Archive für 3.1.2009

Mutterlos


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Teil I der Friedhofsgespräche

 

Das erste Gespräch

 

 

Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen, endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Aber irgendwann hat dein Körper dann doch aufgegeben.

Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammen reißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war, gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.

Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?

Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber es ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter halt am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräber eifrig herumhuschen, mit Blumen und Gieskannen und mit stillen, eifrigen Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?

Ich bin wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Ich bin nicht traurig.

Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?

Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war. Ich konnte es dir nie sagen. Ich möchte es noch immer am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass, weil du Zeit deines Lebens immer nur mit dir selber beschäftigt warst, nie wirklich mit mir.

Du hast mich geboren, aber du hast mich nicht mir selber vorgestellt. Immer warst zuerst du wichtig. Immer kam zuerst Margot. Ich kam eigentlich nie. Noch als ich selbst Kinder hatte, wenn du etwas mit ihnen unternommen hast, wenn du mit ihnen gespielt oder gesprochen hast, hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um sie, immer um dich. Ich kannte das so gut. Jetzt endlich will ich es loswerden:

 

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