit deines Lebens immer nur mit dir selber beschäftigt warst, nie wirklich mit mir.
Du hast mich geboren, aber du hast mich nicht mir selber vorgestellt. Immer warst zuerst du wichtig. Immer kam zuerst Margot. Ich kam eigentlich nie. Noch als ich selbst Kinder hatte, wenn du etwas mit ihnen unternommen hast, wenn du mit ihnen gespielt oder gesprochen hast, hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um sie, immer um dich. Ich kannte das so gut. Jetzt endlich will ich es loswerden:
Ich wünschte, du wärest wirklich tot für mich. Dann könnte ich dich vielleicht beweinen. Du bist schon so lange fort, hast mich schon vor Jahren von dir erlöst. Aber dennoch bist du mir geblieben: als Wunde, als Frust, als Enttäuschung, als diejenige, die mich geboren, die mir aber das Licht vor der Tür zu meinem Leben mit den Füssen zertreten hat, die es beinahe gelöscht hat. Ich weiß, davon hast du keine Ahnung.
Aber ich kann es auch jetzt, auch hier nicht herausschreien. Sie würden von allen Seiten herbeikommen und mich fortzerren. So spricht man nicht am Ort der Ruhe, am Ort, wo unsere geliebten Toten liegen, nicht wahr?
Ich sage es also nur leise, nur so, dass wir beide es hören können. Denn du, du sollst es hören. Endlich sollst du es zu hören bekommen, hier, wo du nicht weghören kannst, nicht weggehen, dich nicht abwenden kannst:
Du warst meine Mutter. Ich hätte dich doch gebraucht. Ich habe dich irgendwann aufgehört zu lieben. Sehr früh schon. Weißt du das wenigstens? Ich fürchte, dass ich dir so gleichgültig war, dass du nicht einmal das gemerkt, auf alle Fälle aber nicht begriffen hast.
Ich habe dich später lange gehasst. Das weißt du wirklich nicht? Erschrickst du, wenn ich das sage? Ich jedenfalls erschrecke. Ich muss regelrecht nach Luft schnappen.
Und mir ist, als könntest du mich packen und bestrafen für diesen Frevel. Aber es bleibt alles still. Ganz leise rauschen die Zweige der Birke. Irgendwo bellte ein Hund. Sonst nichts. Ich bin wirklich froh, dass du da festgehalten bist in deiner Urne und nicht mehr greifen kannst nach meiner Seele, dass du mich wirst gehen lassen müssen, gleich, wenn ich fertig bin mit dem, was ich dir zu sagen habe, wenn ich dir den Rücken einfach zu drehen werde und gehe.
Aber bevor ich gehe, hör mir zu!
Was du mir angetan hast, will nicht verlöschen, die Wunden bleiben offen. So lange schon. Ich habe mich ein Leben lang nach einer Mutter gesehnt, der ich sagen konnte: „Mama, sie tun deinem Kind weh“, und die zugehört und mich getröstet hätte. Es gab sie nicht. Nie.
Vielleicht komme ich immer wieder her, weil ich immer noch warte, dass ich dieser Mutter begegne. Ich weiß, dass ich keine Chance habe.
Ungerecht findest du mich?
Doch, doch, ich weiß ja, genauso war es auch schon bei dir und deiner Mutter. Margot, die Tochter, hat ihre Mutter schließlich auch nicht geliebt. Du hattest genauso deine Gründe. Und deine Mutter hatte auch ihre Gründe für das, was sie tat und nicht tat. Weißt du, dass ich soetwas lange Zeit für normal hielt. Ich kannte es ja auch nicht anders. Als ich Kinder bekam, rechnete ich auch damit, dass sie mich später hassen würden. Ich wundere mich, dass sie das nicht tun, dass sie es nicht alle tun und die eine auch nur nur manchmal.
Aber hier stehe ich nicht als Mutter vor dir. Hier stehe ich noch immer als dein Kind. Und ich klage dich an, hörst du. Dein Kind klagt dich an! Du hast mir etwas vorenthalten, dass ich zum Leben dringend gebraucht hätte. Und du kannst dich nicht immer damit entschuldigen, dass du es selber nicht bekommen hast.
Also, sag schon, hast du uns Kinder je geliebt? Hast du das von dir geglaubt?
Konntest du deine Kinder überhaupt lieben?
Ich fürchte, du hast es versucht, vielleicht hast du dir sogar eingebildet, es zu tun. Aber deine Liebe war wie ein leeres Versprechen, sie war wie ein Betruf für mich und wie eine Folter:Ssie tat weh, weil sie nicht wirklich da war. Sie tat nur so. Und ich durfte nicht einmal an ihr zweifeln.
Da gibt es Fotos mit einem glücklichen Baby, das auf deinem Arm vor Vergnügen und Lebenslust tanzt. Heute kann ich das sehen.
Aber du hast mir erzählt, ich wäre dir zu schwer gewesen, und du hättest mich von deiner Brust absetzen müssen, weil ich dich immer gebissen habe. Und richtig stolz bist du gewesen auf dein Patent, mit dem du mein Sauberwerden beschleunigen wolltest: Du hast mich auf ein Stück Zeitungspapier auf den Tisch gelegt, und wenn dann das große Geschäft auf der Zeitung lag, wurde diese mit samt dem stinkigen Inhalt schnell, praktisch und hygienisch entsorgt, vermutlich mit der gleichen Handbewegung, mit der du dein Leben lang Abfall in Zeitungspapier gewickelt und weggeworfen hast - ohne dir die Finger schmutzig zu machen.
Später dann hast du, die examinierte Kindergärtnerin, es fertig gebracht, mich, die erst Zweijährige, zusammen mit meiner drei Jahre älteren Schwester in diesen schrecklichen Nonnenkindergarten zu stecken. Du hast dich ich allen Anfeindungen der Menschen, die daran Anstoß nahmen, heftig und empört widersetzt.
Hast du damals nicht gesehen, wie unglücklich ich in der dunklen Ecke saß, aus der ich mich den ganzen Tag nicht fortbewegen konnte. Haben dir die Nonnen sie damals nie vorgeführt: die kleine Dicke, die nur essen und ihre Hand in ihren Schlüpfer stecken konnte, die nicht mit anderen Kindern spielte und immer nur nach ihrer Schwester jammerte? Hast du den widerlichen Geruch nach Moder und ausgebrochenem Essen nicht gerochen, wenn du mich abgeholt hast? So riecht für mich heute noch der Tod. Aber nicht, weil ich jeden Tag verstörter wurde und bitterlich geweint habe, wenn ich wieder zu Hause war, hast du mich schließlich erlöst, sondern weil du Streit bekamst mit den Nonnen, die dich beleidigten.
Mir war das nur recht, denn jetzt konnte ich endlich bei dir bleiben. Ich wurde dann in der folgenden Zeit oft krank, hatte häufig Fieber, habe Hexen und Teufel gesehen in den Mustern unserer Schlafzimmertapete. Manche der Hexen sahen aus wie du, aber ich habe es nicht verraten. Ich genoss es trotzdem, von dir gepflegt zu werden, denn ich war dein Kind und brauchte dich, auch wenn du eine Hexe warst. Und ich genoss es, bei dir in der Küche sitze zu dürfen, während du putztest und kochtest. „Komm wir machen’s uns gemütlich!“, habe ich jedes Mal gesagt und du hast dann etwas bitter gelacht, wahrscheinlich, weil du Putzen und Kochen eigentlich nicht so gemütlich gefunden hast. Ich weiß längst, dass du diese Arbeiten gehasst hast, so wie du damals diese Stadt gehasst hast, in die du verschlagen worden warst, die Menschen dort, die Häuser, sogar die Bäume. Und an den langen Tagen in unserer Küche hast du an früher gedacht und dein Schicksal beweint, deine verlorene Jugend, deine verlorene Heimat, deine verlorene Zukunft.
Und wenn ich dann bei dir saß, hast angefangen, mir von der kleinen Margot zu erzählen, die in der Märchenstadt Dresden lebt und vom Märchenprinzen Helmut. Und ich saß da und staunte über dein wunderbares früheres Leben und sehnte mich genau so heftig wie hoffnungslos danach, wie du es tatest.
Dafür war ich gut.
Aber darüber hinaus hast du es gänzlich versäumt, mir auch mein Leben zu zeigen und mich mir selbst vorzustellen, mir Lust zu machen auf mein Leben, mir klar zu machen, dass ich ein wunderbares Kind bin, das zu allen Hoffnungen Anlass bot.
Das kam dir nicht in den Sinn. Du warst mit deiner Trauer zu sehr beschäftigt. Deine Kraft reichte nicht für meine Seele.
„Lass dich nicht so ziehen!“, so sagtest du ständig zu mir, wenn wir zusammen unterwegs waren. Du gingst zu schnell. Ich konnte so schnell noch nicht laufen. Ich musste immer wieder einige Schritte rennen, um mit dir Schritt zu halten. Aber es war wohl trotzdem gut, zu fühlen, dass du mich hinter dir herzerrtest. Also gehörte ich doch zu dir.
Nichts anderes habe ich gewollt, als zu dir zu gehören. Aber da war kein Platz für mich.
Es gibt auch davon ein paar Fotos: Man sieht mich, etwa vierjährig, auf dem Schoß meiner Mutter, mit Schleifen im Haar. Wir sitzen an einem Tisch. Es sieht aus, als säßen wir in einem Gartenlokal. Im Hintergrund kann man eine Freilichtbühne erkennen. An den Nachbartischen hocken lauter Leute mit fremden Gesichtern. Ich fühle noch heute deine Ablehnung, fühle deine Enttäuschung über deine jüngste Tochter, das unglückliche Äffchen aus der Hexenküche im Märchenstück ‘Zwerg Nase’, das mitten in der Theateraufführung von der Bühne rannte, schreiend, weil sie endlich, endlich - unten unter den vielen fremden Leuten - ihre Eltern entdeckt hatte. Und ich weiß noch, wie ich auf deinen Schoß kroch, wissend, dass du auf mich böse warst, dich für mich schämtest und mich verachtetest, und wie ich die Kälte, die ich aus deinem Schoss spürte in Kauf nahm, um zumindest am Rücken deine Wärme zu fühlen und geborgen sein zu dürfen.
Ferien werden wir machen, hatte es geheißen. Im „Großen Haus“ würden die Eltern schlafen und die kleinen Kinder. Aber ich sollte mit den großen Kindern in einem anderen Haus wohnen. Ich hatte ja eine große Schwester. War ich denn nicht mehr klein. Damals noch, am Anfang jedenfalls, hätte ich mein Leben dafür gegeben, in deinen Armen zu Hause sein zu dürfen.
Unsere Unterkunft war unendlich weit weg vom Haus, in dem die Eltern verschwunden waren. Nie hätte ich den Weg zurück von alleine gefunden. Ich hatte die Welt verloren, in der die waren, die mir Sicherheit hätten geben können. Tapfer versuchte ich an diesem fremden, unbegreiflichen Ort zu überleben, hing mich wie eine Klette an meine Schwester. War ein verlorenes Kind.
Doch manchmal tauchte ich unversehens aus diesem Alptraum auf. Plötzlich, von irgendwoher, warst du auf einmal wieder da. Und sofort vergaß ich alles, so wie man Alpträume nur zu gerne vergisst, wenn man erwacht ist. Die Welt war wieder in Ordnung. Kannst du dich noch an das Bügelhäuschen erinnern? Es stand mitten auf einer Wiese. Man konnte zu den Fenstern herein sehn. Da drinnen standest du eines Morgens. Ich sah dich dort bügeln. Ich war unsagbar froh. Ich wusste, dass ich dich nicht stören durfte und war auch so zufrieden. Wenn du nur da warst! Ich spielte alleine und vergnügt draußen vor dem Häuschen auf der Wiese. Und alle paar Minuten lief ich hinüber, um dich zu sehen. Du hattest noch lange zu tun, hattest einen großen, randvollen Bügelkorb dabei. Aber als ich das nächste Mal wieder zum Fenster hinein sah, warst fort, wie vom Erdboden verschluckt. Das Häuschen war leer. Meine Mutter war einfach weggegangen, hatte mich alleine zurückgelassen, hatte mich nicht begrüßt, mich nicht in den Arm genommen, mich nicht angelächelt. Der Alptraum hatte wieder angefangen. Und ich verstand es nicht.
Hast du dir ein anderes Mädchen gewünscht? Habe ich dich damals enttäuscht, weil ich rundlich war und ängstlich, schüchtern, scheu und eher ungeschickt, weil ich störrisches, glattes Haar hatte, dass du nie zu einer adretten Frisur bändigen konntest. Hast du dich geärgert, weil niemand stehen blieb und sagte: „Was für ein entzückendes Kind!“ Auch du hast das nie gesagt. Und du wenigstens hättest es eigentlich sagen sollen. Hast du das nicht gewusst?
Als wir dich beerdigt haben, vor so vielen Jahren, da hat der Pfarrer in seiner Predigt gesagt, du hättest gegeben, was du geben konntest. Ich war damals erschrocken. Mehr also konntest du nicht geben! Aber es war zu wenig. Es war viel zu wenig, zu wenig zum leben, vielleicht zu viel zum Sterben.
Aber er hatte wahrscheinlich Recht. Mehr konntest du nicht geben.
Ich weiß es ja nur zu gut: Du warst eine Trauernde, eine vom Leben verratene, eine unglückliche Frau. Zeit deines Lebens fühltest du dich als Opfer, eingesperrt, vergewaltigt, am Leben gehindert, gezwungen, fern der Heimat und wie Allerleirau in Sack und Asche zu leben, unerkannt, ungeliebt, unverstanden. Und nicht geehrt. Wie konntest du da ein kleines Mädchen lieben? Wo du selbst noch so viel vom Leben fordertest, soviel Wiedergutmachung, so vieles, was doch dein Recht war, dein Glück, um dass es dich betrogen hatte!
All das weiß ich, das wußte ich schon damals, als ich bei dir in der Küche sass. Ich habe die Welt viel zu lange nur aus deinen Augen gesehen, habe gedacht, dass sich diese Welt nur um dich dreht und das nur dein Unglück zählt und dass es nur dein Glück das sein könnte, was diese Welt wieder ins Gleichgewicht bringen kann für dich und für mich.
Aber ich bin nicht du. Ich bin deine Tochter. Ich bin ein eigener Mensch. Ich stehe endlich, endlich nach so vielen Jahren des Selbstverrates auf der anderen Seite, nicht auf deiner, auf meiner. Jeder Mensch muss das doch tun, sonst wird er wahnsinnig. Beinah wäre es soweit gekommen mit mir.
Du hast damals mich und mein kleines erwachendes Leben missbraucht für dich, für einen kleinen Trost, dafür, dass du dich an mir spiegeln und bewundern konntest als die Schönere, Lebendigere. Du warst die wunderbare kleine, hübsche, zierliche Margot und ich die unscheinbare, sture, plumpe, schüchtere Dicke, nicht wahr? Du hast meine kleine Lebensflamme dazu benutzt, dass sie dir in deiner Trübnis ein wenig Licht spende, statt mich ans Sonnenlicht zu stellen und allen zu sagen: „Das ist meine Tochter, die Schönste, die Klügste, die Lebendigste von allen Kindern dieser Welt, weil ich sie liebe“. Du hast dein Kind dadurch beinah getrennt vom Leben. Du warst mein Feind.
Weißt du noch die schrecklichen Szenen beim Bäcker? Gegenüber auf der anderen Seite der Hauptstraße, vielleicht 30 Meter von unserem Haus entfernt gab es jene Bäckerei. Der Bäcker schenkte mir immer ein altes Stück Kuchen und dafür sollte ich mich ordentlich bedanken. Aber das gelang mir nicht. Ich wusste einfach nicht wie ich es hätte tun sollen und schämte mich schrecklich. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte nichts bekommen. Erinnerst du dich? Es war immer das gleiche: Ich schwieg trotzig und blickte auf den Fußboden. Alle sahen mich erst erwartungsvoll an und lächelten. Aber nach einiger Zeit wurden sie ungeduldig, manche waren empört. Warum ist das Kind so undankbar? Warum ist das Kind so stur? Ich weiß, wie sehr du in diesen Momenten gelitten haben musst. Ich machte so etwas einfach immer falsch. Ich schämte mich. Ich wäre gerne dir zu Liebe anders gewesen. Aber ich konnte es nicht. Deshalb war ich sehr traurig.
Eigentlich hätte ich Trost gebracht.
Stattdessen gab es auf dem Nachhauseweg dann wieder die Geschichte von der kleinen süßen Margot, die überall in den Läden etwas geschenkt bekam und die alle liebten und entzückend fanden. Und die sich natürlich so nett bedankte, dass ihr gleich noch mehr geschenkt wurde. Margot war so wunderbar flink, sie fiel schon in der ersten Schulstunde den Lehrern angenehm auf. Sie hatte süße, dunkle, braune Locken und die Leute blieben auf der Straße vor Entzücken stehen. Sie war mutig und selbstbewusst und wusste immer was sie wollte.
In der ersten Zeit, wenn du über deine Kindheit erzähltest, fand ich die Geschichten wunderschön und glaubte, es wären auch Geschichten über mich. So wie die kleine Margot wäre ich damals auch gerne gewesen, dir zu liebe und weil ich spürte, dann deine Liebe vielleicht doch zu verdienen. Aber die Geschichten handelten nicht von mir. Ich war durchaus nicht gemeint. Bei jenem Bäcker wurde mir das immer wieder klar: Diese Geschichten handelten nur von dir.
Und ich war eben ganz anders. Ich war stur, war schüchtern, humorlos und dick, hatte glatte, störrische, unkämmbare Haare, war bockig und eigensinnig, zornig und trampelig, lahm und still. Ich war ein Kind, für das du dich schämen musstest. Ich wollte nicht ich sein müssen. Vor mein Spiegelbild schob sich immer deutlicher die kleine Margot, dieser freche, liebliche, verlogene Fratz. Ich gefiel mir nicht. Ich versuchte, mich nicht zu sehen. Der Blick in den Spiegel war immer eine Enttäuschung für mich.
Un doch habe ich das alles überlebt, denn ganz heimlich, tief in mir drinnen, mochte ich mich doch. Aber das gelang mir nur, wenn ich in mir drin, ganz heimlich, die süßen, kleinen Margots hasste, hasste, was meine Seele hergab. Denn die große Margot zu hassen war mir damals noch ganz und gar unmöglich.
Kannst du dich daran erinnern, wie ich dich ins Wohnzimmer bestellt habe, um dir mitzuteilen, ich wisse es jetzt: Du seiest gar nicht meine Mutter?
Hast du überhaupt je verstanden, worum es ging?
Du versuchtest damals schon seit langem, mich davon zu überzeugen, dass ich meinen dreckigen, alten, abgeschabten Teddy dem Osterhasen vorstellen sollte. Der Osterhase war bei uns zuständig für die Erneuerung aber im Zweifelsfall auch für die Entsorgung alter Puppen und Teddys. Das hattest du dir so nett ausgedacht. Und tatsächlich hatte sich der Osterhase bei mancher alten Puppe als geschickter Puppendoktor erwiesen. Aber diesmal war mir die Sache zu riskant. Mir war es völlig egal wie dreckig und zerrissen mein Teddy aussah, aber in solchen Sachen war sicher auch dem Osterhasen nicht zu trauen. Außerdem ging es sowieso nicht, dass ich meinen heiß geliebten Teddy auch nur für eine Nacht aus meinem Bett heraus ließ.
Ich lehnte deine Idee also strikt ab. Wie lange es so hin und her ging, weiß ich nicht mehr. Eines Tages aber war mein Teddy trotzdem fort. Und er kam auch am nächsten Tag nicht zurück. Er kam überhaupt nicht mehr zurück! Ich war bestürzt. Und dann hast du mir erzählt, mein Teddy hätte selbst zum Osterhasen gewollt, er sei so alt und krank gewesen. Aber das konnte ich nicht glauben. Nein, das stimmte einfach nicht! Er hätte es mir gesagt. Er hatte vor mir keine Geheimnisse. Du hattest mich angelogen.
Es folgte eine harte, eine teddylose Zeit. Es ging mir besser, nachdem ich dich dann eines Tages ins Wohnzimmer bestellt hatte, weil ich mit ihr sprechen wollte. Ich eröffnete dir, dass du nicht meine Mutter sein könntest. Es lag auf der Hand: Sonst hättest du mich nicht so betrügen und mir meinen geliebten Teddy wegnehmen können - gegen seinen und meinen ausdrücklichen Willen.
So bist du mir immer weiter entrückt.
Es war Morgen. Meine Schwester war in der Schule. Wir beide, du und ich, saßen uns gegenüber am Esstisch an den Längsseiten. Wir frühstückten und plauderten wie an allen Morgen. Irgendwann nahmst du die Zeitung und hast angefangen zu lesen. Auf meine Fragen reagiertest du abwesend und ohne hochzusehen. Ich erzählte, fragte trotzdem weiter, wartete auf deine Reaktion. Ich wusste nicht so recht was los war. Ich fröstelte.
Dann auf einmal war mir, als öffnete sich die Küchentür. Ich sah niemanden hereinkommen, aber ich fühlte, dass irgendjemand oder irgendetwas näher kam, sich bückte und zwischen uns unter den Tisch kroch. Dann meinte ich zu meinem Entsetzen zu sehen, wie sich der Tisch bewegte, erst nur ein wenig, kaum wahrnehmbar. Dann wurde der Tisch lautlos weggetragen, fort von uns, aus der Küche.
Ich saß entsetzt da und merkte bestürzt, dass du gar nichts davon mitbekommen hattest. Du saßt da wie vorher, last deine Zeitung und merktest den Graben nicht, der da plötzlich zwischen uns lag.
„Ich gehe spielen“, sagte ich schließlich.
Du hast genickt ohne hochzusehen. Ich war alleine.
Fortan habe ich dir misstraut. Fortan habe ich mein eigentliches Wesen vor dir versteckt und dieses Versteck gehütet wie einen Schatz. Du wusstest nichts von mir, nicht meine Sorgen und meine Trauer, nicht meinen Hass auf dich und nichts über die Dinge, die mich glücklich machten. Irgendwann im fünften Lebensjahr habe ich dann aufgegeben und beschlossen, ohne deine Zuneigung und Liebe weiter zu leben, und einfach schnell groß zu werden. Mein Verhältnis zu meiner Mutter wurde also nicht viel anders als es deines war zu deiner Mutter.
Das Marienkind. Wie habe ich dieses Märchen verabscheut! Du hast es uns so oft erzählt. Aber vielleicht wusstest du gar nicht, dass ich es so schrecklich fand? Oder doch? Das Märchen erschien mir immer ausweglos ich fühlte mich dem Marienkind so sehr verbunden. Die Gottesmutter kam mir grausam und gemein vor. Und ich hasste die Botschaft: „Siehst du, so geht es Kindern, die nicht gehorchen!“.
Ein kleines Mädchen, Kind armer Leute, wird von einer großen, herrlichen Mutter Gottes in den Himmel geholt. Es muss natürlich dafür dankbar sein. Es geht ihm dort gut und es darf alles. Nur hinter die 13. Tür darf es nicht sehen, das ist ihr strengstens verboten. Natürlich schaut sie doch hinein, als die Gottesmutter einmal fort ist. Zur Rechenschaft gezogen, leugnet sie standhaft und fest.
Meine Mutter fand das dumm vom Marienkind. Oh, ich wusste es ganz genau, warum sie leugnete: Würde sie es zugeben, würde ihr das Recht aus der Hand geschlagen, das Recht, auch in dieses Zimmer hineinsehen zu können. Es kam ihr so vor, als würde ihr das Recht verwehrt, sie selbst zu sein. Lieber wollte sie sterben. Aber zum Angriff übergehen, ihr Recht verteidigen, das konnte sie nicht. Und deshalb blieb ihr nichts anderes übrig, als immer weiter zu schweigen.
Zur Strafe machte die Gottesmutter sie stumm und musste wieder auf die Erde zurück. Dort verkroch sie sich in einen hohlen Baum. Es kam bald der übliche Prinz und nahm sie mit. Er verliebte sich in sie, weil sie so schön war und so erbärmlich. Sie musste froh sein. Ob sie ihn auch liebte, hat das Märchen nicht erzählt. Der Prinz jedenfalls heiratete sie. Sie gebar ein Kind. In der Nacht nach der Geburt kam die Muttergottes in die Kammer und stellte erneut die Frage: 13. Zimmer. Und weil sie erneut„den Kopf schüttelte, nach die Gottesmutter ihr das Kind weg.
Am nächsten Tag konnte sie niemandem erzählen, was passiert war. Alle sagten, sie hätte ihr Kind getötet. Nur der Prinz glaubte das nicht. Er liebte sie immer noch. Sie durfte bleiben.
So ging es noch zweimal. Sie bekam Kinder und die Muttergottes erschien jedes Mal in der Nacht nach der Niederkunft und stellte ihre alte Frage. Das Marienkind schüttelte den Kopf und so wurden ihr nacheinander alle Kinder fortgenommen. Schließlich glaubten die Leute, sie sei eine Hexe. Schließlich dachte so auch der Prinz. Man klagte sie an und wollte sie verbrennen. Sie stand schon auf dem Scheiterhaufen, da kam die Muttergottes mit den drei Kindern auf dem Arm und stellte noch einmal ihre Frage. Jetzt gab das Marienkind nach. Sie bekannte ihre angebliche Schuld. Dafür durfte sie weiterleben und konnte jetzt auch wieder sprechen. Und sie erhielt ihre Kinder wieder. Nun war alles wieder gut.
Nichts war gut! Das Marienkind hatte sich verraten. Hast du das denn nicht gespürt?
Wie habe ich dieses Märchen gefürchtet und gehasst! Ich hoffte nur im Interesse des Marienkindes, dass die Mutter Gottes sich nach diesem Auftritt wenigstens auf nimmer Wiedersehen in ihren Himmel verzogen haben würde, damit das Mädchen nun endlich anfangen konnte, ihr Leben alleine zu leben.
Er war rostbraun und warm, hatte einen gezackten Schweif und war gerade so groß, dass ich ihn in der Hand verbergen konnte: ein geschnitzter Fuchs. Ein anderes Kind hatte ihn achtlos am Sandkastenrand liegen lassen. Keiner sah ihn so wie ich: leuchtend, wild, ungezähmt. Ich wußte gleich: Wir gehörten zusammen. Ich nahm ihn in meine Hand und spielte verstohlen mit ihm. Keiner achtete darauf. Keiner vermisste ihn. Ich schloss meine Faust fest um ihn. Er gehörte mir! Irgendwo hatte ich eine Tasche, in die ich ihn heimlich versenken konnte. Gerettet! Ich erklärte dem Rest der Welt den Krieg. Mein Herz schlug schwer und wild. Niemand wusste von meinem Raub. Niemand sollte je davon erfahren. Auch du nicht. Du schon gar nicht.
Monate vergingen. Die Beziehung zu meinem Fuchs hatte sich etwa gelockert. Er lag nun ungeschützt mitten unter meinen Spielsachen. Dort hast du ihn an einem Sonntag entdeckt. Angeklagt stand ich zwei Stunden in der Wohnzimmerecke und schwieg standhaft. Das zumindest war ich meinem Fuchs schuldig. Keiner brachte ein Wort aus mir heraus.
Allmählich schwante dir wohl, dass es hier um mehr ging als um einen Spielzeugfuchs. Du hast mich in den Arm genommen, aber ich blieb steigf wie ein Besenstil. Du versuchtest, mich zu verstehen. Ich versuchte, genau das zu verhindern.
Und solange du lebtest, habe ich fortan deine Berührungen gemieden.
Zwar fühlte ich mich weiterhin dir und deinen Leiden verpflichtet, aber ich versuchte nun, weit ab von dir, meine eigene Haut zu retten. Du hattest mich verloren, so wie ich dich verloren habe.
Wenn du dich später auf dem Sofa an mich drängtest und gebieterisch und fordernd den Arm um mich legtest, dachte ich manchmal, ich müsste mich übergeben.
Ja, so sah es aus zwischen uns.
Hier ist also dein Grab.
Wie gerne würde ich sagen können: „Das war meine Mutter und ich hatte sie lieb.“
Solange du lebtest, habe ich versucht, zu vertuschen und zu verstecken, was ich dir gegenüber fühlte und dachte. Ich war nicht in der Lage, dir die Stirn zu bieten. Ich hatte Angst, mich dir, der Ärmsten der Armen, dem Opfer, zu offenbaren als eine, die selber dein Opfer geworden ist. Immer wollte ich dich schonen. Aber du hast mich nicht geschont.
Noch als ich 14 Jahre alt war, habe ich den Sinn meines Lebens darin gesehen, dir zu helfen, dich irgendwie glücklich zu machen. Auch noch als ich 16 war, habe ich täglich meine Pflicht erfüllt und versucht, dir lustige Geschichten aus der Schule zu erzählen, dir im Haushalt zu helfen, mich mit dir über irgendwelche Banalitäten oder über deine unglückliche Ehe zu unterhalten. Und dann bin ich in mein Zimmer gegangen und habe mein Leben gelebt, meine Bücher gelesen, meine Gedanken gedacht und von all dem hast du nichts gewusst. Du hattest keine Ahnung wer ich war. Es hätte dich vielleicht erschreckt. Aber vielleicht hättest du nur verwundert geschaut.
Ich habe die Tage gezählt, wann ich endlich wegkommen würde von dir.
Als ich studierte, habe ich dir wöchentlich sechs Seiten lange Briefe geschrieben über lauter Banalitäten, hinter denen ich mich verstecken konnte: über das Muster der Vorhänge, die ich mir gekauft hatte und über meinen Tagesablauf. Ich dachte ich könnte auf diese Weise das, was ich wirklich war und was mich wirklich bewegte, vor dir verstecken und mich vor dir schützen.
In dieser Zeit fing ich an, von dir zu träumen, Nacht für Nacht. In meinen Träumen begegnete ich endlich meinem Hass.
Einmal träumte ich, ich hätte herausgefunden, du seiest tatsächlich eine Hexe. Du warst gefährlich und böse und trachtetest meinem Vater und meiner Schwester nach dem Leben. Aber nur ich konnte es sehen. Die beiden begriffen es nicht und auch meinen Warnungen gegenüber blieben sie taub. Es blieb mir nichts anderes übrig, als dich anzuspringen und zu erwürgen, als du gerade dabei warst, mit dem Beil aus einem Hinterhalt heraus meine Schwester anzugreifen. Ich tat es nicht etwa für mich. Das durfte ich wohl selbst im Traum noch nicht. Aber es tat gut, es dir endlich zurückgeben zu können, die Welt endlich retten zu können vor deinen schrecklichen Gemeinheiten, sie erlösen zu können von deiner bösen Macht.
Ich träumte ich immer wieder, dass unser Haus in Flammen stehe und ich versuchte, euch alle zu retten, ihr mir aber – auch angesichts der lodernden Flammen – ins Gesicht sagtet, es brenne nicht. Und dann bin ich alleine fort gegangen und habe von ferne zugesehen, wie das Haus und ihr in den Flammen versankt.
Als ich wusste, wie sehr ich dich hasste, habe ich mich noch tiefer vor dir in meinen Katakomben versteckt. Ich vergrub meinen Hass in mir und tat weiterhin alles, damit du glauben konntest, dass ich deine liebe, kleine, brave und unkomplizierte Tochter wäre.
Es blieb bis zuletzt bei meiner Sprachlosigkeit. Ich habe dich nicht mehr besucht, als du im Sterben lagst. Wahrscheinlich hat dich das getroffen. Was aber hätte ich dir sagen sollen? Ich konnte nicht mehr lügen. Aber ich konnte dir auch die Wahrheit nicht sagen, in dieser Situation schon gar nicht. Ich tat das nicht, um dich zu verletzen. Ich tat es nur, um nicht noch einmal verletzt zu werden.
Aber heute, hier, wo du hier eingebuddelt, verbrannt in der Erde liegst, nicht mehr fähig zum Angriff und nicht mehr in der Lage, dich wie ein Vampir in meine Seele zu verbeißen, hier kann ich es endlich ins Gesicht sagen, dass du mich betrogen hast um mich selber, dass du mich missbraucht hast, um dein eigenes Unglück ertragen zu können. Und dass ich dich hasse dafür bis auf den heutigen Tag.
Ich kann nicht anders, ich muss dich anklagen, endlich muss ich dich zur Rechenschaft ziehen. Es ist natürlich zu spät. Es nutzt ja nichts mehr. Und trotzdem fällt es mir noch immer schwer. Noch immer wage ich kaum, meine Stimme gegen dich zu erheben und zu sagen: „Du hast mich nicht geliebt, du hast mich verletzt, du hast mir beinah mein Leben kaputt gemacht. Es ist deine Schuld. Ich klage dich an!“
Ich hätte dir das vielleicht schon vor 50 Jahren sagen sollen. Aber damals war es unmöglich und noch heute denke ich unwillkürlich: „Wie kann ich einer Frau, die so gelitten hat, die so verletzt wurde ihr Leben lang, die so unglücklich wurde und so verzweifelt an ihrem Leben, so etwas antun?
Und ich weiß doch, du hast viel gemacht für uns und mit uns, hast geputzt, gewaschen, geflickt, gekocht, hast uns versorgt und für uns Kasperletheater gespielt, uns Vokabeln abgefragt und bist zu den Elternabenden gegangen, hast schließlich dein halbes Leben für deine Kinder geopfert. Du hast dich doch wirklich so bemüht, nicht wahr? Ich weiß, dass du das sagen würdest.
Und dennoch, die Note lautet: „nicht ausreichend“. Es hat nicht gereicht, es war nicht das, was ich wirklich gebraucht hätte. Du hast mich geboren und dann beinah umgebracht.
Tut mir Leid.
Oder war es doch nicht immer so? Konnte es auch anders zwischen uns sein? Waren wir uns denn nie nah? Oft kann das nicht gewesen sein. Aber es gibt da eine Erinnerung, eine kleines Erlebnis, da hatte ich fast eine Mutter:
Ich sehe alles noch vor mir. Wir waren zu dritt: du, mein neuer Teddy und ich. Wir saßen auf einer Bank auf dem Friedhof. Die anderen waren noch hinten im neuen Friedhofsteil bei Omas Grab, aber wir saßen hier einfach so, um uns auszuruhen. Schräg gegenüber der Bank wuchsen auf einem Grab viele Sträußchen blau leuchtender Männertreu. Es war wunderschön in diesem alten Teil des Friedhofs. Hier waren die Bäume schon hoch gewachsen, die Efeuranken verholzt. Zwischen den Grabreihen liefen breite, asphaltierte Wege, an den Wegkreuzungen überall standen Bänke. Man konnte glauben, man befände sich in einem großen, gepflegten und blühenden Garten. Hier war alles an seinem Fleck, alles taufrisch und jedes Erdkrümchen geharkt und geglättet, so wie in einem edlen Park, in dem man nicht einfach losrennen dürfen und wo Mütter versuchen, mit ihren Kindern leise zu sprechen und nur verhalten zu lachen, um den Anstand zu wahren und nicht unangenehm aufzufallen. Hier einfach zu sitzen, wenn man gar keine tote Oma in der Nähe hatte, das war bestimmt verboten. Ich fand es toll, mit meiner Mutter etwas Verbotenes zu machen.
Unsere Bank stand unter einer Weide, von der hunderte rot ausstäubende Kätzchen heruntergefallen waren. Der Boden lag voll davon. Von der Bank hatten wir sie erst abstreifen müssen, ehe wir uns setzen konnten. Die länglichen Kätzchen fielen immer noch herunter, fielen auch auf uns herab wie reife Früchte. Wir lachten. Eine plumste direkt auf Teddys Kopf. Teddy, von dir angestiftet, machte „huch!“ und schüttelte sich. Wir lachten noch mehr. Teddy lachte auch. Da nahmst du ein neues Kätzchen und kitzeltest ihn an der Nase, an den Ohren, am Bauch. Wir schüttelten uns vor Spaß! Ich konnte gar nicht genug kriegen. Teddy ging es so gut, ich sah es ihm an. Sein rechtes Auge lachte, lachte dich an.
Irgendwann sagtest du: “Komm. wir müssen weiter!“ Ich nahm meinen Teddy unter den Arm und sah mich noch einmal um. Eh wir um die Ecke gebogen waren, lagen schon wieder neue Kätzchen auf der Bank. Mir war unendlich wohl. An diesem Tag hatte ich eine Mutter. Immerhin.
Aber mein ganzes Leben lang sehnte mich nach einer Mutter, die mich wirklich liebt. Lange Jahre konnte ich es fast körperlich fühlen, wie die Mutter sein müsste, die zärtliche Hände für mich hätte. Sie müsste an mein Bett kommen, unaufdringlich, ohne Tadel auf der Stirn, ohne Vorhaltungen und ohne Klagen über ihr eigenes, verratenes Schicksal. Ihre Worte müssten Trost, Ermunterung und Anerkennung vermitteln und Achtung, rückhaltlose Achtung vor diesem selbständigen Menschen, mir, ihrem Kind.
Sie müsste Interesse haben an mir, nicht nnur da, wo ich sie an ihre eigene Kindheit erinnerte. Wenn ich Sorgen zeigte, dürften sie mir nicht als Vorwurf von ihrem Gesicht zurückprallen. Und wenn ich Freude mitteile, müsste dies geschehen können ohne Angst vor ihrem Neid und ohne schlechtes Gewissen. Solch eine Mutter könnte, sollte mich berühren, solch eine Mutter könnte ich streicheln.
Immer wieder habe ich, Jahre lang, Jahrzehnte schon, nach solch einer Mutter gerufen. Immer wieder wurde ich tief enttäuscht und erbittert, weil da eine hereinkam, die meinem Unglück nur noch eins draufsetzte.
Die Sehnsucht ist ungestillt geblieben.
Ich weiß es ja, auch du warst ein Kind, das keine Mutter hatte, keine, die so war, wie sie eigentlich hätte sein sollen, eine Mutter, die einem wirklich gut tut.
Eigentlich müsten wir uns gut verstehen, Leidensgenossinnen.
Das ist traurig, weißt du, dass es sich immer wiederholt, immer wieder. Und dass wir alle träumen von Müttern, die wir nie hatten und die wir auch nie geworden sind. Das ist furchtbar traurig.
Jetzt muss ich also doch noch weinen.
Jetzt können die Friedhofsfrauen zufrieden sein. Jetzt habe ich mir also mein Recht darauf erwirkt, hier zu stehen bei dir. Aber ich weine nicht, weil ich dich vermisse. Ich weine um all das, was wir zeit unseres Lebens vermisst haben, jede für sich.
Immerhin, ich weine.







