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Leben und Schreiben
Autobiographie
Ich habe dir und allen anderen Menschen in meinem Leben nie gesagt, wie schlimm und auch nie, wie wichtig das Ganze für mich war.
Du fragst, wie es kommt, dass ich heute, mit 55 Jahren, das zu schaffen glaube, wovon Du mich ein Leben lang hast träumen hören? Ich verstehe, dass du staunst. Ein wenig staune ich selbst. Ich will es Dir erzählen.
Denn heute, wo ich mich fühle wie eine, die nach langer Krankheit wagen kann, aufzustehen, heute weiß ich, dass ich über den Berg bin. Ich bin noch immer blass und der Spiegel zeigt mir noch kein Bild von blühendem Leben. Dennoch: Ich werde dieses Haus verlassen können und meinen Weg gehen und ich werde ans Ziel gelangen.
Deshalb wage ich es an diesem Tag, zurückzublicken. Ich sehe auf all die Jahre meiner Sehnsucht, meiner immer erneut mich niederstreckenden Entmutigung zurück wie eine Genesende auf die lange Phase der Schwäche und der Gebrechlichkeit blickt - frohen Herzens und voller Rührung.
Ich muss ganz vorne anfangen, da, wo dieser Gedanke zum ersten Mal in meinem Leben aufgetaucht ist und wo er sogleich angefangen hat, von mir Besitz zu ergreifen. Das war sehr früh. Es fiel zusammen damit, dass ich nach einer langen Krankheitsphase und nach bitteren Zeiten kindlicher Hilflosigkeit und Einsamkeit anfing, mich auf mich selbst zu verlassen und mir meinen eigenen Weg in diesem Leben und dieser Welt zu suchen. Du weißt, dass meine Mutter mich schon mit zwei Jahren in einen Kindergarten gesteckt hat, wo ich völlig verzweifelt in einer dunklen Ecke und ganz alleine auf die Stunde wartete, wo sie mich wieder abholen würde. Meine lange Krankheit zwang sie schließlich, sich um mich zu kümmern und mich nicht mehr fortzuschicken. Ich habe mich von diesen Erfahrungen in meiner frühen Kindheit nur langsam erholt, und als ich soweit wieder klar kam, hatte ich meine Beziehung zu meiner Mutter aufgegeben. Ich war mutterlos geworden. Ich vermied ihre Berührungen und ihre Nähe. Aber ich war jetzt fähig, alleine die schwere Haustür zu öffnen und alleine im Stadtpark spazieren zu gehen. Ich konnte mir ab sofort die Welt selbst erobern, die hinter den Fensterscheiben unseres Schlafzimmers lockte, wo ich fast ein Jahr gelegen und mit Albträumen und Langeweile gekämpft hatte. Ich fühlte mich als freier Mensch und als jemand, der seine Sachen selbst in die Hand nehmen wollte.
Trotzdem war ich auch mit fünf Jahren ein stilles Kind, ich war schüchtern und in mich gekehrt. Aber in mir brannte Feuer, was keiner zu bemerken schien. Ich fühlte, dass ich anders war als die anderen Kinder. Und ich sah vieles, was die anderen gar nicht bemerkten.
Oft spielte ich für mich allein. Bei meinen einsamen Spaziergängen lernte ich unsere Straße mit anderen Augen sehen. Ich ging ganz langsam, leise vor mich hin singend und summend, den Lachern und den lärmenden, rennenden Kindern um mich zum Trotz. Dabei entdeckte ich lauter aufregende Dinge, die ein ins Spiel vertiefte Kind kaum wahrnehmen wird. Ich beobachtete viele Vormittage die Spatzen, die sich Krumen von der Straße holten und merkte zu meiner Überraschung, dass sie buntes Gefieder hatten und keiner genau wie der andere aussah. Ich bestaunte die winzigen, weißen Blüten an den verstaubten Sträuchern unseres Grünwegs und beobachtete nach dem Wolkenbruch die kleinen Stöckchen, die im Rinnstein schwammen und dann plötzlich im Gulli verschwanden.
Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich auch die verschiedenen Grau-Blautöne des Himmels über mir. Und eines Tages sah ich es: Die Erde drehte sich wirklich. Mein Vater hatte am Abend vorher mit meiner älteren Schwester darüber gesprochen. Jetzt wusste ich es auch: Die Erde war eigentlich eine Kugel, keine Scheibe, wie ich immer gedacht hatte, und sie drehte sich. Und jetzt hatte ich es tatsächlich gesehen, ich konnte es beweisen. Es war eigentlich ganz einfach. Man brauchte nur ganz intensiv und lange auf die Wolken dort vorne und den Schornstein davor zu starren, dann sah man, wie sich die Erde bewegte. Ich hatte nicht gedacht, daß sie sich so schnell bewegt.
Meine Entdeckung erfüllte mich mit Stolz und Ehrfurcht auch vor mir selbst. Es musste etwas zu bedeuten haben, wenn ich in meinem Alter schon solche Sachen sehen und auch begreifen konnte! Ich beschloss, all das nicht für mich zu behalten, sondern es der Welt mitzuteilen. Ich beschloss, Dichterin zu werden.
Woher kam dieser Begriff? Was mag ich mir damals unter einem Dichter vorgestellt haben? Ein Dichter war jemand mit einem weiten, dunklen Mantel. Er sah etwa so aus wie ein Zauberer. Auf seinem Umhang blitzten Sterne. Sein Gesicht war gütig und weise.
Er stand abseits und blickte doch auf alle herab, wie ein einsamer Nachtwächter auf dem Turm, der es übernommen hat zu wachen, während alle anderen schlafen. Er wacht über die Träume der Menschen und er kennt sie alle, die schönen und die verrückten und auch die Albträume. Mit einem Wink seiner Hand erweckt er Gedanken zum Leben. Er kann mit einem Schlag seiner Lider Pinoccios lebendig machen. Ein Dichter war ein mächtiger Mann.
Warum sollte es nicht auch mächtige Dichterinnen geben?
Mit den anderen Kindern unserer Straße kam ich zu dieser Zeit nicht gut klar, wenn meine Schwester nicht dabei war und mich beschützte. Sie nannten mich „Dicke“. An einem dieser Tag hatten die Kinder auf der Straße mich wieder einmal ausgelacht, als ich an ihnen vorbeigegangen war. Sie lachten laut hinter meinem Rücken weiter. Ich wurde rot und wusste nicht, was los war. Vielleicht guckten wieder meine Schlüpfer unten aus dem Rock oder ich hatte die Jacke falsch zugeknöpft. Ich ging völlig verwirrt, aber mit hoch erhobenem Kopf weiter die Straße hinunter. Ich bemühte mich mit aller Kraft, meinen Stolz zu fühlen. Schließlich hatte ich beschlossen, Dichterin zu werden und brauchte mich fortan nicht mehr mit so banalen Dingen abzugeben wie fangen spielen oder im Sandkasten herum hocken. Sie sollten mich noch kennen lernen! Ich war nicht irgend so eine Dumme, die alles mit sich machen ließ! Ich war eine Dichterin, die in die Geheimnisse der Welt eingeweiht war.
Im Juni blühten im Vorgarten gegenüber alte, große Rhododendronbüsche. Ich liebte es, die angeschwollenen Rhododendronknospen schon im April abzupflücken, mit der Hand zu entblättern und dabei ein zerknittertes zartlila Blütenblatt nach dem anderen aus seinem Versteck zu holen. Meiner Vorfreude auf die tausend Blüten im Juni opferte ich einige wenige Knospen im April. Das war natürlich verboten. Es wurde sogar bestraft. Sie verstanden überhaupt nichts!
Ich aber war in der Lage, der Natur ihr Geheimnis schon jetzt zu entreißen, lange bevor sie selbst bereit war, es preis zu geben. Im Juni wäre die Blüte eine von vielen geblieben, unbeachtet in der Fülle. Sie, die ich mitten im Frühling entfaltete, wenn ringsum noch wenig auf einen üppigen Sommer hindeutete, war einmalig und viel wichtiger für mich als jede ihrer Schwestern es später sein konnte, nachdem sie von alleine aufgegangen waren. Das freilich zahlte sie mit einem frühen Tod. Ich fand das gerecht.
Die Erwachsenen tadelten meine Neugierde und hielten meine tätige Vorfreude für schädlich. Ich fand, dass es keine solch dummen Verbote für werdende Dichterinnen geben sollte. Wie anders als so konnte ich sonst rechtzeitig den Geheimnissen auf die Spur kommen, die mich umgaben?
Mein altes Schaukelpferd war auch in dieser Zeit noch immer wichtig für mich. Ich schaukelte mitunter stundenlang alleine vor mich hin, ritt in meinen Träumen mit den Wolken, ritt durch grüne Wälder, ritt fort aus unserer Wohnung und weit hinein in ein Land, wo mich niemand zwang, „danke“ zu sagen und den Leuten freundlich die Hand zu geben. Ich träumte mich in eine Welt, in der ich groß war und von allen geliebt wurde, weil ich Gutes tat und schöne, wunderbare Geschichten erzählen konnte.
So ritt ich und sang vor mich hin, als meine Mutter ins Zimmer kam, mir eine Zeit lang zuhörte und dann fragte, was ich denn da sänge. Ich sagte, das sei ein Lied, das nur ich kennen würde. Sie fragte interessiert weiter und nun konnte ich nicht mehr zurück. So aus dem Stehgreif heraus dichtete ich ein Lied mit vielen Strophen. Es handelte von einem kleinen Jungen, der am Meeresstrand saß und auf das Schiff wartete, mit dem sein Vater fort gefahren war. Und er wartete Tag für Tag und viele Wochen lang. Als sein Vater eines Tages zurückkam, war das Kind eingeschlafen und der Vater fand es in den Dünen und trug es ganz sanft nach Hause. Ich hoffte, daß sie nicht merken würde, daß ich das Ganze schnell hatte erfinden müssen, damit sie mich nicht beim Lügen ertappen konnte. Es wurde ein richtig gutes Lied, fand ich. Ich sang und sang, sang wie um mein Leben, sang, bis ich in Sicherheit war. Als ich fertig war, sagte sie, das sei ein schönes Lied und sie würde es auch gern lernen.
Ich nickte, versprach vage, es später noch mal zu singen und ritt weit, weit fort.
So kam es also, dass ich eines Tages um Einlass bat in den Zaubergarten der Poesie. Das Tor öffnete sich für mich und ich trat ein. Ich stand ergriffen zwischen den hohen Bäumen und blickte mich verwirrt in der Blumenfülle um. Schmetterlinge schaukelten über den Blüten. Auf den Zweigen sangen Vögel. Sie sahen aus wie meine Spatzen, nur noch viel bunter. Auf den weißen Bänken ruhten sich Menschen aus, manche waren miteinander ins Gespräch vertieft. Alle waren schon viel älter als ich, aber das machte mir wenig aus. Als ein älterer Herr auf mich zu kam und mit ein klein wenig ungehaltener Stimme murrte, wieso denn jetzt auch Kinder hier im Dichtergarten seien, trat eine Frau aus dem Gebüsch und fasste ihn beruhigend an der Schulter. „Lass sie doch, auch Kinder können Poeten sein, Thomas.“ Ich kannte diese Frau. Ich hatte ihr Bild auf dem Buch gesehen, aus dem uns meine Mutter manchmal vorlas. Es ging darin um Wildgänse und einen kleinen verzauberten Jungen. Ich lächelte die Frau dankbar an, setzte mich bescheiden auf die Rasenkante und lauschte der Musik, die aus einer Ecke des Gartens herüber klang.
Ich kam nun immer öfter her. Der Garten verbarg mich vor der Kälte der Welt. So konnte ich die anderen ertragen, gewappnet mit dem Wissen im Herzen, dass ich ja eigentlich eine Dichterin war, eine, die im Zaubergarten der Poesie ein und ausgehen durfte. Hier, zwischen den hohen Bäumen und den vielfarbigen Blüten, zwischen weiten Rasenflächen und leuchtenden Bänken, die ovale Rosenbeete umstanden, zwischen all diesen freundlichen Menschen, die mit leiser Stimme sprachen, während sie nachdenklich über die Parkwege schritten, hier war ich nicht auf das Wohlwollen der anderen Kinder und der Erwachsenen angewiesen und nicht ihrer Willkür ausgeliefert. Nein, hier war ich selbst die Herrin, hier erschuf ich mir einfach eine Welt. Ich konnte mir hier auch Freunde ausdenken, sogar Feinde. Hier hatte ich das Sagen. Hier war ich beinahe allmächtig.
Durch die dünnen Vorhänge mit den Blütengirlanden floss das Sonnenlicht ins Zimmer und malte zarte Schattenblumen an die Wände. Draußen, auf der Straße, ging das Leben weiter, aber ich sollte schlafen.
„Warum soll ich denn schlafen, wenn die anderen schaffen“, dachte ich vor mich hin. „Schlafen, schaffen? Hafen wäre besser“, fand ich. „Draußen liegt der Hafen, doch mein Kind soll schlafen.“ Schon besser. Nur gab es gar keinen Hafen. Also zauberte ich ihn einfach. „Schiffe, die sich wiegen. Kinder, die schon liegen.“ Ich lauschte meinen gedachten Versen. Was war das? Auf einmal fingen meine Worte von alleine an zu leuchten!
Ab da dichtete ich mich durch jeden Mittagsschlaf und durch die langen Abendstunden, wenn ich schon ins Bett mußte, lange bevor endlich meine Schwester kam. „Der Mond, der große Held, die Sternlein wohl bewacht.“ Es sang also auch, wenn es sich am Ende nicht reimte. Der Rhythmus meiner Worte schaukelte mich sanft. Ich konnte den Mond sehen, wie er die ganze schwarze Nacht über aufpasste, dass kein einziger Stern herunter fiel. Und ich konnte genauso das Aufatmen der Menschen spüren, die froh waren, dass die Sterne da standen und stehen bleiben würden jede Nacht, ohne auf sie herunter zu fallen. Ich hatte also Worte entdeckt, hinter denen sich noch ein Geheimnis verbarg, Worte, die nicht nur das bedeuteten, was sie sagten, sondern die wie ein Reigen bunter Bilder von etwas anderem erzählten, was dahinter schimmerte. Ich zauberte! Ich zauberte Bilder, spendete mit meinen Worten Trost und weckte Hoffnung. Die Menschen konnten sehen, was ich dachte und fühlen, was ich fühlte. Es ging mir gut dabei.
Und immer, wenn ich dichtete, fühlte ich eine so unerschütterbare Kraft in mir, dass ich mich unverwundbar und allen überlegen wähnte. Auf einmal war ich schneller als meine Schwester, größer als mein Vater, lebendiger als meine Mutter.
Die Welt lag mir zu Füßen und wartete ungeduldig darauf, von mir benannt und geweckt zu werden.
Ich machte noch eine Entdeckung: Meine Dichtungsprodukte hatten zugleich die angenehme Eigenschaft, mich bei meinen Mitmenschen in ein angenehmes Licht zu setzen. Zum ersten Mal konnte ich etwas, was meine Schwester nicht schon lange vor mir gekonnt hatte. Die Beachtung, die ich plötzlich erfuhr, schmeichelte mir und war endlich ein kleines Stückchen von dem großen Anerkennungskuchen, der mir, so meinte ich, eigentlich ohnehin zustand.
Und so begann ich damit, zu allen möglichen Familienangelegenheiten mit meinen Ergüssen aufzuwarten und trug immer wieder zur Freude und auch zur Erheiterung meiner Zuhörer bei. Aber ich fühlte mich nicht ausgelacht sondern sog genüsslich die Beachtung ein, die mir und meinem Talent gezollt wurde.
Das Erlernen der Schreibkunst in der ersten Klasse gab meinen dichterischen Projekten neuen Aufschwung. Nun musste ich meine Ergüsse nicht mehr meiner Mutter diktieren sondern versuchte selbst mit Bleistift oder Tinte meine Geschichten oder Gedichte aufzuschreiben.
Mein erstes Drama aber liegt noch in der Handschrift meiner Mutter vor. Es entstand gegen Ende des ersten Schuljahres und wahrscheinlich überforderte die Länge dieses Werkes meine Griffel gewohnte Hand.
Die Uraufführung, die allerdings auch die einzige wirkliche Aufführung geblieben ist, fand im März statt, in unserem Wohnzimmer. Zuschauer waren mein Vater und meine Mutter, meine Schwester sowie sämtliche Puppen und Tiere, die selbst im Stück keine Rolle mehr hatten bekommen können. Denn alle anderen Spieler außer mir selbst waren Puppen und Kuscheltiere.
Das Stück handelt vom Frühling und davon, wie das Schneeglöckchen irgendwo auf einer noch verschneiten Wiese erwacht und den Frühling einläutet. Die Hauptrolle spielte ich selbst. Ich trug einen grünen Rock meiner Schwester, der mir bis zu den Knöcheln reichte. Die entscheidenden choreografischen Momente, nämlich, wie sich das erwachende Schneeglöckchen in der warmen Sonne reckt, wie es seine Blätter ausstreckt, dem Licht entgegen und wie es allmählich erwacht und sich aufrichtet, hatte ich den täglichen Ballettübungen meiner Schwester abgeguckt.
Es war gar nicht einfach, Autorin, Hauptdarstellerin und gleichzeitig Regisseurin und Bühnenarbeiterin zu sein. Ich hatte neben meinem eigenen Text als Schneeglöckchen noch die Regieanweisungen vorzutragen, z.B. die Aufforderung: „Setzt Euch Ihr Leute, ich bin bereit“, und meine Mitspieler und Mitspielerinnen über die Bühne zu tragen. Die Puppen Moni, Bärbel, Christel und Heinz spielten die anderen Blumen, die zusammen mit dem Schneeglöckchen auf der Frühlingswiese blühten. Ihre Rolle war eigentlich ganz leicht. Sie waren stumm und mussten die ganze Zeit nur dasitzen. Aber sie fielen ärgerlicherweise ständig um. Die zweite tragende Rolle neben mir spielte aber Schnauzi, mein Lieblingsbär. Er war die Biene, die summend und brummend über der Wiese ihre Kreise zog und sich auf allen Blüten niederließ, um gierig den Nektar zu schlürfen. Schnauzi machte seine Sache großartig, war allerdings auf meine Hilfe beim Fliegen angewiesen. Der Einakter endete mit einem für eine so zarte Blume vielleicht etwas zu lautem Lachen, als das Schneeglöckchen den anderen, inzwischen von ihm geweckten und aufgeblühten Blumen davon erzählte, wie der Winter „mit seiner schrecklichen Gesellenschar zurück über den Berg geflohen war.“ Er hatte das Schneeglöckchen erblickt und wusste nun, dass seine Zeit um war …
Meine Familie spielte die ganze Zeit tapfer mit, stellte sich hin, wenn es die Regieanweisungen so vorsahen, setzte sich wieder – fast im richtigen Moment – und klatschte hinterher ordentlich. Meine Eltern wunderten sich über die Jüngste in der Familie, die sich da mit allem Anspruch auf Ernsthaftigkeit als Bühnenstar produzierte. Wahrscheinlich haben sie sich auch die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt, weil meine Fähigkeiten auf der Bühne hinter den dichterischen ein wenig zurückblieben.
Im ersten Schuljahr schrieb ich Gedichte und kleine Prosastücke. Ich plante einen Roman, der von zwei Freundinnen und ihren Teddybären erzählte, die im Sommer im Park mit ihren Bären spielten. Der Gedanke an dieses Projekt, das ich da immer in meinem Kopf herumtrug, machte mich zufrieden. Ich fühlte mich gut.
Dann aber holte mich das Leben für eine lange Zeit ein. Die Sommer brachten lauter Abenteuer, das Schmetterlingsparadies lud mich ein, ich sammelte Marienkäfer und spielte Verstecken und Räuber und Gendarm und verbrachte Stunden im Versteck zwischen staubigen Büschen und Erdwällen. Meine eigene Welt hatte angefangen, sich zu drehen.
In meinen Grundschuljahren und bis ich das war, was man einen Teenager nannte, wurde mir das Leben allmählich zu wichtig und zu aufregend, um meine ganze Zeit mit Dichten und Schreiben zu verbringen. Ich verschob meine Dichterkarriere auf spätere Zeiten.
Irgendwann wurden meine Schreibträume zu Tagträumen, die mich ganze Wochen, manche sogar für Monate begleiteten und wie Romane mit vielen Fortsetzungsbänden in meinem Kopf herumgeisterten.
Besonders gut in Erinnerung ist mir der Traum von der riesigen, nur mir bekannten und nur von mir genutzten U-Bahn-Unterwelt, die alle meine Lebensbereiche und Lebensorte, unsere Wohnung, die Schule, den Park, miteinander verband und die mich in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen transportieren konnte. Wie ein Geist tauchte ich plötzlich in der Schule auf, obwohl ich eben erst von zu Hause fortgegangen war. Und ich war viel schneller von der Schule wieder daheim als meine Schwester. Zum Teich im Park brauchte ich nur wenige Minuten und längst saß ich schon auf der kleinen Wiese an unserem Waldrand und ließ mich von der Sonne bescheinen, wenn die anderen Kinder schwitzend von ihren Rädern stiegen. Alle wunderten sich und wollten wissen, wie ich das schaffte. Aber ich lüftete mein Geheimnis nie.
Keiner meiner Tagträume wurde festgehalten. Ich mußte passen. Das war einfach zuviel für mich. Ich träumte von einer Maschine, die in der Lage sein sollte, die Gedanken eines Menschen mit- und aufzuschreiben, ohne dass er selbst sie formulieren, schreiben und dann auch noch tippen müsste. Diese Maschine zu erfinden war mir nicht gegeben.
Im der 5. Klasse verfasste ich einen Aufsatz über eine Fahrt auf der Achterbahn. Es war gerade Frühjahrskirmes und wir waren an dem Vormittag, wo unsere Schule wegen dieser Kirmes traditionell schon um 11 Uhr unterrichtsfrei gab, in einer Gruppe von Mädchen über den Platz gezogen und hatten alles, was uns interessant vorkam, ausprobiert. Interessant war besonders die Achterbahn. In meinem Aufsatz zum Thema: „Meine Erlebnisse auf der Kirmes“ ließ ich allen meinen Gefühlen und Fantasien hemmungslos ihren Lauf. Da schrien Münder, Gesichter verzerrten sich, da stürzen unsere Körper ins Nichts, da tropfte das Blut, da erstarrte die Menschenmenge vor dem Gerüst, da erblassten und kotzen wir um die Wette. Die Klasse war begeistert und meine Lehrerin lobte die Authentizität. Da sie selbst Angst hatte vor der Achterbahn, fand sie den Aufsatz auch nicht übertrieben.
Was es allerdings mit der Authentizität auf sich hat, wurde mir kurz darauf noch viel klarer. Wir sollten einen Erlebnisbericht schreiben über ein erschreckendes Ereignis, ein Ereignis aber, das wir auch wirklich selbst erlebt hatten.
Mir fiel nichts ein, worüber ich hätte schreiben mögen. Deshalb entschloss ich mich, doch kurzerhand eine Geschichte zu erfinden, die im Wald am Lagerfeuer spielte.
Ich beschrieb, wie ich eines Sommerabends mit meinem Vater gemütlich am Feuer vor unserem Zelt im Wald saß und Würstchen am Stock über den Flamme briet. Es dämmerte schon, als plötzlich von der dunkelsten Ecke des Waldrandes am Ende unserer Wiese ein grelles Licht aufblitzte. Das Ganze stellte sich dann später als völlig harmlos heraus, aber bis das klar war, standen mir und meinem Vater die Haare zu Berge und stockte das Blut in unseren Adern.
Ich war mit meiner Geschichte einigermaßen zufrieden und hoffte nur, dass es nicht herauskäme, dass ich sie erfunden hatte.
Dann kam die Stunde der Wahrheit. Wir mussten unsere Aufsätze in der Klasse vorlesen. Der Aufsatz meiner armen Freundin wurde heftig kritisiert, insbesondere, weil er zu dick aufgetragen war und unglaubwürdig klang. Sie versicherte unter Tränen, dass sie das wirklich genau so erlebt hatte und ich habe es ihr auch geglaubt. Aber das nutzte nichts. Dann kam ich dran. Mir wurde übel. Sicher würde ich gleich ebenfalls entlarvt! Aber es kam ganz anders. Meine Lehrerin und auch meine Klasse waren begeistert. „Sehr packend, „sehr spannend“, lobte die Lehrerin und vor allen merke man hier, dass das eine wirklich erlebte Geschichte sei. Ich war sprachlos und sagte nichts. Ich steckte das Lob mit ein wenig schlechtem Gewissen ein, denn ich hatte es ja für einen Betrug bekommen. Bis mir irgendwann klar wurde, dass es kein Betrug war, was ich gemacht hatte, sondern etwas ganz anderes. Ein wenig hatte sich da der Schleier gehoben, der über dem lag, was die großen Leute Kunst nannten. Meine Lehrerin wusste nicht, welches Geheimnis sie mir da verraten hatte.
In der neunten Klasse schrieben wir im Deutschunterricht gemeinsam eine Erzählung in ein Theaterstück um. Jede von uns bekam eine oder auch zwei Szenen zugeteilt und sollte sie umschreiben. Ich schrieb fast eine halbe Nacht daran und sah der nächsten Deutschstunde mit Spannung entgegen. Ich war sicher, dass sofort alle merken würden, dass sich meine Szenen gegen die der anderen abhoben. Ich sah dem Tag entgegen, wo ich als Dichterin von den anderen erkannt werden würde.
Die Klasse diskutierte die einzelnen Szenen. Meine wurden nicht gelobt, ja nicht einmal erwähnt. Sie waren nicht schlecht, aber auch nicht gut. Ich saß da und konnte vor Enttäuschung nicht reden. Ich hatte mich doch so angestrengt! Ich war bitterböse auf die anderen und die Lehrerin, dass sie nicht erkannten, was in mir steckte. Ich wagte es nicht, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht sogar Recht haben könnten. Wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass einige der von anderen Mädchen verfertigten Szenen wirklich richtig gut geschrieben waren. Ich blickte böse und missmutig in meine Dichterseele. Wie konnte es sein, dass andere diese Aufgabe so brillant lösten, ohne selbst damit irgendetwas anfangen zu können? Keine der Damen wollte schließlich Dichterin werden! Die eine plante damals ein Gartenbaustudium, die andere wollte Lehrerin für Biologie und Sport werden. Wie konnte die Natur so ungerecht mit ihren Gaben umgehen! Wenn sie mir die Seele eines Dichters überlassen hatte, wo, bitte schön, blieb mein Talent?
Keiner hatte es begriffen. Keiner konnte es sehen. Seit dieser Zeit hatte ich stets das Gefühl, von meinen Mitmenschen nicht erkannt zu werden als das, was ich war.
Aber war ich es denn?
Damals, nach dieser großen Enttäuschung, spürte ich genau, dass es für mich brenzlig werden könnte, wenn ich Gefahr lief, mich selbst fragen zu müssen, ob ich denn wirklich schreiben könne.
Ich war immer noch, gerade jetzt, davon überzeugt, dass ich eine von denen war, die im Poesiegarten wandeln durften. Ich stellte meine Identität als Dichterin und als rechtmäßige Nutzerin dieses Zaubergartens nie in Frage, auch dann nicht, wenn keiner um mich herum etwas davon wusste oder auch nicht die geringsten Anzeichen meiner Ambitionen nach außen drangen.
Aber die Zeiten, wo ich strahlend auf die Frage, was ich denn werden wollte, gesagt hatte „Dichterin“, waren lange vorbei. Ich befürchtete, dass, hätte ich meinen geheimen Wunsch verraten, die Leute sofort etwas hätten sehen wollten von meinen Ergüssen. Aber ich hatte nichts oder fast nichts vorzuweisen. Meine Berechtigung, mich als Dichterin zu fühlen, hätte damit sofort zur Debatte gestanden, ja sogar meine Berechtigung, mich als zukünftige Dichterin zu sehen. Und das hätte mir wehgetan.
Einmal schrieb ich eine Weihnachtserzählung für Kinder auf. Während ich sie schrieb, träumte ich von einem dicken Geschichtenbuch und von einer leicht erworbenen Berühmtheit. Meine wirkliche, anspruchsvolle Dichtung wollte ich ohnehin erst schreiben, wenn ich von zu Hause ausgezogen sein würde.
Ich las meine erste fertige Weihnachtsgeschichte meiner Mutter vor und erlebte zu meinem Entsetzen eine totale Abfuhr. Sie meinte, sie hätte genau diese Geschichte schon einmal gehört, sie sei also gar nicht von mir. Ich selbst konnte mich nicht erinnern, sie schon einmal gelesen zu haben. Aber zumindest schien die Geschichte nicht besonders originell zu sein. Meine Mutter kritisierte außerdem heftig an Formulierungen herum und fand die ganze Erzählung nicht überzeugend. Meinen Traum von einer Veröffentlichung und meiner schnellen Berühmtheit als Kinderbuchautorin verschwieg ich besser.
Ich schrieb keine weitere der geplanten Geschichten mehr. Ich verbesserte auch die schon geschriebene nicht.
Auf die Idee, dass Schreiben etwas mit Geduld und harter Arbeit zu tun haben könnte, bin ich damals und viele Jahre später auch noch nicht gekommen. Wer sich anstrengen muss, der ist nicht gut, so dachte ich. Wer an einem Gedicht ewig herum feilt, der macht es notwendig kaputt, glaubte ich. Ich wollte ein begnadetes Genie sein und nicht ein Schreiberling, der es nötig hatte, über seinen Texten zu schwitzen.
Ich weiß es inzwischen: Ich tat der Sprache und der Poesie bitter unrecht. Ich dachte, sie könnten schon mal ein Auge zudrücken, wenn ein Versmaß nicht so ganz stimmte. Und wenn mir kein treffendes, deutliches Wort einfiel, begnügte ich mich eben auch mal mit einem abgegriffenen Begriff. Wichtig war doch vor allem der Inhalt. Und es war doch schließlich klar, was ich meinte.
Vielleicht hätte ich mich auch früher schon viel mehr anstrengen mögen, wenn ich nicht geglaubt hätte, dass ein wahrer Dichter das nicht nötig hat.
Denn trotz allem war ich mir immer noch sicher, so einer zu sein. Was in mit steckte, wollte heraus und irgendwann würde es kommen. Ich würde eines Tages schreiben und dann würde ich es schon können.
Als ich mich zum ersten Mal verliebte, war ich 15 Jahre alt. Der von mir angebetete Junge aus der Nachbarschule nahm mich nicht zur Kenntnis. Ich stand hilflos und verzweifelt in seiner Nähe und spürte, wie mir beide Handflächen vor Sehnsucht schmerzten. Er hatte blonde Locken, spielte Geige und meist waren seine Wangen rot. Fast immer, wenn ich ihn sah, lachte er. Er erschien mir in meiner eigenen Melancholie wie das Gegenstück zu mir. Sein Anblick berührte mich wie das Leben selbst. Er geisterte durch meine Träume und am Tage gehörten ihm alle meine Gedanken. Ich fing wieder an, Gedichte zu schreiben. Ich brauchte ein Sprachrohr, ein Ventil für mein Unglück und für mein Glück. So entstand in einsamen und tränenreichen Stunden unter vielen anderen Gedichten ein zwölfstrophiges Liebeslied, das der Besungene nie, aber natürlich auch sonst keiner zu sehen bekam.
Ich las mir mein Werk immer wieder laut vor. Noch beim zehnten Mal Lesen sprangen mir die Tränen in die Augen. Ich sah mich selbst im Bild der weißen Rose, die verlassen und bescheiden am Wegesrande auf ihn wartet, obwohl er sie nicht beachtet. Am Ende pflückt er die Rose ab, um sie seiner Freundin zu schenken.
In der gleichen Zeit fing ich an, wie eine Besessene zu lesen. Mein damaliger Deutschlehrer hatte mir für einen Aufsatz über Robert Musils Eingangstext im „Mann ohne Eigenschaften“ eine Eins gegeben und mich damit in die Spur geschickt auf Entdeckungsreise ins Bücherland. Ich entdeckte einen Dichter nach dem anderen und las und las. Es reichte mir nicht ein Buch jedes Dichters, der mir in die Hand fiel. Ich musste alle lesen. Viele Lebenswerke las ich einfach systematisch der Reihe nach durch. An einem trüben Herbsttag stand ich wie so oft zwischen den hohen Regalen der kleinen Bücherei, wo ich meine Bücher auszuleihen pflegte und plötzlich befiel mich ein heftiger Schmerz bei dem Gedanken an den Tag, an dem ich alle Bücher durchgelesen haben würde. Ich war eben auch als Leserin rührend überheblich.
Eine Lösung für mein Problem fand ich dann doch darin, dass ich nicht mehr einfach nur die Bücher verschlang sondern dass ich anfing, sie intensiv zu lesen. Ich las viele Bücher, manche Dichtersammlungen zwei-, dreimal, achtete jetzt auf die Sprache und nicht nur auf den Inhalt. Ich begriff, dass Sprache eine Melodie haben kann, vielleicht eine lebenslustige Melodie oder eine sanfte, zärtliche. Manchmal war diese Melodie aber auch wild, mitunter klang sie karg wie ein vertrockneter Brunnen. Ich fing an, diese Melodien zu begreifen. Es war, als könnte ich auf einmal fremde Sprachen verstehen. Es gefiel mir, dadurch immer tiefer in die Gefilde jenes poetischen Zaubergartens eindringen zu können, den ich ohnehin schon so lange als meine Heimat betrachtete. Ich lebte dort in meinen Büchern, ging mit Raskolnikow und Malte Lauritz Brigge und ihren Dichtern in meinem Dichterpark spazieren, ganz so, als sei ich selbst eine von ihnen.
„Seit wann haben Leser hier auch Zugang?“, fragte Thomas Mann pikiert den alten Herrn, der neben ihm ging und an seiner Pfeife zog. Sie blieben stehen und Herr Mann sah mich ärgerlich an. „Aber ich bin doch eine Dichterin“, sagte ich und er runzelte die Stirn. Auch mit ihm würde ich es aufnehmen, irgendwann! Als sie weitergingen, hörte ich, wie der Alte zu Mann sagte: „Lass sie doch, es kommt schon noch, manche fangen halt erst spät an, Thomas.“
Ich hätte so gerne gewusst, wer das war, aber ich hatte sein Gesicht noch nie gesehen. Es gab wohl noch viele Dichter, denen ich nicht begegnet war. Sehr viele. Es gab wirklich keinen Grund, Angst zu haben, die Dichter könnten mir ausgehen.
Aber ich hatte noch viel mehr gelernt aus meinen Büchern. Ich hatte gemerkt, dass diese Dichter ihre Geschichten und Romane über einen ausschütteten wie ein Füllhorn. Sie konnten spannende Geschichten erzählen, Menschen erfinden, ganze Städte erschaffen. Sie selbst blieben hinter ihrem Feuerwerk fast unsichtbar. Ich musste Biographien lesen, um etwas über sie selbst zu erfahren. Sie waren nicht ihr eigenes Thema. Das gab mir einen Stich. Denn was hatte ich bisher auf die Beine gebracht, was plante ich nicht in meinem Kopf, was nicht meine eigene Geschichte, meine Gefühle, mein Schicksal war?
Nach dem Abitur saß ich einen ganzen Nachmittag bis zum Sommerabend mit meiner Schwester am Mainufer in Frankfurt auf einer Bank. Wir beobachteten die Vorübergehenden oder plauderten über dies und das. Und natürlich las jede von uns ihren gerade aktuellen Dichter. Ich wühlte mich in der Zeit durch die Wahlverwandtschaften und erzählte ihr auf langen Spaziergängen Kapitel für Kapitel den Inhalt.
Wenn du selbst eine Dichterin sein willst, so müsstest du jetzt wirklich sehen können, was um dich passiert, müsstest du Menschen studieren und über ihr Schicksal und ihren Alltag grübeln. Wenn du wirklich Dichterin sein willst, dann reicht es nicht, immer nur in dein eigenes Herz zu sehen und dich in deinem eigenen Schmerz und in deiner Freude zu baden.
Ich wurde in meinem Inneren richtig grob zu mir. Ich hatte das Gefühl, ich musste mich herausfordern.
An unserer Bank gingen drei junge Mädchen vorbei. Sie waren etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter. Sie schienen von der Arbeit zu kommen und jetzt Feierabend zu haben. Ich konnte sehen, dass dies weder Schülerinnen noch Studentinnen waren. Sie zogen sich biederer an, vielleicht auch sorgfältiger und waren geschminkt. Als sie an uns vorbei gingen, hörte ich, wie die eine sich über ihren Chef beschwerte. Die andere antwortete mit einem Lachen, sie sollte ihn sich doch versuchen zu erobern. „Ja, Mensch, der sieht doch echt toll aus und hat ein schickes Auto“, kommentierte gleich die Dritte.
Ich sah den dreien fremd und ein wenig angewidert nach.
Und plötzlich sagte ich mir: ‚Wenn du eine Dichterin sein willst, meine Liebe, so, dann denke dir jetzt über diese Mädchen dort eine Geschichte aus. Ja, nimm die schwarzhaarige, die mit dem kurzen Rock!“
Ich merkte, wie ich zusammenzuckte. Ich spürte auf der Stelle, dass das ganz und gar unmöglich war für mich. Das Mädchen war für mich wie eine leere Puppe. Ich konnte nicht ahnen, wie sie eigentlich fühlte, ich konnte mir ihren Alltag nicht vorstellen, ich hatte keine Ahnung, was sie dachte und wollte in ihrem Leben.
Ich hielt die Luft an und wagte mich nicht auf den Wegen meines Dichtergarten blicken zu lassen. Die Geschichte der 18jährigen in Frankfurt, die mir nicht einfallen wollte, benutzte ich mein ganzes Leben wie einen Testfall. Konnte ich es? Würde ich es einmal können?
Dann kam die Studienzeit. Für mich war das die Zeit, mit der mein Leben wirklich anfangen sollte.
Jetzt begann ich endlich auch ernsthaft zu schreiben.
Ich hatte Zeit, konnte sie mir nehmen, konnte auch mitten in der Nacht aufstehen und loslegen. Es hätte niemanden gestört. Es war niemand da. Ich hatte die geballte Kraft des Menschen, der 18 Jahre lang auf diesen Tag und diese Zeit gewartet hatte.
Endlich war ich ein freier Mensch, konnte über meine Zeit bestimmen, konnte bis nach Mitternacht lesen, konnte im Regen spazierengehen und die Menschen in der Stadt beobachten, konnte schlafen, solange ich wollte, konnte lieben, wen ich wollte, konnte sagen, was ich wollte.
Neben den langen Stunden, in denen ich mich mit Statistik beschäftigte und mit Wahrnehmungstheorie, fand ich reichlich Zeit. Ich schrieb kleine Szenen, Gedichte, eine Erzählung.
Mein neues, interessantes Leben gab mir Stoff in Hülle und Fülle. Ich beschrieb und bejubelte gleichermaßen die ersten Blätter am Baum vor meinem Fenster wie die warmen Nächte in den Parkanlagen meiner Stadt. Tatsächlich konnte ich in dieser Zeit auch die Welt um mich sehen und andere Menschen wahrnehmen. Ich machte erste Skizzen meiner Beobachtungen und fühlte mich wohl dabei und befreit. Vielleicht würde ich doch bald die Geschichte dieses Mädchens schreiben können.
Ich ging täglich quer durch einen Promenadenring über eine Treppe in die Innenstadt. Dort standen riesige Büsche, an denen dicht an dicht weiße Rosen leuchteten. Jedesmal, wenn ich vorbei kam, brach ich mir eine Blüte ab und steckte sie mir ins Haar. Und die Rosen lächelten mir zu und sagten: „Nun lebe, aber vergiss uns nicht“.
Ich hatte in dieser Zeit immer wieder Schlafträume. Viele davon habe ich aufgeschrieben. Aber meinen besten Traum schrieb ich nicht auf. Ich glaube, er war mir ein wenig peinlich.
Er hieß „Das Frühstücksei“. Es passierte die ganze Zeit über nichts, als dass ein Mann ausgiebig frühstückte. Es saß im Morgenlicht, das ins Zimmer schien, an einem kleinen runden Tisch und zelebrierte langsam und bestens gelaunt sein Frühstück. Allein die Beschreibung des aufregenden Aktes, wie er sein Ei verspeiste, hätte viele Seiten gefüllt, wenn ich es so aufgeschrieben hätte, wie ich es geträumt hatte. Man bekam den Eindruck, dass es nichts auf der Welt geben könnte, das so wichtig und das so himmlisch sei wie ein genussvolles, leckeres Frühstück an einem wundervollen, sorgenfreien Morgen. Und das besondere an diesem Traum war, es handelte sich offenbar um ein Theaterstück, einen Einakter. Der Mann saß ganz alleine auf einer Bühne. Als der Vorhang noch geschlossen war, wurde durch eine Lautsprecherstimme das Stück angesagt, samt Autor. Es war mein eigener Name. Obwohl ich angerührt war davon, mich im Traum als Autorin genannt zu hören, war ich reichlich befremdet über die Themenwahl.
In diesen Tagen entstand aber auch wirklich ein Theaterstück, ein Stück in drei Akten. Es zeigt Menschen, die alle in dem gleichen Mietshaus leben. Man lernt sozusagen sämtliche Mietparteien nacheinander kennen. Für die Szenen des ersten Aktes schaut der Zuschauer nacheinander in alle Wohnungen wie in einen Adventskalender. Dort aber herrscht keine Idylle. Der Alltag, die Konflikt reichen oder auch enttäuschten Beziehungen, die Einsamkeit, die diese Menschen ertragen müssen, werden im zweiten Akt mit einem überraschenden, dramatischen Erlebnis konfrontiert: Ein alter Mann stürzt wegen eines Stromausfalls in der Dunkelheit die Treppe im Hausflur herunter. In den Minuten, in denen die ganze Hausgemeinschaft auf den Krankenwagen wartet, beginnen die Menschen Kontakt miteinander aufzunehmen. Alles gerät in Bewegung. Aber kaum ist das Licht wieder an und der alte Mann im Krankenhaus, ziehen sich alle erneut in ihre Wohnungen zurück und setzen ihren Streit, ihre Monologe, ihre Gedanken fort. Nur zwei junge Leute sind sich wirklich begegnet und gehen eine neue, hoffnungsvolle Beziehung ein.
Ich schrieb viele Abende daran und dann war es fertig. Soweit war es noch nie gekommen mit meinen Schreibprojekten. Nun sollte es so weitergehen.
Als das Stück fertig war, habe ich es meiner Freundin vorgelesen, die zwar sagte, es sei schön und hätte sie angesprochen. Aber mehr war nicht aus ihr herauszuholen. Dann las ich es meinem damaligen Freund vor. Wir verbrachten zu dieser Zeit unsere Tage in einer Clique von Cineasten und Publizistikstudenten. Täglich wurden irgendwelche neuen Filmideen diskutiert. Von meinen literarischen Ambitionen wusste keiner. Ich konnte mich nicht offenbaren. Mein Theaterstück hatte in deren Augen, so vermutete ich, sicher etwas Biederes, etwas zu Normales. Deshalb hatte ich Hemmungen, es in unserer Gruppe selbst anzupreisen.
Als ich mein Drama meinem Freund vorlas, hoffte ich, er würde das übernehmen und unserer Clique davon erzählen. Vielleicht würde dann ja jemand auf die Idee kommen, das Stück aufführen zu wollen. Es war natürlich nicht so spektakulär wie der jüngst ausgedachte und begeistert gefeierte „Schokoladenfilm“, in dem es im Wesentlichen nur darum gehen sollte, mit Waggonladungen voll flüssiger Schokolade ein unendliches Chaos unter den Menschen anzurichten. Aber ich hoffte doch.
Ich las ihm das Theaterstück an einem Nachmittag vor. Mein Freund hörte mir gespannt und geduldig zu. Dann sagte er, es hätte ihn sehr beeindruckt und mit der männlichen Hautperson könne er sich gut identifizieren. Aber mehr sagte er nicht. Er war tatsächlich begeistert, aber ich hatte den Eindruck, dass er mehr von mir als von meinem Stück begeistert war. Wir liebten uns danach und im Moment war ich auch völlig zufrieden. Doch dann wartete ich wochenlang vergeblich, dass er den anderen etwas sagen würde. Es passierte nichts. Ich blieb wieder einmal unentdeckt, mein Stück blieb ungetippt. Ich vergaß es in den folgenden Jahren sogar ganz. Ich gab einfach auf.
Ich schrieb nach dem Drama noch an mehreren Prosatexten. Ich versuchte mich an einem Roman, in dem ich zwar die Hauptperson war, wo aber weitere Figuren gestaltet werden mussten.
Mein Freund wusste von meinen Schreibambitionen und fand sie auch ganz in Ordnung. Er fand es sogar gut, wenn ich schrieb. Aber er meinte, ansonsten sei es meine Sache. Ich fühlte mich nicht genug gefördert, vielleicht auch nicht genug bewundert. Obwohl ich in der Tiefe meiner Seele gar nicht anders konnte, als mich als Dichterin zu empfinden, war diese Realität von außen nicht zu sehen und die wenigsten Menschen, mit denen ich zusammen war, wussten davon. Ich sehnte mich danach, dass die anderen Menschen es wussten und litt darunter, dass ich es nicht mitteilen konnte. Ich lebte mit ihnen und war in Wirklichkeit eine andere. Und dennoch lebte ich auch in ihrer Welt, als sei nichts wahr von meinem Zaubergarten.
Meine Rosen hatten mir empfohlen zu leben.
Ich begegnete der Liebe und der Politik. Andere Themen und andere Probleme bestimmten mein Leben. Wir schrieben immerhin das Jahr 1968.
Leben hieß vor allem, die vorgefundene Welt zu verändern. Ich fand Freunde und Genossen, die meine Absichten teilten. Wir standen bei Teach-Ins in Hörsälen, wo der Studentenstrom bis auf die Straße hinaus reichte. Wir besetzten das Wiesengrundstück im Vorgarten des Bischofs, um es der nach Grün dürstenden werktätigen Bevölkerung und den Studenten zuzuführen. Wir lasen und diskutierten, stritten und verteilten Flugblätter.
Obwohl meine Rosen mir ans Herz gelegt hatten, sie über meinem Leben nicht zu vergessen, stellte ich doch im Laufe der Zeit all meine Projekte ein oder legte sie auf Eis. Ich fing an, mich zu schämen, dass ich Literatur schrieb, die einfach nur vom Leben der Menschen, von ihrer Liebe, von ihrer Traurigkeit und Freude handelte, oder von Hoffnung und Wut. Aber nicht vom Klassenkampf. Meine Weltanschauung verlangte, dass sich die Dichtung und auch die Poesie in den Dienst der Politik zu stellen habe. Auch ich fand das absolut richtig.
Wieder blieben auf diese Weise mehrere Romanprojekte auf der Strecke. Damit ich nicht ganz den Boden unter den Füßen verlor, arbeitete ich im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ mit. Einmal in der Woche fuhr ich von Münster nach Dortmund und diskutierte dort den ganzen Nachmittag miteinander über unsere Texte.
Als der Leiter des Kreises, nachdem mein langes Gedicht über die Armut und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft verklungen war, vorsichtig meinte, das sei ein gutes Flugblatt aber kein Gedicht, spürte ich, wie der Boden unter meinen Füßen wegrutschte. Ich packte empört und getroffen meine Sachen zusammen und kam nicht wieder.
Ich versuchte, mir meine Dichteridentität aus dem Kopf zu schlagen und vermied lange Zeit den Zaubergarten.
Es gelang nicht ganz. Tief hinten in der Schreibtischschublade, dämmerten meine angefangenen Werke und holten mich an einsamen Abenden ein.
Mein Traum verließ mich also nicht. Aber immer wieder gab ich ihn auf. So viel war immer wieder da, was mich hinderte!
Sicher, keiner schrie: „Hurra, da kommt eine Dichterin!“ Aber niemand hinderte mich wirklich am Schreiben. Ich habe mich selbst gehindert.
So schrieb ich z.B. noch in meinen ersten Studienjahren eine Erzählung, die ich, wie so viele, irgendwann einfach unfertig liegen ließ. Sie erzählt von einer jungen Studentin, die in eine Beziehung zu einem im Vergleich zu ihr schon älteren Mann hineingerät. Eigentlich ist sie auf dem Weg zu einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg, als sie auf der Straße diesem Mann begegnet und sich von ihm zu einem Kaffee einladen lässt. Irgendwie fasziniert er sie. Sie geht auf sein Werben ein. Sie ist geschmeichelt, es gefällt ihr, begehrt zu werden und sie fühlt sich von ihm heftig angezogen. Aber sie merkt nach einiger Zeit, dass sie eigentlich ganz und gar andere Vorstellungen und Träume vom Leben und von der Liebe hat, als das, was er ihr bieten möchte. Sie sehnt sich nicht nach Sicherheit und einem ruhigen Leben in klaren Bahnen. Sie strebt nicht nach einem „normalen“ Leben. Es gelingt ihr schließlich, sich vor einer Ehe mit Haus, Garten und Kindern zu retten und sie feiert ihre wieder gewonnene Freiheit.
Auch diese Geschichte ist nicht fertig geworden. Ich habe sie abgebrochen, wie so viele.
Warum bloß stolpert eine, die sich als Dichterin fühlt und ihr ganzes Leben darauf abgestimmt hat und sich nichts sehnlichster wünscht, als endlich zu schreiben, warum stolpert die über jeden Stein? Warum lässt sie sich bremsen von dummen Genossen, die meinen, Dichtung und Politik seien das gleiche und Poesie sei ein bürgerliches Relikt? Sie hat es doch gewusst, dass das nicht so ist. Warum lässt sie sich von jedem schiefen Blick ihrer Mitmenschen, von der vorsichtigsten Kritik, vor allem aber vom Desinteresse und von der Gleichgültigkeit ihren Texten und Dichterträumen gegenüber so aus der Bahn werfen? Warum schafft sie sich immer wieder Zeitnöte, die sie zwingen das Schreiben aufzugeben? Fängt immer wieder an und gibt immer wieder auf.
Was in mir hat mich so viele Jahre dazu getrieben, mir meine Träume selbst zu verunmöglichen?
Ich glaube heute, ich hatte Angst, Angst vor meinem Traum. Während ich auf der einen Seite glaubte, im Zaubergarten der Dichter und der Poesie Dauergast sein zu dürfen, hatte ich auf der anderen Seite gleichzeitig eine Heidenangst davor, als arme Poetin in einem Niemandsland unterzugehen. Wenn ich dieses Leben wirklich ernst nehmen würde, mit allen Konsequenzen, so fürchtete ich, würde ich verlieren. Es grauste mir vor einem Leben, das nicht verlässlich abgesichert war. Ich hätte es nicht ausgehalten, nicht zu wissen, wovon ich nächsten Monat leben sollte. Ich hatte Angst, arm zu werden, zu verkommen, nicht wie andere an einem gewissen Wohlstand teilhaben zu können. Ich war nicht bereit, mich auf irgendein Risiko einzulassen, hatte nie die Lockerheit und Leichtigkeit, einfach zu sagen, das wird schon werden. Von einem künstlerischen Boheme hatte ich keine Spur in mir. Immer achtete ich auf eine sichere, erprobte, überschaubare Lebenssituation.
Und wo immer ich konnte, habe ich im Verlauf meines Lebens alles getan, was es mir unmöglich machte, wirklich das Schreiben an die erste Stelle meiner Lebenspriorität zu setzen.
Vielleicht habe ich die Erzählung von der Studentin und ihrer ersten Männerbeziehung, die sie aufgibt, um ihre Ungebundenheit zu behalten und frei zu sein von all den bürgerlichen Werten und Zwängen wie Ehe, Karriere und Kinderkriegen, vielleicht habe ich sie nicht vollendet, weil ich mich in meinem Inneren in Wirklichkeit doch nach all dem sehnte, was dieses mein Geschöpf da eben von sich gestoßen hatte.
Tatsächlich zog mich immer wieder die Normalität an, das, was üblich war, als könnte sie mir Schutz bieten vor einem furchtbaren, bedrohlichen Schicksal.
Leider hatte ich genug Fähigkeiten, die mir ein bürgerliches, unspektakuläres Leben jenseits aller Bohème und jenseits kalter Schreibstuben ohne Weiteres ermöglichten. Schon als junge Frau zog ich es vor, statt die Studienzeit heimlich mit Dichten zu „verprassen“, mit viel Ehrgeiz ein Studium so zu betreiben, das mich später würde ernähren können. Und nicht genug, nach dem Examen setzte ich eine Promotion oben drauf, die mich zwang, die Welt mit wissenschaftlichen Augen zu sehen und zu interpretieren und meine Sprache zur Produktion von sachlichen und abstrakten Sätzen zu benutzen.
Wieder wurde nichts, fast nichts, aus dem Schreiben. Nur ein paar verstreute Versuche und viele Träume und ein paar Spaziergänge im Dichtergarten gab es in diesen Jahren. Ich verschob inzwischen meinen Schreibwunsch auf die Zeit, wenn ich richtig im Beruf arbeiten würde. Dann, so dachte ich, würde ich am Leben der Menschen teilhaben und wieder beobachten und erleben können. Und dann würde ich auch endlich schreiben können.
Aber als ich im Beruf angefangen hatte, musste ich zusehen, wie meine Schreibambitionen auch jetzt immer wieder untergingen, weil mein Berufsleben mir so viel abverlangte, dass weder Kraft noch Zeit übrig blieben.
Nach einigen Jahren bekam ich andere eine Stelle, bei der man durchaus von einer bescheidenen Karriere hätte sprechen können. Das Verrückte war: Wenn ich nur gewollt hätte, diese Arbeit hätte mir viel Zeit zum Schreiben gelassen. Aber anstatt das zu nutzen, fing ich an, nebenbei noch mal zu studieren und gleichzeitig mein Aufgabengebiet auszuweiten, mir neue Arbeitsfelder und Probleme heranzuziehen und mich soweit zu treiben, dass ich auch noch in Stress geriet.
Doch auch das war mir nicht genug. Mein Drang, am normalen Leben der anderen teilzuhaben, machte auch vor dem Kinderkriegen nicht hat. Ich wollte eine richtige Familie. Ich suchte mir einen Vater und bekam drei Kinder.
Während meiner ersten Schwangerschaft meldete ich mich noch für ein Fernstudium für zukünftige Autoren an. Aber von Anfang an gefiel mir die Ausrichtung nicht. Ich sollte Zeitungskommentare schreiben statt Gedichte und Erzählungen. Das war nicht mein Ziel. Als meine Tochter dann da war und ich mich so eingespannt fühlte, dass ich kaum noch wußte, wann ich mir die Zähne hätte putzen sollen, ließ ich mein Studium einschlafen. Ich war ohnehin mehr als ausgefüllt.
In dieser Zeit schrieb ich allerdings wieder einmal intensiv Tagebuch. Als ich nach ein paar Jahren Mutterdasein mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag, sichtete ich meine Texte. Ich plante einen Tagebuchroman über Schwangerschaft und Kinder, über die Freude auf die Kinder und die Angst vor ihnen, über die Last, Kinder zu haben und über die bescheidene und tiefe Erfüllung, die sie einem bereiten. Aber die meiste Zeit meines dreiwöchigen Krankenhausaufenthaltes nutzte ich zur Herstellung eines Bilderbuches für meine beiden ersten Kinder. Ich malte liebevoll eine Vorfrühlingslandschaft, in der sich dann Seite für Seite, Schritt für Schritt das Drama entfaltete: Der Osterhase versucht, seinen Freund Bär zu wecken, der immer noch in seiner Höhle schläft, obwohl die Bäume bereits die ersten Blätter bekommen.
Dieses Bilderbuch hat uns die ganze Kindheitsphase begleitet und wurde sehr geliebt. Mein Roman blieb liegen.
Ganz vergessen konnte ich meine Schreibsehnsüchte auch in dieser Zeit nie. Ich hielt immer wieder Ausschau nach Menschen, die mir irgendwie helfen könnten, die mich ermutigen könnten, die mich unterstützen könnten. Keiner hatte je etwas gegen mein Schreiben. Aber keiner glaubte wirklich an mich und gab sich die Mühe, mir zu helfen. Und keiner, vor dem ich mich voller Ängstlichkeit im Herzen wagte, zu outen, begriff, warum ich in dieser Falle steckte und nicht einfach tat, was ich so gerne wollte: schreiben.
Aber hätte mir denn geholfen werden können, mir, die ich selbst ja nicht an mich zu glauben schien? Hätte die Bewunderung anderer die Kraft ersetzen können, die ich gebraucht hätte, um mich wirklich entscheiden zu können für meine Bestimmung, für mich, für mein Leben, wie ich es leben wollte?
„Wenn du wirklich schreiben willst, kann dich nichts und niemand daran hindern. Aber wenn du dir ein Leben ohne Schreiben auch nur vorstellen kannst, dann fang gar nicht erst an.“
Solche Sätze haben mich mein ganzes Leben lang verfolgt. Sie standen immer wie flammende Schwerter an meinen Wegen. Was sollte ich tun? Ein Leben ohne Schreiben konnte ich mir nicht vorstellen. In Wirklichkeit aber lebte ich es. Es war, als brauchte ich ein Alibi, eine gute Entschuldigung, eine gute Erklärung dafür, dass ich mich zwar als Dichterin begriff, aber nichts schrieb. In der letzten Zeit hatte ich mich nicht einmal mehr in jenen Zaubergarten gewagt.
Ich empfand es als Vergnügen und insgeheim sogar als ganz persönlichen ästhetischen Genuss jenseits meiner Kinder – etwas, was es in dieser Phase meines Lebens sonst kaum noch gab – , Bilderbücher anzuschauen, vorzulesen, in ihre Farben, ihre Geschichten, ihre Sprache einzutauchen. Ich selbst las für mich allein in dieser Zeit höchstens Kriminalromane, um mich für kurze Zeit zu entspannen und wegzuträumen. Sie erlaubten mir selten den Zutritt in mein altes Dichterparadies. Aber mit manchem Bilderbuch und mancher Geschichte, die ich meinen Kindern vorstellte, gelangte ich immerhin in einen anderen Garten, den Garten der Bilderbücher und Märchen, der mich ein wenig an meinen Zaubergarten erinnerte.
Der neu entdeckte und von mir so oft mit meinen Kindern zusammen besuchte Bilderbuchgarten grenzte aber, wie ich eines Tages zu meiner großen Freude feststellte, unmittelbar an meinen Dichtergarten. Ich schaute sehnsüchtig durch die Zaunlatten. Da sah ich sie. „Frau Lagerlöff“, rief ich. Sie kam an den Zaun.
„Kennen wir uns nicht?“, fragte sie lächelnd. Da musste ich plötzlich weinen.
„Seien Sie nicht traurig“, sagte sie, als ich gehen mußte, weil mein Sohn auf dem Kiesweg im Bilderbuchgarten ausgerutscht war und irgendwo jämmerlich nach mir schrie. „Es schadet nicht, eine Zeitlang mit den Augen der Kinder die Poesie zu betrachten. Sie werden sich daran erinnern, wenn Sie eines Tages wirklich die Zeit finden, zu schreiben.“
„Werde ich das denn?“ Ich spürte in mir eine tiefe, fast vergessene Sehnsucht, einen bohrenden Schmerz und mußte schlucken.
„Die Zeit wird kommen, glauben Sie mir. Vorerst lade ich Sie als Gast ein, kommen Sie doch einfach wieder zu uns!“
„Aber ich schreibe doch überhaupt nichts mehr. Ich lese ja fast nichts mehr. Herr Mann wird mich rauswerfen, meinen Sie nicht? Ich lese ja nur noch Bilderbücher. Und manchmal auch Geschichten, die Kinder verstehen können. Ihres habe ich den Kindern letzten Urlaub vorgelesen. Wir waren in Schweden, deshalb.“
Selma lächelte.
„Ach, kommen Sie einfach! Thomas wird sich schon wieder einkriegen.“
Ab da machte ich also wieder kurze Besuche im Zaubergarten. Manchmal stahl ich mir ein Stündchen, brach für kurze Zeit aus meinem Beruf-Mutter-Geschäft aus, saß da und schaute alte Texte durch, berauschte mich an dem Gefühl, dass da noch immer etwas auf mich wartete. Aber ich litt an meinem Doppelleben.
Die Zeit verging und noch lange änderte sich nichts daran.
Aber ich gab nicht wirklich auf und nicht für lange Zeit. Sobald ich auch nur für zwei, drei Tage alleine war und Zeit hatte, zu mir zu kommen, saß meine Schreibsehnsucht da und verlangte ihr Recht. Sie stellte sich so schnell und unspektakulär bei mir ein, dass man hätte denken können, sie habe nur hinter der Tür gewartet. Sie saß direkt unter der Oberfläche meines Alltagslebens und tauchte sofort auf, wenn dieses reale Leben mal eine kleine Pause machte. Meine Sehnsucht entschuldigte sich dafür nicht, sie war ganz offenbar ohnehin der Meinung, die zu sein, die mein Leben eigentlich in Besitz hatte. Alles andere schien ihr vorgeschoben, aufgesetzt, vorgetäuscht. Und ich gab ihr ohne weiteres Recht.
Und so fand ich mich dann auf irgendeiner Dienstreise, in einem ungemütlichen Hotel, auf einer Parkbank und glaubte, ich müsste in diesen wenigen Stunden, die mir hier blieben, alle Romane aufschreiben, die ich in meinem Kopf zu haben glaubte.
So saß ich in Bad Nauheim in einem Tagungssaal und hörte die Fachleute über irgendetwas sprechen, nein, es war nicht uninteressant, durchaus nicht. Aber ich war ja eigentlich nur hier, weil ich endlich mal ein paar Tage für mich sein wollte. Ich sah aus dem Fenster, draußen war Hochsommer. Zwischen den Gebäudekomplexen stand der Rasen ungemäht. Der Wind legte die Halme mal in die eine Richtung, mal auf die andere Seite. Und mitten durch dieses Wiesenstück hindurch führte eine Spur. Ein Mensch hatte den Weg abgekürzt und war über das Gras gelaufen. Er hatte eine gerade, deutlich erkennbare Spur hinterlassen. Plötzlich dachte ich: „Und du hinterlässt keine Spur“. Ich erschrak. In der Pause verließ ich den Hörsaal und ging auf mein Zimmer. Ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus in den Abend, der hell war und durchsichtig. In der Ferne standen Häuser, ganz hinten am Horizont sah ich Wald. Der Himmel hatte die Veilchenbläue, die im Sommer manchmal am Abendhimmel strahlt. Ich spürte, wie etwas mit mir geschah, wie ich meine Poren öffnete, wie ich aufblickte in die Welt um mich, wie ich heimgesucht wurde von Geschichten und Gesichtern. Ich nahm mir einen Bogen weißes Papier. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich hatte nur noch diesen Abend und den ganzen morgigen Tag. Übermorgen musste ich zurück.
Was sollte ich tun?
Ich schrieb auf dass Blatt „Ich werde keine Spur hinterlassen?“
Dann fiel mir nichts mehr ein. Irgendwann ging ich ins Bett und schlief traumlos zehn Stunden.
Am nächsten Tag verfasste ich die Legende von Lilofee, die so gerne sang. Aber seit sie am Grunde des Sees wohnte, zusammen mit ihren kleinen Kindern und ihrem Mann, dem Wassermann, konnte sie nicht mehr singen, kaum Luft holen. Nur manchmal, an warmen Sommerabenden tauchte sie heimlich auf und setzte sich ans Ufer des Sees. Sie schwieg. Aber in ihrem Herzen sang es.
Dann, am dritten Tag fuhr ich zurück. Meine Sehnsucht kuschte sich sofort wieder hinter die Tür wie ein braver Hund. Ich tippte den Text ab und ließ ihn dann liegen, bis ich fast ein Jahr später in einer anderen fremden Stadt wieder einmal alleine in einem Café saß.
Als auch mein drittes Kind aus dem „Gröbsten heraus war“, fing ich an, mir die Mittwochnachmittage fürs Schreiben zu stehlen. Ich machte um 14 Uhr Feierabend und ging statt nach Hause in ein kleines Café, das an meinem Heimweg lag. Und da saß ich, trank einen Kakao nach dem anderen und schrieb. Ich schrieb Schulhefte voll ohne aufzusehen, ohne abzusetzen.
Zuerst schrieb ich die Geschichte der Lilofee zu Ende.
Lilofee war also zurückgegangen zu Mann und Kindern in den See, als der Wassermann sie geholt hatte. Die Kindlein hatten nach ihr geweint. Da gab es für sie keine Chance. In meiner nächsten Märchengeschichte aber würde das Mädchen aufbegehren gegen das Unrecht, das ihr angetan wurde. Und damit würde sie sich und ihre Kinder retten.
Die zweite Erzählung, die vom Marienkind, ist angelehnt an ein Märchen aus meiner Kindheit, eine Geschichte, die mich schon damals aufgewühlt hat. Das Marienkind wird von seinen Eltern an die Mutter Gottes verkauft und öffnet im Himmel gegen das ausdrückliche Verbot ihrer Pflegemutter die letzte von dreizehn Türen. Das Mädchen wird zur Rede gestellt, aber es schweigt hartnäckig. Dann flieht es aus dem Reich der Gottesmutter und lebt in einem hohlen Baum im Wald. Ihre Freiheit ist ihr unendlich viel mehr wert als all die Pracht im Schloss dieser Frau. Als Strafe dafür, dass sie sich nicht schuldig bekannt hat, ist sie stumm geworden. Sie wird von den Jägern des dort herrschenden Königs im Wald gefunden, vergewaltigt und schließlich zum König gebracht, der sie aufnimmt. Mit ihm begegnet ihr die Liebe. Und trotz ihrer Stummheit und obwohl ihr die Kinder, die sie gebiert, in der Geburtsnacht von der Gottesmutter weggenommen werden und keiner sich erklären kann, was da passiert ist, bleibt die Liebe des Mannes zu ihr unerschüttert. Schließlich aber, als die Gottesmutter auch beim dritten Kind erscheint und sie erneut auffordert, ihre damalige Schuld zu bekennen, bäumt sich die junge Frau auf. Sie ist nicht bereit, länger die Quälereien dieser Frau zu ertragen. Sie besinnt sich auf ihr eigenes Lebensrecht und kämpft. Sie befreit sich innerlich von der Loyalität gegenüber der Gottesmutter und bleibt Siegerin. Die falsche Mutter verschwindet und sie behält das Kind.
Die dritte der Erzählungen, die ich wie besessen an jenen Mittwochnachmittagen in dem kleinen Café schrieb, handelte von einem Mann, der sein Leben lang auf der Suche war nach seinem verlorenen Königreich. Er nahm sein Leben, seine Beziehungen, seinen Beruf nicht wirklich ernst, weil er immer glaubte, dass er sein Königreich und damit seine wirkliche Bestimmung noch finden würde. Bis er eines Tages begreifen muss, dass er längst in seinem Königreich angekommen ist. Nun hat er die Chance, etwas daraus zu machen. Es fällt ihm schwer, denn er hatte es sich anders, schöner, reicher vorgestellt. Und er hatte sich eingerichtet in einem Leben, in dem er immer der Suchende bleibt und nie ankommt.
Nun hatte ich also einen ersten Schritt geschafft, hatte etwas geschrieben. Die Erzählungen waren wirklich fertig geworden. Zumindest hielt ich sie für fertig.
Die wenigen Menschen, denen ich sie zeigte, nickten freundlich und fanden sie spannend oder einfach schön. Aber dann gingen sie zur Tagesordnung über.
Was hatte ich erwartet? Schließlich handelten alle Geschichten immer wieder nur von einem, nämlich meinem unglücklichen Möchtegerndichterdasein. Und das Wunderbare freilich war: In meinen Geschichten konnte ich mich befreien.
Aber wen interessierte das schon wirklich außer mir selbst?
Ich dachte, dass es mir vielleicht nur darum gegangen war, den anderen meine Situation klar zu machen.
Und wenn einmal einer nicht nur begeistert war, sondern etwas Kritisches sagte, traf mich das ins Herz und verletzte mich, als hätte ich selbst einen Stich abbekommen.
Das Mädchen vom Main vor nun schon 35 Jahren fiel mir ein. Würde ich jetzt ihre Geschichte aufschreiben können? Ich spürte, es wäre noch immer unmöglich. Die drei Geschichten waren alle Geschichten über mich. Und wenn ich sie anderen zu lesen gab, so war es, als würde ich nicht meine Texte, sondern mich selbst zur Schau stellen. Es machte mich mutlos, sobald jemand auch nur eine Andeutung von Kritik äußerte. Es musste gar nicht einmal eine vernichtende Kritik sein. Es reichte, wenn jemand sagte: „Doch, du hast einen eigenen Stil, das muss man sagen. Aber ich habe die Funktion dieser Frau und ihrer Probleme nicht verstanden. Was sollen die da? Die haben doch mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun?“. Solche Äußerungen reichten aus, dass ich ganze Romane in der Versenkung verschwinden ließ.
Ich gab auch meinem Mann eine Erzählung mit der Bitte, sie zu lesen und mir eine ehrliche Rückmeldung zu geben. Ich war dabei aufgeregt wie ein Schulkind, das sein Zeugnis bekommt. Ich ließ ihm tagelang Zeit. Als er am vierten Tag immer noch nichts sagte, wurde ich nervös. Später ängstlich. Die Angst vor dem, was kommen würde, fing an, meine ganze Person zu erfassen. Und die Tatsache, dass nichts kam, legte meine ganze Person lahm. Ich fantasierte, er fände den Text so schrecklich, dass er es nicht übers Herz brächte, mir das zu sagen. Ich wartete weiter, wurde depressiv darüber und verzweifelt. Schließlich schrieb ich ihm, und fragte ihn, warum er denn nichts sage zu meiner Erzählung. Ich war nicht mehr im Stande, ihn einfach so zu fragen. Dann stellte sich heraus, dass er meinen Wunsch einfach vergessen hatte. Das war natürlich auch nicht sehr schmeichelhaft. Das Desinteresse an mir als Schreiberin löschte mich fast aus. Die Kritik, die schließlich kam, war durchaus nicht etwa vernichtend. Aber ich war vom Warten auf diese Rückmeldung geradezu zerfressen und völlig kraftlos geworden. Lange hatte ich danach nicht den Mut, mit dieser Erzählung zu irgendjemand anderem zu gehen.
Niemand schien zu wollen, dass ich schrieb. Niemanden interessierte es. Für niemanden war es wichtig, nur für mich. Und außerdem, so wurde mir langsam klar, schien man die Konfrontation mit meiner bitteren Enttäuschung im Falle einer vernichtenden Kritik um jeden Preis vermeiden zu wollen.
So viele Jahre, Jahrzehnte lang betrachtete ich Kritik beinahe als ein Todessurteil. Ich war mein Werk und wer es antastete, vernichtete mich mit. Die Leser meiner Texte konnten über meine Existenz und mein Glück entscheiden. Ich war ihnen ausgeliefert, ihrem Interesse, ihrem Wohlwollen. „Du kannst aber auch überhaupt keine Kritik vertragen“, schlug es mir öfter entgegen. Sie hatten Recht.
Ein anderes Mal sagte mein Mann zu mir, er habe sich in meinem Roman wieder erkannt, aber es hätte ihm gar nicht gefallen, wie ich ihn und unsere Beziehung dargestellt hätte. Durfte ich also nur noch Liebesszenen schreiben, bei denen ich es allen Recht machte? Musste ich etwa die wirklichen Probleme und Gefühle, die ich empfand, verschweigen? Meine Dichtung verriet mich, verriet meine geheimen Wünsche und Gedanken, fing an, mein Leben zu zerstören, weil die anderen glaubten, was ich da geschrieben hätte, sei in Wirklichkeit so. Was es auch war.
Die Bettszene in dem erwähnten Roman, den ich kurz darauf auf Eis legte, wo er noch heute liegt, zeigte ein verheiratetes Paar. Sie glaubt, ihn noch immer zu lieben, aber sie hat keine Lust mehr, mit ihm zu schlafen. Sie weiß keinen guten Grund, sich zu verweigern und sieht zu, dass sie das Ganze möglichst schnell hinter sich bringt. Und er spürt es und ist tief enttäuscht und verletzt. Mein Mann erkannte uns beide wieder und er hatte nicht ganz Unrecht damit.
Durch die Reaktion meines Ehemannes fühlte ich mich eingeengt. Aber ich bekam einen Schreck und kuschte. Und ich fragte mich nicht, ob es richtig sein könne, solche Provokationen zu vermeiden und den Kopf als Dichterin genauso wie als Ehefrau in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Von diesem Tag an waren alle Themen tabu, bei denen ich irgendwelche lebenden Menschen in meiner Umgebung hätte treffen können.
Ich setzte meine Ehe und mein Familienleben fort, obwohl ich genau wußte, dass ich keine Liebe mehr bekam und keine geben konnte. Ich verharrte wie in einer Falle.
Es war, als würde ich nicht schaffen, was mein Marienkind geschafft hatte. Ich blieb gefangen in einer unglücklichen, toten Ehe und genauso gefangen als Dichterin: Denn nun hatte ich ja wirklich etwas geschrieben. Aber es handelte nur von mir. Immer nur von mir.
Ich ließ meine Erzählungen enttäuscht und zweifelnd liegen. Ich wußte nicht weiter.
Schließlich kam der Tag, wo ich mit meinem Mann und meinen Kindern in die neuen Bundesländer zog. Wieder hatte meine Karriereglocke geläutet. Aber es bewegten uns beide noch andere Gründe: In der alten Heimat erschien uns alles schal und unbeweglich. Dass es unsere eigene Beziehung war, die längst leer und festgefahren war, wußten wir eigentlich beide, aber wir glaubten, uns durch eine Veränderung unseres Lebens retten zu können. Wir dachten, hier im Osten würden wir gebraucht, würde unser Leben noch einmal durchgeschüttelt, würden wir noch einmal wachgerüttelt.
Und ich dachte: ‚Da kannst du schreiben. Du wirst die Dokumentatorin einer Epoche, eines gesellschaftlichen Wandels, wie es keiner so schnell wieder erleben wird. Und du wirst denen drüben helfen können, nicht gefressen zu werden vom dicken Bruder im Westen, denn du kennst dich mit ihm aus.’ So dachte ich.
Ich schrieb vom ersten Tag an Tagebuch, schrieb all meine Erlebnisse nieder über meinem Wechsel von West nach Ost. „Westöstliche Wohnlandschaft“, so sollte der Titel heißen, unter dem ich meine aufregenden Beobachtungen und Gedanken veröffentlichen wollte.
Mit meinem Heimweh nach dem Land der fetten Wölfe hatte ich nicht gerechnet. Ich träumte von den gepflegten Fassaden und überfließenden Kaufhäusern zu Hause. Ich vermisste meine Parks und meine Freunde. Ich saß einsam zwischen Menschen und gehörte nicht dazu.
Ich werde niemals jene Weihnachtsfeier vergessen, zu der Studenten mich eingeladen hatten und wo mit jedem Glas Rotwein die Gruppe fröhlicher und gleichzeitig mir unverständlicher wurde. Als alle ein Lied vorsingen sollten, sang ich den ‚König von Thule’. In der dritten Strophe ging mir der Text aus. Aber keiner der Studenten konnte mir weiterhelfen. In der ehemaligen Republik der Bücherfreunde, in dem Teil des Landes der Dichter und Denker, in dem, wie es immer hieß, noch gelesen worden war, kannte niemand dieses Lied.
Ich war in einem Land angekommen, das mir jahrelang fremder erschien, als es Australien hätte sein können. Die Menschen hier empfanden mich als Besatzer und Eindringling. Meine Leute zu Hause aber interessierte der Osten nicht.
Irgendwann wurde mir klar, dass meine Aufzeichnungen den Menschen hier unverständlich bleiben würden. Also war ich mal wieder mit Themen befasst, die außer mir nur eine Hand voll Menschen interessieren würden. Ich gab auf und kümmerte mich nur noch um mein eigenes Leben.
Ich war eine Dichterin, die keiner zu brauchen schien. Ich gab meine Pläne von den west-östlichen Wohnlandschaften auf.
Ich lebte mein Berufs- und Familienleben und träumte lieber wieder nur vom Scheiben. Der Umzug in das fremde Land hatte nichts geändert, nichts am Zerbrechen meiner Ehe, nichts an meiner Unfähigkeit, mich als Dichterin zu erweisen.
Ich führte weiter ein Doppelleben wie schon mein ganzes Leben lang.
Aber in diesen Jahren begann ich, wieder Gedichte zu schreiben, traurige, bissige, melancholische. Sie stapelten tief in mir drin die Kraft für den Befreiungsschritt. So wie das Marienkind alle Kraft gesammelt hatte, und dann eines Tages loslief, ohne sich umzudrehen.
Einmal nahm ich an einem Seminar bei der Volkshochschule teil. Es ging um Selbst- und Fremdwahrnehmung und darum, beides miteinander zu vergleichen und auszusöhnen.
Ich klagte der Gruppe mein Lied und versuchte lange, sie davon zu überzeugen, dass ich jemand ganz anderer sei, als die, die sie vor sich sitzen sahen: nämlich eine Dichterin. Ob ich die Erwartung hatte, dass sie mir helfen könnten, weiß ich nicht mehr. Vielleicht lechzte ich nur um Verständnis und Akzeptanz meiner Unfähigkeit und Zerrissenheit. Keiner der Anwesenden fand meine Situation und auch meinen Wunsch zu Schreiben besonders aufregend. Vielleicht konnte sich keiner vorstellen, was es bedeutet, ein Dichter zu sein. Aber wenn es mir denn halt so wichtig war, sie waren durchaus bereit, es zu ihrem Bild von mir dazu zu fügen.
Als ich sie endlich so weit hatte, machte ich ihnen klar, dass ich trotz allem gar nicht schreiben könne, weil ich keine Zeit hätte, usf. Die Gruppe sah mich leicht verwirrt an. Nachdem sie es nun erst einmal begriffen hatte, was mir da so furchtbar wichtig war, verstanden sie nicht, warum ich es dann nicht auch tat. Sie wollten mich nicht als potentielle Dichterin sehen. Jetzt verlangten sie auch Taten. Irgendwie hatte ich gehofft, dass allein die Tatsache, dass ich eine Schriftstellerin werden wollte, bei meinen Mitmenschen bereits Hochachtung und Bewunderung erzeugt. Aber weit gefehlt.
„Ich verstehe dich nicht“, sagte irgendwann eine der Teilnehmerinnen. Ihre langen Ohrringe zitterten und klimperten leise. Sie lächelte mich ein wenig hilflos an. „Wenn es dir denn so wichtig ist: Warum machst du es denn nicht? Schreib doch einfach!“
Sie hatten mich also nicht freigesprochen von meinem Widerspruch. Sie akzeptierten ihn nicht.
„Schreib doch, wenn du es unbedingt machen musst“, so reagierten sie alle, die Freunde, die mein Jammern allmählich nervte und die Fremden, die ich um ihre Meinung zu meiner Situation bat und die mich genau so verständnislos ansahen, wie die junge Frau in dem Volkshochschulseminar.
Sie hätte genauso gut sagen können: „Fang doch endlich an, dein Leben zu leben!“, oder „trenn dich doch von deinem Mann und verharre nicht länger in einer toten Beziehung“.
Mir aber kam das alles so vor, als würde man zu einem Gelähmten sagen, „lauf doch endlich los, wenn es dich so danach gelüstet!“
Aber ich war nicht gelähmt. Ich habe nur sehr lange gebraucht, laufen zu lernen.
Denn eines Tages habe ich mich doch befreit. Wie das Marienkind im hohlen, rettenden Baum habe ich in einem kleinen möblierten Zimmer gehockt und dem lauten Pochen meines Herzens gelauscht. Ich hatte mich befreit aus meiner Familie, meiner Ehe, meinem ganzen schon so lange währenden Scheinleben. Ich war aufgestanden und hatte gesagt: „Jetzt hast du vielleicht nur noch 10, 20 Jahre. Jetzt ist Schluss! Du verplemperst dein Leben nicht mehr. Du verbringst deine Zeit nicht mehr mit einem Film, der dich nicht interessiert, während nebenan der Film läuft, den du gerne sehen willst. Niemand kann dich, Lilofee, festhalten am Grunde des Sees, wenn du an seinen Ufern singen willst. Niemand kann dir, Marienkind, befehlen, Schuld auf dich zu nehmen, die du nicht anerkennst, niemand kann dir dein Leben zerstören und dich stumm machen. Und es wird Zeit, dass du wie dein Hans erkennst, dass dir dein Königreich seit Anfang an vor den Füßen liegt und du es nur zu nehmen brauchst! Jetzt lebst du dein Leben, koste es, was es wolle.“
Mit diesem Schritt begann ich endlich, meine Angst vor irgendeiner Unsicherheit Stück für Stück von mir zu werfen. Ich kündigte meinem damaligen Leben. Was das neue bringen würde, war lange nicht klar. Auf alle Fälle sollte es mir die Freiheit bringen und ich wollte ernst machen mit dem Schreiben. Denn zu meinem Königreich gehörte der Wunsch zu schreiben, gehörte es, im Zaubergarten der Poesie zu wandeln. Ich wollte endlich die Prioritäten so zu setzen, wie sie für mich standen.
Ich hatte noch vor meiner Trennung angefangen meine Kindheitserfahrungen in kleinen Szenen und Geschichten niederzuschreiben. Jetzt legte ich sie weiter zueinander wie man Steine aufhäuft, die man in einem Steinbruch gebrochen hat.
Ich fing an, mit meiner Kindheit abzurechnen.
Zum ersten Mal liebte ich einen Menschen ohne Netz und doppelten Boden. Ich kämpfte lange verzweifelt um diese Liebe. Sie hat sich nicht erfüllt. Aber ich schrieb viele Gedichte in dieser Zeit, schrieb mir die Finger wund und die Seele leer, setzte mich hin und schrieb atemlos ein Gedicht nach dem anderen, während vor meinem Fenster der Regen durch die frischen Maiblätter der Linde tropften. Er fand sie schön. Sie brachten mir nicht seine Liebe. Aber sie gaben mir Mut.
Die Sammlung meiner Kindheitsgeschichten war inzwischen fertig geworden. Sie gefielen mir. Ich war bereit, mich der Kritik zu stellen. Diesmal verzichtete ich auf die Meinung von Freunden und sah mich nach Möglichkeiten um, Fachleute, die mich nicht kannten, als Kritiker und Beurteiler zu gewinnen. Ich sandte den dicken Band mit meinen Kindheitserinnerungen an einen Lektor, den ich im Internet gefunden hatte. Wir hatten kurz telefoniert und der Mann schien mir qualifiziert und Vertrauens erweckend. Das fünfseitige Gutachten kam nach 14 Tagen.
Ich brachte es sechs Monate lang nicht fertig, den Briefumschlag zu öffnen. Mir war klar, dass er mich nicht schonen würde. Er hatte es vorsorglich angekündigt.
Irgendwann fiel mir der Brief wieder ein und ich öffnete ihn in einer starken Stunde. Er hatte viel zu kritisieren. Es gab auch ein wenig Lob. Das strich ich mir mit einem roten Stift an und las es immer wieder, um meine gekränkte Seele zu beruhigen. Aber je öfter ich die kritischen Passagen las, desto mehr musste ich dem Mann recht geben, begriff, was er meinte und was ich falsch gemacht hatte. Das war mein erster, wirklicher Verriss, aber er war heilsam.
Ich stand in den Startlöchern für einen neuen, mühsamen, aber lebenswerten Wiederanfang in meinen Zaubergarten.
Und dann kam eines Tages einer, der mir seine Liebe anbot. Er reichte mir die Hand und führte mich vorsichtig in eine Landschaft, die einmal Wüste gewesen war und die wir beide nun Stück für Stück in einen Garten verwandeln.
Als wir uns erst wenige Stunden kannten, sagte er zu mir: „Du bist eine Dichterin.“ Er hatte ein paar der Gedichte gelesen, die ich in den Monaten davor geschrieben hatte, um meine Trauer um eine unglückliche Liebe loszuwerden.
Dieser Satz war die größte Liebeserklärung, die ich je bekommen habe. Aber nicht nur das. Er meinte wirklich nicht nur mich sondern auch meine Gedichte. Eigentlich war es deshalb eine Lebenserklärung, eine Anerkennung dessen, was ich glaube zu sein und was ich mir nicht zugetraut habe all die Jahre aber auch nicht zugemutet.
Seit diesem Tag weiß ich übrigens, was eine Muse ist. Man braucht sie, wenn die eigene Kraft nicht reicht, wenn die Selbstzweifel das Selbstvertrauen auffressen. In meinem Leben hat es nur ganz wenige Musen gegeben. Ich hätte sie wohl von Anfang an gebraucht. Nun aber hatte ich also Glück. Oder hatte ich etwa allmählich auch etwas begriffen bei all meinen vielen Versuchen, zu schreiben, bei den gescheiterten, den nur halb gescheiterten und denen, die ich selbst zum Scheitern gebracht hatte?
Von meiner Muse kam auch die Idee, dass ich es noch einmal mit einem Autorenstudium probieren könnte. Obwohl ich wusste, dass es so etwas gibt, war ich nach meinem Debakel vor 20 Jahren nicht von alleine auf diese Idee gekommen.
Diesmal hat alles gestimmt. Die Aufgaben waren genau die, die ich mir gewünscht hatte. Es war mir eine Labsal, so viel, so warm und so spannend über Dichtung und über das Schreiben zu lesen. Das war eine Welt, die ich liebte und kannte, das war eine Sprache, die ich sofort verstand. Ich merkte, wie ich anfing zu lernen, dazu zu lernen. Ich lernte Stilelemente einzusetzen, Genres zu begreifen, Sprache ernst zu nehmen. Ich entwickelte neue Haltungen zur Schreiberei und Ausdauer. Plötzlich schrieb ich Geschichten, in denen ich selbst fehlte. Die Herzen und Köpfe der anderen Menschen waren für mich aufgegangen. Ich habe noch nie in meinem Leben mit so viel Begeisterung und Genuss gelernt. Und ich habe auch noch nie so viel Lob bekommen. Endlich sah jemand, dass aus mir noch etwas werden könnte.
Viel mehr ist es noch nicht. Da mache ich mir keine Illusionen. Noch bin ich in der Rolle der Schülerin und gemessen am Klassenschnitt und an meiner Lernsituation ist es ganz schön, was ich schon zustande bringe. Demnächst werde ich mich mit solchen messen, die wirklich schreiben können. Und ich werde all die Schreibhindernisse, die ich zu genüge in meinem Leben kennen und fürchten gelernt habe, im täglichen Nahkampf ohne Mentor im Rücken bekämpfen müssen.
Der Eintritt zum Zaubergarten steht mir jetzt offen. Aber ich werde mich vielleicht erst einmal bescheiden auf eine Bank am Eingang setzten und die anderen beobachten. Vielleicht denke ich dabei über das Mädchen vom Mainufer nach. Ich merkte, dass sich der Vorhang lichtet. Ich werde ihre Geschichte schreiben können. Sie hat nun 37 Jahre darauf warten müssen.
Und wenn ich im Dichtergarten wieder einmal Herrn Mann treffe, werde ich ihm sagen, dass ich seinen Tonio Kröger mag und ansonsten hier bin, weil ich auch versuche zu schreiben. Und wenn er fragt, wie lange ich denn schon versuche zu schreiben, werde ich lächeln und sagen, ich versuche es schon 50 Jahre, Herr Mann. Aber wirklich habe ich erst gerade damit angefangen. Vielleicht wird er mir dann den Namen des alten Mannes mit der Pfeife verraten, der damals auf meiner Seite war.
Viele meiner früheren Probleme habe ich gelöst oder sehe zumindest, wo der Weg lang gehen wird:
Heute habe ich begriffen, dass Schreiben wirklich schwer Arbeiten bedeutet. Ich werde sicher auch immer wieder in meine Bequemlichkeiten beim Schreiben zurückfallen. Aber ich weiß jetzt, was ich meiner Geliebten, der Sprache schuldig bin. Und wenn mich einer auf meine Schlampereien aufmerksam macht, verdrücke ich mich reumütig in eine Ecke und versuche, die Wunden zu heilen, die meine dumme Faulheit meiner Dichtung zugefügt hat.
Auch heute steigt mein Adrenalinspiegel noch an, wenn jemand einen Text oder ein Gedicht von mir gelesen hat und sich dazu äußern will. Aber ich falle nicht mehr in ein bodenloses Loch. Ich stelle mich innerlich breitbeinig hin, damit ich nicht gleich umkippe und halte mich tapfer an meinem Wissen darum fest, dass ich es kann.
Ein abgesichertes Leben habe ich und mehr davon brauche ich wirklich nicht.
Die Angst, kein normales Leben zu führen, die Scheu, mich als anders zu outen, ist einer großen Gelassenheit gewichen. Ich muß nicht dazu gehören, wenn meine Frauenrunde übers Einkaufen schwatzt oder über den teuren Urlaub in den Balearen, auch nicht, wenn Häuserbesitzer über steuerlichen Abschreibungen fachsimpeln und über Möglichkeiten der Anlageberatung schwadronieren. In meinem Alter hat man gelernt, das Wesentliche zu wollen und nicht auf tausend Lockstoffe hereinzufallen. Von meiner Schreiberei werde ich nie leben können und auch nicht leben müssen. Aber ich habe Zeit und Lust und Ideen und Papier und einen wunderbaren Laserdrucker, der geduldig all meine Texte und korrigierten Texte immer wieder ausspuckt.
Ich habe auch keine Angst mehr davor, dass meine Dichtung mein Leben, meine Beziehungen zerstören könnte, weil ich Wahrheiten ausspreche. Vielleicht kann ich heute besser trennen zwischen meinen Geschichten und meinem Leben. Vor allem erscheint mir mein Leben heute nicht mehr aufgesetzt. Ich lebe es wirklich und deshalb schütze ich es vor dem direkten Zugriff meiner Dichtkunst oder hülle mich in geheimnisvolles Schweigen, wenn jemand herausfinden will, ob ich da etwas beschrieben habe, was wirklich so war oder ist. Aber wenn ich etwas schreibe, dann schone ich niemanden mehr. Wer nicht akzeptiert, was ich fühle und denke, der muß mich nicht lieben. Nur meinen alten Vater verschone ich immer noch. Ihm möchte ich die Novelle nicht zeigen, in der er als junger Unteroffizier und Ehemann die Hauptrolle spielt. Obwohl ich ihm, wie ich glaube, in dieser Geschichte sehr gerecht geworden bin, würde er sie dennoch nicht verstehen und traurig sein. Das will ich nicht. Aber du und auch du, ihr müsstest es schon schlucken, dass in meiner Seele auch dunkle Schatten sind, die heraus wollen und dass ich das kompromisslose Bedürfnis habe, beim Schreiben der Wahrheit näher zu kommen.
Und was die Wahrheit betrifft: Auch heute habe ich noch eine richtige Beißhemmung, wenn es um gesellschaftliche und politische Themen geht. Es genügt mir zurzeit einfach, das alltäglich Leben, die Liebe, die Hoffnung zum Thema zu machen. Das finde ich leichter, als über die großen Fragen der Menschheit und über die Ungerechtigkeit der Welt zu dichten. Aber in meinem Inneren fühle ich, dass das noch nicht das Ende sein kann. Irgendwann werde ich mit meiner Dichtung Stellung beziehen zu dieser Welt. Aber dann werden es keine Flugblätter werden, hoffe ich. Es werden Geschichten sein, Geschichten, die Menschen aufhorchen lassen, die ihnen Mut geben und die ihnen den Rücken stärken. Vielleicht werden es auch Geschichten, die dazu beitragen, dass gewisse Leute nicht mehr so gut schlafen können wie bisher. Aber das ist wahrscheinlich zu viel erwartet, zuviel von meinem Können und zuviel von der Dichtung überhaupt.
Heute bin ich also genesen. Ich weiß, dass ich jetzt schreibe und nicht mehr aufhören werde, bis mir der Füller aus der Hand fällt. In mir sind Bilder und Geschichten, die sich in 55 Jahren gesammelt haben und die alle darauf warten, von mir herausgezaubert zu werden um den Nachthimmel zu erhellen. Und es ist mir erst einmal egal, ob mir so etwas wie Erfolg beschieden sein wird. Für meine Schubladen freilich will ich nicht schreiben. Ich möchte schon gelesen und begriffen werden und möchte erleben, dass andere Menschen sich durch das, was ich schreibe, angesprochen und verstanden fühlen. Aber vielleicht wird dennoch niemand meine Sachen lesen? Es wäre schade, aber es wird mich nicht aus den Schuhen kippen, es wird mich nicht daran hindern, zu schreiben. Ich werde auf alle Fälle mein Bestes geben, einfach deshalb, weil das Schreiben der einzige Weg zu sein scheint, auf dem ich mein Leben sinnvoll leben kann.
Das freilich wusste ich immer schon, nicht wahr?
Noch immer fällt es mir schwer, mich als Dichterin zu outen. Wenn ich in einer Runde zusammensitze und irgendwer erzählt, er habe einen Freund, der schreibe, sitze ich wie auf glühenden Kohlen. Noch weiß ich nicht, wie ich es anstellen soll, dass sie auch über mich Bescheid wissen, dass sie anerkennend sagen: „Oh, sie schreibt.“ Noch weniger weiß ich, wie ich es anstellen soll, dass sie sagen: „Zeig doch mal was! Ich möchte gern mal was von dir lesen!“ Denn heute hätte ich genug, was ich ihnen geben könnte.