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Träume und Albträume
Vor einiger Zeit sah sich ein Freund von mir bei einer Haushaltsauflösung um. Er ist ein Sammler besonderer Bücher und hoffte, im Nachlass des verstorbenen alten Herrn etwas Interessantes zu finden. Als er im Bücherschrank einen dicken, handgebundenen Band entdeckte, sah er ihn sich genauer an. Der Lederrücken hielt die aus rohem Lindenholz gefertigten Buchdeckel zusammen, in die liebevoll Pflanzenornamente geschnitzt waren. Zwei schmale Lederbänder waren zur Schleife gebunden. Als er sie öffnete, sah er, dass es sich um viele Dutzend handgeschriebener Briefe handelte. Alle waren aus den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges datiert und es wechselten je ein Brief in einer exakten, klaren Handschrift mit Seiten, die mit einer fast fröhlich anmutenden Schrift aus runden, vollen, ein wenig verspielten Buchstabenketten bedeckt waren.
Mein Freund hatte sich mit dem Band auf einen der verbliebenen Wohnzimmerstühle gesetzt und wollte sich gerade in seinen Fund vertiefen, als ihm die Tochter des Verstorbenen, selbst schon eine ältere Dame, auf die Schulter tippte.
„Es tut mir Leid, die Briefe sind nicht verkäuflich. Ich hätte sie vorher an mich nehmen sollen. Entschuldigen Sie bitte. Es sind die Liebesbriefe, die sich meine Eltern vor ihrer Hochzeit geschrieben haben“, sagte sie etwas verschämt.
Mein Freund entschuldigte sich und mit einem Blick auf den dicken Band fügte er freundlich-höflich hinzu: „So viele Briefe. Das muss ja eine große Liebe gewesen sein!“
Die Dame zögerte einen Moment und meinte dann mit einem süß-saueren Lächeln: „Das kann man eigentlich nicht direkt sagen. Meine Mutter war während ihrer langen Ehe immer eine traurige und unglückliche Frau.“
Mein Freund sah sie erstaunt an. „Was ist passiert?“, fragte er und merkte im gleichen Moment, dass er zu weit gegangen war. Das ginge ihn nun wirklich nichts an, entschuldigte er sich sofort.
Die Frau blickte ein paar Sekunden nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie ihn an. „Wissen Sie, ich habe mir gerade eine Kanne Kaffee gekocht. So eine Haushaltsauflösung ist anstrengend, auch für die Seele. Jetzt sind alle fortgegangen, Sie sind der Letzte. Wenn Sie Lust haben, trinken wir einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen die Geschichte? Irgendwann muss sie ja mal erzählt werden.“
Und so kam es, dass mein Freund nicht den Briefband aber dafür diese Geschichte mit nach Hause brachte.
***
Der Unteroffizier
Als der Feldwebel Herbert Binder aus Gelsenkirchen im Jahre 1940 als Flugzeugtechniker in Dresden stationiert wurde, erschien ihm diese Stadt als die Erfüllung all seiner Träume.
An freien Abenden ging der junge Mann in seiner Unifom durch die belebte, barocke Innenstadt und konnte sich an ihrer Pracht und Schönheit nicht satt sehen. Von Brücken und Häuserfirsten grüßten überall bewegte, steinerne Figuren. Ihm kam es so vor, als wollten sie ihn einladen, in ihren Kreis zu treten. Die gegliederten Häuserfronten, die weiten, blühenden Parks, die lächelnde Elbe mit ihren breiten Ufern und der eleganten Dampferflotte, all das waren für ihn Symbole einer Lebensweise, wie er sie bisher höchstens aus Büchern kannte.
Die Stationierung in Sachsen war sein erster längerer Aufenthalt fern der Heimat. Wäre nicht der Krieg gewesen, so hätte er das Ruhrgebiet vielleicht nie verlassen. Er hatte bisher nicht viel mehr gesehen als die Ruhrstädte mit ihren zusammengewürfelten Häuser- und Menschenmassen. Seine Kindheit und Jugend hatte er zusammen mit fünf Geschwistern in einer Gründerzeitvilla verbracht, die hoch umzäunt und von undurchdringlichen Hecken umschlossen wie eine Insel mitten in der Innenstadt lag. Die Kammern der drei Jungen befanden sich im Dachgeschoss, die drei Mädchen lebten im 2. Stockwerk des Hauses. In dieser Jugendstilvilla hatte Herbert glückliche Kinderjahre verbracht.
Das Allerbeste an seinem Elternhaus war für ihn das große Gartengrundstück hinter der elterlichen Villa. Dieser Garten erschien ihm riesig, vielgestaltig und unerschöpflich. Um ein verwildertes, rundes Rosenbeet herum lief ein breiter Weg, von dem sternförmig vier andere Gartenpfade abgingen. Die führten jeder in eine ganz eigene Gartenlandschaft. Für Herbert war es, als markierten sie unterschiedliche Erdteile seiner Kindheit.
Herbert nannte den Garten hinter seinem Elternhaus sein Paradies. Ihn vermisste er nach dem Krieg wohl von allem am meisten.
Herbert war das vierte Kind der Familie, der mittlere von drei Brüdern. Als kleiner Junge hatte er Rachitis und er behielt davon immer leichte O-Beine zurück. Auch sonst kränkelte er öfter. Er trat viel schüchterner und unsicherer auf als die anderen. Später war er der einzige seiner Geschwister, der es nicht schaffte, die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium zu bestehen. Herbert war sozusagen das schwächste Glied in der Familienkette. Unter den Geschwistern galt er zwar als einer der ihren, aber zweifellos immer als der Letzte von ihnen. Aber Herbert war mit diesem Los durchaus zufrieden.
Für seine Mutter fühlte Herbert sein Leben lang eine hochachtungsvolle Liebe. Sie war eine zarte, kleine, aber zähe Frau. Bevor sie Herberts Vater kennen lernte, hatte sie das städtische Lyzeum besucht und trug sich mit dem Gedanken, Lehrerin zu werden. Dann aber bekam sie sechs Kinder und sie begrub ihre Träume Stück für Stück.
Die Erziehung der Kinder war im Wesentlichen ihr Geschäft und sie bewältigte es souverän wie ein General. Keins der Kinder wagte ihr je zu widersprechen. Wenn sie tadelte, nahmen sie es Gott ergeben hin, wenn sie lobte, war dies wie eine feierliche Ehrung. Zärtlichkeiten wurden in Herberts Familie nicht ausgetauscht. Nur ganz kleine oder schwer kranke Kinder oder Haustiere hatten die Chance, die beruhigende Hand der Mutter zu spüren. Einmal, auf einem Familienspaziergang, durfte der schon heranwachsende Herbert die Mutter wegen einer zerbrochenen Brücke über einen Bach tragen. Sie war ganz leicht und sie zu tragen machte Herbert keine Mühe. Aber es erfüllte ihn mit großem Stolz. Keins der Kinder hätte je zugelassen, dass ihrer Mutter Leid zugefügt würde. Herbert nannte seine Mutter immer “Mutter“. Auch wenn er von ihr sprach, sagte er stets respektvoll “Mutter“.
Nur, wenn sie den Vater rief, weil etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, erschien er im oberen Stockwerk und sorgte mit kurzen Worten und manchmal mit harten Schlägen für Ordnung und Gerechtigkeit. Aber das geschah selten. Herberts Vater hatte neben seinem Beruf nicht viel Zeit für die Kinder. Nur einmal nahm er Herbert auf eine Geschäftsreise mit. Es war für Herbert damals unfassbar, dass er nun den Vater so viele Stunden und Tage ganz für sich alleine haben sollte und ihn fragen konnte, was er wollte. Abends durfte er mit ihm zusammen in der Gaststätte sitzen und bekam eine Limonade. Er erlebte diese Reise als eine wunderbare Fügung und behielt sie als Auszeichnung im Gedächtnis, die ihm eigentlich gar nicht zugestanden hätte.
Solange die Geschwister unter sich blieben und in ihrem Garten miteinander spielten, litt Herbert kaum unter seiner Rolle als Schlusslicht in der Geschwisterreihe. Er fühlte sich aber zunehmend ausgeschlossen, als die Brüder und Schwestern anfingen, ihre Freunde mit nach Hause zu bringen. Es wurde ihm deutlich, dass seine Geschwister andere Freunde hatten als er. Dies waren besser gekleidete Kinder, die gebildet und gestelzt daher reden konnten oder damit angaben, dass ihre Väter sich wieder ein neues Automobil geleistet hätten. Herbert, der die Volksschule besuchte, lernte dort gemeinsam mit Handwerker- und Arbeiterkindern. Sein bester Freund Hansi war der Sohn eines Stahlgießers bei den Eisenwerken. Hansi sprach die derbe Sprache der Menschen im Ruhrgebiet und seine Kleidung war nicht selten ausgebessert oder sogar an manchen Stellen verschlissen, wie Herberts ältere Schwester Gretel einmal mit spitzer Zunge bemerkte. Hansi besuchte Herbert nur ungern, weil er sich nicht wohlfühlte bei den „feinen Pinkeln“, wie er sagte. Und Herbert konnte das gut verstehen. Auch er verstand kein Latein und kein Englisch. Cäsar war ihm kein Begriff und das Wort Biologie sagte ihm lange nichts. Als er einmal einer Freundin seiner Schwester gestand, dass er gar nicht die Oberschule besuche, fing sie an zu kichern und wandte sich von ihm ab. Unter den Pennälern mit ihren schicken Schulmützen und den feinen Mädchen vom Lyzeum fühlte er sich nicht mehr wohl. Er begann, sich immer mehr von seinen Geschwistern und ihren Freunden und Freundinnen zurückzuziehen.
Eigentlich war Herbert ein guter Schüler. Rechnen lag ihm ganz besonders. Seine Lehrer wussten sehr wohl, dass er das Zeug zu sehr viel mehr gehabt hätte. Nur seine Rechtschreibleistungen waren und blieben katastrophal. Also gab es nur einen Weg für ihn. Er schloss die Volksschule ab. Danach suchte sein Vater für ihn eine Lehrstelle in einer Eisenwarenhandlung.
Herbert beklagte sich nicht. Der Umgang mit Werkzeug, mit Schrauben und Dübeln, mit Bohrmaschinen und Feilen gefiel ihm durchaus. Er lernte gut und machte alles, was ihm aufgetragen wurde, gewissenhaft und sorgfältig. Nur hinter dem Ladentisch fühlte er sich nicht wohl. Lieber sortierte er das Lager oder säuberte die Geräte. Am liebsten jedoch sah er Handwerkern bei der Arbeit zu und versuchte, ihre Kunst einfach vom Zuschauen zu erlernen. Meist hatte er dabei Erfolg.
Seit er die Schule verlassen hatte, schloss Herbert sich mehr und mehr der katholischen Jugend seiner Pfarrgemeinde an und wuchs so in die christliche Jugendbewegung und ihre Ideale hinein. Offen und ohne Vorurteile wollten sie der Welt und dem Leben begegnen. Sie fühlten sich jung und stark und waren darauf stolz, anders zu leben als die verstaubte Generation ihrer Eltern. Woche für Woche gingen sie gemeinsam auf Fahrt, zelteten im Wald, sangen wilde und gefühlvolle Lieder, lasen gemeinsam Bücher und erdachten sich eine neue, bessere Welt, für die sich das Kämpfen lohnen würde.
Herbert brachte sich selbst Akkorde auf der Gitarre bei, um beim Singen die Begleitung übernehmen zu können. Als ihn sein älterer Bruder einmal dabei beobachtete und ihn mit erwachender Neugierde fragte, was er denn in seiner Jugendgruppe so mache, verschloss Herbert sich und redete sich heraus. Dies hier war seine Welt und die wollte er nicht mit den Geschwistern teilen.
In seiner Gruppe und in der Gemeinde fand Herbert Menschen, mit denen er über alles reden konnte. Hier war es für ihn möglich, seine Gedanken und Träume auszusprechen, ohne Angst davor haben zu müssen, ausgelacht zu werden. Die Freunde ermutigten Herbert auch dazu, weiter zu lernen. Herbert nahm die Anregung seines Jugendkaplans und anderer, schon älterer Kameraden dankbar an. Was seine Geschwister in der Schule auf einem silbernen Tablett geboten bekommen hatten, was man ihm verweigert hatte wegen ein paar dummer Rechtschreibfehler, das wollte er sich nun selber holen, aus eigener Kraft.
Herbert fing an, in jeder freien Minute zu lesen. Er verschlang alles, was ihm der Jugendkaplan empfahl und über was seine älteren Freunde diskutierten. Er machte vor nichts halt: Er las Nietzsche und Augustinus, er studierte den Faust, er las Schillers Glocke und Stifters Novellen. Er versuchte, sich selbst Englisch beizubringen und am Sonntag, während der Messe, verfolgte er die Liturgie und prägte sich lateinische Worte ein, die er dann stolz in seinen Wortschatz aufnahm. Am meisten aber interessierten ihn die Naturwissenschaften und die Technik. Er nahm sich vor, irgendwann ein Ingenieurstudium aufzunehmen.
Als Herbert 15 Jahre alt geworden, waren die Faschisten an die Regierung gekommen. Die Familie von Herbert wollte nichts mit den neuen braunen Machthabern zu tun haben. Die Eltern hielten die Nationalsozialisten für proletarisch und damit für ganz und gar indiskutabel. Und weil sie die katholische Kirche ablehnten, schienen sie ihnen außerdem gefährlich und bedrohlich. Keines der Geschwister machte bei der Hitlerjugend mit. Wenn am Sonntag Nachmittag der Probst der Stadtgemeinde zu Kaffee und Kuchen im elterlichen Wohnzimmer saß, dann tauschte man sich mit besorgter Miene über die beunruhigenden politischen Entwicklungen aus. „Das Schlimmste an den Nazis“, sagte der Probst und stellte seine Kaffeetasse leise klirrend auf die Untertasse zurück, „das sind die heidnischen Bräuche, die überall propagiert werden.“ Und er warf einen Blick auf den in breitem Gold gerahmten schlechten Druck von Michelangelos Abendmahl, der über dem Sofa hing, und er lächelte zufrieden.
In der Jugendgruppe wurde auch über die Nazis gesprochen. Hier erfuhr Herbert von der unmenschliche Behandlung der Juden, von den Bücherverbrennungen und von den Plänen, andere Völker der eigenen, der angeblichen Herrenrasse unterzuordnen. Politik war Herbert eigentlich zutiefst fremd. Die Umstände brachten es jedoch mit sich, dass er im antifaschistischen Widerstand aktiv wurde. Seine Gruppe verbreitete heimlich die Schriften des Bischofs Graf von Gahlen und half Juden, sich zu verstecken und schließlich das Land zu verlassen.
Nachdem er die deprimierenden und demütigenden Erfahrungen der Grundwehrausbildung überstanden hatte, blieb er als Zeitsoldat bei der Wehrmacht. Es schien ihm ratsam, sich in der Höhle des Löwen zu verstecken. Er meldete sich für sechs Jahre, wurde bald Unteroffizier und konnte endlich, wie erhofft, ein Fernstudium zum Ingenieur beginnen. Nun saß er fast jeden Abend in der Stube, arbeitete an den Lehrbriefen, schrieb mit seiner exakten Schrift Seite für Seite voll, zeichnete, las, rechnete und paukte. Seine Mentoren waren begeistert. Seine Noten bewiesen, was er konnte und dass sein Einsatz sich lohnte. Herbert war jetzt kein einfacher Eisenwarenverkäufer mehr. Er war auch nicht mehr das vierte Kind der Familie Binder aus Gelsenkirchen, das einzige, das das Gymnasium nicht geschafft hatte. Er studierte. Er lernte. Die Welt öffnete sich ihm. Er würde dazugehören und mitreden können. Und all das hatte er geschafft aus eigener Kraft.
Einige Zeit später schickte man ihn als technischen Inspekteur nach Dresden, um dort Militärflugzeuge zu warten.
Das neue Leben
Für Herbert fing in Dresden ein neues Leben an. Ihm kam es so vor, als beginne er überhaupt jetzt erst damit, richtig zu leben. Hier, in dieser Stadt traf er auf so vieles, was er bisher nur aus seinen Büchern kannte. Der Himmel über Dresden erschien ihm weit und offen, die Menschen, mit denen er zusammen kam, wirkten auf ihn lebensfroher, gebildeter und an allem interessierter als die Menschen seiner Heimat. Herbert hatte das Gefühl, man habe ihn in eine Welt geschickt, in der das Leben wunderbarer Weise ganz nach den Gesetzen der Schönheit und des Geistes gestaltet war. Er genoss es, in einer Stadt zu leben, wo man Kultur und Schönheit nicht in dunklen Museen und Galerien aufsuchen musste, sondern wo man ihr an jeder Ecke begegnen konnte, im Vorbeigehen sozusagen.
Und noch etwas trug dazu bei, dass er diese Stadt schon bald wie eine zweite Heimat empfand: Neben den Kunstschätzen und unerschöpflichen Bildungsquellen entdeckte er auch vertraute Paradiese. In den großen, prächtigen Parks gab es überall verwunschene und verwilderte Ecken, die ihn an den elterlichen Garten erinnerten und in der Dresdner Heide glaubte er sich in seine heimatlichen Wälder zurückversetzt.
Sein Studium nahm er auch weiterhin ernst. Es war für ihn jetzt erst recht zum Lebensnotwendigsten geworden.
Herbert vermisste in dieser Zeit weder seine Heimat noch seine Familie. All das war für ihn weit weggerückt. Dennoch schrieb er in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Dresden pflichtbewusst regelmäßig nach Hause. Seine Mutter oder auch eine seiner Schwestern antworteten ihm dann mit kurzen, freundlichen Briefen und erzählten ihm, was es in Gelsenkirchen Neues gäbe.
Herbert musste über solche Briefe schmunzeln. Von den Träumen in seinem Herzen und seinem Kopf wussten sie nichts und sie hätten diese Träume wohl auch nicht begriffen. Träume waren in der Familie von Herbert kein Thema, über das man sprach. Vielleicht hatte man einfach keine Träume. Aber wenn man welche hatte, pflegte man sich von ihnen wie von Jugendflausen zu verabschieden, sobald der Ernst des Lebens einen einholte.
Seine Eltern beobachteten seine berufliche Entwicklung mit Wohlwollen. Dass er nun ausgerechnet im Osten Deutschlands stationiert war, gefiel ihnen allerdings nicht besonders. Dass Herbert in seinen Briefen begeistert von Schlössern und Königspalästen schrieb, verwunderte die Mutter ein wenig. Dresden war so weit weg von Westfalen und dazu so weit im Osten. Dort hinten fing vermutlich schon Polen an.
Jedenfalls, und das war eigentlich das Wichtigere, sahen die Eltern, dass Herbert fleißig war und wie seine Brüder technische Begabung bewies. Das beruhigte sie und sie zeigten ihm in ihren Briefen, dass sie gut hießen, was er tat.
Herbert fand in Dresden leicht Kontakt zur kleinen katholischen Diaspora-Gemeinde der Hofkirche und schloss sich dort wieder der katholischen Jugend an. Hier fand er Gleichgesinnte und Freunde, konnte mit ihnen wieder Fahrten und Radtouren unternehmen, sang mit ihnen zur Gitarre die alten Lieder, fand Bundesgenossen im Kampf gegen Hitler und hatte viele Freunde, die wie er den Krieg mit Abscheu und Entsetzen beobachteten.
Herbert war noch immer ein unauffälliger, junger Mann mit einem Milchbubengesicht. Den Mädchen in der Jugendgemeinde fiel der schlanke, dunkelblonde Soldat nicht besonders auf. Für sie war er ein Kumpel, auf den man sich verlassen konnte, mehr nicht. Für Herbert allerdings gab es sehr wohl Mädchen, die ihm gut gefielen. Und er fand, dass auch die Mädchen hier anders waren, freier, fröhlicher. Ganz besonders gefiel ihm Margot mit ihren brauen Locken, ihrer lustigen Art und ihren übersprudelnden Ideen. Er beobachtete sie aus der Ferne und traute sich lange nicht, sie anzusprechen. Wenn sie nach einer Aufführung der Theatergruppe, die sie leitete, den Applaus entgegen nahm, wurde sie mit Blumensträussen begeisterter Verehrer überschüttet. Margot wurde von vielen jungen Männern umschwärmt.
Gleichzeitig sah Herbert sehr wohl, dass sie nicht immer nur lachte und fröhlich war. Er beobachtete in ihren Zügen manchmal eine Traurigkeit und Verletztheit, die er sich nicht erklären konnte. Aber das zog ihn nur noch mehr zu dem zierlichen, lebendigen Mädchen hin.
Herbert lebte schon fast zwei Jahre in Dresden, als er auf einer Radtour im Juni endlich die Gelegenheit beim Schopf fasste. Er flickte Margots Rad, das auf dem Vorderreifen platt war. Sie war ihm dankbar für die Pannenhilfe und schien ihn heute zum ersten Mal richtig wahrzunehmen. Am Abend saßen sie nebeneinander am Lagerfeuer und sprachen lange und intensiv miteinander. Nachdem er seine Schüchternheit überwunden hatte, berichtete er viel über sich. Darüber war er selbst verwundert. Was aber das Mädchen von sich und ihrem Leben erzählte, löste Staunen und Rührung bei ihm aus: Sie sei die einzige und uneheliche Tochter einer Frau, die aus einer Künstlerfamilie stamme, erzählte sie ihm. Am liebsten wäre sie auch Schauspielerin geworden, aber sie müsse ja Geld verdienen und in diesen Zeiten ginge eben nicht alles so, wie man es sich wünsche. Sie habe Rechtsanwaltsgehilfin gelernt, plane jetzt aber eine Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Wenn sie in diesem Sommer beide mit der Gruppe auf Fahrt waren, saßen sie häufig nebeneinander, unterhielten sich oder sangen zusammen. Sie bewunderte seine Zähigkeit, mit der er sich das Gitarrenspiel beigebracht hatte und seinen Fleiß beim Studium. Er schien es mit seinem Schicksal aufzunehmen. Das imponierte ihr. Auch sie war nicht bereit gewesen, ihre Schicksalsschläge einfach hinzunehmen.
Gegen Ende des Herbstes gestand er ihr seine Liebe. Margot gefiel der intelligente, schüchterne junge Mann inzwischen recht gut. Sie schien sich in Herbert ebenfalls verliebt zu haben und fortan galten die beiden als Liebespaar.
Nie hätte Herbert es früher für möglich gehalten, dass er ein so hübsches, lebenslustiges und allseits beliebtes Mädchen für sich gewinnen könnte. Dazu war sie auch noch eine Kampfgefährtin und teilte seine Meinungen über Hitler und den Krieg. Beide verband die Hoffnung auf eine bessere Welt und die Zuversicht, alles zu können und zu erreichen, wenn man nur hartnäckig genug darum kämpfte und daran glaubte.
Manchmal ging es ihm durch den Kopf, dass Margot in den Augen seiner Eltern vermutlich einigen Makel aufwies. Herbert konnte sich richtig vorstellen, wie seine Mutter blass werden und ihr spitzes Gesicht bekommen würde, wenn sie erführe, ihr Sohn Herbert hätte ein Mädchen, das unehelich war und auch noch aus einer Künstlerfamilie stammte. Herbert lächelte und schüttelte den Kopf. Waren sie nicht mit dem Anspruch angetreten, alle Vorurteile über Bord zu werfen und jeden Dünkel abzulegen?
Linde Bischof, Der Träumer
Er liebte Margot gerade wegen dieser angeblichen Makel um so mehr. Er liebte auch ihr exaltiertes Wesen, ihre ausgefallenen Ideen und ihren Übermut. Es war eben alles anders hier als in seiner Heimat. Und auch er war ein anderer geworden.
Querschläge
Im Frühjahr bekam Herbert Besuch von seinem großen Bruder, der mit seiner Verlobten auf der Durchreise war. Stolz präsentierte er den beiden sein Mädchen und seine neue Heimat. Sie saßen zu viert in dem kleinen Café, in dem er mit Margot schon so oft gesessen und ihr verliebt und glücklich in die Augen gesehen hatte. Aber irgend etwas an diesem Treffen lief von Anfang an schief. Der Verlobten schmeckte der Kuchen nicht und die Bedienung war ihr zu langsam. Und als sein Bruder sich unbeobachtet glaubte, warf er einen abschätzenden Blick auf Margot. Herbert sah es und es machte ihn wütend. Aber er wusste nicht, was er hätte tun können. Und dann passierte es: Die Verlobte fragte Margot, was denn ihr Vater beruflich mache und Margot antwortete auf ihre trotzige Art, sie hätte eigentlich gar keinen Vater gehabt sondern nur eine Mutter. Keiner lächelte.
Später schrieb die Mutter Herbert in einem besorgten Brief, er solle sich gut überlegen, ob er sich wirklich mit einem Mädchen verbinden wolle, das von unehelicher Geburt sei. Natürlich könne seine Margot nichts dafür, aber solche Menschen hätten doch eine ganz andere Kindheit gehabt und wären wohl kaum in der Lage, eine eigene Familie richtig zu führen und selbst Kinder zu erziehen.
Der Brief ärgerte Herbert sehr. Er wagte lange nicht, ihn seiner Liebsten zu zeigen. Als er es doch tat, lachte die bitter und meinte nur, das sei sie gewohnt. Wichtig sei für sie allein, dass er zu ihr stehe und sich nichts daraus mache, wenn seine Eltern an ihr herum kritisieren würden. Herbert nahm sie in die Arme und küsste sie voller Rührung.
Seinen Eltern schrieb er, sie hätten von Margot ein völlig falsches Bild. Sie sei wirklich ein sehr ehrliches und verantwortungsvolles Mädchen und sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen.
Als Herbert und Margot sich zwei Jahre kannten, planten sie ihre Verlobung. Es war nun schon mehrere Jahre lang Krieg und man durfte nicht zu lange mit dem Leben zu warten. Die Ausbildung zur Kindergärtnerin näherte sich dem Ende und sie hatten vor, zu heiraten, sobald Margot eine Stelle bekommen haben würde. Sie hofften, dass dann auch der Krieg aus und Hitlers Regime zerstört wäre.
Als Herbert vorschlug, die Verlobung bei seiner Familie in Gelsenkirchen zu feiern, musste Margot schlucken. Aber schließlich lebte er seit Jahren hier bei ihr, teilte ihre Stadt und ihre Welt. Warum sollte sie sich zieren und nicht auch einmal in diesem Gelsenkirchen auftauchen und denen zeigen, dass es hier im Osten Deutschlands schöne und patente Frauen gäbe? Sie willigte ein. Sie würde es mit diesen westfälischen Dünkelheinis schon aufnehmen, glaubte sie.
Es kam anders. Margot war nach drei Tagen froh, dass sie wieder abreisen konnte. Die rußige Stadt mit den planlos und scheinbar lieblos aneinander gereihten Häusern deprimierte sie. Sie fühlte sich fremd unter den Menschen mit ihrer rohen Sprache. Seine Eltern und Geschwister hatten sie zwar durchaus freundlich empfangen. Aber sie spürte vom ersten Moment an, dass Herbert in seiner eigenen Familie nicht besonders wichtig war, dass man ihn in gewisser Weise durchaus liebte und sich für ihn freute, dass es aber weitaus Wichtigeres gab und dass das Schicksal und die Leistungen der anderer Geschwister deutlich mehr bewundert und geschätzt wurden. Das empörte sie. Herbert jedoch lachte, als sie ihn darauf ansprach. Er nahm das alles scheinbar hin wie ein unabwendbares Schicksal. Das kränkte sie noch mehr.
“Wann wollt ihr denn heiraten?“, flötete die kleine Schwester von Herbert zum Abschied. “Ist es in Dresden eigentlich üblich, als Jungfrau zu heiraten oder habt ihr da andere Sitten?“, fragte sie mit unschuldigem Augenaufschlag.
„Na, mal sehen, ob wir das so lange aushalten!“, hatte Margot schnippisch geantwortet. Aber als sie ihren Liebsten ansah, war der vor Scham über und über rot geworden.
Linde Bischof, Rückenansicht
Hier in seiner Heimat war Herbert seine wundervolle Liebste merkwürdig fremd geworden. Sie benahm sich auffällig und extravagant. Manchmal kam es ihm so vor, als fänden die anderen sie unbescheiden oder auch lächerlich. Das alles beunruhigte ihn. Erst als sie beide schon wieder fast 100 Kilometer weit weg waren von seinem Heimatort, löste Herbert sich aus seiner Verkrampfung und konnte sich seiner Margot wieder so liebevoll und aufmerksam zuwenden, wie sie es von ihm gewohnt war.
Nach ihrer Verlobung waren die beiden für viele Monate getrennt. Margot machte ihre Ausbildung in Freiburg im Breisgau und Herbert musste öfter auf Lehrgänge fahren. In dieser Zeit schrieben sie sich endlose Briefe, in denen sie sich seitenweise ihre Liebe versicherten und in denen sie ihre Träume und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft beschworen. In dieser Zukunft würden sie im gegenseitigen Vertrauen, in Treue und Verstehen für einander alle Aufgaben und Prüfungen gemeinsam meistern. Davon waren sie überzeugt.
Verletzungen
Im Jahr 1944 war Herbert noch immer in Dresden stationiert. Er rechnete jetzt aber damit, dass er bald an die Front geschickt würde. Den Sommer diesen Jahres erlebten sie wie eine Gnadenfrist. Es war ein wunderbarer Sommer: Schäfchenwolken segelten über den veilchenblauen Himmel, das Gras in der Heide duftete und summte und alle Blumen blühten nur, um ihre Liebe zu feiern. Und während die Nachrichten über den Krieg jeden Tag erschreckender wurden, während viele Familien bereits Söhne und Väter beweinten und alle Menschen die Kriegsfolgen bitter zu spüren bekamen, erlebten Herbert und Margot diesen Sommer mit seinen lauwarmen Abenden wie eine Auszeit aus dem täglichen Wahnsinn. Auf die Zukunft war kein Verlass. Sie mussten sich an die Gegenwart halten.
Damals schliefen sie auch miteinander. Ihre Erziehung und ihr katholisches Bekenntnis verbot den beiden eigentlich jede Sexualität vor der Ehe. Aber sie trösteten sich gegenseitig damit, dass in Kriegszeiten solche strengen Gebote sicherlich etwas anders verstanden werden müssten.
Für beide war es das erste Mal. Margot genoss es, in Herbert Armen zu liegen und seine Liebe und Zärtlichkeit zu spüren. Ihr überwältigendes Bedürfnis, sich ihre Liebe gegenseitig auch mit dem Körper zu zeigen und sie mit allen Sinnen zu erleben, erschien ihnen als Beweis dafür, dass sie es ernst miteinander meinten. Sie hatten sich, so versicherten sie sich gegenseitig immer wieder, auf diese Weise schon vor Gott gebunden bis an ihr Ende. Und sie wollten es so. Sie beschlossen, noch in diesem Jahr zu heiraten, auch wenn der Krieg andauern sollte.
Von den Freunden und Gefährten des Paares wurde die Nachricht über die baldige Hochzeit bejubelt. Alle mochten diesen stillen jungen Mann aus dem fernen Westen und seine lebenslustige Margot. Und sie wünschten dem Paar Glück und Liebe bis an ihr Ende.
Die Hochzeit hatten sie auf Allerseelen festgelegt. Die Vorbereitungen übernahmen weitgehend die Freunde des Paares und Herbert staunte einmal mehr, wie beliebt seine Braut war und wie sehr alle bereit waren, ihr eine Freude zu bereiten. Gerade weil Krieg war und es so enorme Schwierigkeiten bereitete, ein bisschen Feierlichkeit herbei zu zaubern und etwas Überschwang und Freude zu organisieren, gaben sich alle ganz besondere Mühe. Margot selbst studierte mit ihrer Mädchengruppe einen Theatersketch ein, der für Herbert eine Überraschung werden sollte. Sie war erfüllt von der Vorfreude und ihrer eigenen Schaffenskraft.
Margot war im Frühjahr mit ihrer Ausbildung fertig geworden und hatte die Leitung eines Kindergartens in einer Kleinstadt bei Dresden übernommen. Dort bewohnte sie ein möbliertes Zimmer, in dem Herbert sie besuchen durfte. Die Wirtin duldete die nächtliche Anwesenheit des Verlobten ihrer Untermieterin. Ihr eigener Verlobter war an der Front und es tat ihr gut, etwas für die Liebe zu tun.
Als der Herbst schon den Sommer abgelöst hatte und die ersten Windböen gelbe Blätter zu Boden wirbelten, wurde Margot unruhig. An dem Tag, als sie feststellen musste, dass ihre Periode offenbar unwiderruflich ausblieb, geriet sie für einige Stunden in Panik. Sie konnte kaum das Ende der Arbeit abwarten. Als sie schließlich zu Hause war, setzte sie sich ans Fenster und stierte in die herbstliche Landschaft hinaus. Ein uneheliches Kind, ein voreheliches Kind! Das hätte nicht passieren dürfen! Damit kannte sie sich selbst viel zu gut aus. Das wollte sie auf gar keinen Fall riskieren. Es gab nur die eine Lösung: Sie mussten jetzt so schnell wie irgend möglich heiraten. Margot machte sich Sorgen, wie Herbert es aufnehmen würde. Aber im Grund war sie sich seiner Liebe sicher und sie rechnete damit, dass er dieses Kind annehmen und lieben würde wie er sie liebte.
Als Herbert abends kam, brachte sie ihm die Neuigkeit möglichst schonend bei. Er war zunächst erschrocken. Aber nach kurzer Zeit kam Freude in ihm auf. Da entschlossen sie sich, die Umstände nicht zu betrauern, sondern sie zu feiern. Es gab keinen Grund, jetzt kleinlaut zu werden. Gott hatte ihre Liebe gesegnet. Jetzt musste nur noch der Krieg zu Ende gehen!
Irgendwo her organisierten sie sich eine Flasche Wein. Sie lachten und plauderten bis spät in die Nacht hinein, dachten sich Szenen aus ihrem zukünftigen Familienleben aus und erzählten sich Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit. Irgendwann kamen sie auf den Namen ihres Kindes zu sprechen. Herbert berichtete von der Sitte in seiner Familie, allen Jungen neben dem eigentlichen Jungennamen auch den Namen „Maria“ zu geben. Margot fand diese Sitte albern. Als sie hörte, dass ihr Liebster tatsächlich „Herbert Maria“ hieß, brach sie in schallendes Gelächter aus. Herbert sagte daraufhin etwas getroffen, er würde diese Tradition eigentlich gerne fortsetzen. Sie sah ihn kurz an und meinte, das könne ja wohl nicht sein Ernst sein. Er ließ darauf hin das Thema fallen. Ansonsten war es ein sehr schöner Abend.
Im Wissen um das Kind, das seine Liebste bekommen sollte, fing Herbert in diesen Tagen an, sich seiner Verantwortung als zukünftiges Familienoberhaupt bewusst zu werden und er begann, sich auf ganz neue Art und Weise um die Zukunft zu sorgen und Pläne zu wälzen. Jetzt kamen Aufgaben auf ihn zu, für die er die Lösung nicht in den Parks und Museen Dresdens finden würde. Bilder aus seiner Kindheit tauchten plötzlich wieder in seinem Kopf auf. Er sah das elterliche Wohnzimmer vor sich und konnte die Ruhe fühlen, die über alle gekommen war, wenn die Mutter begonnen hatte, die Suppe auszuteilen.
Herbert wusste, dass er noch einmal mit einer Einberufung an die Front rechnen musste und vielleicht nicht würde hier sein können, wenn das Kind zur Welt käme. Das beunruhigte ihn und beschäftigte ihn in dieser Zeit weitaus mehr, als alle Hochzeitsvorbereitungen um ihn herum.
Als Margot ihn einmal fragte, was mit ihm los sei, er wäre so still und nachdenklich geworden, ob er sich denn gar nicht auf die Hochzeit freue, strich er ihr übers Haar und antwortete, sie solle sich nur weiter freuen. Er freue sich ganz genauso. Nur spüre er sehr deutlich jetzt seine Verantwortung als Vater und zukünftiger Ehemann und mache sich eben um die Zukunft Gedanken.
„Typisch Mann“, sagte Margot und lächelte, „ich kriege das Kind und du machst dir die Sorgen“. Sie ließen es dabei.
Aber Herbert grübelte weiter. Schließlich schrieb Herbert an seine Eltern, dass seine Braut und zukünftige Frau (die Hochzeit sei noch im Herbst des Jahres geplant) bereits im Juli ein Kind erwarte und er überlege, ob er sie nicht zu ihnen nach Gelsenkirchen schicken könne, wenn er zur Front müsse. Herbert wusste, dass Margot diese Idee nicht besonders gut finden würde, aber er fand keine bessere Lösung. Die Mutter schrieb ihm zurück, dass seine Frau selbstverständlich bei ihnen leben könne. Der ältere Bruder mit seiner Frau, die gerade ihr zweites Kind bekommen habe, lebe allerdings auch schon bei ihnen, aber Margot müsse eben sehen, wie sie damit zurecht käme. Es könne doch recht eng werden. Sonst sagte die Mutter nichts über Margot und erwähnte auch nicht den Umstand, dass schon ein Kind unterwegs war, obwohl die Ehe noch gar nicht geschlossen wurde. Herbert war froh darüber und dankte ihr in seinem Herzen dafür.
Zwei Tage vor der Hochzeit brachte das Radio die Meldung, Gelsenkirchen sei bombardiert worden.
Etliche Häuser in der Innenstadt waren zerstört. Margot wurde schlecht, als sie das hörte. Sie musste sich übergeben. Das war bisher noch nicht vorgekommen. Als Herbert abends kam, wusste er schon, was passiert war. Er hatte versucht, die Eltern anzurufen. Es war aber keine Verbindung zustande gekommen. Er wirkte beunruhigt und nervös und konnte sich ganz schlecht auf die schönen und erfreulichen Kleinigkeiten und Sorgen konzentrieren, die ein Brautpaar in den Tagen vor seiner Hochzeit eigentlich beschäftigen sollten.
Dann klingelte es und ein Telegrammbote stand in der Tür. Die Wirtin hatte ihn hereingelassen und er blieb auf der Treppe stehen, um mehr zu erfahren. Das Telegramm war für Herbert, aber man hatte es an Margots Adresse gesandt. Herbert riss es auf und sagte eine Zeit lang nichts. Sie fragte nicht. Es war, als wolle sie es lieber nicht wissen.
„Es ist von zu Hause“, sagte er schließlich leise.
„Was ist passiert?“ Sie sprach ganz langsam. Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben.
„Das Haus ist im obersten Stock zerbombt. Vater und Mutter waren mit Wilma auf der anderen Straßenseite im Luftschutzkeller. Es geht ihnen wohl gut. Na ja, den Umständen entsprechend, denke ich. Werner und Rudolf wollen noch heute kommen und mit aufräumen helfen. Sicher kann man noch was retten.“
Er schwieg.
„Na, Gott sei Dank!“, sagte Margot erleichtert. „Es hätte schlimmer werden können.“
Und weil Herbert immer noch schwieg und das Telegramm anstarrte, fragte sie besorgt: „Was ist denn? Steht noch was drin?“
„Ich soll sofort kommen und ihnen helfen“, sagte er. Es klang ein wenig kläglich.
Margot sah ihn liebevoll an. „Wie schwer es ihm fällt, mir das anzutun!“, dachte sie gerührt. „Schade, wir wollten ja eigentlich gleich morgen nach der Hochzeitsfeier losfahren. Aber weißt du, wir machen es dann eben so: Wir verschieben die Hochzeitsreise um eine Woche und du fährst, sagen wir, übermorgen los?“, bot sie ihm an.
Er schwieg.
Dann stand er plötzlich auf. Er ging zum Fenster, sah hinaus und sagte mit einem bestimmten Ton, den sie überhaupt noch nicht an ihm gehört hatte:
„Nein. Ich fahre sofort. Morgen früh um fünf Uhr kann ich den Zug kriegen, dann bin ich gegen Abend da. Sicher brauchen sie mich sofort und nicht in ein paar Tagen“.
„Aber Herbert!“, setzte Margot an. Es klang wie die Stimme eines Vogels, der in eine Falle geraten ist und noch hofft, ganz leicht wieder heraus zu kommen. „Morgen wollen wir heiraten.“
„Das geht jetzt nicht. Wir werden die Hochzeit verschieben.“
„Nein“, sagte sie entsetzt.
„Es sind meine Eltern und ich kann sie nicht hängen lassen“, antwortete er ohne aufzublicken.
„Aber deine beiden Brüder sind doch da und deine Eltern sind gesund.“ Sie machte eine kleine Pause. Ihre Stimme war laut geworden und aufgeregt. Auf ihrem Hals erschienen rote Flecken. „Wir wollen morgen heiraten, Herbert. Ist das denn nichts? Ist das auf einmal unwichtig für dich?“
„Sei nicht albern“, sagte Herbert vom Fenster her. „Heiraten können wir genauso gut in 14 Tagen. Aber das Haus meiner Eltern wurde gestern zerbombt.“
Margot schwieg. Tränen schossen in ihre Augen. Sie sah verzweifelt zu Herbert hinüber. Der blickte sie nicht an.
So standen sie eine lange Zeit, ohne dass einer etwas sagen konnte.
Schließlich löste Herbert sich vom Fenster und kam auf sie zu. Er streichelte ihr übers Haar und meinte:
„Nun lass mal den Kopf nicht hängen, Mädchen! Sei tapfer! Ich komme doch bald zurück.“
„Das können wir doch den Gästen nicht antun“, flehte Margot. „Sie haben doch alles vorbereitet.“ Ihre Stimme brach ab.
„Die werden das sicher auch verstehen, mein Schatz.“
„Aber ich verstehe das nicht“, sagte sie jetzt langsam und betont. In ihrer Stimme schwang jetzt Feindseligkeit und Misstrauen mit. „Soll das heißen, dass deine Familie vorgeht, vor mich und vor unser Kind?“
„Ach, Kleines, du bist einfach durcheinander. Sei nicht ungerecht! Dir macht es doch nichts aus, wenn die Hochzeit erst ein paar Tage später stattfinden kann. Aber meinen Eltern würde ein Helfer fehlen, der vielleicht etwas retten kann von ihren Sachen. Sie haben doch alles verloren.“
„Und das zählt, ja? Und was ich verliere, das zählt nicht?“
„Es sind meine Eltern, Liebes“, sagte er schlicht.
Sie wandte sich ab und sprach kein Wort mehr an diesem Abend.
Am anderen Morgen hatte Margot leichtes Fieber. Herbert fühlte ihre Stirn und machte ihr einen heißen Tee.
„Siehst du, mit einer Erkältung zu heiraten ist sowieso nicht so schön. Bis ich zurück bin, bist du wieder gesund, Liebes“, sagte er. Er begriff nichts, auch nicht warum sie in Tränen ausbrach.
Die Freunde waren bestürzt und voller Mitgefühl. Natürlich erklärten sie sich sofort bereit, die Hochzeit 14 Tage später genau so schön zu feiern. Als Herbert schon abgereist war, kam Margots beste Freundin und setzte sich zu ihr ans Bett. Sie sagten kein Wort. Nur einmal fragte die Freundin: “Hast du geahnt, dass er das so machen würde?“
Margot antwortete lange nicht. Schließlich sagte sie: „Jetzt ist es zu spät. Ich bekomme ein Kind.“
Und wieder schwiegen beide und als es schon dunkel im Raum war, verabschiedete sich die Freundin, denn sie musste den letzten Bus bekommen, der noch nach Dresden hinein fuhr.
Linde Bischof, Blick zurück
In Gelsenkirchen hatte Herbert manches alte Möbelstück retten können, außerdem die gesamte Bettwäsche seiner Eltern. Dass er in den Trümmern beinah abgestürzt war, erzählte er lnicht.
Die Hochzeit wurde 14 Tage nach dem ursprünglichen Termin genau so gefeiert, wie sie geplant worden war. Alle gaben sich große Mühe, die schiefen Töne, die in der Luft hingen, zu ignorieren und zu übertönen. Das große Porzellanservice, das die Freunde den beiden geschenkt hatten, verpackte Herbert am Tag nach der Hochzeit sorgfältig in Kartons und lagerte es im Keller von Margots Mutter ein. Sie wollten es holen, wenn sie ihre eigene Wohnung und genug Platz haben würden.
Nun waren sie verheiratet und sie versuchte zu lächeln.
Zwei Wochen später erhielt Herbert den Frontbefehl. Margot arbeitete weiterhin in dem Kindergarten der kleinen Stadt und wartete auf das Kriegsende, auf ihren Mann und auf das Kind. Sie wartete nicht mehr auf ihr Glück.
Im Februar bekam Herbert Fronturlaub. Sie wohnten nun als Ehepaar zusammen in Margots enger Stube, teilten ihre alltäglichen Sorgen und sprachen über die unsichere Zukunft. An einem Abend färbte sich der Himmel im Osten tief rot. Dort lag Dresden. Ständig gab es Fliegeralarm. Sie verbrachten die Nacht im Luftschutzkeller. Am nächsten Tag erreichte sie die Nachricht vom Bombenangriff auf Dresden. Die Stadt seiner Träume und die Stadt ihres Lebens lag in Trümmern.
Margot weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Am nächsten Tag machte Herbert sich auf, um in Dresden nach Margots Mutter zu suchen. Margot wollte unbedingt mitkommen, aber er ließ es nicht zu, dass seine inzwischen deutlich sichtbar schwangere Frau sich diesen Strapazen und diesen Schrecken aussetzte. So sehr er ihren Mut und ihre Tapferkeit immer bewundert hatte, in einer solchen Situation musste er als Mann die Aufgabe alleine lösen. Er ließ sie weinend zurück und wanderte nach Dresden. Dort traf er auf nichts als auf Flammen, Rauch und Leichen. Er fand das Haus der Schwiegermutter zerbombt vor. Von ihr gab es keine Spur. Der Keller aber war unversehrt. Er entdeckte das Hochzeitsgeschirr, doch als er es auspackte, zerbröselte es in seinen Händen.
Wieder zu Hause angekommen, fand er sie noch immer in Tränen aufgelöst. Sie weinte unablässig über all das, was sie verloren hatte. Da erzählte er ihr lieber nur wenig von den Schrecken, die er gesehen hatte.
Am Tag darauf musste er zurück an die Front.
Ausgeträumte Träume
Kurz vor Kriegsende floh er und wanderte durch das zerbombte Deutschland. Wo er vorüber kam, sah er nur Zerstörung und Leid. Der wunderbare Sommer des letzten Jahres war noch nicht zwölf Monate her, aber Herbert war um Jahre gealtert. Der Krieg, die Erfahrungen an der Front hatten seine Kräfte beinahe aufgebraucht und er wusste, dass er dennoch alle seine Energie brauchen würde bei dem, was jetzt auf ihn zu kam. Er war derjenige, der für die kleine Familie, für ihre Sicherheit und Versorgung verantwortlich sein würde.
Er schlug sich durch bis zum Harz. Dort waren seine Eltern mit den Geschwistern und Enkelkindern nach der Ausbombung bei Verwandten unter geschlüpft und er hatte, wie geplant, seine hochschwangere Frau dort im Schoße seiner Familie untergebracht. Wenige Tage nach seiner Ankunft wurde die erste Tochter geboren. Später zog er mit seiner Familie in das vom Krieg zerstörte Gelsenkirchen, weil er dort Arbeit gefunden hatte.
Wenn in späteren Jahren seine Mutter oder seine Geschwister zu ihnen nach Gelsenkirchen zu Besuch kamen, kontrollierte er vorher heimlich, ob seine Frau auch wirklich oben auf den Türrahmen geputzt hatte. Wenn nicht, sagte er kein Wort, sondern wischte die Türrahmen heimlich selbst ab. Ihn persönlich störte es nicht, wenn seine Frau nicht immer so perfekt putzte, wie er es von zu Hause gewohnt war. Aber er wollte sie nicht der Kritik seiner Familie aussetzen und glaubte sie so zu schützen. Schließlich liebte er seine Frau und seine Familie und war ein aufopfernder Familienvater. Auf den Gedanken, auf den Putzfimmel seiner Verwandtschaft zu pfeifen kam er nicht.
Noch in den ersten Ehejahren hatte Herbert prächtige, kunstvolle Buchdeckel mit Jugendstilornamenten aus Lindenholz geschnitzt. Darin band er die gesammelten Liebesbriefe ein, die er vor der Ehe mit seiner Margot gewechselt hatte. Es wurde ein sehr dickes Buch.
Linde Bischof, Erwartung
Später schrieb er nie mehr lange Briefe. Es war, als hätte er alles, was er je gefühlt und gedacht hatte, damals gesagt und als sei dem nichts mehr hinzuzufügen. Die Zeit der Träume war vorbei.
Er begriff nicht, dass Margot längst aufgehört hatte, die zu sein, die er geliebt hatte. Er begriff nie, warum sie ihr ganzes gemeinsames Leben so unglücklich und unzufrieden blieb und immer eine Fremde war in seiner Heimatstadt.
Margot lebte wie eine Fremde neben ihm. Mit Dresden war für sie das ganze Leben zerbombt worden. Die Gegenwart und ihr jetziges Leben an der Seite eines Mannes, der vor seiner Familie kuschte und deren Arroganz ihr gegenüber nicht einmal wahrnahm, erlebte sie wie eine Galeerenstrafe. Die traurige Veränderung seiner Liebsten in all den Jahren ihres Zusammenlebens beunruhigte ihn, aber er wusste einfach nicht, was er hätte anders machen können.
Dreißig Jahre später, nach ihrem Tod, verblasste in Herbert allmählich auch diese Irritation wieder. Und er dachte an Margot erneut als an das schöne, lebenslustige junge Mädchen, das sie damals in Dresden gewesen war und das zu gewinnen und ein Leben lang bei sich zu behalten ihm erstaunlicher weise gelungen war.
Und dafür war er dankbar.
***
Die ältere Dame hatte aufgehört zu sprechen und sah weiter vor sich hin. Mein Freund schwieg. Es war ganz still im Raum. Man hörte die Autos draußen vorbeifahren.
„Danke für den Kaffee“, sagte schließlich mein Freund. Er stand auf und reichte ihr die Hand. Sie brachte ihn zur Tür und schloss sie ganz leise hinter ihm.
Ende




