Altenliebe

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Altenliebe 1

Was ich dir heute bieten kann
ist nur noch schön, wenn es die Liebe sieht.
Ich kann dir meine Jugend nicht mehr schenken.
Als ich sie hatte, war sie mir nichts wert.
Doch heute weiß ich lange schon um ihre Kostbarkeit:
Sie war beinah das Beste, was ich jemals hatte.
Ich würde sie so gern in deine Hände legen.

 Ich gräme mich: Mein Fleisch wird mürbe,
meine Brüste weich und schlaff wölbt sich mein Bauch.
Mein Antlitz ist zerfurcht von dem,
was ich durchlitten habe. Mein Bild im Spiegel schreckt
mich sehr mit all den Falten und den Runzeln.
Oh, könnte ich nur deine Augen, deine Hand
mit meiner lang gehegten Pfirsichhaut belohnen!

 Ich bin bestürzt: Der Tod steht neben uns!
Er trinkt mit uns am Abend Wein.
Er liegt mit uns im Bett. Er sitzt an unsrem Tisch,
begleitet uns auf allen Wegen.
Und wenn er es nicht selber ist,
so sitzt an seiner Statt Gebrechlichkeit, die Altersplage.

Wie soll man leben mit dem Tod im Nacken?
Im Angesichte des Vergehens
wie soll ich lieben lernen?
 Ich bin betrübt. Es ist so spät, so wenig bleibt uns noch!
Wie gern hätt‘ ich mit dir noch Zukunft ausgesponnen,
und hätte dann vielleicht gedacht, dass wir in fernen Zeiten,
wenn wir das Leben bis zur Neige
genossen und erstritten hätten,
in Ruhe und Gemeinsamkeit und glücklich
zwei alte Menschen werden könnten.

Nun muss im Vorhof unsres Alters
das Liebesglück erblühn.

 

Altenliebe 2

Dass ich dich heute erst getroffen habe!
Ich traure um die vielen Jahre, die uns bereits verloren sind,
um all die Zeiten voller Glück und Unglück, in denen wir
einander nicht berühren und nicht trösten konnten.

Ich weine um dein langes Leben, das du mit mir nicht teilen durftest,
und um das meine, das dich nicht enthalten hat.

Und doch wiegt jeder neue Tag,
den es noch währt,
die Jahre auf, in denen wir
nichts voneinander wussten.

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