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Die Entscheidung

Linde Bischof, Frau vor blauer Grotte
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Ausgerechnet! Ausgerechnet jetzt!
Jenny stand hinter der Gardine im Wohnzimmer und sah auf die Straße hinab. Es war später Nachmittag im März. Ganz allmählich wurde es dunkel draußen.
Es war ihre Traumstelle. Genau auf diese Stelle wartete sie, seit sie ihre Ausbildung als Modezeichnerin abgeschlossen hatte. Das waren jetzt schon mehr als zwei Jahre. Fast hatte es so ausgesehen, als gäbe es solche Stellen überhaupt nicht, als gehörten sie ganz einfach in das Land der Träume. Als zählten sie zu den Dingen, die man sich wünschen, die man sich an satt blauen Sommertagen ausmalen kann, die aber immer nur schöne Träume bleiben werden.
Seit diesen zwei Jahren jobbte Jenny als Bürogehilfin und abends zeichnete sie manchmal Mode für ihre Freundinnen, ganz selten auch mal für eine Illustrierte. Aber mehr als ein Job als freie Mitarbeiterin war bisher für sie nicht drin gewesen.
Und wie es schien, hatte sich Jenny inzwischen mit dieser traurigen Erkenntnis abgefunden. Seit sie Hendrik kannte und sie beschlossen hatten, zusammen zu bleiben und später Kinder zu kriegen, gewöhnte sie sich beinahe wirklich daran, dass aus ihr wohl nie eine richtige Modezeichnerin werden würde.
Aber wenn sie es sich genau überlegte, so war es im Grunde wirklich jammer schade! Jenny lehnte sich an die Wand. Sie blickte noch immer auf die jetzt schon von Laternen beleuchtete Straße. Aber sie dachte an etwas anderes: Alle hatten immer gesagt, sie sei begabt! Und es hatte ihr so viel Spaß gemacht! Warum hatte sie sich eigentlich so leicht damit abfinden können, dass nichts aus ihrem Traumberuf werden sollte?
Jenny sah auf die Uhr. Hendrik würde bald hier sein. Auf der Straße erkannte sie Nachbarn, die von der Arbeit heim kamen. Kinder rannten über den Bürgersteig. Ein Auto bremste quietschend. Dann war es wieder still. Was würde er dazu sagen? Würde er sich freuen über die Chance, die sie nun doch noch bekam? Oder war es für ihn nicht viel bequemer, wenn sie daheim blieb? Jetzt z.B. erwartete er das Abendbrot auf dem Tisch und keine erschöpfte Frau, die wie er den ganzen Tag draußen gearbeitet hatte. Jenny war sich nicht so sicher, ob er sich mit ihr freuen würde.
Als Hendrik im letzten Herbst den Job als Bauingenieur bekommen hatte mit einem ganz guten Anfangsgehalt, da meinten sie beide, es sei vielleicht doch das beste, jetzt bald die Familie zu gründen. Und Jenny hatte seit diesem Tag aufgehört, auf eine feste Anstellung zu hoffen, hatte sich nur noch ab und an beworben, als alter Gewohnheit sozusagen. Jetzt gab es dafür jeden Monat das erwartungsvolle Hoffen auf das Ausbleiben der Periode. Bisher hatte auch das noch nicht geklappt.
Aber das beunruhigte Jenny nicht. Schließlich war die Fruchtbarkeit bei ihr familiär bedingt unbestreitbar, seit Generationen schon. In diesem Feld konnte keiner kommen und ihr die Qualifikation absprechen und niemand konnte ihr das Kind streitig machen, so wie man ihr immer wieder Stellen weggeschnappt hatte. Das hier war weit weg von all dem, hatte nichts zu tun mit Konkurrenz und Qualifikation und Tüchtigkeit, mit Glück und Nervenstärke. Dies war einfach nur das Leben und auch irgendwo die Liebe. Schließlich wollten sie beide das Kind, Hendrik und sie. Es hatte ihr gefallen, dass sie nun diesen Weg einschlagen sollte: Also gut, sie würde eben erst mal Kinder groß ziehen. Mit der Arbeit würde es dann vielleicht klappen, wenn die Kinder schon zur Schule gingen. So wie es viele Frauen machten, die Jenny kannte.
Aber nun das!
Jenny seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Sie setzte sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Aber ihre Gedanken kreisten weiter um diesen Brief und um die Chance, die sie auf einmal in ihren Händen hielt. Die unerwartete, nicht mehr erhoffte Chance! Als sie sich auf diese tolle Stelle beworben hatte, war das fast aus Routine geschehen. So machte sie es halt seit zwei Jahren: sie schrieb hin, legte ihre Mappe mit den besten Zeichnungen bei.
Sie hatte die Sache eigentlich schon lange vergessen, als heute auf einmal der Brief kam:
Sie solle sich unbedingt persönlich vorstellen. Ihre Mappe hätte der Geschäftsleitung sehr gut gefallen. Man bat sie darum, am kommenden Montag vorzusprechen.
Heute war Mittwoch.
Es war einfach unfassbar! Jenny registrierte mit Verwunderung, wie all ihre alten Träume in den paar Stunden, seit sie den Brief in Händen hatte, wieder angefangen hatten zu leuchten und zu strahlen. Wie nah ihr all diese Bilder noch waren und wie wichtig! Auf einmal wusste Jenny, dass all ihre Vorstellung von sich als glücklicher Hausfrau und Mutter nicht viel mehr gewesen sein konnten als eine resignierte, vielleicht tapfere Anpassung an eine enttäuschende Realität.
Was sollte sie tun? Sollte sie hingehen? Sollte sie all die netten, freundlichen Familienpläne sausen lassen und nach dieser Chance greifen?
Was bloß würde Henrik sagen?
Jenny blickte zur Tür und richtete sich auf, kampfbereit, wie sie selber spürte.
Wozu sollte sie irgendetwas sausen lassen? Wenn sie diese Stelle bekäme, dann könnten sie sich auch Kinderfrauen leisten und alle möglichen Hilfen, dann könnte sie sehr wohl ihr Muttersein mit einer Karriere verbinden: Warum nicht? Und ihre Kinder würden froh darüber sein können, dass sie kein ausgelaugtes und frustriertes Familiengespenst zur Mutter hatten sondern eine berufstätige, anerkannte, kreative, glückliche Frau!
Also: Warum machte sie sich überhaupt Gedanken. Es war doch gar kein Problem in Sicht?
Ein Ziehen in ihrem Bauch, ließ sie zusammen zucken. Ach ja das, das war das Problem.
Sie hatte es die ganze Zeit schon gespürt wie einen Kloß im Hals. Aber sie hatte nicht gewusst, was sie beunruhigt. Sie hatte es über der Freude über den Brief einfach vergessen: Seit drei Tagen war ihre Periode überfällig. Eigentlich auch ein Grund zur Freude. Jenny lauschte in sich hinein. Ihre Brüste waren merkwürdig fest und spannten. Das kam sonst nie vor.
Jenny ging ins Bad und betrachtete ihren nackten Busen im Spiegel. Nein, zu sehen war nichts. Wie auch? Aber sie fühlte es eigentlich ziemlich deutlich: irgendwas war anders.
Und wenn es so wäre? Und was dann? Was dann, wenn sich nun plötzlich beide Wünsche gleichzeitig erfüllten? Wenn sie Mutter würde? Sie hatte es gewollt. Sie wollte das Kind immer noch. Aber als werdende Mutter konnte sie ihren Traumjob vergessen. Das waren einfach zwei Hoffnungen, die sich gegenseitig aus schlossen.
Natürlich, eben noch hatte sie ja selber gesagt, wie leicht das beides mit einander zu vereinbaren wäre. Aber so konnte sie doch nicht in ihren Traumjob starten. Das war einfach unmöglich.
Als Hendrik heim kam, saß Jenny vor der Glotze und hatte schlechte Laune. Sie erzählte ihm nichts. Nichts von der ausbleibenden Periode und nichts vom Brief. Sie konnte es nicht, konnte seine Entscheidung nicht erfragen und nicht ertragen, ehe sie selber eine getroffen hatte, ehe sie wusste, welche Entscheidung überhaupt zu treffen war.
Am Samstag hielt sie es nicht mehr aus und ging kurz vor Ladenschluss in die Apotheke. Sie legte den Test in die oberste Schublade ihres Schreibtisches, oben auf die letzten Zeichnungen, die sei gemacht hatte.
Am Sonntagnachmittag brach sie die Packung auf. Die Anleitung war einfach zu verstehen. Nicht so einfach war es, die vorgesehenen 5 Minuten abzuwarten und nicht ständig auf das Röhrchen zu starren und auf das Erscheinen des angekündigten roten Ringes zu warten.
Als sie endlich hinschaute, sprang er ihr entgegen und es verschlug ihr für einige Sekunden die Sprache. Sie setzte sich auf die Toilette und wartete, bis sie wieder denken konnte.
Dann stand sie auf.
Ja. Morgen früh würde sie zum Vorstellungsgespräch gehen, um die Stelle ihres Lebens zu kriegen. Und niemand würde ihr etwas ansehen, niemand würde es wissen, nur sie selber, dass sie in acht Monaten ein Kind bekommen würde.
Oder konnte sie das etwa nicht machen? War es überhaupt erlaubt, eine Schwangerschaft zu verschweigen? Es war nicht erlaubt, sie nach einer etwaigen Schwangerschaft zu fragen, das wußte sie. Aber wäre das nicht irgendwie unfair? Wem gegenüber? Jedenfalls würde man es ihr wohl kaum verzeihen, wenn sie nach einigen Monaten schon mit dieser Hiobsbotschaft ankommen würde, oder?
Aber in zwei Jahren wäre das alles wieder vergessen. Bis dahin hätte sie sich auch so unentbehrlich gemacht und alle davon überzeugt, dass sie Kind und Job leicht nebeneinander managen könnte.
Und war es andersherum nicht eigentlich ganz und gar unfair ihr gegenüber? Hatte sie nicht ein Recht auf ein Kind und ebenso auf eine Arbeit, die ihr Spaß machte und die sie selbständig machen und in der sie ihr Talent entfalten konnte. Würde denn vielleicht Hendrik seinen Posten verlieren, wenn er sagen würde, er bekäme ein Kind? Mitnichten: Er müsste er vermutlich einen ausgeben und keiner käme im Entferntesten auf die Idee, dass diese Vaterschaft irgendwas mit seiner Arbeitskraft, mit seiner Arbeitsfähigkeit zu tun haben könnte.
Und sie, die auf beides so lange hatte warten müssen, von ihr wird verlangt zu verzichten: von irgendwelchen Chefs, von Kollegen, von Hendrik?
Nein, sie wird es tun. Sie wird hingehen und diese Stelle kriegen und sie wird schweigen. Und sie wird das Kind kriegen und alle Anfeindungen durchstehen. Sie will beides. Komme was da wolle!
„Wo bleibst du eigentlich“, hörte sie Hendriks Stimme aus dem Wohnzimmer.
Sie stand auf und ging hinüber.
Es war ihr Leben.