Die Haltestelle

Kurzgeschichte

Draußen wurde es langsam hell.
Er blickte durch die s Scheibe der Straßenbahn in die endende Nacht. Er kannte die Strecke. Er hatte jetzt Zeit. Bis Berlin Mitte würde es eine ganze Weile dauern.
Peter setzte sich bequemer zurecht und streckte die Beine aus. Er war erschöpft aber zufrieden. Er konnte auch zufrieden sein. Dieses Treffen am Wochenende hatte bei ihm zum ersten Mal das Gefühl entstehen lassen, dass es nun weitergehen könnte. Aufwärts? Nein, vielleicht nicht gerade aufwärts, aber immerhin irgendwohin, in eine neue Zukunft, die ihn fordern und brauchen würde. Zum ersten Mal konnte er sich heute vorstellen, dass das Leben wieder in ruhige und klare Bahnen zurückfließen würde, dass er aufhören könnte, die Luft anzuhalten und sich zu fühlen wie ein Fallschirmspringer, der sich weigert zu springen, weil er dem Fallschirm nicht traut.
Peter schloss die Augen und lauschte auf das ungleichmäßige Rumpeln der Bahn. Ab und zu hielt sie an, aber es stieg niemand ein und niemand aus. Er war ganz alleine mit dem Fahrer.
Dann fuhr die Bahn kreischend um eine enge Kurve. Der Lärm holte ihn ruckartig aus dem Dämmerzustand, in den er wohlig hineingerutscht war. Er riss die Augen auf. Noch brannten überall die Straßenlaternen, aber man konnte die Straßen und Häuser bereits genau erkennen. Die Stadt schlief noch.


Sie waren jetzt auf dem Gebiet von Ostberlin angekommen. Ab hier kannte er jede Haltestelle, jede Biegung. Er sah sich seine Stadt an. Vieles würde sich jetzt hier ändern, das war gewiss. Er hatte es nicht gewollt, nicht so jedenfalls. Aber das Leben ging bekanntlich immer weiter. Man musste das Beste daraus machen. Wie viele um ihn herum hatten sich schon seit Monaten mit dem neuen System arrangiert und es freudig begrüßt. Manche alte Kollegen oder Freunde erkannte er kaum wieder.
Er war der alte geblieben, da war er sich sicher. Er war kein Wendehals. Er konnte nicht einfach alles wegwerfen, was er gestern noch für wichtig gehalten hatte. Die Versuche seiner früheren Kollegen, ein Institut für Führungskräfte in den neuen Bundesländern zu gründen, hatte er bisher eher mit Zurückhaltung verfolgt. Ob im Interesse der Partei oder der Arbeiterklasse oder aber im Interesse der sozialen Marktwirtschaft - eine psychologisch gut geschulte Führungskraft war hier wie dort nur mit Gold aufzuwiegen? Er war sich nicht sicher, ob das für ihn das Gleiche sein würde. Aber an diesem Wochenende hatten sie es den Wessis endlich doch einmal zeigen können! Die konnten sich wirklich noch ne Scheibe abschneiden von ihren neuen Ostkollegen. Die hatten nämlich echt was drauf. Das hatte auch Heinrich zugegeben. Nichts war unnütz oder überflüssig von ihrem Wissen und ihren Qualifikationen! Es tat einfach gut, wenn die ihre arroganten Nasen zurückstecken mussten und anerkennend mit einander tuschelten. Ergebnis: Das neue Institut würde sie alle übernehmen. Sie hatten es geschafft! Trotzdem war er froh, dem allgemeinen Freudentaumel seiner alten und neuen Kollegen entkommen zu sein.

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Blätter  in der Pfütze


Irgendetwas in Peter zögerte, in die allgemeine Freude einzustimmen. Hatte er sich vielleicht angebiedert oder verraten, überlegte er selbstkritisch. Dass er kein Duckmäuser war, damit hatte er wirklich nicht hinter dem Berg gehalten. Er war schließlich auch zu DDR-Zeiten kein Duckmäuser gewesen. Natürlich war er Kommunist und mit Leib und Seele davon überzeugt, dass die Menschheit zu einer humanen und gerechten Welt nur im Rahmen sozialistischer Verhältnisse wird gelangen können. Aber er hatte die Fehler seines Staates nicht nur eingesehen, er hatte sie schon frühzeitig erkannt und aufgezeigt und bis zuletzt hatte er zu denen gehört, die auf eine Erneuerung des Systems gehofft und gesetzt hatten. Wenn der eingeschlagene und begangene Weg falsch gewesen war, so war deswegen nicht auch das Ziel falsch.
Wahrhaftig, Peter hatte sie sich nicht gewünscht, die Verhältnisse, die jetzt da draußen herrschten in seiner Heimatstadt. Er hatte auch am Wochenende aus dieser Tatsache keinen Hehl gemacht. Er würde seinen Zielen treu bleiben.
„Wir brauchen doch gerade hier Leute mit Zivilcourage.“ Heinrich hatte ihm verschwörerisch zugeblinzelt, als er das sagte. Peter lächelte. So einfach würde es nicht werden. Es war nie einfach. Aber das kannte er ja. Er war der Typ, der immer zwischen den Stühlen saß.
Draußen war es jetzt richtig hell. An den Haltestellen stiegen immer mehr Menschen ein. Eine junge Frau mit verschlafenem Gesicht setzte sich ihm schräg gegenüber hin . Sie war hochmodisch gekleidet und von einer Frau aus dem Westen schon nicht mehr zu unterscheiden. Was hatte ihr die Wende gebracht? Gehörte sie vielleicht zu denen, die den Boden unter den Füßen verloren hatten oder eher zu denen, die mit aller Kraft versuchten, im neuen Wasser nicht unterzugehen. Wahrscheinlich das letztere. So war es bei den meisten. Aber sie sah müde aus. Schließlich war es anstrengend, das Schwimmen in unbekannten Gewässern. Das wusste er nur zu gut selber.
Für so viele waren die ersten Hoffnungen schon gescheitert. Aber sie liefen schon wieder atemlos hinter der nächsten Hoffnung her. Das Volk, sein Volk kam ihm vor wie eine Herde Schafe. Aufgescheucht und voller Hoffnung auf fette Weidegründe trabten sie gutgläubig in jede Richtung, die man ihnen wies und wo es angeblich frische Wiesen gab.
Die junge Frau sah auf und lächelte Peter an. Wenigstens das war unverändert geblieben: der Blick einer Frau am Morgen in der Bahn, der einem Mut machen konnte für den ganzen Tag.
Er dachte an Helen. Sie würde sich freuen, dass er es geschafft hatte. Sie würden jetzt wieder ihr Auskommen haben, wieder irgendwie auch dazugehören, wieder in Ruhe ihr Wochenende im Garten genießen können, den nächsten Urlaub planen. Vielleicht sollten sie sich wirklich jetzt auch das Haus bauen, von dem Helen seit der Wende träumte. Sie hat sich schon vor Wochen dafür Prospekte kommen lassen. Mit dem Vertrag in der Tasche, den er bei sich trug, würde jede Bank den notwendigen Kredit locker machen.
Ein junger Mann hatte sich Peter gegenüber auf die Bank gesetzt. Er hatte gelächelt, als er beim Hinsetzen an Peters Fuß gestoßen war. Sie kamen ins Gespräch. Er war Student, studierte russische Literatur im fünften Semester.
„Na hoffentlich wird in diesem System jetzt noch irgendjemand die russischen Dichter lesen wollen!“, lachte er mit einer leichten Bitterkeit in der Stimme.
Peter spürte einen Stich im Herzen.
„Und was machen Sie, wenn ich fragen darf?“ Die Stimme des jungen Studenten hatte einen so vertrauten und Vertrauen erweckenden Klang, dass Peter, ohne es selbst recht zu merken, anfing zu erzählen: von seiner Tagung am Wochenende, von dem Stolz der Exkollegen, es den Wessis mal richtig gezeigt zu haben, von dem Glück, doch wieder gebraucht zu werden, nützlich zu sein.
Während er begeistert erzählte, spürte er den Blick des anderen, aber er erzählte munter weiter. Erst als er aufblickte und den Augen des anderen begegnete, verstummte er. Er sah dort eine stille Traurigkeit, die zu seinem fröhlichen Bericht überhaupt nicht passen wollte. Beide schwiegen plötzlich betroffen.
„Sie waren doch Kommunist, nicht wahr?“, fragte der Student plötzlich. „Einer von denen, die man die „Aufrechten“ genannt hat?“
Peter lächelte befangen. Worauf wollte der andere hinaus?
„Ich hab mich da immer zurück gehalten, wissen Sie. Politik und so. Und ich halte mich immer noch zurück. Aber wenn man das alles so sieht, macht man sich doch seine Gedanken. Natürlich : Ich reise übermorgen nach Paris! Wunderbar, was? Unglaublich eigentlich! Aber ich weiß nicht: mir kommt es so vor, als würde hier bei uns ein ganzes Volk, eine ganze Kultur in den Müll geworfen. Besser noch: als schmisse es sich und seine Kultur selbst fort, leichten Herzens, ohne hinzusehen, nur gierig auf die bunten Glasperlen, die ihm dafür geboten werden.“
Peter starrte ihn an. Er hatte das Gefühl in einem Fahrstuhl zu sitzen, der immer weiter nach unten fährt und nie ankommt.
„Ich meine: dass wir uns das so gefallen lassen! Als wäre alles nichts wert gewesen, als hätten wir 40 Jahre lang nur Unsinn gemacht, als sei uns jetzt peinlich, was uns gestern noch wichtig war und was uns stolz gemacht hat. Das kann doch nicht sein! Und ich meine, das kann auch nicht gut gehen.“
Peter starrte ihn immer noch an und schwieg.
„Sicher, ich weiß: Sie haben es ihnen gezeigt, dass wir auch was können. Das ist schön. Ich meine das ganz ernst. Aber wenn ich ehrlich bin, so klingt auch das für mich noch immer so, wie wenn der Häuptlingssohn des befriedeten Indianerstammes, stolz darauf ist, dass er jetzt Hotelboy bei seinen weißen Besatzern werden darf.“ Peter starrte ihn an. „Weil er ein so edles Gesicht machen kann, was bei den Weißen so gut ankommt, verstehen Sie? Verzeihen Sie, der Vergleich hinkt natürlich, ich weiß. Ich wollte Sie nicht beleidigen.“ Der junge Mann rutschte unsicher auf seinem Platz hin und her.
Peter saß noch immer wie erstarrt.
Die Bahn hatte gerade gehalten, der Student sprang unvermittelt auf, murmelte eine Entschuldigung und kam gerade noch hinaus, bevor sich die Tür schloss und die Bahn wieder losfuhr.
Peter rührte sich nicht. Er sah aus dem Fenster auf die inzwischen belebte Stadt.

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nur wenig erinnert noch daran …

Am Alexanderplatz stieg er aus.

Das neue Karstatt-Warenhaus hatte noch nicht geöffnet, aber es standen schon Menschen davor, die auf Einlass warteten.
Peter blickte über den Platz und suchte die Stelle, wo er vor einigen Jahren einmal auf eine Frau gewartet hatte. Dort stand jetzt ein Imbisswagen. Peter bestellte sich einen Kaffee.
Vielleicht sollte er den Vertrag aus seinem Gepäck heraussuchen und ihn in hundert kleine Schnipsel zerreißen.
Dann würde Helen das Haus nicht bekommen.

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