Wozu

Der lange Flur der Kurklinik lag im schwachen Vormittagslicht eines Februartages. Draußen war Schnee gefallen. Jemand hatte eine Vase mit einem winzigen Blumenstrauß auf die nackte Platte des kleinen Tisches gestellt. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die Blumen als künstlich. Trotzdem was es eine nette Geste. Wenigstens bemühte man sich um ein wenig Freundlichkeit.

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Der Tisch gehörte zu einer kleinen Sitzgruppe in einer Nische des Flures. Der alte Herr fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich zu mir setzen würde. Warum nicht, dachte ich. Ich hatte keine Eile. Hier hatte jeder Zeit.

Er setzte sich ächzend ohne meine Antwort abzuwarten.

Es war ganz still im Flur. Nur ab und zu ging ein Patient im Bademantel mit vorsichtigen Schritten den Flur entlang. Niemand kümmerte sich um uns.

Ich blickte meinen Nachbarn von der Seite her an. Er sah vor sich hin und schwieg. Warum hatte er sich zu mir gesetzt? Wollte er mit mir sprechen?. Eigentlich hatte ich genug mit mir selber zu tun. Jeder trug hier an seinem Schicksal. Eine Herzoperation ist immer ein dramatischer Einschnitt, das hatte noch vor ein paar Tagen selbst der Oberarzt in seinem Vortrag zugegeben.

Ich mochte nicht unhöflich sein. „Auch Bypass-OP?“, fragte ich, um irgendetwas zu sagen. Er nickte langsam.

„Und? Alles gut gelaufen?“

Er antwortete nicht gleich. „Ja doch, ich denke schon.“

„Wo sind Sie denn operiert worden, auch in J.?“

Aber seine Operation schien ihn nicht weiter zu interessieren. Er sah auf, sein Blick war an den künstlichen Blumen hängen geblieben. Er stöhnt kaum merklich.

„Tja, da wird man jetzt ganz schön umdenken müssen, wenn man wieder zu Hause ist“, sagte ich mehr zu mir selber.

Sein Blick war bei meinen Worten hochgeschossen, senkte sich aber gleich wieder. Noch einer, der sich nicht abfinden kann mit der neuen Situation, dachte ich. Wir saßen eine Zeit und schwiegen uns an. Weil er nichts mehr sagte, überlegte ich schon, ob ich jetzt einfach aufstehen und auf mein Zimmer gehen könnte, als er ganz plötzlich anfing zu erzählen:

„Ich bin an dem Tag ins Krankenhaus gekommen, als wir Goldene Hochzeit hatten, Renate und ich.“

„Mein Gott!“, entfuhr es mir voller Anteilnahme. „So ein Pech!“

Er sah mich irgendwie nachsichtig an und schwieg ein paar Sekunden, als warte er geduldig darauf, dass sich mein Schreck legte.

„Die Gäste waren schon da. Mir war es den ganzen Vormittag über schlecht gegangen. Schon in der Nacht hatte es angefangen. Ich wusste, dass die Herz-OP auf mich zukommen würde. Mein Arzt hatte gesagt, dieses Frühjahr, Herr Job, Sie sollten nicht zu lange warten! Gut. Also ich merkte gleich, was mit mir los war. Ich habe zu Renate gesagt: ‘Tut mir Leid, Schatz, aber dann feiern wir eben richtig, wenn ich wieder zu Hause bin.’ Sie hat dann den Notarzt bestellt.“

„Und nun können Sie ja bald feiern!“ Ich freute mich aufrichtig, dass diese bedrückende Geschichte scheinbar ein so gutes Ende nahm.

Aber mein Gegenüber schwieg erneut. Meine Freude war an ihm abgeprallt wie der bunte Ball einer Gruppe von spielenden Kindern an einer Steinmauer. Er saß wieder bewegungslos da.

„Als sie mich zum Krankenwagen brachten“, fuhr er schließlich mit belegter Stimme fort, „stand meine Frau mit den Gästen vor der Haustür und winkte. Die Gäste waren natürlich schockiert gewesen, aber jetzt gaben sie mir alle Ratschläge und gute Wünsche mit auf den Weg. Es war eigentlich alles halb so schlimm, dachte ich damals.

Aber als man mich in den Krankenwagen schob, nahm ich gerade noch im Augenwinkel wahr, dass in der kleinen Gruppe, die dort meine Abfahrt abwartete, eine plötzliche, heftige Bewegung entstanden war. Irgendetwas war passiert. Ich konnte nicht mehr erkennen was. Dann schloss man die Tür und wir fuhren los.

Am nächsten Tag wurde ich schon operiert. Dass meine Frau vorher nicht mehr zu mir ins Krankenhaus gekommen war, beunruhigte mich. Sie sei nicht wohl auf und hätte sich die Strapaze der Herfahrt nicht zumuten wollen., sagte man mir.

Als ich wieder aufwachte, kam sie immer noch nicht. Die Ärzte und Schwestern versuchten mich hinzuhalten. Letzte Woche mussten sie es mir doch sagen: Als ich losgefahren war, ist Renate zusammen gebrochen, Herzinfarkt. Sie ist noch am selben Tag gestorben. Aber mich habe sie wieder hingekriegt.“ Jetzt sah er mir voll ins Gesicht. „Wozu? Können Sie mir sagen, wozu?“

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