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Zweifel
„Ich kann nicht“, flüsterte Laureta und schob seine Hand von ihrem Oberschenkel herunter. Sie richtete sich auf und zog ihren Rock über die Knie zurück.
Im Zimmer war es schon dämmrig. Sie hatten den Vorhang noch nicht vorgezogen. Die Straßenbeleuchtung war vor wenigen Minuten angegangen und warf nun einen hellen Fleck auf die Wand hinter dem Sofa.
„Wieso?“, fragte er verständnislos. „Was ist?“
„Komm, versteh das nicht falsch, Jan. Du weißt, dass ich es auch gerne mache und du weißt, dass ich dich liebe.”
Er schwieg.
“Es ist wegen denen da unten. Ich sehe sie sitzen und lauschen, ob mein Bett knarrt.“
„Lass sie doch lauschen! Oder glaubst du, dein Vater kommt gleich und platzt hier rein?“
„Nein, keine Sorge! Der ist doch viel zu faul, aus dem Sessel aufzustehen. Nein, sie werden uns nicht stören. Das ist es nicht. Aber ich sehe ihre Gesichter - ich kann es nicht ertragen!“
„Schade!“, sagte Jan etwas ernüchtert. „Es wird Zeit, dass du hier ausziehst“, fügte er hinzu.
„Vielleicht.“
Sie zögerte. Sie stellte sich die beiden vor da unten am Wohnzimmertisch: den Vater mit seiner Zeitung, hinter der er sich ständig versteckte und die Mutter mit dem Stopfzeug, die ihm gegenüber saß und auf die Zeitung starrte, hinter der er sich verbarg. So war es jeden Abend. Es war Laureta so, als säße sie selbst da unten mit ihnen am Tisch. Sie spürte, dass ihr plötzlich übel wurde.
„Was ist denn so schrecklich an ihren Gesichtern?“, wollte Jan jetzt wissen. „Lass sie doch glotzen!“. Er rückte wieder näher an sie heran und versuchte, seine Hand auf ihren Busen zu legen.
Laureta ließ es geschehen, aber sie sah ihn nicht an.
„Meine Mutter wird da sitzen und mit Tränen in den Augen an meine verlorene Unschuld denken. Und gleichzeitig macht sie mir Kleider, die mich anpreisen wie eine Nutte. Sie wird vor Selbstmitleid und unterdrückter Geilheit zerfließen und sich jeden Moment hier bei uns genau vorstellen. Das kotzt mich einfach an, weißt du!“, brach es plötzlich aus ihr heraus. Sie hatte es selbst bisher so noch nie gesehen.
Jan hatte ihr überrascht zugehört und lehnte sich jetzt auf dem Sofa zurück. Seine Hand lag nicht mehr auf ihrer Brust.
„Ich hätte das deiner Mutter ehrlich gesagt so gar nicht zugetraut“, grinst Jan vor sich hin.
Es war jetzt ganz still. Es war fast so, als würden sie versuchen, etwas von dem zu erhaschen, was im Wohnzimmer gesprochen wurde.
„Meinst du, dass sich zwischen deinem Vater und deiner Mutter noch was abspielt?“, fragte jetzt Jan. Er hatte immer noch diesen leicht amüsierten Ton in der Stimme.
„Bist du verrückt?“ rief Laureta entsetzt aus.
„Wieso? Meinst du die Älteren machen so was nicht mehr, oder was?“
„Ach Quatsch! Aber die doch nicht!“ Allein die Vorstellung raubte ihr die Luft.
„Der behandelt meine Mutter doch seit Jahren wie den letzten Dreck“, brach es aus ihr heraus. „Der hat jede Menge junge Weiber, die aus dem Büro und andere. Der sieht doch überhaupt nicht mehr, dass sie eine Frau ist!“ Sie spürte jetzt eine heiße Wut in sich aufsteigen und fühlte, wie diese Wut sich in ihr zu drehen begann.
„Na und? Das ist doch noch kein Grund, dass er nicht mit ihr schläft, oder?“, kam es von Jan. Sie erstarrte. Die Wut in ihr blieb plötzlich stehen und zeigte mit dem Finger auf ihren Freund.
„Findest du?“ Laureta war aufgestanden und ans Fenster getreten. Sie sah Jan von dort befremdet an.
Einsamkeit im Tagebau
„Ist das dein Ernst?“, fragte sie mit merkwürdig kühler Stimme. „Hältst du das wirklich für möglich, eine Frau so zu verachten und gleichzeitig mit ihr zu schlafen?“
Er lachte leise. Sie stand vor dem hellen Fenster und ihr Gesicht lag im Schatten.
„Na, ich denke schon. Ist das nicht das Übliche in den meisten Ehen?“, sagte er leicht hin.
Als sie nicht reagierte, schaute er auf. Er sah, dass sie sich Tränen aus dem Gesicht wischte und hörte sie leise schluchzen.
„Warum weinst du?“, fragte er erschrocken.
„Es macht mich so traurig, dass du das sagst, Jan.“ Ihre Stimme klang klein und kläglich.
„Ja, ist es denn nicht so? Sei ehrlich, wie viele Beispiele kennst du denn, wo es nicht so ist!“ Er fing an sich zu verteidigen.
„Vielleicht ist es so. Aber das ist schlimm. Es ist nicht normal, weißt du. Es ist die Hölle!“
Beide schwiegen.
„Kannst du dir vorstellen, dass es auch einmal so werden könnte zwischen uns?“, fragte das Mädchen nun sachlich, drohend.
„Aber Laureta, das ist doch Unsinn! Ich liebe dich doch!“ Seine Antwort kam zu schnell.
„Das wird wohl mein Vater zu meiner Mutter auch gesagt haben“, bemerkte sie bitter vom Fenster her. „Ich finde das furchtbar, Jan.“
Jan stand auf uns trat zu ihr hin. Er versuchte seinen Arm um sie zu legen. „Laureta, komm, sei nicht albern!“
Laureta machte sich von ihm frei. „Ich bin nicht albern, Jan. Das macht mir wirklich Angst.“
„Aber das ist doch wirklich dumm, Laureta! Was gehen uns denn deine Eltern an oder andere alte Ehepaare?“
„Sehr viel Jan. Wir werden auch älter.“
„Laureta, hör auf! Du spinnst wirklich!“
„Siehst du Jan, es geht schon los.“
Nichts ist zu hören hier oben in Lauretas Zimmer. Nur ihr leiser Atem.
„Hör zu,“, sagt sie schließlich mit nüchterner Stimme. „Du wolltest wissen, warum ich nicht kann, wenn sie unten sitzen. Ich dachte ja selber, es würde mich stören, dass sie vielleicht lauschen oder so. Aber ich weiß jetzt: es stört mich, weil sich mir die Frage aufdrängt, ob du mich vielleicht in 20 Jahren genau so behandeln wirst wie mein Vater meine Mutter.“
„Du bist verrückt, Laureta, also wirklich!“
„Wie du meinst, Jan. Komm, wir brechen das hier ab und gehen noch eins trinken.“
Laureta griff nach ihrem Mantel, den sie eben noch achtlos über den Stuhl geworfen hatte und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.
Aus dem Wohnzimmer war nichts zu hören, als sie die Treppe heruntergingen.
