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Archive für Januar 2009
Das Schokoladengeschäft
13.1.2009 von m.s..
1920 Inflation
Lucie reckte sich. Ein bisschen tat ihr jetzt der Rücken weh. Aber das war nicht weiter schlimm. Hauptsache, es würde alles gut. Er musste einfach auf ihren Brief reagieren!
Die Kundin war gegangen. Lucie hatte das melodische Läuten der Türglocke noch im Ohr. Wie sie dieses Geräusch liebte! Ihre freundliche Ladenglocke! Sie hatte lange gesucht, bis sie damals eine Glocke mit einem solchen Klang gefunden hatte. Alles hier war sorgsam ausgewählt und zusammengestellt. Lucie warf einen zufriedenen Blick auf die gefüllten Regale und Auslagetische. Sauber aufgereiht, nach Farben und Größen sortiert und appetitlich auf einander gestapelt türmten sich mit Rosen bemalte Bonbonieren, Schokoladentafeln und bunte Konfektdosen. Schachteln mit Trüffeln, große Glasbehälter mit Rumkugeln, feinen Pralinen und glitzernd verpackten Bonbons standen auf der matt glänzenden Holztheke. Die goldene Folie der Konfektschachteln, das glänzende rote Papier, die silbern ausgeschlagenen Regalnischen, all das leuchtete geheimnisvoll auf dem dunkelroten Mahagonieholz der Ladeneinrichtung. Wenn man von der Straße die zwei Stufen zu ihrem Laden hinaufstieg und durch die Tür trat, glaubte man sich in die Wunderhöhle versetzt, in der Alibabas Schatz gehütet wurde. Und dazu roch es köstlich, aromatisch süß. Lucie sog den Duft ein, diesen Duft nach Schokoladenkeksen und Likör. Er erinnerte an gemütliche Dämmerstunden bei Kakao und zartem Gebäck. Sie roch diesen Duft noch immer gerne, obwohl sie nun schon seit fast vier Jahren im Laden stand und ihre erlesene Kundschaft bediente. Sie konnte sich eben selber nicht satt sehen und satt riechen an diesem prachtvollen Kunstwerk aus Schokolade und Pralinen.
Geschrieben in A. Kurzgeschichten | 1 Kommentar »
Friedhofsgespräche
10.1.2009 von m.s..
Erzählung in drei Monologen

Eine Frau besucht das Grab ihrer Mutter und beginnt dabei einen Dialog, der schon lange für sie überfällig war…
Neben der großen Birke ist dein Grab. Du bist gestorben, als mein jüngstes Kind unterwegs war. Weil es einer Schwangeren nicht gut tut, den Tod zu sehen, haben damals alle verstanden, dass ich dich nicht mehr besuchen konnte.
Meine Tochter ist heute 16 Jahre alt.
An deinem Todestag fahre ich noch immer auf den Friedhof. Er liegt in einer kleinen Stadt, irgendwo im Hessischen, dort wo meine Schwester ihr Haus hat. Du hast dort nie gelebt. Aber du wolltest nicht an dem Ort begraben werden, wo du so lange gelitten hattest.
Und bei der Birke ist es auch sehr hübsch. Man schaut in ein sanft geschwungenes kleines Wiesental. Hinter dem Städtchen stehen auf Hügeln zwei Burgen. Die Häuser in der Nähe des Friedhofs sind gepflegt und freundlich. Wenn die Lampe an deinem Grab brennt, kann man das Licht im Winter, wenn alle Bäume kahl sind, vom Küchenfenster meiner Schwester aus sehen.
Manchmal sind auch meine Kinder mitgekommen, wenn ich zu deinem Todestag her gefahren bin. Jetzt sind sie schon groß und zwei leben in anderen Städten. So kommt es, dass ich jetzt meist alleine fahre.
Und alleine stehe ich an der Birke und versuche mit dir zu sprechen, Jahr für Jahr…..
Die drei folgenden Teile werden in den nächsten Tagen eingestellt.
Teil I: Mutterlos
Eine Abrechnung mit der toten Mutter, 50 Jahre zu spät aber immer noch nötig…
Teil II: Denkmal für meine Mutter
Der Versuch, der Mutter gerecht zu werden, sie zu sehen, wie sie wirklich war…
Teil III: Rabenmütter unter sich
Gespräch von Mutter zu Mutter: über das Schicksal, Mutter zu sein und die Trauer darüber, dass es nie gelingt, wirklich eine gute Mutter zu sein…
Geschrieben in A. Erzählungen | Keine Kommentare »
Rabenmütter unter sich
9.1.2009 von m.s..
Teil III der Friedhofsgespräche
Das dritte Gespräch
Ja, siehst du, ich komme immer noch, komme auch jetzt noch, wo ich mich halbwegs ausgesöhnt habe mit dir.
.
Wenn ich ehrlich bin, komme ich heute, weil ich ein bisschen mit dir plaudern möchte, von Mutter zu Mutter. Da sind die drei Kinder, die ich bekommen habe und die nun fast alle groß sind. Sie fangen an, mit mir abzurechnen, so wie ich in den letzten Jahren endlich mit dir abgerechnet habe.
Nun stehe ich da wie du und bekomme die Quittung. Das tut weh, nicht wahr? Wir sind alle Kinder von Müttern, die ihre Kinder nicht genug geliebt haben. Unsere Kinder sind es auch. Ich hoffe, es geht nicht immer so weiter, weißt du. Man müsste es stoppen können.
Was uns beide betrifft, wir haben unser Pulver schon verschossen, du und ich. Wir können nichts mehr tun. Wir haben schon alles falsch gemacht und können es nun nicht mehr ändern.
Darüber möchte ich mit dir reden, mit einer Leidensgenossin, mit einer Mittäterin wenn du willst, mit einer Schicksalsgenossin auf jeden Fall: Sozusagen von Rabenmutter zu Rabenmutter. Du verzeihst mir, dass ich dich so nenne. Natürlich warst du keine. Und ich war auch keine. Aber unsere Kinder haben uns so erlebt. Deine dich und meine mich .
„Ich hasse dich so, Mama!“, sagte meine Älteste neulich zu mir. Und sie hat sich sicher gewundert, dass ich nicht entsetzt war und in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe nur den Kopf eingezogen und habe an dich gedacht. An uns.
Und obwohl ich wusste, dass es nun auch meiner eigenen Tochter so geht wie mir ein Leben lang, dass sie sich nichts so sehr wünscht wie eine Mutter, die sie tröstet, ermuntert und die ihr Anerkennung, rückhaltlose Anerkennung und uneingeschränkte Liebe anbietet, konnte ich doch nur sagen: „Ich kann dir nicht mehr geben, als ich dir schon gebe.“ Und sie hat mich dafür sicher noch mehr gehasst.
Darf ich dir ein wenig von meinem Rabenmutterschicksal erzählen? Früher hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es vor dir, ausgerechnet vor dir zuzugeben. Nun kann ich es. Nun möchte ich es. Wir sind sozusagen unter uns.
Ich hatte mir so fest vorgenommen, es besser zumachen, es anders zu machen als du. Lange habe ich mir auch eingebildet, es besser gemacht zu haben. Doch ich fürchte schon seit einiger Zeit, dass es nicht so war.
Ich stieg jeden Abend müde und erschöpft die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich hätte jetzt ein wenig Ruhe nötig gehabt, jemanden, der mir einen Tee bringt, jemanden, der mich fragt, wie es war. Gut war es, aber nun war es auch genug. Nun hätte ich mich so gerne erholt.
Ich blieb vor der Wohnungstür stehen, lauschte mit zwiespältigen Gefühlen auf die Geräusche, die aus der Wohnung bis in den Hausflur drangen. Die Stimmen meiner Kinder. Jemand schrie. Ein anderer rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Etwas fiel zu Boden und schepperte verdächtig. Es blieb einen Moment still. Dann kreischten sie alle durcheinander. Eine Tür schlug zu. Jemand weinte heftig.
Wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecken würde, kämen sie alle sofort angerannt. Eine Möglichkeit, ungesehen in einen versteckten Winkel der Wohnung zu entkommen, wo ich für ein paar Minuten im Dämmerlicht meine Beine hätte von mir strecken und die Augen schließen können, die gab es nicht.
Ich öffnete also irgendwann doch die Tür und ließ meine Identität, zumindest meine Identität als Erwachsener, arbeitender Mensch von außen an der Türklinke hängen. Das, was ich den ganzen Tag über gemacht, gedacht, geschafft, erreicht hatte, das zählte nicht mehr. Jetzt gehörte ich ihnen mit Haut und Haar.
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Denkmal für meine Mutter
6.1.2009 von m.s..
Teil II der Friedhofsgespräche
Das zweite Gespräch:
Wenn ich hier in der Nähe deines Grabes auf einer Bank sitzen könnte, vielleicht unter der großen Birke dort, dann wäre es viel einfacher. Auf Bänken darf man beliebig lange sitzen. Aber über Gebühr lange herumstehen, das erregt sofort Aufmerksamkeit. Und wahrsccheinlich sehe ich auch heute nicht wie eine Trauernde aus. Es würde mich nicht wundern. I
Überall auf diesem hübschen, kleinen Friedhof huschen Frauen herum mit großen Gießkannen und gebückten Rücken. Sie schauen natürlich dezent weg, wenn sie mich hier stehen sehen. Aber sie zerbrechen sich sicher alle den Kopf, wer ich wohl bin und zu wem ich gehören könnte. Und warum ich so selten hier bin.
Ich hätte dir übrigens Blumen mitbringen sollen. Dein Grab sieht trist aus, ordentlich aber irgendwie blind. Das möchte ich nicht. Ich finde, trotz allem hast du Blumen verdient. Keine Friedhofsblumen, lieber irgendwelche bunten, verrückten Blumen, solche, die kein Mensch normalerweise auf ein Grab stellt. Du warst so gerne anders als andere, hast so gerne getan, was man nicht tat – zumindest im Kleinen. Wir fanden deine kleinen Extravaganzen lächerlich. Du hast es sicher immer gespürt. Wir fanden, sie passten nicht zu dir. Du warst eigentlich doch immer nur eine traurige, gescheiterte und unglückliche Frau. Und deine Versuche, anders zu sein, wirkten unglückselig und peinlich.
Heute jedenfalls kann ich dir diese Freude gönnen, in kleinen Dingen die zu sein, die du gerne gewesen wärst. Weißt du noch den bunten Strohblumenstrauß an Allerheiligen vor drei Jahren, als alle Gräber weit und breit Einheitskreuze in Tannengrün mit Moos trugen? Ich weiß, du hättest über deinen bunten, lustigen Strauß gelacht und dich gefreut. Er hätte dir gefallen. Und er gefiel mir auch. Ich fühlte mich an diesem kalten Novembertag plötzlich so, als steckte ich mit dir unter einer Decke, wie es zwei Freundinnen tun, die einen Streich ausgeheckt haben.
Als du noch gelebt hast, konnte ich mich nie fühlen mit dir. Vielleicht habe ich es mir manchmal gewünscht. Aber du hast es nicht gewollt. Ich war natürlich nicht deine Freundin. Ich war deine Tochter.
Aber wie ist das, wenn man die Tochter von jemand ist, der unglücklich ist. Da wird es ganz schön eng.
Schon wieder geht jemand vorbei. Eine Frau entfernt das Laub ein paar Grabreihen weiter. So lange und untätig steht hier niemand sonst herum. Ausnahmen werden nur bei frischem Schmerz gemacht und bei verzweifelten Tränen. Das trifft nicht zu. Damit wäre meine Zeit hier also schon um? Aber ich wollte dich doch sprechen!
Eigentlich ist es absurd zu meinen, mit einem toten Menschen reden zu können, wenn man an seinem Grab steht. Und ich brauche dieses Fleckchen Erde, in der sich deine Asche längst aufgelöst haben wird, wirklich nicht, um dich mir vergegenwärtigen zu können. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir genauso gegenwärtig wie vor 15, vor 30, vor 50 Jahren. Da uns niemand zuhört: Ich war ein Kind, das keine Mutter hatte. Ich habe es dir schon im letzten Jahr gesagt. Und ich muss dir auch dieses sagen: Ich hatte gehofft, dich loszuwerden, wenn du stirbst. Aber es ist mir nicht gelungen. Du bist mir mehr als gegenwärtig. Gerade weil du nicht die Mutter für mich warst, die ich gebraucht hätte, kann ich dich nicht vergessen. Ich fühle deine Gegenwart ständig in mir.
Aber allmählich begreife ich, dass ich ohne deine Liebe leben muss und es auch kann.
Es wird daher Zeit, dass ich mich von dir verabschiede. Vielleicht liege ich selbst bald irgendwo unter ein bisschen Erde und warte darauf, wieder in den Kreislauf der Natur einzutreten. Da sollte man schon mal in der Lage sein, der eigenen Mutter ins tote Angesicht zu sehen, finde ich. Was meinst du?
Ich würde es gerne versuchen. Heute. Ich glaube, heute könnte ich es versuchen. Friedhofsblumen habe ich dieses Mal nicht für dich, auch keinen lustigen Strauss. Aber ich möchte versuchen, dir endlich ein angemessenes Denkmal zu setzen. Nicht hier unter den Menschen, nein in mir, ein Mal, an dich zu denken, sowie du warst, so wie ich dich gesehen habe und sehen konnte. Ich will versuchen, mich deiner Wahrheit anzunähern, soweit ich es kann und so weit ich sie begreife.
Wenn ich dir also ein Mal setzte, so wird es doch letztlich meine Wahrheit sein, meine Wahrheit über dich. Den Rest des Eintrags lesen »
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Mutterlos
3.1.2009 von m.s..
Das erste Gespräch
Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen, endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Aber irgendwann hat dein Körper dann doch aufgegeben.
Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammen reißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war, gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.
Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?
Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber es ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter halt am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräber eifrig herumhuschen, mit Blumen und Gieskannen und mit stillen, eifrigen Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?
Ich bin wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Ich bin nicht traurig.
Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?
Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war. Ich konnte es dir nie sagen. Ich möchte es noch immer am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass, weil du Zeit deines Lebens immer nur mit dir selber beschäftigt warst, nie wirklich mit mir.
Du hast mich geboren, aber du hast mich nicht mir selber vorgestellt. Immer warst zuerst du wichtig. Immer kam zuerst Margot. Ich kam eigentlich nie. Noch als ich selbst Kinder hatte, wenn du etwas mit ihnen unternommen hast, wenn du mit ihnen gespielt oder gesprochen hast, hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um sie, immer um dich. Ich kannte das so gut. Jetzt endlich will ich es loswerden:
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