Der böse Hahn

 

 „Danke“, sagt sie und lächelt ihm zu. Noch vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen. Bernd hat sich wirklich verändert. Sie hat es also nicht umsonst getan.

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Linde Bischof, spontaner Auszug

 Jetzt ist sie ihm wirklich dankbar, dass er die beiden Kleinen an ihren Anorakärmeln gefasst hat und nun zur Wohnungstür hinaus bugsiert. Es wird gut tun, an diesem Sonntagmorgen noch ein wenig Ruhe zu haben, bevor es losgeht.

Bernd hat vor ein paar Tagen sogar gefragt, ob es ihr auch Recht sei, dass seine Mutter an diesem Sonntag zu Besuch käme. So was hat er noch nie getan. Und mit Blick auf ihr verbundenes Handgelenk hat er besorgt hinzugefügt. „Vielleicht ist es dir zu viel, Liebes, nach all dem?“ Ein Besuch von Monika war Kathrin eigentlich immer zu viel, aber sie wollte den Kindern und Bernd die Freude nicht verderben. Und wäre es nicht albern, Angst vor der eigenen Schwiegermutter zu haben? Und diesmal wird Bernd ihr beistehen.

 „Kommt, Mama muss noch kochen. Wir stören nur. Wir sehen uns lieber den bösen Hahn an! Und außerdem kommt bald Oma Monika!“ Bernds Stimme klingt geduldig und beschwörend zugleich. Die Wohnungstür schlägt zu und schneidet das helle Aufjauchzen der Kinder ab.

Kathrin lauscht. Um sie herum ist es mit einem Mal fast still. Sie bleibt ein paar Sekunden regungslos zwischen Wohnungstür und Küchentür stehen, horcht auf die Geräusche im Hausflur, das kleine, fröhliche Poltern, das sich immer mehr verliert. Sie lächelt. Als sie die Haustür ins Schloss fallen hört, löst sie sich aus ihrer Erstarrung und geht zurück in die Küche.

Hier ist es heiß und riecht nach Essendunst. Kathrins Blick huscht über den Herd. Sie muss die Spargelcremesuppe herunter schalten. Der Braten hat noch Zeit. Durch die Scheibe des Backofens sieht sie mit Befriedigung, dass das rote Fleisch an den Kanten zu bräunen beginnt. Sie sollte jetzt das Wasser für die Klöße aufsetzen. Geformt sind sie schon. Sie liegen auf dem Brettchen neben dem Herd, zwölf Stück, nicht etwa dreizehn, das würde Monika nicht akzeptieren, alle rund und glatt und alle gleich groß. Perfekt. Aber es sind Klöße aus einer Fertigpackung. Monika wird das wohl sofort merken. Soll sie doch!

Auch der Rotkohl kommt aus einer Dose. Kathrin schubst mit einer heftigen Bewegung die leere Dose, die ausgespült und abgetropft auf dem Ablaufbrett gewartet hat, in den Abfallbehälter für Leichtmetall. Nein und noch mal nein: Sie wird dieses ganze Theater nicht mehr länger mitmachen. Jetzt nicht mehr. Soll Monika doch lästern!

Kathrin tritt ans Küchenfenster. Von hier aus kann man den Weg überblicken, den Bernd mit den Kindern gehen wird. Es ist ein breiter, nach Regenfällen oft etwas matschiger Feldweg. Aber es hat lange nicht geregnet. Sie werden also keinen neuen Dreck nach Hause tragen. Kathrins Blick fällt auf den Küchenboden. Ja, sie hat erst gestern die Küche gewischt. Auch gesaugt hat sie. Es ist alles in Ordnung.

Gleich wird sie sie sehen können. Der Weg führt von der Straße weg den Hang hinauf bis zu dem Schuppen, der zu Bauer Heckmanns Hof gehört. Den Hof selber kann Kathrin nicht ausmachen. Aber das Schuppendach erkennt man noch. Wann war sie eigentlich selber zum letzten Mal dort oben? Der „böse Hahn“? Die Kinder sind fasziniert von diesem Tier. Immer wollen Sie dort hinauf gehen. Hat sie selber je den bösen Hahn gesehen? Sie kann sich nicht erinnern. Er gehörte vermutlich noch nicht zum Bauernhof, als sie selber das letzte Mal dort oben war.

 

Und jetzt tauchen auch die drei Personen in ihrem Blickfeld auf, die sie erwartet hat: ein Mann mit zwei kleinen Kindern, einem Jungen von vier Jahren und einem etwas älteren Mädchen. Kathrin muss bei diesem Anblick lächeln: Ein Vater, der am Sonntagvormittag mit seinen Kindern spazieren geht, damit seine Frau die Kinder vom Hals hat, wenn sie das Sonntagsessen vorbereitet, ein vorbildlicher Vater und Gatte, ganz offensichtlich. Und ganz sicher ist: Das hätte er früher nie getan. Es wird ihr richtig warm bei diesem Anblick.

Kathrin schaut zu, wie die kleine Karawane den Hang hinauf zuckelt. Bernd hält Christian an der Hand und der lässt sich vom Vater ziehen. Sicher hat er wie immer keine Lust zu laufen. Aber Julia springt hin und her, schaut sich alles an. Jetzt fängt das kleine Mädchen an zu rennen. Kathrin sieht, wie sie stolpert und dann hinfällt. Bestimmt weint sie jetzt. Kathrin würde am liebsten los rennen, aber sie kann ja nichts tun hier an ihrem Fenster, nur zusehen, was geschieht. Aber jetzt hebt der Vater Julia vom Boden auf und nimmt sie in den Arm. Kathrin seufzt erleichtert auf. Nach ein paar Minuten löst sich das Kind vom Vater und rennt weiter. Dann verschwindet der Mann mit den beiden Kindern aus ihrem Blickfeld. Wenn sie oben angekommen sein werden, kann sie sie wieder sehen.

Kathrin spürt in sich so etwas wie Fröhlichkeit. Dass sie glücklich sein kann nach all dem, so wenige Tage nach diesem verzweifelten Versuch! Eigentlich ist sie noch immer ein wenig erschöpft und es tut auch noch weh.

Sie schaut auf ihr Handgelenk. Man kann es im Grunde nur sehen, wenn man es weiß. Sie hat extra eine langärmlige Bluse angezogen. Der Verband verschwindet ganz unter der Manschette. Es ist natürlich viel zu warm dafür. Monika wird das sicher sofort auffallen. Soll sie doch! Sie kann ruhig wissen, was passiert ist. Sie wird es ohnehin merken. Aber sie, Kathrin, wird sich nicht mehr dazu zwingen lassen, die Wahrheit zu leugnen, auch nicht von Monika. Und wenn sie richtig darüber nachdenkt, dann sollte sie es sogar erfahren. Monika sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass ihre Schwiegertochter ihr Leben kaum noch ertragen konnte, dass sie beinah erstickt ist an diesem Leben. Kathrin schämt sich nicht. Und Bernd wird dieses Mal zu ihr halten. Endlich wird er auf ihrer Seite stehen.

Kaum hörbar hat das Wasser im Topf begonnen zu summen. Wenn die drei wieder oben am Weg auftauchen ist es Zeit, die Klöße ins Wasser zu legen. Noch sind sie nicht zu sehen.

Kathrin geht nach nebenan ins Esszimmer, öffnet den Schrank mit der Tischwäsche und nimmt die oberste Tischdecke heraus: rosafarbenes Leinen, ein Geschenk von Monika, nicht gerade Kathrins Geschmack, aber sie wird immer benutzt, wenn Monika zu Besuch kommt. Bernd besteht darauf.

Kathrin hält in der Bewegung inne, mit der sie die Tischdecke über den Esstisch geworfen hat. Sie lauscht erschrocken ihren Gedanken nach. „Bernd besteht darauf !?“ Worauf hat Bernd noch bestanden in all den Jahren? Es war so viel, worauf was er forderte und es war offenbar immer sein Recht. Und immer hat sie nachgegeben. Immer hat sie sich geduckt. Die Hackordnung war von vorne herein festgelegt. Und welche Henne wagt es, den Hahn dafür anzuklagen, dass er der Hahn ist? Er ist schließlich der Hahn, nicht wahr?

Kathrin richtet sich auf und wirft einen Blick durch den Raum, als hätte sie sich hier lange nicht mehr wirklich umgesehen.

Dort hat sie gelegen am Montag. Es ist jetzt fast eine Woche her. Dort hat er sie gefunden. Kathrins Augenlider ziehen sich zusammen und ihr Mund bekommt einen entschlossenen Zug. Ja, an diesem Tag hat nun sie, Kathrin, endlich einmal auf etwas bestanden, darauf, dass sie nicht mehr so weiterleben will, wenn sich nichts ändert, wenn Bernd sich nicht ändert. Sie war am Ende. Sie hatte alles versucht. Es gab keine Worte mehr, die sie für diese Botschaft hätte benutzen können.

Sie war schon fast weg gedämmert. Er kam viel später als erwartet. Sie hatte schließlich sogar noch Angst bekommen, aber dann reichte ihre Kraft nicht mehr, irgendetwas zu tun. Sie hatte ja nicht wirklich sterben wollen, sie wollte nur, dass er endlich begreift ….


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 Linde Bischof,  rote Blumen

 Er hat sie geohrfeigt, als er sie fand. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie riss empört und voller Wut die Augen auf, aber als sie seinen bestürzten und besorgten Blick sah, wusste sie, dass jetzt die Botschaft tatsächlich angekommen war. Sie hatte ihn also erreicht. Endlich hatte sie ihn erreicht.

Seit einer Woche ist es nun anders geworden zwischen ihnen. Bernd ist weiterhin besorgt, auch verwirrt und geradezu ängstlich ihr gegenüber. Er macht sich Gedanken um sie. Das hat er bisher noch nie getan, so lange sie sich erinnern kann. Er wird auch heute zu ihr stehen. Monika kann ruhig kommen.

Die Tischdecke hat einen Kaffeefleck. Kathrin pfeift leise durch die Zähne. Sie streicht mit dem Handrücken darüber. Sie wird die Decke trotzdem auf dem Tisch liegen lassen. Sie wird sich nicht mehr wegen Kaffeeflecken fertig machen. Und Bernd wird vielleicht endlich aufhören, solche Dinge wichtig zu nehmen. Jetzt, wo er verstanden hat, wo er sie begriffen hat.

Kathrin sieht noch das Bild vor sich: Er hat sie verbunden und für einige Zeit schien es, als sei es ihm gelungen, das Blut zu stillen. Er nahm sie in die Arme und sie konnte weinen. Sie weinte lange. Und er sagte nicht einmal zu ihr, sie solle aufhören damit. Er fragte nichts und sie erklärte nichts, aber es schien, als sei das nicht mehr nötig. Später rief er den Notarzt, weil die Blutung nicht zu stoppen war.

Der Arzt hat die Geschichte vom Unfall beim Steak Zurechtschneiden mit dem nagelneuen Küchenmesser, die Bernd ihm auftischte, nicht geglaubt. Er hat kurz mit Bernd alleine gesprochen und kam dann, um ihr auf Wiedersehen zu sagen. Er hat sie dabei angelächelt, so als wisse er, dass jetzt alles wieder gut würde.

Später saßen sie zusammen und hielten sich im Arm. So, einfach nur nah beieinander, hatten sie nie mehr gesessen, seit Julia geboren war. Und dann fragte er ganz vorsichtig, ob sie zu große Schmerzen habe, um …. Sie legte den Arm neben ihrem Körper ab wie ein Stück, an das man sich nicht mehr erinnern will. Er war sehr zärtlich und sie spürte, wie heftig sie sich während der Monate, die ihre Streitereien und ihre Depressionen nun schon dauerten, danach gesehnt hatte, mit ihm zusammen zu sein. Und sie überlegte, wie oft sie ihm wohl schon gesagt hatte, dass sie ihn liebe und begehre, während sie zusammen lagen. Heute Abend fühlte sie diese Liebe endlich wirklich und überall.

 Und am nächsten Morgen hat seine Fürsorge und Zärtlichkeit angehalten bis heute. Das war so unendlich viel wert!

Mit einem Lächeln dreht Kathrin der Tischdecke den Rücken zu und geht zurück in die Küche, um aus dem Fenster zu schauen.

Als sie mit dem Arm an das Fensterbrett stößt, verzieht sie ein wenig den Mund. Die Wunde tut noch weh. Aber sie pocht schon lange nicht mehr.

Jetzt tauchen auch die drei Punkte oben bei der Scheune wieder auf. Ihre Familie ist auf dem Weg zurück nach Hause.

Mit sicheren, kurzen Bewegungen legt Kathrin die Klöße mit dem Schaumlöffel auf das siedende Wasser. Sie sinken sofort auf den Boden des Topfes. Wenn sie aufgestiegen sein werden, muss alles soweit sein. Bis dahin werden auch die Drei wieder zurück sein. Und auch Monika wird dann hier herein rauschen. Sie kommt immer zu früh. Heute will Kathrin sich darüber nicht aufregen. Die Zeiten sind vorbei.

* **

 Ab hier kann man schon wieder das Haus sehen. Mit jedem Schritt, den sie machen, wird das Haus etwas größer, verwandelt sich allmählich von einem kleinen weiß-roten Punkt auf einer Ansichtskarte, in ein Haus, in ein Spielzeughäuschen zuerst und dann in ein richtiges Haus, in dem Menschen wohnen können. Man erkennt die nicht mehr ganz frisch weiße Hausfront. Im Parterre stehen die Fenster zur Straße weit auf. Die Fenster im ersten und zweiten Stock sind geschlossen. Vielleicht schaut Kathrin ihnen zu? Das Bodenfenster blinkt in der Sonne, als wolle es ihm ein Zeichen geben.

Bernd ist mit seiner kleinen Expedition zufrieden. Die Kinder haben genug erlebt und sind miteinander in ein aufgeregtes Gespräch über das Kälbchen vertieft, das sie gesehen haben. So werden sie nicht merken, dass sie müde sind und er muss niemanden auf den Schultern tragen. Das wäre ihm eigentlich jetzt auch zu viel. Er fühlt sich noch immer etwas angeschlagen von den Ereignissen und Aufregungen der letzten Woche. Eigentlich ist er immer noch schockiert. Eigentlich ist ihm immer noch nicht klar, warum sie das gemacht hat. Er hat nur begriffen, dass es etwas Schreckliches gewesen sein muss, dass sie dazu trieb. Als er sie ohrfeigte, hat er merkwürdigerweise nicht Wut empfunden, sondern Sorge. Und Zärtlichkeit. Er will sie nicht verlieren, das hat er gewusst in diesem Augenblick. Er ist jetzt vorsichtig geworden. Sie soll wieder klar kommen. Er wird sie schonen. Vielleicht hatte sie doch Recht gehabt, wenn sie ihm immer vorwarf, er kümmere sich nicht genug um sie? Aber sie war auch schwierig in der letzten Zeit, eigentlich ist sie schon sehr lange so, schon seit die Kinder da sind. Und furchtbar empfindlich. Und immer gab es diesen Krach wegen seiner Mutter. Dabei kann man sagen was man will: Monika ist doch wirklich eine pflegeleichte Schwiegermutter. Sie mischt sich nicht ein und hilft, wo sie kann. Und die Kinder lieben sie. Aber Kathrin ist immer gleich auf Hundertachtzig, wenn Monika ihren Besuch ankündigt.

Bernd schaut besorgt den Weg hinunter, um zu sehen, ob das Taxi vielleicht schon vorgefahren ist. Hoffentlich wird es heute nicht wieder Krach geben!

Aber immerhin ist Kathrin heute nicht mehr traurig und unzufrieden. Sie war die ganze Woche über eigentlich eher fröhlich, man könnte beinahe sagen glücklich. Sogar im Bett war es schön wie lange nicht mehr. Eigentlich verrückt: Erst will sie sich umbringen vor lauter Unglück. Und dann lieben sie sich so heftig und so zärtlich wie in alten Zeiten und es stellt sich so was ein wie ein Glücksgefühl. Unglaublich, was man so alles mitmacht! Die Frauen sind verrückt. Der Mensch ist verrückt.

Wie eben dieser andere Vater, dem sie begegnet sind, der im Dauerlauf und mit erhitztem Kopf wie ein Verrückter neben dem Fahrrad seines Sohnes herlief, ihn anfeuerte und ihm Mut zu rief, als gelte es, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen oder das Lebensglück. Der Kleine schwankte offensichtlich zwischen Zuversicht und Verzweiflung und wackelte mitunter gefährlich auf seinen Pedalen. Und der Vater schwitzte vor Anstrengung und Angst und Stolz.

So was machen also richtige Väter? Bernd staunte. So etwas würde er nicht bringen, oder? Aber auch sein Spaziergang mit den Kindern ist eigentlich ganz schön gewesen. Er ist stolz auf sich. Und so hat Kathrin sich noch mal ein bisschen erholen können, bevor die Schwiegermutter kommt.

Jetzt kann man erkennen, dass sich im 2. Stock des Hauses am Küchenfenster die Gardine bewegt. Bernd grinst zum Fenster hinauf. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sein Gesicht schon erkennen kann. Aber für alle Fälle möchte er ihr Mut machen. Er gibt sich wirklich alle Mühe. Und er tut es gerne. Vielleicht wird jetzt wirklich alles besser zwischen ihnen. Er wünscht es sich. Sie könnten es gebrauchen. Auch dann, wenn es mit der neuen Arbeit in der Versicherung wirklich klappen sollte. Es wäre so gut, zu Hause Frieden zu haben und ein bisschen Liebe, eine Frau, die sich freut, wenn man nach Hause kommt…

 

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Linde Bischof,  Frauen am blauen Strand

 Jetzt fährt wirklich ein Taxi vor und bremst unmittelbar vor der Haustür. „Da ist Oma“, schreien die Kinder und rennen los. „Vorsicht, nicht über die Straße“, brüllt er ohne darüber nachzudenken. Er ist ja auf einmal ein richtiges Vatertier geworden! Er schämt sich nicht dafür. Vielleicht hat sie seine Reaktion mitbekommen. Er blickt noch einmal zum Küchenfenster hoch.

Die Kinder bleiben brav, wenn auch zappelig, am Straßenrand stehen. Er nimmt sie fest bei den Händen, sie blicken gemeinsam demonstrativ nach links, dann nach rechts und gehen schließlich hinüber, um Oma Monika zu begrüßen. Die ist wie immer etwas zu früh. Das wird ihr wohl keiner mehr abgewöhnen können.

Der Sohn ist zwei Köpfe größer als seine Mutter. Er beugt sich zu ihr herunter und küsst sie auf die Wange, die sie ihm fordernd hin hält. „Tag, Mutter. Schön, dass du schon da bist!“, sagt er. „Ach, übrigens, Kathrin geht es im Moment nicht so besonders gut. Sie wird wahrscheinlich noch beim Kochen sein. Vielleicht kannst du ihr ja noch ein wenig helfen?“ „Ich versteh schon, Bernd“, die Frau lächelt verständnisvoll.

Obwohl er einen Schlüssel dabei hat, klingelt Bernd an der Haustür. Sie soll alle Zeit der Welt haben! Es dauert nur wenige Sekunden, bis das Summen ertönt und die Tür aufspringt. Die Kinder rennen atemlos die Treppe hinauf. Monika geht mit langsamen, festen Schritten hinter ihrem Sohn in den 2. Stock. In der Wohnungstür steht Kathrin und blickt der kleinen Gesellschaft entgegen, die sich von unten in ihr Reich hoch arbeitet. Sie sieht ja beinahe amüsiert aus, denkt Bernd.

 ***

 „Mama, Mama, der böse Hahn beim Bauer Heckmann war heute auf dem Hof!“ „Und die Kuh hat jetzt das Kälbchen gekriegt!“ Die Kinder stürzen auf Kathrin zu und nehmen sie in Beschlag. Sie beugt sich zu ihnen hinunter, wischt Julia mit einem Taschentuch über die triefende Nase und streicht Christian eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Fein, ihr könnt gleich beim Essen davon erzählen. Wascht euch noch die Hände, ja?“

„Tag, Kathrin. Na, alles in Ordnung?“ Die Stimme der Schwiegermutter klingt herzlich wie immer. Monika strahlt immer Fröhlichkeit aus, wenn sie irgendwo hinkommt. Kathrin muss es zugeben. Monika ist eine Frohnatur, ein Mensch, der allen und jedem Wärme spenden möchte. Man müsste sie eigentlich dafür lieben, denkt Kathrin verwundert. Wann kann ich es nicht? Sie lässt es nicht zu, wenn man es wagt, trotzdem zu frieren. Das ist es.

„Wir können gleich essen“, Kathrin schafft es, ihrer Schwiegermutter offen ins Gesicht zu sehen. „Ich hole nur noch das Eis für den Nachtisch aus dem Tiefkühlfach. Ach, Bernd und Monika, ihr könntet eigentlich eben noch den Tisch zu Ende decken. Dazu bin ich nicht mehr gekommen. Nehmt bitte die Suppentassen mit dem Goldrand!“

Bernd schaut Kathrin an. Offensichtlich ist er überrascht, wundert sich über ihren Ton. Aber er geht sofort ins Esszimmer. Er scheint froh zu sein, dass er etwas tun kann.

Monika folgt Kathrin in die Küche. „Kind, ist dir nicht zu warm? Dass du bei diesem Wetter was Langärmeliges anziehst! Und dann noch hier in der heißen Küche!“

Sie wird es längst gesehen haben. Kathrin beißt sich auf die Zunge. Sie blickt entschlossen auf.

„Wir hatten am letzten Montag eine Auseinandersetzung, Bernd und ich“, fängt sie unvermittelt an. Monika sieht nicht zu ihr hin. Sie hat sich über den Suppentopf gebeugt und probiert die Spargelcremsuppe. Keiner hat sie darum gebeten.

„So“, sagt sie nur und konzentriert sich weiter auf das Abschmecken der Suppe.

„Bernd hat mich gefunden. Ich hatte versucht“ – weiter kommt sie nicht, denn Julia platzt mit der Frage in die Küche, wo ihre Papierschere sei. Kathrin gibt dem Kind, was es sucht.

Danach ist es still. Man hört Bernd nebenan mit dem Geschirr klappern. Kathrin steht atemlos mitten im Raum. Monika hat sich noch immer der Suppe zugewandt.

„Die Suppe ist ein bisschen stark gesalzen, Liebes. Aber sonst schmeckt sie hervorragend. Soll ich sie einfüllen? Sag mir, wo die Suppenterrine ist. Ich habe es schon wieder vergessen!“ Kathrin steht noch immer mitten im Raum. Sie starrt Monika an. Die kehrt ihr nach wie vor den Rücken zu.

„Ich wollte dir von unserer Auseinandersetzung neulich erzählen“, greift sie entschlossen den Faden wieder auf.

„Ach Kindchen“, langsam richtet Monika sich auf und dreht sich zu Kathrin herum. „Eure Auseinandersetzungen gehen mich doch gar nichts an, findest du nicht auch? Ihr seid doch die Eheleute.“ Sie kichert. Es klingt nervös.

‘Sie will es also nicht wissen.’ Kathrin steht noch immer mitten im Raum. Jetzt greift ihre Hand tastend nach der Tischkante.

„Fertig“, ruft Bernd von nebenan aus dem Esszimmer.

 

Genau auf den Kaffeefleck hat Bernd den Untersetzer für den Braten platziert. Kathrin zuckt zusammen. Er schämt sich also doch. Einen Moment schwankt sie. Es sieht fast so aus, als würde sie hinstürzen mit der Suppenterrine in den Händen. Aber dann stellt sie die Terrine energisch auf dem Tisch ab und schiebt dabei wie unbeabsichtigt den Untersetzer zur Seite. Bernd kann den Reflex nicht unterdrücken, danach zu greifen, zieht aber gleich die Hand wieder zurück. Er hat ihren Blick gesehen. Er weiß also, worum es hier geht.

Der Fleck prangt auf der Blüten zarten rosa Decke wie ein Schandmal. Monika sieht den Fleck an. Sie hört auf zu sprechen. Kathrin lächelt unschuldig in die Runde.

„Ich habe deine schöne Decke aufgelegt, Monika, obwohl sie schon einen kleinen Kaffeefleck hat. Aber ich denke, wir sind ja hier alle eine Familie, nicht wahr?“

Sie sieht Monika herausfordernd an. Soll kommen, was will!

Monika schluckt. „Was ist mir dir los, Kathrin?“ sagt sie plötzlich. „Du hast dich irgendwie verändert.“ Bernd schweigt und guckt betreten auf seinen Teller. Kathrin verteilt die Suppe.

Etwas ist anders heute. Etwas scheint hoffnungsvoll. Aber doch läuft etwas schief.

Nur die Kinder erzählen unbefangen von ihren Erlebnissen bei Bauer Heckmann.

„Jetzt sagt mir mal, warum ist der Hahn denn eigentlich böse?“, will Kathrin wissen.

„Er hackt immer nach uns, wenn wir am Zaun stehen,“ sagt Christian.“ „Und weil der immer alle Hennen hin und her jagt“, ergänzt Julia. „Er tut immer so, als sei er der Größte, aber Eier legt er keine.“

Die Erwachsenen lächeln. Die Kinder erzählen weiter. Später, nach dem Nachtisch, gehen sie ins Kinderzimmer.

 

„Meine Güte, ist das heute warm“, stöhnt Monika. „Gute Idee, Kathrin, das mit dem Eis. Ach entschuldigt, ich glaube, ich zieh mir mal meine Jacke aus. Ist es dir denn nicht auch warm, Kathrin?“

„Du hast Recht“, sagt Kathrin gedehnt. Soll sie es endlich ganz wissen. Kathrin beginnt, sich den rechten Ärmel auf zu knöpfen und krempelt ihn hoch bis zum Ellenbogen. Es ist das Natürlichste von der Welt, was sie da tut. Kathrin sieht dabei Bernd prüfend an. Er ist nervös. Er hat Angst. ‘Wovor verdammt noch mal’, überlegt Kathrin, ‘hat Bernd Angst? Vor der Wahrheit? Davor, sich vor seiner Mutter zu seiner Frau zu bekennen, komme was wolle? Mag sein.’

Aber Kathrin hat jetzt keine Angst mehr. Auch davor nicht. Sie öffnet den Knopf am linken Ärmel und beginnt damit, auch den hoch zu krempeln. Um ihr Handgelenk liegt ein weißer, breiter Verband. Alle starren darauf. Kathrin zwingt sich, zu sprechen.

„Ich hab dir doch vorhin in der Küche von unserer Auseinandersetzung letzten Montag erzählt“, beginnt sie mit etwas zu lauter Stimme.

Jetzt wird auch Monika nervös, sie wirft durch eine hektische Handbewegung beinah ihre Kaffeetasse vom Tisch. Monika schaut sie nicht an. ‘Sie will es einfach nicht hören’, denkt Kathrin. ‘Über so etwas darf man nicht reden, nicht wahr? Stecken wir lieber weiter den Kopf in den Sand. Lassen wir lieber die arme Kathrin weiter schmoren in ihrem Unglück. Schlimm genug, dass sie so etwas macht. Da kann man doch nicht auch noch drüber sprechen. Was will sie eigentlich? Sie hat doch alles: ein schönes Heim, einen wunderbaren Ehemann, zwei liebe, kluge, hübsche Kinder. Was will diese Frau denn noch? Nein, damit ist jetzt Schluss, ein für alle Mal!’

Aber ehe Kathrin weiter sprechen kann, hat Bernd sich gefangen. „Ach ja, Mutter, das haben wir ja noch gar nicht erzählt: Kathrin hatte jetzt am Montag einen kleinen Unfall. Sie ist mit dem neuen Küchenmesser abgerutscht beim Steak Zurechtschneiden. Ein ekelhafter Schnitt. Wir hatten sogar den Notarzt hier. Gut, dass es keine Infektion gegeben hat. Ich kam gerade rechtzeitig nach Hause, als es eben passiert war. Es hat ganz schön geblutet. Tut der Arm eigentlich noch sehr weh, Kathrin?“ Jürgen sieht Kathrin an, sein Lächeln sitzt etwas schief.

 

Kathrin schweigt. Seine Frage bleibt in der Stille hängen, die sich im Raum ausbreitet wie eine kalte Flüssigkeit. Man hört plötzlich den Lärm aus dem Kinderzimmer.

 

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Linde Bischof, flammende Frau

 Langsam und ohne Monika und ihren Mann anzusehen, steht Kathrin auf und geht aus dem Zimmer. Sie dreht sich nicht mehr um. Im Flur greift sie nach ihrem Schlüssel und öffnet die Wohnungstür.

„Wohin gehst du, Mama? Julia hat etwas gehört und schaut aus dem Kinderzimmer.

„Ich geh mir jetzt auch mal den bösen Hahn anschauen,“ sagt sie und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

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