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Schattenblumen
Die hat sie ja noch gar nicht ausgesät!’, dachte Horst. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielen würde!
„Du, ich habe ein Päckchen Schattenblumen gefunden“, hatte sie ihm noch gestern erzählt. „Das sind lauter Blumen, die auch im Schatten gedeihen, ganz ohne Sonne und die trotzdem wunderschöne Farben entwickeln.“
Der Gartenblumenstrauß
Er hatte abgewunken. Natürlich, ihr Häuschen würde später, wenn es gebaut war, von der Nordseite her zu begehen sein. Da könnten diese Blumen dann entlang des Weges zum Haus stehen. Es würde sicher hübsch aussehen neben dem alten Kirschbaum, den sie hatten retten können, als die Baugrube ausgehoben worden war. Aber vorerst war diese Gegend ihres Grundstücks noch lange nichts als Baustelle. Sie würden das Säen der Schattenblumen auf das nächste Frühjahr verschieben müssen.
Und jetzt, während er ziellos und verzweifelt auf dem Grundstück herumirrte wie ein losgerissener Zweig, jetzt fiel ihm gerade dieses Samentütchen in die Hände. Sie würde die Samen nie mehr aussäen können.
Wieder schnürte ihm der Schmerz die Kehle zu. Dennoch begriff er es immer noch nicht wirklich.
Vor einer Stunde war der Anruf ihrer ältesten Tochter gekommen. Irgendwo hatten sie also seine Handynummer gefunden. Es war schon gestern passiert, auf der Autobahn, bei ihrer Rückfahrt. Er wusste nicht wie. Irgendwann würde er auch das erfahren.
Sie hatte nicht wie sonst eine SMS geschickt, wenn sie zu Hause angekommen war. Das hatte ihn gleich beunruhigt. Abends, spät am Abend, in der Nacht nahm sie den Telefonhörer nicht ab. Horst hatte versucht, sich plausible, harmlose Erklärungen dafür zurechtzulegen Er schlief unruhig. Am Morgen meldete sie sich noch immer nicht. Er bekam Angst.
Gegen elf Uhr am Vormittag war dann der Anruf gekommen. Seit dem wusste er nun Bescheid.
Er merkte, dass er noch immer kopflos und planlos herumlief. Die kleine Baustelle, die noch gestern der Ort der Hoffnungen auf ein gemeinsames Glück gewesen war, wirkte trostlos auf ihn. Nur der hintere Teil des Geländes, wo der alte Garten lag, strahlte in tiefem Maiengrün – so wie gestern auch. Alles war mit Löwenzahntupfern überschüttet. An wenigen Stellen leuchteten schon Blüten in klaren Farben, wo sie gestern zusammen die neuen Pflanzen gesetzt hatten. ‚Sie alle werden nun länger leben, als sie es konnte!’, dachte er verstört.
Er stellte sich den Sommer vor, den sie hier gemeinsam hatten verbringen wollen, diesen und die vielen danach. Er hörte sie rufen, er sah sie strahlend und gerötet von der Anstrengung und der frischen Luft zwischen den Bäumen hervortreten. Er fühlte ihre körperliche Nähe wie ein sanftes Netz, in das er sich jederzeit fallen lassen konnte. Dann wurde ihm wieder klar, dass sie nie mehr durch diesen Garten gehen würde. Er musste sich setzen. Plötzlich brach er in Tränen aus.
Am Abend fiel ihm ihr gemeinsames „Bau- und Garten-Buch“ in die Hände. Hier hatte sie gestern alle bunten Samentütchen eingeklebt und sorgsam daneben geschrieben, wann sie und wo sie die Blumen gesät hatte und was bei ihnen zu beachten sein würde.
Der Anblick dieser leuchtenden Seiten bestürzte ihn erneut. Er fing an, die einzelnen Abbildungen genau zu betrachten und alles zu lesen, was sie daneben vermerkt hatte. Und vor seinen Augen fing nun der Garten an zu blühen. Jedes Hochbeet, jede neu bepflanzte Stelle lockte und rauschte in duftenden Farben, strotzte vor Leben, zeugte von Liebe und Schönheit. Alle Blüten sprachen ihm von ihr: die robusten unverwüstlichen Ringelblumen am Kompostbeet, die freche Kapuzinerkresse daneben, die zarten, wogenden Cosmeen und dazwischen wie ein Dufthauch das Schleierkraut, darum herum ein Kranz von Wicken in allen Rosa und Violetttönen. Auf dem Sonnenhochbeet am Zaun tanzten unbezwingbare Feldblumen, daneben wippten üppige Löwenmäulchen. Am Zaun entfalteten die blauen Blüten der Kletterwicke ihre kühle Schönheit. An der Wasserstelle neben der Baumwurzel leuchteten die Adonisröschen knallrot. Die Farbe ließ ihn erschrecken. Er dachte unwillkürlich an Blut. Er wollte nicht an Blut denken.
Gestern hatte sie all diese Samen gelegt. In wenigen Wochen würden sie zum Leben erwachen. Sie hatte Leben gespendet für diesen ihren Hoffnungsgarten. Und dann war sie gegangen. Für immer.
Plötzlich war die Blumenvision erloschen. Traurig blickten ihn die gemulchten, kahlen Frühjahrsbeete an. Noch war der Traum nicht aufgegangen. Horst verspürte plötzlich den Impuls, hinzugehen und alle Saat wieder herauszureißen. Sie konnten, sie sollten nicht blühen, wenn ihr Leben vergangen war!
Aber er stand nur weiter sprachlos da und spürte, wie sich wieder seine Kehle zuschnürte.
Am Bau ging alles weiter wie geplant und festgelegt. Und die Natur feierte den Sommer, unbeeindruckt von seinem Unglück.
Horst pflegte die Pflanzen und Beete, die sie gemeinsam angelegt hatten, mit Hingabe. Er kannte all die Zeiten auswendig, an denen die verschiedenen Blumensamen aufgehen sollten. Er begrüßte jeden Keimling so, als brächte der für ein kleines Stückchen seine Frau zu ihm zurück. Er wachte über sein Heranwachsen mit Argusaugen. Später rettete er die Blumen vor Schnecken und vor der Trockenheit und die Blüten erfreuten sein erfrorenes Herz wie der Widerschein der Sonne.
Irgendwann im Herbst stand dann auch das Haus, das sie nie betreten würde und das sie nicht mehr sehen würde. Dabei war alles für sie erdacht gewesen.
Dann kam der Winter. Die Blumen vergingen. Horst fühlte sich alleine. Es wurde sehr kalt und sehr still. Der Frost ließ alles erstarren.
Aber als der Frühling wieder kam, säte Horst entlag des Weges zu seinem Haus die Schattenblumen. Tatsächlich, sie blühten.
