Archive für 22.11.2008

Die Entscheidung

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Linde Bischof,  Frau vor blauer Grotte

 .

Ausgerechnet! Ausgerechnet jetzt!

Jenny stand hinter der Gardine im Wohnzimmer und sah auf die Straße hinab. Es war später Nachmittag im März. Ganz allmählich wurde es dunkel draußen.

Es war ihre Traumstelle. Genau auf diese Stelle wartete sie, seit sie ihre Ausbildung als Modezeichnerin abgeschlossen hatte. Das waren jetzt schon mehr als zwei Jahre. Fast hatte es so ausgesehen, als gäbe es solche Stellen überhaupt nicht, als gehörten sie ganz einfach in das Land der Träume. Als zählten sie zu den Dingen, die man sich wünschen, die man sich an satt blauen Sommertagen ausmalen kann, die aber immer nur schöne Träume bleiben werden.

Seit diesen zwei Jahren jobbte Jenny als Bürogehilfin und abends zeichnete sie manchmal Mode für ihre Freundinnen, ganz selten auch mal für eine Illustrierte. Aber mehr als ein Job als freie Mitarbeiterin war bisher für sie nicht drin gewesen.

 

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Der Zettel

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Linde Bischof,  Nachdenken

 Die Frau schloss die Tür auf. Es war still in der Wohnung. Sie atmete auf.

Marion stellte ihre Handtasche im Flur ab und zog den Mantel aus. Der Flurspiegel zeigte ihr eine erschöpfte Frau mittleren Alters. Ihre Bemühungen um ordentliches Aussehen waren auch nach den fünf Stunden Arbeit noch zu erkennen. Der Rock aber sah zerknittert aus. Unter ihrem rechten Auge färbte die Wimperntusche ab. Oder hatte sie etwa schon wieder Augenringe? Es fiel ihr immer schwerer, sich morgens in die adrette, gepflegte Sekretärin zu verwandeln, wie es in diesem blöden Job seit Jahren von ihr verlangt wurde. Sie versuchte den hochhackigen Schuh am linken Fuß wegzuschleudern. Aber er blieb am Fuß kleben. Sie musste sich herunterbücken, um den Schuh abzustreifen. Die ersten Schritte in den Birkenstockhausschuhen erlebte sie wie immer als eine kleine Wiedergeburt.

Bevor sie ins Schlafzimmer ging, um auch den Rest ihrer Berufsuniform abzulegen und sich in die lässigen Klamotten zu werfen, die sie zu Hause trug, ging Marion ins Wohnzimmer. Irgendetwas war ihr eingefallen, was sie von dort holen wollte.

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Der fünfte Goldfisch

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Linde Bischof, Die Siegerin

 Thore stand vor der Haustür und sah ihr nach.
Der dunkelrote BMW würde gleich um die Ecke auf die Dorfstraße einbiegen.

 Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihr Gesicht noch sehen, ihren zusammengepressten Mund und die harten, angespannten Züge. „Alte Hexe“, dachte er. Wie gut, dass er sie für ein paar Stunden nicht würde ansehen müssen!

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Jürgen

Variation zu Wohmann

Ich werde nicht einschlafen können, ich sehe es schon kommen. Kathrins Erzählung geht mir nicht aus dem Kopf.
Sie hat Julia auf der Bahnhofstraße gesehen, zusammen mit einem jungen Mann. Ich habe nichts dazu gesagt. Was soll ich sagen? Ich habe ja sowieso keinen Einfluss auf meine Tochter. Die Kinder sind doch sowieso Kathrins Kinder. Die Zeiten, wo ich mich über so was aufregen konnte sind doch längst vorbei.
Wenn unten auf der Straße ein Auto vorbeifährt, huscht das Scheinwerferlicht über die Schlafzimmerdecke. Das ist wohl schon immer so. Ich habe es noch nie bemerkt.

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Linde Bischof, verwickelte Welten

Warum bloß beschäftigt mich die Vorstellung so sehr, dass Julia mit einem Mann über die Bahnhofstrasse zieht? Wäre ich denn vielleicht zusammengezuckt, wenn ich den beiden unerwartet begegnet wäre? Ich glaube kaum. Was also macht mich so betroffen an dem, was Kathrin erzählte?

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Der böse Hahn

 

 „Danke“, sagt sie und lächelt ihm zu. Noch vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen. Bernd hat sich wirklich verändert. Sie hat es also nicht umsonst getan.

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Linde Bischof, spontaner Auszug

 Jetzt ist sie ihm wirklich dankbar, dass er die beiden Kleinen an ihren Anorakärmeln gefasst hat und nun zur Wohnungstür hinaus bugsiert. Es wird gut tun, an diesem Sonntagmorgen noch ein wenig Ruhe zu haben, bevor es losgeht.

Bernd hat vor ein paar Tagen sogar gefragt, ob es ihr auch Recht sei, dass seine Mutter an diesem Sonntag zu Besuch käme. So was hat er noch nie getan. Und mit Blick auf ihr verbundenes Handgelenk hat er besorgt hinzugefügt. „Vielleicht ist es dir zu viel, Liebes, nach all dem?“ Ein Besuch von Monika war Kathrin eigentlich immer zu viel, aber sie wollte den Kindern und Bernd die Freude nicht verderben. Und wäre es nicht albern, Angst vor der eigenen Schwiegermutter zu haben? Und diesmal wird Bernd ihr beistehen.

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Die Bettnachbarin

 Erzählung

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the last rose

Geschichte einer Liebe im Krankenhaus auf der Ontologischen Station.

Irene beobachtet ihre ältere Mitpatientin, die wegen Brustkrebs nun schon zum dritten Mal eingeliefert wurde. Während sie noch über die Gemeinheit und Sinnlosigkeit des Lebens philosophiert, das ein so trauriges und hartes Schicksal zulässt, erlebt sie, wie für ihre Bettnachbarin - sozusagen im Angesichte ihres Todes - eine Liebesgeschichte beginnt. Hin und her gerissen zwischen Neid, Angewidertheit und Ärger ergreift sie schließlich für die Liebenden Partei und damit auch für sich selber..

22. September


Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.
Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.
Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.
Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.
Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.
Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.

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Träume und Albträume

  lb-vision.jpg  Linde Bischof, Vision

Vor einiger Zeit sah sich ein Freund von mir bei einer Haushaltsauflösung um. Er ist ein Sammler besonderer Bücher und hoffte, im Nachlass des verstorbenen alten Herrn etwas Interessantes zu finden. Als er im Bücherschrank einen dicken, handgebundenen Band entdeckte, sah er ihn sich genauer an. Der Lederrücken hielt die aus rohem Lindenholz gefertigten Buchdeckel zusammen, in die liebevoll Pflanzenornamente geschnitzt waren. Zwei schmale Lederbänder waren zur Schleife gebunden. Als er sie öffnete, sah er, dass es sich um viele Dutzend handgeschriebener Briefe handelte. Alle waren aus den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges datiert und es wechselten je ein Brief in einer exakten, klaren Handschrift mit Seiten, die mit einer fast fröhlich anmutenden Schrift aus runden, vollen, ein wenig verspielten Buchstabenketten bedeckt waren.

Mein Freund hatte sich mit dem Band auf einen der verbliebenen Wohnzimmerstühle gesetzt und wollte sich gerade in seinen Fund vertiefen, als ihm die Tochter des Verstorbenen, selbst schon eine ältere Dame, auf die Schulter tippte.

Es tut mir Leid, die Briefe sind nicht verkäuflich. Ich hätte sie vorher an mich nehmen sollen. Entschuldigen Sie bitte. Es sind die Liebesbriefe, die sich meine Eltern vor ihrer Hochzeit geschrieben haben“, sagte sie etwas verschämt.

Mein Freund entschuldigte sich und mit einem Blick auf den dicken Band fügte er freundlich-höflich hinzu: „So viele Briefe. Das muss ja eine große Liebe gewesen sein!“

Die Dame zögerte einen Moment und meinte dann mit einem süß-saueren Lächeln: „Das kann man eigentlich nicht direkt sagen. Meine Mutter war während ihrer langen Ehe immer eine traurige und unglückliche Frau.“

Mein Freund sah sie erstaunt an. „Was ist passiert?“, fragte er und merkte im gleichen Moment, dass er zu weit gegangen war. Das ginge ihn nun wirklich nichts an, entschuldigte er sich sofort.

Die Frau blickte ein paar Sekunden nachdenklich vor sich hin. Dann sah sie ihn an. „Wissen Sie, ich habe mir gerade eine Kanne Kaffee gekocht. So eine Haushaltsauflösung ist anstrengend, auch für die Seele. Jetzt sind alle fortgegangen, Sie sind der Letzte. Wenn Sie Lust haben, trinken wir einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen die Geschichte? Irgendwann muss sie ja mal erzählt werden.“

Und so kam es, dass mein Freund nicht den Briefband aber dafür diese Geschichte mit nach Hause brachte.

 

***

Der Unteroffizier

Als der Feldwebel Herbert Binder aus Gelsenkirchen im Jahre 1940 als Flugzeugtechniker in Dresden stationiert wurde, erschien ihm diese Stadt als die Erfüllung all seiner Träume.

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Aus Wildnis und Tiefgarage

Fabeln

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sowas bevölkert mitunter meine Träume

Nur die aller dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber…

Ein Wolf trottete durchs Land und kam an einem Kälberstall vorbei. Die Kälber darin blökten aufgeregt und der Wolf lugte neugierig durchs Fenster.
“Was ist bei euch denn los?”, fragte er und überlegte, ob er es wagen könnte einzusteigen und ein kleines Kalb mit sich fortzureißen.
“Wir diskutieren. Morgen ist Wahl!”, verkündigte ein Kalb stolz.
“Was für eine Wahl?”, fragte der Wolf erstaunt.
“Schlächterwahl!”, sagte das Kalb altklug. „Der Fuchs war hier und hat uns mitgeteilt, dass wir in diesem Jahr den besten Schlächter wählen dürfen. Und der, den wir auswählen, der darf uns dann schlachten.”
“Der Bruder Fuchs ist ein Scherzbold”, grinste der Wolf. Aber als er merkte, dass es die Kälber ernst meinten, fragte er: “Und was muss er können, euer Kandidat?”
“Stark muß er sein und schön”, schwärmte das erste Kalb.
“Viele von uns sind auch dafür, dass es vor allem ein Schlächter mit Tradition sein sollte, einer, der schon unsere Eltern und Großeltern geschlachtet hat. Da weiß man doch, was man hat”, ergänzte ein anderes Kalb.
Der Wolf entschloss sich spontan, zu kandidieren, weil er sich große Chancen ausrechnete.
Aber die Kälber entschieden sich für den Schlächter vom Schlachthof am Dorfanger. Denn dort waren ihre Eltern schon hingegangen, wenn es so weit war. Außerdem blinkte dort neben dem Eingang eine silberne Tafel in der Sonne, auf der stand: “Schlachthof Weißenhagen”. Die gefiel den Kälbern ausnehmend gut. Sie erinnerte an die Zinnen eines Schlosses.
Der Wolf ärgerte sich und verfluchte den Fuchs, der diesen dummen Tieren so viel Entscheidungsfreiheit zugestanden hatte. Der Fuchs aber kannte einen Durchschlupf zum Schlachthof, und fraß er sich dort an den ausgeweideten Gedärmen nach Herzenslust satt.

Die Freiheit der Mütter

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Wildschweinszene aus dem Kurpark in Bad Sassendorf

Ein wilder Eber stand mit hängender Zunge am Zaun und guckte sich die Augen aus nach einer dicken rosa Sau, die hinter dem Zaun in einem Gehege mit ihren Kindern im Schlamm wühlte.
“Guten Morgen, Gnädige Frau!”, sprach er sie errötend an. “Würde es Ihnen vielleicht gefallen, mit mir zu kommen und im freien Wald zu leben?”
“Warum sollte ich das tun?”, fragte die Sau erstaunt. “Bleib im Lande und nähre dich redlich! Das ist mein Wahlspruch.”
“Wenn Sie mit mir kommen, werden Sie ganz neue, aufregende Dinge kennen lernen, wunderbare Dinge, die eine so schöne Frau erleben sollte, Dinge, von denen Sie hier nur träumen können”, raspelte der Eber sein Süßholz weiter.
“Ich weiß nicht recht”, überlegte die Sau und kaute nachdenklich auf dem Stück Rübe herum, dass sie soeben gefunden hatte. “Ich lebe eigentlich gerne hier im Gehege.”
“Ich ziehe die Freiheit vor, Gnädigste”, grunzte der Eber mit tiefer Stimme.
“Warum sollte ich mit dir kommen? Mir geht es hier doch gut. Wir haben hier alles, was wir brauchen”, flötete die Sau.
“Bis auf die Freiheit der Wälder, gnädige Frau”, grunzte der Eber und verdrehte verführerisch seine Augen. “Ich könnte sie Ihnen bieten.”
“Was bringt denn deine Freiheit”, fragte sie skeptisch. “Kriegen eure Säue etwa keine Kinder?”
“Doch, natürlich. Aber”, verkündete der Eber voller Stolz, “unsere Kinder sind gestreift.”

Die Katze am Feuer

Vor dem Kamin rollte sich schnurrend ein kleines Kätzchen zusammen. Der Hund des Hauses kam und legte sich daneben. Nach einer Weile fragte er: “Warum liegt man hier? Es ist doch furchtbar heiß, findest du nicht!”
“Ich finde es wundervoll hier”, surrte das Kätzchen und streckte wohlig seine Glieder.
Der Hund stand auf, schüttelte seinen Kopf und trottete davon.
Als er um die Ecke verschwunden war, sprang die Katze auf und leckte sich aufgeregt am Rücken. “Das wäre beinah schief gegangen, hab mir ja das Fell schon angesengt. Aber was tut man nicht alles, um einem dummen Hund zu zeigen, was wirklich gut ist im Leben.”

Die Hornissen

Zwei Hornissen kreisten mit ruhigen Bewegungen um ein Wespennest und warteten darauf, dass eine Wespe heraus käme, die sie fressen könnten.
“Hilfe, eine Hornisse”, rief ein Kind und rannte entsetzt zu seiner Mutter. “Schlag sie tot, schlag sie tot!”
Die Mutter eilte erschrocken herbei und hatte schon das Gift zur Hand. Sie hatte sich Hornissen viel größer vorgestellt. Außerdem flogen sie vor dem Wespenloch.
“Ach was, das sind doch nur Wespen, mein Schatz”, beruhigte die Mutter den Sohn.
“Manchmal ist es sehr praktisch, wenn man unterschätzt wird”, sagte die Hornisse zu ihrer Schwester.

Das Tiermeinungsinstitut

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Libelle

“Was, lieber Frosch, würdest du zu deinen größten Qualitäten zählen?”, fragte die Libelle, die bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt war.
“Manche sagen, der Geschmack meiner Schenkel. Manche sagen, mein Gequake. Andere sagen meine Fortpflanzungsfähigkeit.”
“Und was sagst du selber, Frosch?”, wollte die Libelle wissen und zückte ihren Bleistift.
“Dass die meisten Menschen mich eklig finden und meine Schenkel deshalb verschmähen.”

“Wen würden Sie in diesem Jahr als Bundeskanzler wählen, liebes Wildschwein?”, fragte die Libelle, die bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt war.
“Wenn ich ehrlich sein soll: mich oder keinen”, antwortete das Wildschwein.

“Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen?”, fragte die Libelle ein Pferd. Sie war bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt.
“Was soll ich sagen?”, lachte das Pferd. „Wozu denn Zahncreme? Meine Zähne sind doch auch so schön gelb.“
“Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen?”, fragte die Libelle als Nächstes einen Bernhardiner.
“Wenn ich sage, keine, kriegen Sie dann trotzdem Ihre Prämie?”, fragte der Hund besorgt.
“Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen”, fragte die Libelle schließlich noch eine Kuh. „Ach, gehen Sie mir weg mit diesem neumodischen Zeug. Was sollen wir denn noch alles mit unseren Zähnen anstellen? Wir kauen doch schon den ganzen Tag wieder.”
Da gab die Libelle entnervt die leeren Fragebögen an ihr Institut zurück und dachte sich selber ein schöneres Thema aus.
“Was bedeutet für Sie ‚Frühling’, fragte sie schwärmerisch die Kuh.
Die Kuh verdrehte die Augen und unterbrach ihr Kauen. „Na, Graflie.”
„Wie bitte?“, fragte die Libelle irritiert.
“Na, Gras und Fliegen. Nichts ist vollkommen”, sagte die Kuh und kaute weiter.

Cheese

Ein Emu stand auf einer Wiese und schaute in die Kamera.
„Sagt mal “Cheese”, sagte der Fotograf.

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den kennt jeder?

Der Emu konnte kein Englisch.

Das hässliche junge Entlein

Drei Enten saßen in der späten Abendsonne am See und putzten sich.
Ein Schwan segelte in einiger Entfernung vorbei, ohne her zu sehen. Er glänzte in der Sonne und schien über das Wasser zu schweben.
“Wie eingebildet er ist!”, sagte die eine Ente empört.
“Seit dieser Anderson uns die Geschichte mit dem hässlichen jungen Entlein angedichtet hat, ist es noch schlimmer mit ihnen geworden”, seufzte die andere.
“Stimmt! Ich hatte letztes Jahr schon wieder so ein daneben geratenes Kind”, erzählte die dritte Ente aufgebracht.

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“Ein Schwanenkind?”, fragten die beiden ersten verblüfft.
“Nein, eben ein hässliches Entlein: Der Schnabel war krümmer als er sein sollte und außerdem schielte es.
“Eben, ein Schwanenkind, ich sag’s ja!“, grummelte die erste Ente und sah dem Schwan böse nach.

Im Parkhaus

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aufgemotzter Clio

“Mach dich nicht so breit”, fauchte der Audi den Mercedes an, der leicht schief in seiner Parklücke thronte. “Du hältst dich wohl für was besonderes, was?”
“Natürlich bin ich das”, sagte der Mercedes dezent. “Kennen Sie den: “Ein Mercedes ist ein Auto. Kennen Sie noch andere Autos” “Den Smart?” Gut nicht?”
“So was blödes! Der Witz geht ganz anders. Ein Audi und ein VW standen an einer Ampel….”
“Wie primitiv”, sagte der Mercedes und ließ das Schnapprollo am Seitenfenster herab.
Ein BMW, der alles gehört hatte, lächelte still in seine Knatschzone hinein.

Geisterstunde in der Autowerkstatt

Als es Mitternacht wurde, sagte der alte Käfer mit müder Stimme.
“Jetzt wollen sie mich noch mal flott kriegen! Aber soll ich euch was sagen: Ich will nicht mehr. Ich will einfach meine Ruhe. Kennt Ihr den Autofriedhof am Stadtausgang nach Mülheim?”
“Also da möchte ich nicht begraben sein!” tönte ein Opel Corsa. „Der hat doch wirklich keinen guten Ruf, oder? Aber bei mir ist es ja noch lange nicht soweit.”
“Der Autofriedhof in Essen-Altenessen ist viel romantischer”, meldete sich ein alter Mitsubishi. Da kommen Altwarenhändler und schlachten einen aus. Und vielleicht kommt dann deine Batterie oder deine Kupplung noch mal unter die Lebenden. Stellt euch das vor. Fast wie eine Wiedergeburt!”
“Was quatscht ihr hier von Autofriedhöfen und Autowracks!”, zischte ein roter Porsche, der hochgebockt war und mit allen vier Rädern in der Luft hing. Was ist das für ein unsportliches Denken für einen PKW? Man muß sich ja schämen!”
“Hast du den gesehen?”, flüsterte der Käfer dem Opel Corsa zu. Vorne ist alles eingedrückt und das ganze Fahrgestell ist verzogen. Er ist ja eigentlich noch ganz neu. Zulassung vor zwei Monaten. Na, ich sage nur Totalschaden. Wahrscheinlich Essen-Altenessen.”

Freunde im Unglück

Als alles ringsum lichterloh brannte, rannten Fuchs und Hase um ihr Leben Seite an Seite zusammen aus dem Wald heraus.
Als sie am Abend in einer sicheren Gegen angekommen waren, meinte der Hase:
„Siehst du Fuchs, es geht doch auch so! Wir haben die gleichen Interessen und könnten Freunde sein.“
„Solange der Wald brennt, mein Freund, mag das stimmen“, sagte der Fuchs und biss dem Hasen das Genick durch.

Vorsicht Wildwechsel

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Die Rehmutter stand mit ihrem Kitz in der Dämmerung an einer Landstrasse. Sie beobachteten den Verkehr.
„Da möchte ich nicht rüber gehen müssen“, sagte das Kitz verängstigt.
„Aber das ist doch ganz einfach. Mir hat der Dachs den Trick verraten. Wenn du da rüber willst, musst du einfach abwarten, bis eins von diesen lauten Ungeheuern vorbeigesaust ist. Wenn du erst hinter ihm hinüber läufst, dann es dich nicht mehr treffen“, erklärte stolz die Mutter.
„Aber wenn noch eins kommt?“ fragte ängstlich das Kitz.
„Dann musst du das auch noch abwarten.“
Und wenn gar keins kommt?“
„Dann wartest du eben geduldig, bis eins kommt, mein Kind.“

Der verteilte Wald

„Der Wald ist schon verteilt!“, dröhnte der mächtige Hirsch. „Wir wollen keine fremden Tiere mehr hier in unserem Wald. Du musst wieder fortgehen von hier, dahin, wo du herkommst, Schakal!“
„Ich will ja gar kein Stück Wald“, beteuerte der Schakal beschwichtigend.
Die aufgeregten Tiere beruhigten sich allmählich. „Nein, ich würde euch doch nie euren Wald wegnehmen! Bleibt bitte, um Gottes Willen, alle hier. Ich werde hier nicht einmal Wohnung nehmen. Ich möchte doch nur ab und zu zu Besuch kommen“ lächelte er und drehte den Kopf weg, damit die anderen Tiere das Blecken seiner gelben Zähne nicht sehen konnten. „Und dann, meine Freunde, würde ich mich freuen, den einen oder den anderen hier anzutreffen.“
„Ja, wenn das so ist“, dröhnte der Hirsch. Keiner soll uns nachsagen, dass wir hier nicht gastfreundlich wären.“

Liebe

„Ich liebe Schubert“, schwärmte die Forelle. Er war unser Freund, weisst du“, belehrte sie den Karpfen.
„Kein Wunder“, murmelte der. „Aber ich hasse Silvester“.

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Im Jahre 5 nach Hartz IV

vor drei Jahren noch Ironie und unglaublich - heute in weiten Teilen Realität ……..

Im Jahre 5 ab Hartz IV

Frau Steinbürger wirft einen prüfenden Blick auf ihre Tochter. Marietta sitzt am Küchenfenster und macht Schularbeiten. Dort ist es um diese Tageszeit noch hell genug.

Dann sieht sie auf die Uhr über dem Küchentisch. Für den Bruchteil einer Sekunde ist sie überrascht. 15 Uhr? Das kann doch gar nicht sein. Dann fällt es ihr wieder ein: Die Küchenuhr ist vor zwei Tagen stehen geblieben. Sie müsste neue Batterien kaufen. Vielleicht übermorgen, da hat sie den Auftrag von Familie Griebert, die geben immer großzügig Trinkgeld. Bis dahin wird es sicher auch mal so gehen. Die alte Armbanduhr ihrer Mutter, die sie noch gefunden hat, tut ja noch ganz zuverlässig ihren Dienst, wenn man es schafft, sie rechtzeitig aufzuziehen.

Es ist gleich sechs. Die Männer werden sicher bald kommen.

Frau Steinbürger deckt den Abendbrottisch. Gut, dass sie bei Aldi noch einige Packungen von dem billigen Vollkornbrot ergattert hat! Das schmeckt wenigstens einigermaßen. Wie gerne würde sie ihrer Familie mal wieder ein richtig leckeres Brot mit Sonnenblumenkernen kaufen. Aber das ist einfach nicht mehr erschwinglich heutzutage. Das gibt es nur in einem richtigen Bäckerladen und kostet unglaubliche 4 Euro 50 das Pfund!

Martina Steinbürger stellt ihre Abendbrotkostbarkeiten auf den Tisch. Wirklich ein Glück, dass es die Discounter gibt und dort die Sonderangebote mit den gerade abgelaufenen Lebensmitteln. So kann sie heute Abend sogar Edamer und Schinkenspeck auftischen! Auch Butter hat sie heruntergesetzt bekommen. Gerne hätte sie noch fünf oder auch sechs Stück dazu genommen und sie eingefroren. Aber seit vor zwei Jahren die Tiefkühltruhe kaputt gegangen ist, geht so etwas leider nicht mehr. Eine neue ist nicht drin. Vielleicht können sie sich eine Reparatur leisten, wenn Swen im nächsten Jahr wirklich die Stelle von Werner Hofmann bekommt. Das wäre wunderbar, denn lange können sie alle allein von ihrer Arbeitslosenhilfe und ihren Trinkgeldern, die sie für ihre Wochenendeinkäufe bekommt, nicht leben.

Mutter hat es damals ja gleich gesagt, als sie zum zweiten Mal schwanger geworden war: Zwei Kinder kann man sich einfach heute nicht mehr leisten, wenn man keine richtige Arbeit hat. Dabei hatte sie ja schließlich damals noch richtige Arbeit als Bibliothekarin in der Stadtbücherei. Aber Swen studierte noch. Wahrscheinlich hatte Mutter auch damals schon Recht. Und inzwischen ist ja auch alles noch sehr viel schwieriger geworden.

Es wird tatsächlich schwer werden, auch noch Marietta groß zu kriegen und ihr eine vernünftige Ausbildung zukommen zu lassen. Eine gute Ausbildung ist doch immer noch eine echte Chance. Natürlich ist sie keine Garantie. Ihr Mann Swen hat schließlich nach seinem Architekturstudium vor sieben Jahren bis heute keine entsprechende Stelle gefunden. Und an ein eigenes Büro ist nicht zu denken. Die Ich-AG damals war ein Reinfall. Sie sind da gerade mit einem blauen Auge wieder herausgekommen. Gegen die großen Haie in diesem Berufszweig kommt keiner an. Aber er gibt nicht auf, ihr Mann. Frau Steinbürger muß lächeln. Sie ist stolz auf Swen. Und gerade jetzt sieht es auch wirklich ganz gut aus, jetzt, nachdem das Bauamt seinen Antrag positiv beschieden hat und er ein weiteres Jahr ehrenamtlich dort arbeiten darf. So was zählt eben. Das wird anerkannt. Jetzt hat man ihm sogar einen eigenen Schreibtisch gegeben. Er zeigt aber auch wirklich guten Willen! Bestimmt werden sie ihm im nächsten Jahr die Stelle von Werner geben! Das wäre dann endlich ein Anfang. Immerhin läuft die Stelle zwei volle Jahre!

Das Klingeln an der Haustür scheucht Frau Steinbürger in ihren Gedanken auf. Ihr Sohn kommt die Treppe herauf, er nimmt zwei Stufen auf einmal. „Ich hab die Praktikumsstelle, Mama!“, ruft er ihr aus dem Treppenhaus entgegen.

Wie froh sie ist. Er hat es also geschafft. „Und wie viele sind in die dritte Praktikumsrunde rein gekommen?“, fragt sie voller Spannung. „Nur zehn Leute. Zwei Stellen wird es dann am Ende des Praktikums geben, zwei richtige Lehrstellen. Zwei auf zehn Mann. Das ist doch eine echte Chance, nicht?! Frau Steinbürger schaut in das glückliche, angestrengte Gesicht ihres Sohnes.

Wie lange hat er schon versucht, endlich einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Nun könnte es tatsächlich bald soweit sein. Doch obwohl Frau Steinbürger sich freut, muss sie dennoch unwillkürlich seufzen. Der Sohn sieht seine Mutter an. „Du siehst aber gar nicht richtig glücklich aus, Mama“, beschwert er sich.

 

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  Dein Vermögen musst du sowieso offen legen, Eulenspiegel

„Hoffentlich kriegt Papa wirklich die Stelle, Jens. Wenn wir dann zusätzlich deine Lehrstelle bezahlen müssen, wird es sonst ziemlich eng für uns.“

„Die Mutter von Jenny hat gesagt, dass früher Lehrlinge Lohn bekommen haben“, schaltet sich Marietta vom Küchenfenster aus ein.

„Erzähl keinen Quatsch!“, mault sie der große Bruder an. Er hat schon am Tisch Platz genommen und schmiert sich die erste Schnitte.

„Warte doch, bis Papa auch da ist, Jens!“ Frau Steinbürger sagt das ohne Nachdruck.

„Die Mutter von Jenny hat erzählt, dass früher sowieso alles besser war. Dass da die meisten Leute Arbeit hatten und Geld verdienten. Und die Lehrlinge bekamen eben auch Lohn, schon im ersten Lehrjahr“, fängt Marietta wieder an.

„Lass dir doch nicht so einen Bären aufbinden! Es ist doch ganz klar: Wenn der Betrieb uns ausbildet, muss er Zeit investieren und zahlt also drauf. Und wir bekommen doch schließlich was, wir bekommen eine Ausbildung. Warum sollten sie uns die schenken?“ Jens sieht seine Schwester verärgert an. „Ich kann froh sein, dass Kurtmüller überhaupt dieses Jahr bereit sind, zwei Lehrlinge zu nehmen.“

„Du bist echt doof, Jens! Du arbeitest doch für die. Die verdienen doch an dir!“, kommt es spitz von Marietta zurück. Auch sie greift jetzt nach der ersten Schnitte. Aber sie lässt nicht locker.

„Ich weiß nicht, Marietta, du solltest vielleicht nicht dauernd bei Jenny zu Hause herumhocken“, murmelt die Mutter beunruhigt.

„Das scheinen richtige Aufwiegler zu sein. Wir wissen doch alle sehr gut, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Das goldene 20. Jahrhundert ist nun mal schon lange vorbei“, kommentiert Jens den Einwand seiner Mutter.

„Jens hat Recht. Unsere einzige Chance ist doch, dass unsere Unternehmen florieren und zwar hier bei uns. Sonst produzieren sie im Ausland und wir gehen alle ganz leer aus“, ergänzt jetzt die Mutter.

„Und nur wenn es der Wirtschaft gut geht, kann unsere Gesellschaft sich weiterentwickeln und können wir alle hier überleben“, ereifert sich Jens weiter.

„Es gab mal Gesellschaften, da konntest du einen Arbeiter von einem Professor äußerlich gar nicht unterscheiden, weil beide das gleich verdienten, sagt Jennys Vater“, lässt sich Marietta wieder vernehmen.

„Das sind doch alles nur verschrobene Träume, Marietta. Es kann nicht allen Menschen gleich gut gehen. Wer würde sich denn da noch anstrengen? Aber du kannst sicher sein: Irgendwann wird es auch für uns wieder besser. Und bis dahin gilt es, zu akzeptieren, dass es eben auch in unserer Gesellschaft Arme und Reiche gibt, so wie übrigens überall auf der Welt. Es gibt keinen anderen Weg“, belehrt Jens seine Schwester.

„Das sagst du!“, blafft Marietta zurück.

„Kinder, bitte, vertragt euch doch“, schreitet jetzt Frau Steinbürger ein. Sie wirft erneut einen beunruhigten Blick auf ihre Tochter. „Ich glaube, wir fangen doch schon ohne Papa an. Wahrscheinlich muss er wieder Überstunden machen. Er sagte gestern so was von einem Bauantrag der Firma Weissenkeller, wißt ihr die mit der Nudelfabrik, die die Tankstellenkette gekauft haben und denen jetzt auch das Schwimmbad gehört? Und da müsste es eben ein bisschen schneller gehen mit der Bearbeitung, hat er gesagt.“

„Ich finde es toll, dass Papa an so einem wichtigen Projekt mitarbeiten darf. Ich bin allmählich sicher, dass sie ihm die Stelle im nächsten Jahr geben werden, Mama.“ Jens sieht aus wie ein stolzer Sohn.

„Aber Papa arbeitet die ganze Zeit da und kriegt überhaupt nichts dafür!“, wendet Marietta ein.

„Ach, du hast ja keine Ahnung, Marietta, wie schwer die Zeiten sind.“ Die Mutter sieht ein wenig erschöpft aus, als sie das sagt. „ Das ist nicht so einfach. Arbeit bekommt nicht jeder. Man braucht viel Glück und natürlich auch eine gute Ausbildung.“

Für einen Moment scheint der Streit zu ruhen.

Frau Steinbürger setzt sich zu ihren Kindern an den Abendbrottisch. „Seht mal, ich habe Schinken bei Aldi ganz billig bekommen“, sagt sie stolz. „Aber wollen wir nicht erst dass Dankgebet sprechen?“

„Wozu? Für diesen Aldi-Fraß?“, fragt Marietta böse.

„Du bist ungerecht, Marietta“, seufzt die Mutter traurig. „Willst du es sprechen, Jens?“

„Natürlich“, sagt Jens. Er faltet die Hände.

Frau Steinbürger muss plötzlich daran denken, wie sie früher gebetet haben: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast“. Das ist lange her. Viel ist inzwischen passiert. Viel ist auch passiert, seit sie ihre Anstellung in der Stadtbücherei verloren hat, damals, als alle öffentlichen Bibliotheken schließen mussten. Für Kultur hatte der Staat kein Geld mehr.

Aber damals hatte sie ein verdammtes Glück im Unglück gehabt: Sie bekam nach einem Jahr Arbeitslosenhilfe II und hatte schon befürchtet, in den Gartenanlagen der Stadt arbeiten zu müssen – und das bei ihrem Rücken! – Aber sie bekam einen Ein-Euro-Job im neuen Reading-Center, wie sich die frühere Stadtbücherei jetzt nannte. Ihr Chef, Herr Hübner hatte sie aufgekauft. Eigentlich war er Besitzer der Spielsalons dieser Stadt und hatte keine Ahnung von Büchern. Da war er natürlich sehr froh, dass gerade sie bei ihm mitarbeitete. Das traf sich wirklich gut für ihn. Schließlich war sie ja ausgebildete Bibliothekarin mit vielen Jahren Berufserfahrung. Aber auch sie kann wirklich von Glück reden. So muss sie nicht einmal fachfremde Arbeit leisten. Außer dem, dieser Herr Hübner ist wirklich ein angenehmer und sehr sozial eingestellter Mensch. Er verleiht Bücher und CDs zum sagenhaften Preis von zwei Euro das Stück pro Tag. So ist es möglich, dass auch ärmere Leute ab und an in ein gutes Buch hineinschauen können. Natürlich kann er von diesen Preisen keine Angestellten bezahlen. Aber er ist gerne bereit, Leuten Arbeit zugeben, wenn die vom Arbeitsamt bezahlt werden. Er hat sogar fünf Ein-Euro-Jobs geschaffen in seinem Reading-Center. Anderen ist das zu viel Aufwand. Aber Herr Hübner ist ein verantwortungsvoller Unternehmer, das muss man ihm lassen.

Richtig Geld verdient er übrigens mit seinen Vernissagen und Lesungen, zu denen er berühmte Künstler in sein Reading-Center einlädt. Da kostet eine Karte nicht unter 50 Euro. Frau Steinbürger kennt eine Reihe der Leute, die regelmäßig dieses Kulturangebot wahrnehmen, denn sie muss immer die Einladungen ausdrucken. Und viele von denen gehören heute zu ihrer Kundschaft, für die sie die Großeinkäufe mit ihrem alten Clio macht. Tja, man richtet sich eben ein.

Ja, es ist wirklich viel passiert in den letzten Jahren. Schwer ist es geworden, das Leben. Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können. Noch haben sie schließlich zu essen und ein Dach über dem Kopf. Selbst mit den zwei Kindern werden sie es irgendwie schaffen.

Anderen Leuten geht es viel schlechter. Das Bild tritt vor ihre Augen, wie letzte Woche Frau Henrich mit ihren zwei Kindern aus der Nachbarwohnung ausziehen musste, weil sie seit Monaten die Stromrechnung nicht bezahlt hatte und das Jugendamt nicht mehr duldete, dass die Kinder ohne Heizung und elektrisches Licht leben mussten. Jetzt sind sie in eine Obdachlosenwohnung eingewiesen worden. Den Blick von Frau Henrich beim Abschied hat sie tagelang nicht vergessen können. Sie konnten sich gut. Schließlich waren sie seit Jahren Nachbarn. Frau Heinrich war früher technische Zeichnerin. Dann machte ihre Firma pleite und sie wurde arbeitslos. Niemand wollte eine allein stehende Mutter mit zwei Kindern beschäftigen. Sie durfte daheim bleiben, nicht einmal bewerben sollte sie sich mehr. Und als die Kinder in der Schule waren, sagte man ihr im Arbeitsamt, sie sei zu alt und außerdem zu lange aus ihrem Beruf heraus.

Die Frau kann einem wirklich Leid tun! Nein, ihrer eigenen Familie geht es noch gut. Letztlich müssen sie wirklich dankbar sein!

Frau Steinbürger lächelt unmerklich, ein wenig aus Wehmut, ein wenig aus Rührung. Sie hat die Augen geschlossen und lauscht dem Gebet, das ihr Sohn spricht:
„Wir danken euch mutigen Unternehmern und konsequenten Politikern dafür, dass ihr alles dafür tut, damit es unserer Wirtschaft gut geht. Und so auch uns. Wie auch wir unser Teil dazu beitragen, indem wir bescheiden bleiben und Geduld haben. Wir glauben daran, dass es uns eines Tages auch wieder besser gehen wird, wenn es nur der Wirtschaft gut geht. Wir bitten euch, von uns nicht noch mehr Opfer zu verlangen. Aber euer Wille geschehe.
Denn nur gute Profite unserer Wirtschaft sichern für unser Volk die Zukunft und den Wohlstand.“

„Amen“, sagt die Mutter, sieht wieder auf die stehengebliebene Küchenuhr und seufzt.