Der Zettel

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Linde Bischof,  Nachdenken

 Die Frau schloss die Tür auf. Es war still in der Wohnung. Sie atmete auf.

Marion stellte ihre Handtasche im Flur ab und zog den Mantel aus. Der Flurspiegel zeigte ihr eine erschöpfte Frau mittleren Alters. Ihre Bemühungen um ordentliches Aussehen waren auch nach den fünf Stunden Arbeit noch zu erkennen. Der Rock aber sah zerknittert aus. Unter ihrem rechten Auge färbte die Wimperntusche ab. Oder hatte sie etwa schon wieder Augenringe? Es fiel ihr immer schwerer, sich morgens in die adrette, gepflegte Sekretärin zu verwandeln, wie es in diesem blöden Job seit Jahren von ihr verlangt wurde. Sie versuchte den hochhackigen Schuh am linken Fuß wegzuschleudern. Aber er blieb am Fuß kleben. Sie musste sich herunterbücken, um den Schuh abzustreifen. Die ersten Schritte in den Birkenstockhausschuhen erlebte sie wie immer als eine kleine Wiedergeburt.

Bevor sie ins Schlafzimmer ging, um auch den Rest ihrer Berufsuniform abzulegen und sich in die lässigen Klamotten zu werfen, die sie zu Hause trug, ging Marion ins Wohnzimmer. Irgendetwas war ihr eingefallen, was sie von dort holen wollte.

Da lag der Zettel mitten auf dem Glastisch am Sofa. Sie sah ihn sofort. Sie griff danach. Es war Toms Handschrift. Verwundert fing sie an zu lesen. Dann hatte sie völlig vergessen, was sie hier wollte. Sie musste sich setzen. Sie hielt den Zettel noch in der Hand. Sie konnte sich auf einmal nicht mehr rühren.

Gedroht hatte er ständig damit. Aber so einen Zettel hatte er noch nie geschrieben. Das war neu. War es also ernst? Marion saß da mit unbewegter Mine. Ihr Gesicht spiegelte nichts wider von dem, was in diesen Sekunden durch ihren Kopf schoss und ihren Puls erst schneller, dann langsamer werden ließ:

Tom hatte einen Abschiedsbrief geschrieben, einen kurzen, spontan hingehauenen Brief mit völlig zerfaserter Schrift, nur wenige Zeilen lang. Er würde Schluss machen. Das hatte er ihr mitgeteilt. Und auch das hatte er ihr mitgeteilt: Sie sollten ihn in Frieden gehen lassen. Er habe eben die Diagnose im CT bekommen. Er habe einen faustdicken Hirntumor, nicht operabel, Lebenserwartung zwei Monate. Er denke, schrieb er – das war so typisch für ihn – er hätte genug gelitten in seinem Leben und auch genug getan.

War das ernst gemeint? Marion wusste nichts von einer solchen Untersuchung. Ja, über schlimme Kopfschmerzen hatte er seit Wochen geklagt. Nur, wann klagte er nicht? Man wusste nie bei ihm, ob es ernst war.

Wenn er nun wirklich Schluss machen würde? Möglich wäre es. Er hatte mit diesem Ausweg so oft kokettiert.

‚Eigentlich ist er zu feige. Er wird sich nicht wehtun wollen’, dachte sie bitter. Aber andererseits: der Brief, die konfuse Schrift, das waren schon Anzeichen für ernsthafte Absichten. Möglich war’s also.

Und nun?

Warum brach sie jetzt nicht in Panik aus? Wenigstens in Hektik? Was müsste eine gute Ehefrau jetzt tun? Ihn suchen? Die Polizei verständigen? Die Kinder anrufen? Katrin war gar nicht zu erreichen. Die kam erst morgen wieder. Henrik war unterwegs. Bestimmt hatte er sein Handy sowieso nicht an.

Während ihr Hirn die tausend Möglichkeiten abklapperte, was man denn jetzt tun könnte und tun sollte, stellte sie befremdet fest, dass sie noch immer völlig bewegungslos da saß, den Zettel in der Hand. Sie war wie gelähmt. So sagte man doch? Aber sie war nicht gelähmt vor Schreck oder Schock. Wenn sie ehrlich war: Sie wollte all das nicht tun, was ihr da gerade eingefallen war. Sie wollte jetzt nur eins: Still sitzen und lauschen, lauschen, wie die Zeit verging, wie Minute um Minute verstrich. Ihr war, als stände sie vor der riesigen Landkarte einer ihr unbekannten Gegend und sie müsse versuchen, herauszufinden, wo sie sich zur Zeit eigentlich befinde, bevor sie darüber nachdenken könnte, wohin sie nun gehen wolle.

Ihre Gedanken wurden ruhiger.

Tom wollte sich umbringen, er wollte sich umbringen, weil er sonst in Kürze sowieso sterben müsste. Das wollte er nicht abwarten. Und er wollte nicht, dass man ihn daran hinderte. Es war durch und durch sein freier Wille.

Er hatte es auf dem Zettel nicht angedeutet, dennoch musste Marion natürlich gleich an den jungen Mann denken, an den Mann, den Tom als Kind zusammen mit seinem Vater im Wald gefunden hatte: einen Selbstmörder, der seinen Liebeskummer mit Tabletten beenden wollte. Jürgen hatte sich sein Leben lang mit der Frage herumgeschlagen, ob dieser Mann nach der Rettung wirklich hatte weiterleben wollen. Er war eigentlich immer davon überzeugt gewesen, dass niemand das Recht gehabt hatte, ihn zum Leben, zum Weiterleben zu zwingen.

Daran dachte sie jetzt. Sie war sich sicher, dass er ebenfalls daran gedacht hatte.

Vielleicht wäre es wirklich besser so. Er wollte es. Es wäre eine Erlösung für ihn. Er hat das Leben gehasst und unter ihm gelitten, solange sie ihn kannte. Schon in ihrer Anfangszeit war das klar. Damals war Tom noch ein Mensch, der am Leben teilnahm, der sich einsetzte für andere und für seine Ideale, dem nicht egal war, was um ihn herum geschah. Aber dieses ständige Leiden an der Welt und an seinem Leben, das hatte er auch damals schon an sich. Er fühlte sich auch damals immer als Opfer. Trotzdem hatte sie ihn genommen, hatte gedacht, ihn mit ihrem Lebensmut, mit ihrer Heiterkeit auf die Dauer anstecken zu können. Ihre Heiterkeit?! Marion hätte beinah laut gelacht. Wo war die eigentlich geblieben? Es war schon nach wenigen Jahren klar gewesen, dass eher sie an Traurigkeit zu Grunde gehen würde, als dass er auf sein Schicksal als ewiges Opfer dieser Welt verzichten könnte.

Ja, es wäre eine Erlösung für ihn. Mit dem Tumor, da hatte er jetzt vielleicht wirklich den Mut, der ihm immer gefehlt hatte zu diesem Schritt.

‘Es wäre auch eine Erlösung für mich’, dachte Marion plötzlich. Sie erschrak. Sie wischte diesen Gedanken fort. Er sollte besser ein Geheimnis bleiben. Sie wollte am liebsten versuchen, ihn auch vor sich selbst zu verbergen.

Sie saß da, den Zettel in der Hand. Sie hörte die Uhr ticken. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon so saß.

Nur ganz allmählich löste sich Marion aus ihrer Erstarrung. Sie blieb weiter sitzen. Nur den Zettel legte sie wieder auf den Tisch zurück, als sei diese Angelegenheit geklärt. Jetzt sah sie sich vorsichtig in dem leeren Wohnzimmer um. Die Stühle standen alle noch genauso, wie sie gestern Abend stehen geblieben waren, auch der Sessel, in dem Tom abends oft las. Das Kissen, das er sich immer hinter den Rücken steckte, war noch immer zerknautscht. Auf seinem Schreibtisch lagen Schulhefte. Dort arbeitete er Nachmittag für Nachmittag, dort saß er und macht die gehasste Arbeit für seine Schule. Ihr war so, als könnte sie auch jetzt seine Schimpftiraden hören, die er ständig gegen seine Schüler halblaut in sich hinein sprach. Sie spürte, dass diese Vorstellung sofort heftige Abwehr, ja beinahe Magenschmerzen bei ihr auslöste. Sie fühlte Wut über diesen Mann, der in einem Beruf ausharrte, den er hasste, in dem er täglich versagte und litt, der aber nichts tat, um seine Lage zu verändern. Nichts, außer schimpfen natürlich. Wie oft hatte sie in den letzten Jahren gedacht: ‚Wenn ich für ihn das nur machen könnte! Meine Güte, das ist doch nicht schwer, das würde ich mit links hinkriegen.’ Nur wehe, wenn sie so etwas auch nur andeutete. Dann flippte er aus und warf ihr alles vor die Füße. Das war nun der Dank dafür, dass er seiner Familie zu liebe soviel Ungerechtigkeit aushielt und soviel erdulden musste! Wie immer würde er alles verdrehen. Nein, sie wollte jetzt nicht dran denken müssen. Marion schüttelte die Vorstellung ab.

Es war noch immer absolut still in der Wohnung. Niemand war hier. Vielleicht bliebe ja dieser Sessel, bliebe dieser Schreibtisch von jetzt an einfach leer?

Sie schämte sich, als sie merkte, dass dieser Gedanke sie froh stimmte, sich in ihr ausbreitete wie eine Entspannungsdroge.

‚Nein, Unsinn. Er wollte es selbst so!’, beruhigte sie ihr schlechtes Gewissen.

Es war auch wirklich besser so, wenn es so schlimm um ihn stand. Gehirntumor! Das mussten wirklich schreckliche Schmerzen sein.

Für einen kurzen, erschreckenden Moment sah sie sich an seinem Krankenbett, im Krankenhaus vielleicht. Sie hörte, wie er sich über die Schwestern beschwerte, dass sie zu den anderen Patienten viel freundlicher wären. Ja, er würde bis zu seinem letzten Atemzug die Welt für sein Leid verantwortlich machen, er würde weinen und sie anbetteln, ihm zu verzeihen. Doch gleich darauf würde er jammern, dass gerade er so ein Schicksal erdulden müsse.

Marion schluckte. Ihr war der Hals eng geworden. Es war wirklich so besser.

Auch für sie war es besser so.

War sie kaltschnäuzig? Mehr, sie war brutal. Ja, das war sie. Sie wusste es. Das hatte sie gelernt in all den Jahren. Anders war es nicht zu ertragen gewesen. Die Zeiten, wo sie Mitleid oder gar noch Liebe für Tom empfunden hatte, waren längst Vergangenheit.

Niemand hätte das ausgehalten, niemand. ‚Auch Henriette hat es ja wohl nicht ausgehalten’, dachte Marion zynisch. Ja, oh ja, sie wusste von Henriette, von Anfang an natürlich. Es hatte ihr auch damals schon beinahe nichts mehr ausgemacht. Sie hätte ihn sofort abgegeben – auch wenn es sie verletzte. Ja, sie hätte der anderen sogar Glück gewünscht. Damals hatte sie wirklich heimlich gehofft, dass Henriette nicht zu früh merken würde, worauf sie sich einlassen wollte. Doch dann war es auf einmal wieder zu Ende gewesen. Tom hing erneut abends zu Hause herum. Er war wieder ganz der Alte. Nein, schlimmer, er war jetzt eher noch wehleidiger, noch unerträglicher geworden.

Und das alles war nun vielleicht vorbei! Das hatte sie hinter sich! Marion schloss die Augen.

So würde es also nun enden, dieses Leben mit Tom. So würde ihre Ehe enden und dieses lange Leben voller Enttäuschungen und Kränkungen, dieses Leben, das schon lange kein Leben mehr war, ein Zombileben.

Marion fühlte, dass sie angefangen hatte, langsam und tief zu atmen. Ihr war, als sei ihr eine ungeheure Last vom Nacken genommen worden. Sie saß völlig erschöpft da, aber der schwere Sack auf ihrer Schulter, der sie seit Jahren gebeugt hielt, den sie nur noch mit letzter Kraft in Balance hatte halten können, er schien nicht mehr auf ihrer Schulter zu lasten. Irgendwann würde sie sich richtig erholt haben und aufstehen und einfach fortgehen können, dorthin, wohin sie wollte.

Marion blieb sitzen. Einmal überlegte sie, ob sie sich einen Cognac einschenken sollte. So was tut man doch in solchen Situationen? Sie wollte keinen, brauchte keinen.

Sie wollte nur hier sitzen und warten, geduldig und voller geheimer Hoffnung, dass das Leben die nächste Seite aufschlagen würde. Sie konnte nichts tun als warten.

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Linde Bischof, Abwarten

 Als das Telefon schrillte, schrak sie zusammen. Im ersten Moment wollte sie aufspringen. Dann blieb sie sitzen und lauschte auf den Klingelton. Wer könnte das sein? Tom etwa, der irgendwo sitzt und das heulende Elend bekommen hat?’, dachte sie ärgerlich. Sie ging nicht dran. Ob man ihn etwa jetzt schon gefunden hatte? Unwahrscheinlich. Vielleicht hatte ihn jemand gerettet, vielleicht war er ins Krankenhaus gebracht worden und nun rief das Krankenhaus sie an …

Marion saß da. Sie kämpfte mit einem Gefühl, für das sie sich sofort heftig schämte, kämpfte dagegen an, es sich einzugestehen: Sie war enttäuscht.

Dann sprang der Anrufbeantworter an. ‚Jetzt tut er’s, das blöde Ding’, dachte sie verstört, ‚und sonst geht er immer nicht.’

„Hier Dr. Stein. Herr Krampken?“, hörte sie mit Befremden eine ihr unbekannte sympathische Männerstimme durch den Wohnraum schwingen. „Herr Krampken, Sie sind nicht wie vereinbart wieder zu mir in die Praxis gekommen. Was ist los? Ich mache mir ein bisschen Sorgen. Ich habe übrigens bei Dr. Cantus angerufen und mich nach dem Ergebnis erkundigt: Also der Befund ist völlig in Ordnung. Wie ich vermutet habe. Also nichts zu befürchten. Bitte kommen Sie doch gleich morgen mit den Untersuchungsunterlagen zu mir in die Praxis. Wir müssen noch genauer darüber sprechen. Und dann kümmern wir uns auch um ihr Kopfweh. In Ordnung? Noch einen schönen Abend.“

Er hatte aufgelegt.

Marion lauschte sprachlos den Worten hinterher. Also: Blinder Alarm! Wie war Tom bloß darauf gekommen? ‚Typisch Tom! Hat das Ergebnis gar nicht abgewartet. Hatte er gar nicht nötig. Er hat ja schließlich vorher schon genau gewusst, dass er tot krank ist’, dachte sie ärgerlich. Marion fühlte, wie sie jetzt richtig sauer wurde.

Dann fiel ihr mit einem Mal ein, dass ihr Mann sich vielleicht gerade in diesem Moment versuchte umzubringen, weil er dachte, sterbenskrank zu sein. Aber er war es nicht.

Als ihr das klar wurde, blieb Marion fast die Luft weg.

Aber sie rührte sich noch immer nicht vom Fleck. Ihr Gesicht war leer. Diesmal waren auch ihr Hirn leer und ihr Herz. Sie fühlte nichts mehr. Sie dachte nichts mehr. Sie war in eine Art Ohnmacht gefallen. Sie weigerte sich, all die Hoffnungen wieder fahren zu lassen, die gerade eben von ihr Besitz ergriffen hatten, diese perversen Hoffnungen, diese verbotene Erleichterung, diese lebensrettende Erleichterung. Sie konnte und wollte sie einfach nicht mehr aufgeben, nie mehr. Sie wollte wieder leben. Endlich wollte sie wieder leben.

Nein, sie würde auch weiterhin nichts tun. Sie würde hier sitzen und warten.

Vielleicht käme ja Tom gleich zur Tür herein und alles wäre ohnehin umsonst gewesen. Vielleicht torkelte er nach Hause, aus seiner Stammkneipe, wo er sich ausgeheult hatte, angetrunken, ein Häufchen Elend. Sie hoffte, es würde nicht so sein. Sie hoffte, es würde ihr erspart bleiben.

Sie saß da und wartete.

Sie hatte einen Abschiedsbrief von ihrem Mann erhalten. Er wollte sich umbringen, weil er erfahren hatte, dass er sterben würde. Sie konnte selbstverständlich nur davon ausgehen, dass Tom die richtige Information erhalten hatte. Sie verstand seinen Entschluss und respektierte seinen Wunsch, ihn in Frieden sterben zu lassen. So war es. So war es auch jetzt noch.

Plötzlich stand sie auf, ging zum Telefonapparat, nahm den Hörer ab und drückte die Knöpfe, die man drücken muss, wenn man die letzte Nachricht auf dem Anrufbeantworter löschen will. Alles war ausgelöscht. Es hatte keinen Anruf gegeben. Der Anrufbeantworter hatte nichts gespeichert.

Sie legte wieder auf und ging zum Sofa zurück.

Ohne etwas zu sehen, starrte sie die Möbel im Wohnzimmer an. Irgendwann merkte sie, dass sie noch immer ihr apriko-farbenes Kostüm anhatte. Sie ließ es dabei. Langsam wurde es dämmrig im Raum. Die Uhr über dem Sofa tickte gleichmäßig und sehr leise. Man konnte sie nur hören, wenn man genau darauf achtete.

Sie tickte unaufhaltsam weiter. Die Zeit verrann.

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