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Der fünfte Goldfisch
Linde Bischof, Die Siegerin
Thore stand vor der Haustür und sah ihr nach.
Der dunkelrote BMW würde gleich um die Ecke auf die Dorfstraße einbiegen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihr Gesicht noch sehen, ihren zusammengepressten Mund und die harten, angespannten Züge. „Alte Hexe“, dachte er. Wie gut, dass er sie für ein paar Stunden nicht würde ansehen müssen!
Den ganzen Morgen hatte sie in der heute früh freigewordenen Ferienwohnung oben geputzt, geräumt und gerückt. Nun sah es dort wieder aus wie aus dem Ei gepellt. Sie war schon perfekt, seine Monika, zum wahnsinnig werden perfekt!
Sonst war nicht mehr viel mit ihr los. Heute früh war sie ihm besonders verbraucht und abgetakelt vorgekommen. Immerhin, im Bett harmonierten sie anfangs ziemlich gut. Inzwischen ging ihm ihr Betteln um mehr aber auch hier auf den Geist.
Thore atmete auf, als das Auto aus seinen Augen verschwunden war. Er warf noch einen angewiderten Blick über den kleinen, bis ins letzte Grashälmchen gepflegten Vorgarten mit dem winzigen Goldfischteich und ging ins Haus.
Eine ganze Zeit lang stierte er vor sich hin. Es war ihm heute einmal mehr klar geworden, was er seit zwei Jahren fast täglich dachte: Er hatte einen Fehler gemacht. Er war es schon lange satt. Aber er saß in der Falle.
Sie würde ihn niemals gehen lassen. Monika täte alles, um ihn zu halten. Es widerte ihn an! Er konnte sie schon hören: „Thore, was hast du gegen mich? Was habe ich dir getan?“ Schließlich aber würde sie anfangen zu kämpfen. Und kämpfen konnte sie. Sie hatte sich dieses Haus hier erkämpft und einen gewissen Wohlstand. Und sie kämpfte jeden Tag verbissen weiter darum.
Und genau so hatte sie auch um ihn gekämpft, um den acht Jahre jüngeren Mann. Sie hatte ihre Ehe für ihn aufgegeben. Sie hatte sich sogar wegen dieser Verbindung mit den eigenen Eltern überworfen. Sie wollte ihn haben. Und sie hatte ihn bekommen.
Vor fünf Jahren sah sie noch ziemlich gut aus, eine attraktive Frau, energisch und vital. Das hatte ihm imponiert. Und auch die Perspektive hatte ihm gefallen, sich in ein fertiges Leben hineinsetzen zu können, mit BMW, Eigenheim und gefülltem Bankkonto.
Trotzdem hatte er gezögert. Von Anfang an war da ein Impuls, der ihn fort stieß von ihr. Aber er hatte schließlich doch ihrem Drängen nachgegeben. Wenn sie erst mal angefangen hatte, zu kämpfen, brauchte man sehr viel Energie, um ihr zu widerstehen, mehr Energie jedenfalls, als er hatte aufbringen können angesichts der Aussicht auf einen BMW vor der eigenen Haustür.
Sie nahm ihn gefangen in diesem goldenen Käfig und es dämmerte ihm, dass er diesen Käfig vielleicht nicht einmal dann würde verlassen können, wenn sie die Tür vom Käfig offen stehen ließe.
Dabei hatte er es eigentlich wirklich gut bei ihr. Monika arbeitete und schuftete in den Sommermonaten unentwegt. Ihn ließ sie damit in Ruhe. Er hatte seinen Job als Fliesenleger. Das war für sie so in Ordnung. Sie erwartete nicht, dass er bei den Vermietungsarbeiten mit anpackte. Sie war perfekt und schaffte alles alleine. Die einzige Aufgabe, die sie ihm übertragen hatte, war die Pflege des Goldfischteiches vor dem Haus. Sie war stolz auf dieses kleine Schmuckstück mit seinem Miniwasserfall, aber sie ekelte sich vor Fischen.
Ansonsten brauchte sie ihn nicht. Nur im Bett brauchte sie ihn und für diese blöden Tiere.
Thore sah sich unwillig im Wohnzimmer um. Sein Blick fiel auf die Anrichte, auf der Monika säuberlich lauter Nippes hingestellt hatte. Er hasste diesen Kram, der immerzu um fiel und nur Staub fing. Und diese neue, teure Sitzgruppe, bei der man sich nur auf die Schonbezüge setzen durfte! Was mutete sie ihm eigentlich zu? Er dachte wieder einmal sehnsuchtsvoll an seine alte Junggesellenbude, die er wegen ihr vor fünf Jahren aufgegeben hatte. Nie mehr wird er die Füße bei sich zu Hause einfach auf den Tisch legen können, nie mehr den Abend mit ein paar Kumpeln und einem Kasten Bier vor der Glotze verbringen. Warum bloß ließ er sich das alles gefallen?
Regungslos saß er auf dem Sofa. Ihm war übel. Er spürte Hass in sich aufsteigen auf dieses ganze Haus, das überhaupt nicht seines war, auf dieses Leben, auf Monika…
Ein knarrendes Geräusch schreckte ihn auf. Thore sah auf die Uhr, die über Monikas altdeutscher Anrichte hing. Sie hatte die Kuckucksuhr aus einem Schwarzwaldurlaub mitgebracht und bestand darauf, dass dieses dumme Vogelvieh nun jede Stunde aus seinem Verschlag herauskommen und die Bewohner mit seinem Kuckuckrufen nerven konnte. ‚Sie hat uns voll im Griff, uns beide’, dachte Thore böse und sah den Vogel bitter an. Es gab so vieles hier, was er nicht mehr ertragen konnte!
Der Kuckuck rief zwölf Mal. Ein altes Kinderspiel fiel ihm ein. Zwölf Jahre würde er also nur noch leben? Er lächelte. Nein, das Leben lag noch vor ihm, ein langes Leben! Aber so wie es jetzt war, würde er es nicht ein Jahr mehr aushalten.
Der letzte Ton verhallte. Thore saß unbewegt da. Noch immer spürte er eine riesige Wut in sich. Aber er dachte nach, zum ersten Mal dachte er richtig gründlich über seine Lage nach.
Als der brave Kuckuck wieder die Stunde ausrief, richtete Thore sich auf. Er hatte einen Entschluss gefasst.
„Ich weiß ja nicht, Kumpel, wie es dir damit geht, hier den Rest deines Lebens Dienst zu tun? Ich jedenfalls steige aus!“, grinste er in Richtung Kuckucksuhr. Es war ihm endlich wieder leichter ums Herz.
Er ging in den Vorgarten und machte sich daran, den Goldfischteich zu säubern.
Linde Bischof, Frauen und Fische
„Wo ist denn der fünfte Goldfisch“, fragte Monika am Abend. Ihr entging nichts.
„Ich habe ihn weggeworfen, er hatte Schlagseite“, gab Thore zurück, ohne aufzublicken. Monika sah ihren Mann überrascht an. Da war etwas in seiner Stimme, das sie nicht kannte. Es fröstelte sie. Sie ging ins Haus.
Sie würde sich in ihren neuen Sessel setzen, um ein wenig aus zu spannen. Der Tag war anstrengend gewesen. Und irgendwas war mit Thore. Sie musste nachdenken.
Ihre Hand, mit der sie den kurzen Rock glatt strich, berührte etwas Nasses. Auf der Sitzfläche lag ein toter Fisch. Das Gold der Schuppen glänzte stumpf. Jemand hatte ihm den Kopf abgehackt.

