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Jürgen
Variation zu Wohmann
Ich werde nicht einschlafen können, ich sehe es schon kommen. Kathrins Erzählung geht mir nicht aus dem Kopf.
Sie hat Julia auf der Bahnhofstraße gesehen, zusammen mit einem jungen Mann. Ich habe nichts dazu gesagt. Was soll ich sagen? Ich habe ja sowieso keinen Einfluss auf meine Tochter. Die Kinder sind doch sowieso Kathrins Kinder. Die Zeiten, wo ich mich über so was aufregen konnte sind doch längst vorbei.
Wenn unten auf der Straße ein Auto vorbeifährt, huscht das Scheinwerferlicht über die Schlafzimmerdecke. Das ist wohl schon immer so. Ich habe es noch nie bemerkt.

Linde Bischof, verwickelte Welten
Warum bloß beschäftigt mich die Vorstellung so sehr, dass Julia mit einem Mann über die Bahnhofstrasse zieht? Wäre ich denn vielleicht zusammengezuckt, wenn ich den beiden unerwartet begegnet wäre? Ich glaube kaum. Was also macht mich so betroffen an dem, was Kathrin erzählte?
Sie schläft schon lange. Sie hat sich schon vor einer viertel Stunde auf den Bauch gelegt. Wenn sie das tut, ist sie schon in ihrer Tiefschlafphase angekommen. Offenbar kann sie heute gut schlafen. Sie schien mir sogar besonders entspannt heute Abend, so als hätte sie eine Last von sich gewälzt. Sie drehte sich gleich auf ihre Einschlafseite und kurz darauf hörte ich an ihrem Atem, dass sie schon schlief. Irgendwie stört es mich, dass sie so leicht eingeschlafen ist, während ich hier liege und über ihre Worte von vorhin nachgrübeln muss.
Wenn ich nur wüsste, was mich eigentlich so irritiert hat!
Ich glaube, es war die Bemerkung, die Kathrin am Ende ihrer Erzählung machte. Ich kann überhaupt nicht verstehen, was sie damit sagen wollte: sie glaube, Julia sei mir ähnlicher als ihr. Wie kommt sie denn darauf? Julia sieht Kathrin ähnlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Was also soll das? Ja sicher, sie wird es irgendwie anders meinen. Aber wie?
Wenn ich es mir recht überlege, war es auch nicht einfach nur diese merkwürdig unstimmige Behauptung, die mich nervös gemacht hat, es war der Klang ihrer Stimme, ihr harter, kühler Gesichtsausdruck. Sie sah mich kalt an, behauptete, unsere Tochter sei so wie ich und das sei vielleicht eine Chance. Es war so, als setze sie einen Strich unter eine lange Rechnung.
Wie still es immer ist zwischen zwei Autos! Man hört sogar den Wecker leise summen. Und ihren Atem. Fast ist man froh, wenn wieder ein Auto die Straße heraufkommt.
Eigentlich macht mich ärgerlich, dass ich mir nicht darüber klar werden kann, ob sie diese Bemerkung als Kompliment gemeint hat oder als etwas ganz anderes. Nein wirklich, ein Kompliment war es sicher nicht. Wenn ich es richtig bedenke, war es eine Anklage. In ihrem Gesicht lag so was wie Verachtung.
Warum spüre ich auf einmal meinen Magen? Meine Güte, ich fürchte, da ist mir eben ein Schrecken in die Glieder gefahren, eine Erinnerung, eine unerfreuliche Erinnerung, die ich eigentlich längst vergessen glaubte: Kathrins Anklagen! Meine Herren, wie sehr war ich Kathrins Anklagen Leid! Geht es jetzt etwa wieder los? Das hatten wir doch hinter uns! Schlimm war das in den ersten Jahren unserer Ehe. Eben noch ein Liebespaar und auf einmal fing sie an, mich immerzu stumm anzuklagen, mir Schuldgefühle zu machen, obwohl ich mich eigentlich überhaupt nicht schuldig fühlte. Nein, sie hat nie etwas Direktes gesagt, damals jedenfalls noch nicht, hat immer geduldet und geschwiegen, sogar gelächelt. Aber sie war immer unzufrieden mit dem, was ich zu Hause tat, es war nie genug. Das ging los in dem Moment, als wir eine Familie wurden, als sich unsere Aufgaben und Wege teilten: Sie war nun mal die Mutter und ich musste meinen Buckel hinhalten im Job, um für die Familie die bessere Gehaltstufe zu bekommen und den Abteilungsleiterposten zu kriegen. Sie hatte ja keine Ahnung, was ich in dieser Zeit durchgemacht habe! Ich habe lange nicht alles erzählt zu Hause, sie hatte ja mit den Kindern selber genug am Hals damals. Aber habe ich etwa verlangt, dass sie sich abends hinsetzt und meine Akten für den nächsten Tag vorbereitet und durcharbeitet? Aber von mir hat sie ganz selbstverständlich erwartet, dass ich nach Feierabend teil habe an ihrer Arbeit, dass ich die Kinder versorge, im Haushalt helfe. Sicherlich, man ist der Vater. Man freut sich den ganzen Tag auf seine Familie. Man möchte endlich wieder Mensch sein dürfen, vergessen können.
Aber ich kam nach Hause und alles an meiner Frau war Anklage: ihr müdes Gesicht, ihr schlaffer Gang, ihre leise Stimme. Ich war immer schuldig in ihren Augen, sobald ich mich nur mal hingesetzt oder den Fernseher angeschaltet habe. Ich musste mich ständig rechtfertigen vor mir selber und vor ihr, obwohl ich keine Lust dazu hatte und keinen Grund sah. Da ist mir eben auch schon mal der Kragen geplatzt. Sie hat mir damals tatsächlich die Freude an meiner Familie verdorben und es geschafft, dass ich froh war, wenn ich nicht zu Hause sein musste. Wie soll da einer gerne mit seinen Kindern spielen? Ja, so war das.
Wie lange ging das so? Zwei Jahre, drei, vier? Es kam ja dann Christian relativ bald hinter Julia und alles ging wieder von vorne los, wurde noch schlimmer. Eine lange Zeit! Der Anfang unserer Familie war schwierig und unerfreulich. Ich hatte das schon fast vergessen. Und die ewigen Vorwürfe und Anklagen waren das Schlimmste daran. Welches Glück, dass es heute mit uns so viel besser läuft!
Wenn diese blöden Magenschmerzen nicht verschwinden, werde ich aufstehen müssen, um was zu trinken. Vielleicht wäre auch eine Scheibe trockenes Brot gut. Wahrscheinlich habe ich wieder zu viel Magensäure, wie damals, als ich Examen machte. Wenn ich mich auf die Seite lege, ist es auch besser. Ja, wirklich. Vielleicht geht es von alleine weg, ohne dass ich erst aufstehen muss. Ich möchte Kathrin nicht wecken. Ich möchte nicht, dass sie weiß, dass ich nicht schlafen kann.
Irgendwann wurde es wieder besser. Wir haben es also dann doch noch miteinander hingekriegt. Gott sei Dank hat Mutter damals viel helfen können. Kathrin war in vielem alleine einfach zu umständlich. Mutter hat ihr wohl auch das Anklagen abgewöhnt, zumindest vorübergehend. Kathrin wurde allmählich zufriedener mit sich und mit mir. Damals hat sie sich sehr viel mit den Kindern befasst. Die Kinder wurden für sie immer wichtiger. Die Kinder waren ihr Leben. Ich habe es zugelassen, dass es immer mehr nur ihre Kinder wurden. Sie brauchte das. Ich habe ihr das gelassen. Ich hatte ja meinen Beruf. So hatte jeder was und es funktionierte auf diese Weise, denke ich.
Wenn ich mich richtig erinnere, ging es uns dann eine Zeit sogar ganz gut. Auch sexuell war unsere Ehe durchaus zufrieden stellend. Ich glaube, Kathrin hatte wirklich Lust, mit mir zu schlafen und sagte auch oft, dass sie mich liebe. Das war schon wichtig. Da kenne ich von Arbeitskollegen ganz andere Geschichten, wo die Frauen anfangen nach ein paar Ehejahren und wenn Kinder da sind, im Bett keine Lust mehr zu haben, ständig Kopfschmerzen zu kriegen und so weiter. Nein, das hat sie nie getan, nie in dieser Zeit.
Damals wohnten wir noch auf der Gartenstraße, hatten dieses enge Schlafzimmer, wo sie immer über mich wegturnen musste, um auf ihre Seite des Bettes zu gelangen. Sie kam selten drüben an, ich habe sie immer unterwegs abgefangen und es war ein herrliches Spiel zwischen uns. Und ich bin sicher, sie wollte es auch. Eigentlich kaum vorstellbar, dass das dieselbe Frau war, die jetzt hier liegt und neben mir schläft, als teilten wir einen Jugendherbergsschlafsaal.
Das waren eigentlich die besten Jahre unserer Ehe damals. Obwohl Kathrin auch damals schon zu Depressionen neigte. Aber das ist ja bei vielen Frauen so, die den ganzen Tag nichts zu sehen kriegen als ihren Haushalt und ihre Kinder. Doch, nach dieser schwierigen Anfangszeit ging es mit uns ein paar Jahre ganz gut. Die Kinder waren aus dem Gröbsten raus, meine Arbeit machte sich, ich hatte Erfolg – zumindest schien es so.
Aber danach dann kam die schlimmste Phase.
Ich verlor meine Arbeit und hatte große Mühe, die Füße auf dem Boden zu behalten. Auf einmal war alles kaputt gegangen, was ich mir aufgebaut hatte. Ich hing zu Hause herum und fühlte mich überflüssig und ohnmächtig. Wahrscheinlich war ich in dieser Zeit ein ziemliches Ekel. Aber wo soll man in einer solchen Situation mit seiner Wut bleiben? Wir haben ständig gestritten. Ich habe sie angebrüllt. Sie hat zurückgebrüllt. Es hat uns nichts eingebracht.
Ich denke, sie könnte es nicht wirklich nachfühlen, sie hat ja nie gearbeitet. Wir haben doch geheiratet, als sie noch mitten im Studium war. Sie konnte gar nicht wissen, was das für mich bedeutete, arbeitslos zu sein. Sie hat manchmal versucht, mich zu trösten. Aber ich habe es gespürt, dass sie vor allem enttäuscht und unzufrieden war mit mir. Nein, sie hat nie laut gesagt, dass sie mich für einen Versager hielt. Auch meine Potenzprobleme hat sie mich nicht spüren lassen, ist einfach darüber hinweg gegangen, als sei das nichts weiter, nicht wichtig.
Und dann kam das Schlimmste: Mir wurde übel mitgespielt, aber sie, sie wurde immer depressiver und krank. Sie rannte von Arzt zu Arzt. Und sie meckerte an mir herum, setzte mich unter Druck mit ihren Tränen oder schwieg tagelang vor sich hin und ließ sich nicht beruhigen. Sie hat mich angeklagt mit ihrem krank Sein und den ständigen Depressionen. Es waren jetzt schlimmere, aggressivere Anklagen, noch bedrängender, noch verbitterter als in den ersten Ehejahren. Und es war einfach ungerecht. Als hätte ich etwas dafür gekonnt, für meine Arbeitslosigkeit und alles, was damit über uns hereinbrach! Als hätte ich das extra getan, um sie zu verletzen! Sie dachte doch einfach nur an sich, immer nur an sich!
Und dann versuchte sie sich sogar das Leben zu nehmen.
Es war wirklich verrückt: Ich hätte eigentlich Hilfe gebraucht. Aber stattdessen fühlte ich mich schuldig, weil es ihr durch mich so schlecht ging. Sicher, es ging ihr auch schlecht. Es ging uns beiden schlecht und wir konnten uns nicht mehr gegenseitig helfen. Damals lagen wir abends nebeneinander im Bett wie zwei kranke Menschen, die darauf warten, dass der andere endlich gesund wird und einen pflegen kann. Da lief gar nichts mehr. Ich konnte nicht und sie hatte völlig das Interesse am Sex verloren.
Aber heute sie ist nicht mehr krank und ich bin es auch nicht. Eigentlich geht es uns wieder gut. Warum liegt sie dann da und lässt mich alleine mit meinen Grübeleien?
Sie träumt. Sie atmet schwer und stoßweise. Vielleicht träumt sie von Sex mit einem anderen Mann. Ach, ich glaube nicht, dass sie überhaupt von Sex träumt. Sie träumt sicher nur davon, dass Christian wieder eine Fünf in Mathe heim bringt wie neulich. Frauen werden Mütter und wir verlieren ihren Liebreiz an die Schulleistungen unserer Kinder.
Wenn ich an damals zurückdenke, kommt es mir so vor, als hätte diese furchtbare Zeit damals eine Ewigkeit gedauert. Aber nach gut einen dreiviertel Jahr habe ich wieder Arbeit gefunden.
Ich war natürlich erleichtert, wurde wieder der Alte. Na, vielleicht wurde ich jetzt sogar ein bisschen vorsichtiger. Wer so was erlebt hat, wird einfach vorsichtig. „Ich habe mir immer einen sanfteren Mann gewünscht“, sagte Kathrin einmal. Na, jetzt war ich wohl sanfter.
Sobald ich also wieder Arbeit hatte, wurde es gleich besser. Irgendwie sind wir dann auch mit ihren Depressionen fertig geworden.
Ich hatte sie ja gefunden damals, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Es hat sonst weiter keiner mitbekommen. Soweit ist das gut gegangen. Das Leben ging weiter. Sie hat es nie wieder versucht.
Überhaupt hat Kathrin sich nach dieser Selbstmordsache verändert, irgendwie hat sie sich mehr zusammengerissen. Und sie hörte ab dieser Zeit auf, mich anzuklagen und unausgesprochene Erwartungen an mich zu stellen. Sie kommt mir seitdem entschlossener vor. Sie begann damals auf einmal damit, Dinge anzupacken und durchzusetzen.
Dass sie dann anfing zu arbeiten, fand ich erst nicht so gut. Aber das Geld, das sie dazu verdiente, konnten wir gut gebrauchen und sie selber wurde aktiver und tatkräftiger. Eigentlich gefällt sie mir so sogar viel besser. Wir haben seit dieser Zeit mehr unternommen, auch mehr zusammen gemacht. Sie hat mich sogar dazu gekriegt, mit ihr zusammen beim Elternbeirat von Julias Klasse mitzumachen. Ja, merkwürdig, jetzt fällt es mir auf: Seit sie aufgehört hat, mich ständig ins Unrecht zu setzen und anzuklagen, kann ich sie wieder ansehen, ohne das Bedürfnis zu haben, mich verteidigen zu müssen. Ich sehe sie sogar gerne an. Ob sie das spürt?
Trotzdem, wenn ich ehrlich bin, weiß ich ganz genau, dass sie nicht glücklich ist mit mir. Im Bett ist es schon lange nicht mehr so wie früher. Sie will es mir nicht zeigen, aber ich merke es jedes Mal. Sie möchte eigentlich nicht mehr mit mir schlafen. Sie hat keine Lust mehr, will nicht, ist nicht wirklich bei der Sache, was weiß ich.
Ich denke eigentlich schon seit Wochen ständig darüber nach, warum sie sich mir jetzt, wo es doch so viel besser steht zwischen uns, nicht mehr hingeben will. Kann ich vielleicht deshalb nicht schlafen?
Sie ist wie eine fremde Frau in meinen Armen. Manchmal denke ich, ich müsste sie siezen. Das ist eigentlich fast witzig. Ja wirklich, ich bemühe mich um Galgenhumor. Manchmal kommt mir die Wendung in den Kopf: „Gnädige Frau, ich würde Sie gerne näher kennen lernen“.
Denn ich merke, dass ich sie gar nicht kenne. Aber sie lässt es nicht zu.
Sie träumt immer noch heftig. Eigentlich weiß ich überhaupt nicht, was sie träumt, nachts. Und tagsüber: Hat sie Träume?
Und ich, träume ich? Doch, ich glaube, ich träume: Ich träume von Kathrin, als sie noch gerne bei mir lag und in meinen Armen versank und glücklich lächelte, wenn ich mit den Lippen nach ihrer linken Brust schnappte. Ich träume davon. Aber in meinen Träumen ist es die Kathrin, wie sie heute ist, nicht mehr diese naive junge Frau damals. Ich finde die reife, selbständige Frau von heute wirklich attraktiver. Aber sie lacht nicht mehr über meine Scherze im Bett. Und ich mache auch keine Scherze mehr. Warum eigentlich nicht?

Linde Bischof, hinter der Mauer
Immerhin, die Magenschmerzen sind wieder weg. Vielleicht habe ich doch nur irgendwas gegessen, was mir nicht bekommen ist. Ich sollte jetzt endlich schlafen, ich muss ja morgen früh raus, wie immer.
Es erstaunt mich, wie oft um diese Zeit unten noch Autos vorbeifahren. Wieso wacht man von diesem Lichtschein im Zimmer eigentlich nicht auf? Selbst wenn ich die Augen schließe, empfinde ich dieses Licht als grell. Ich werde mich anders herumdrehen, da kommt mir das Licht nicht so in die Augen.
Ich werde es heute nicht mehr klären, was es war, was mich an ihren Worten so geschockt hat. Vielleicht habe ich mir das alles auch nur eingebildet. Was soll schon dabei sein, wenn eine Mutter feststellt, dass ihre Tochter ihrem Mann gleicht. Ist doch wirklich nichts dagegen zu sagen. Also jetzt wird geschlafen!
Morgen kommt um 11.00 Uhr Jäger wegen des Vertrages. Den muss ich noch mal durcharbeiten vorher. Wird schon gehen….
„Unsere Tochter gleicht mehr dir als mir. Vielleicht ist das eine Chance“. In einem schrecklich kalten Ton hat sie das gesagt. War es vielleicht Ironie? Nein, dazu hat es viel zu kühl geklungen. Nein, ich bin mir sicher, es war mal wieder eine Anklage.
Aber diese Anklage war anders als ihre Anklagen früher. Diesmal hat sie keine Erwartungen dran geknüpft, keine Hoffnung, nicht mal eine Enttäuschung. Sie hat nicht versucht, mich unter Druck zu setzen. Und es schien ihr auch völlig egal, ob ich meine Schuld anerkenne oder nicht.
So gesehen war es eigentlich keine Anklage.
Und jetzt weiß ich es: Es war eine Verurteilung.