Archive für November 2008

an die, die nach uns kommen

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I

Ja sicher, uns geht es gut.

Sogar unsere Armen sind meistens satt.

Die auf der anderen Seite stehen,

sehen uns mit Neid und mit Hass.

Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,

was euer ist. Und warum?

Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,

die Einlass begehren.

Ich kann nicht sagen: Dies gehört uns.

Es gehört den Menschen.

 

Ich kann auch nicht sagen:

unsere Götter sind die besseren,

unsere Sitten sind die richtigen,

unsere Gedanken sind wahrer als ihre.

Rom bleckt mal wieder die Zähne.

Es hat die besseren Waffen

und einen großen Hunger.

Recht hat, wie immer, wer stärker ist:

Im Namen Gottes, der Demokratie und

was sonst noch so einfällt.

 

Dies ist keine Welt,

die wir euch mit Stolz hinterlassen.

Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.

An seinem Hof herrscht der allmächtige

Spaß, und das Gerappel der Kassen

füllt die Hirne und Herzen.

Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.

Darüber sind wir alt geworden.

Diese hier wollten wir verhindern.

Es ist uns nicht gelungen.

 

II

 

Damals, zwischen Kuckucksnelken

und zerbrochenen Bodenfliesen,

haben wir gelernt zu überleben

und zu träumen.

Die Kletterpartien über die Trümmer der Welt

unserer Vorfahren und über die

Eisenträger des Wirtschaftswunderlandes

konnten seelische Schieflagen

nicht verhindern. Dennoch:

Das Gute schien machbar.

 

Wir wollten, wie viele vor uns,

die Welt wieder auf die Beine stellen, wir,

die Kinder von Lenin und Brecht, (von Marx und Coca Cola).

Damals hätte ich sofort gewusst,

was es zu sagen gäbe an die Adresse der

Nachgeborenen: Menschenwürde

und Gerechtigkeit hätte ich besungen, und

gesprochen hätten wir voll Klugheit

über die dornigen Wege bis dahin.

Die sich als unbegehbar erwiesen. Wenig später.

 

Als ihr dann kamt, Hoffnungsträger, Schreihälse,

waren mir die Argumente

schon aus den Händen gefallen.

Ich fand mich auf einmal wieder

in der besten aller derzeit möglichen Welten.

Alle Leuchttürme waren erloschen. Es wurde kalt.

Euch sah ich heranwachsen. Ich brachte euch

das Überleben bei, aber ich wagte es nicht mehr,

eurem Werden eine Richtung zu geben.

Ich hatte die meine verloren.

 

III

 

Heute gehe ich angewidert und tatenlos

ein und aus in der plastikknisternden Welt

des Wolfes. Hofnärrin und müde.

Das Leiden der Menschen sehe ich

auf dem Bildschirm und manchmal

an den Straßenecken. Noch immer

schlägt dann mein Herz die Hände

vors Gesicht und weint. Ihr aber

schreitet achselzuckend mitten durch.

Das macht mich traurig.

 

Ich sehe euch andere Wege beschreiten,

zu anderen Zielen.

Was soll ich euch also sagen?

Unsere alten Träume

entlocken den Heutigen

doch höchstens ein Lächeln.

Aber ich fürchte für euch: Was ich

euch mitgeben konnte, trägt nicht weit.

In dieser Welt, die die eure ist,

braucht man ganz andere Schuhe.

 

Ihr aber fürchtet euch nicht.

Ihr geht einfach nach vorne.

Der Hof des Wolfes ist euer zu Hause.

Ihr habt gelernt,

nach seiner Pfeife zu tanzen und

hinter seinem Rücken euer Ding zu drehn.

Das ist eure Chance.

Denn ihr werdet leben,

wo ich nicht mehr leben muß.

 

Ich denke an euch mit Nachsicht.

an die traurige Tochter in der Ferne

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Du gehst die Wege, die du gehen willst.

Ich schaue zu und bleibe leise und von ferne stehn.

Weit weg von mir ersteigst du unbekannte Berge,

sprichst fremde Sprachen, die ich nicht verstehe,

zeigst Wagemut, der mich das Staunen lehrt.

 

Nur deine Traurigkeit und deine Ängste,

sie sind mir so vertraut.

Ich höre die Beschwörung deines Glücks.

Ich sehe deine Tränen, meine sie zu schmecken.

Und doch kann ich die Hand nicht  rühren:

 

Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,

sind längst Vergangenheit.

Die Zeiten, wo ich hätte

meine Tochter trösten können,

sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.

 

Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,

dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt,

und irgendwann die Liebe dir begegnet und auch bleibt

und zart, und so wie Mütter und Geliebte es nur können

mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.

 

Meine Mitte

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Meine Mitte liegt jenseits

der Straße, die von mir zu dir führte.

 

Die Zeiten,

wo ich dir zulächelte,

sind vorüber.

Die Zeiten, wo dein Wohl

mir über alles ging

und ich dich

behüten wollte

wie ein Kind,

die sind gewesen.

 

Ich möchte auch

schon lange nicht mehr

Reue, Einsicht

oder gar noch Liebe

aus dir pressen.

Heut möcht ich dich

ganz einfach nur

eine kleine, hübsche Weile

vernichtet sehen,

verdorrt

und auf die Schnauze gefallen.

 

Aber erst wenn ich

über dich lächeln kann,

gerührt,

ironisch,

belustigt,

gelassen,

amüsiert,

erhaben,

gelangweilt, –

dann erst

bin ich wirklich auf meiner Straße.

das korn muss sterben


ich wäre ja bereit zu sagen,

gut, die welt den anderen,

den jungen,

den machern,

denen, die es hinkriegen.

ich wäre ja gerne weise

und beschränkte mich

freiwillig

ohne zögern

auf die rolle des zuschauers,

auf die rolle der weisheit.

 

als mutter

aber

- von drei kindern -

ist mir auch das nicht vergönnt.

ich sterbe in raten.

ich bin das korn,

das sterben muss

damit die Saat aufgeht.

das leben ist auf ihrer seite,

die zukunft gehört ihnen.

ich diene ihr nur

und habe schon laufend ausgedient.

und zuletzt bleibt mir nicht mal

der stille blick des alters auf alles

weil mir vor erschöpfung

die augen zufallen.

Am Abend vor der Scheidung


Bis zur silbernen Hochzeit

hat es nicht gereicht.

Aber fast.

Sieben Jahre soll es dauern,

bis man es wirklich vergessen hat.

 

 

Da habe ich ja noch Glück

gehabt. Drei sind schon rum.

Nun bist du wirklich fort

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Die Sonne scheint durch alle meine Räume,

die fortan nur noch mir gehören werden.

Ich habe meine Freiheit und mein neues Leben.

Ob ich auch wirklich meinen Frieden machen kann?

 

Das Fernsehn schweigt. Die Bilderflut ist fort.

Die schrillen Töne sind verstummt, verweht.

Die Zimmer sehen nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus

und alle Tuben werden wieder zugedreht.

 

Ich möchte deine Ärgerspuren löschen

und bringe meine Wohnung gleich in Schuss.

Ich möchte glücklich sein und singen, aber plötzlich,

da merke ich betroffen, dass ich weinen muß.

 

Da ist dein Buch, dort find ich eine Socke,

hier liegt ein Zettel, der ist noch von dir.

Du wirst mich morgen doch besuchen kommen?

Komm wenigstens mal nächste Woche her zu mir!

 

Ich werde dich vermissen, wie du morgens

dein langes Haar zum Zopf zusammenfasst,

und wie du dann den schweren Rucksack stämmst

und sicher wieder irgendwas vergessen hast.

 

Am Fenster werde ich wohl manchmal stehen

und denken, dass dort meine Tochter geht.

Zum Telefon werd ich herüberstarren,

mich immer wieder fragen, wie es um dich steht.

 

Dann muss ich durch die stillen Zimmer wandern,

wo alle Stühle noch so stehn, wie ich es mag,

werd Fotos ansehn, werde an dich denken

und bitter weinen wie an diesem Abschiedstag.

Der Absturz


 

Seine Stimme

klopfte an ihre Haut

und sie ließ ihn ein.

Ihre Körper besiegelten

den Bund ihrer Herzen.

Lächelnd im Lichte des Frühlings

überquerten sie das

lebensfeindliche Land

Hand in Hand

wie im Flug.

 

Doch dann:

Die Liebe setzte zur Notland an

und zerschellte im Flugsand.

Niemand hatte damit gerechnet.

Wer verdunkelte den Horizont?

Wer zerschnitt die Verbindungen?

Wer hat den Navigator abgeschaltet?

 

Leere Himmel über ihnen,

das Land vor ihnen tot

wie ein zerbrochenes Siegel.

Ihre Herzen vertrocknet.

Die Male an ihrem Hals

sehen aus wie die Unterschrift

auf einem Schuldbekenntnis.

 

Altenliebe

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Was ich dir heute bieten kann

ist nur noch schön, wenn es die Liebe sieht.

Ich kann dir meine Jugend nicht mehr schenken.

Als ich sie hatte, war sie mir nichts wert.

Doch heute weiß ich lange schon um ihre Kostbarkeit:

Sie war beinah das Beste, was ich jemals hatte.

Ich würde sie so gern in deine Hände legen.

Nun leg ich meine langen Jahre

in deiner Liebe Blick.

 

Ich gräme mich: Mein Fleisch wird mürbe,

meine Brüste weich und schlaff wölbt sich mein Bauch.

Mein Antlitz ist zerfurcht von dem,

was ich durchlitten habe. Mein Bild im Spiegel schreckt

mich sehr mit all den Falten und den Runzeln.

Oh, könnte ich nur deine Augen, deine Hand

mit meiner lang gehegten Pfirsichhaut belohnt.

 

 

Ich bin bestürzt: Der Tod steht neben uns!

Er trinkt mit uns am Abend Wein.

Er liegt mit uns im Bett. Er sitzt an unsrem Tisch,

begleitet uns auf allen Wegen.

Und wenn er es nicht selber ist,

so sitzt an seiner Statt Gebrechlichkeit, die Altersplage.

Wie soll man leben mit dem Tod im Nacken?

Im Angesichte des Vergehens –

wie soll ich lieben lernen??

 

Ich bin betrübt. Es ist so spät, so wenig bleibt uns noch!

Wie gern hätt’ ich mit dir noch Zukunft ausgesponnen,

und hätte dann vielleicht gedacht, dass wir in fernen Zeiten,

wenn wir das Leben bis zur Neige

genossen und erstritten hätten,

in Ruhe und Gemeinsamkeit und glücklich

zwei alte Menschen werden könnten.

Nun muss im Vorhof unsres Alters

das Liebesglück erblühn.

 

Dass ich dich heute erst getroffen habe!

Ich traure um die vielen Jahre, die uns bereits verloren sind,

um all die Zeiten voller Glück und Unglück, in denen wir

einander nicht berühren und nicht trösten konnten.

Ich weine um dein langes Leben, das du mit mir nicht teilen durftest,

und um das meine, das dich nicht enthalten hat.

Und doch wiegt jeder neue Tag,

den es noch währt,

die Jahre auf, in denen wir

nichts voneinander wussten.

 

Verzeih mir meine Traurigkeit!

Dein Kuss jedoch

macht mich noch einmal jung.

Küss mich auf meinen Witwenschleier

und glaub mir,

dass ich glücklich bin.

Abendstille

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Wir fahren in einem Boot in den Abend. Der Himmel ist

voller Schäfchenwolken. Der Fluss fließt glatt und glänzt.

Du bist bei mir. Du summst ein Lied.

Die Mühen des Tages weichen aus unseren Zügen.

Wir lehnen uns an einander und wissen,

dass nie zuvor wir uns so nah gewesen sind.

Irgendwann, morgen oder in ein paar Tagen

hat unser Boot die Stromschnelle erreicht,

in die wir hinabstürzen werden.

 

Was sollen wir tun?

 

Rücke noch näher. Halte mich fest.

Schau, die Abendsonne, die dein Antlitz beleuchtet,

macht dich jung. Die Bäume und Sträucher am Ufer

sind grün und spiegeln sich flimmernd im Wasser.

Lege deine Hand an mein Gesicht und fühle meine Haut.

Ich bin bei dir. Wir treiben gemeinsam dem Abgrund zu.

Aber bis dahin lächelt die späte Sonne noch eine ganze Weile

und vielleicht auch noch der kühle Mond

über unserem freundlichen Boot,

das unaufhaltsam mit dem Fluss dahin treibt.

 

Es war nie anders.

Wer wir auch immer sind



 

Es ist schon lange hell.

Ich lausche auf das leise Regenlied

Und warte ohne Ungeduld auf deinen Schritt.

 

Durch einen Fensterspalt dringt plötzlich

alt vertrauter Spatzenlärm

und überwältigt mich mit einem Dutzend greller Bilder

von andren Regenmorgen

und von anderen, schon durch gelebten Zeiten.

 

Ich liege regungslos in meinem Körper.

So lag ich oft. So lag ich gestern noch.

Wie bin ich mir bekannt

und dennoch fremd geworden

in diesen langen Jahren!.

Wer immer ich auch bin.

 

Es ist schon lange hell.

Ich lausche auf das alte Regenlied.

Und warte ohne Ungeduld auf deinen Schritt.

Wer du auch immer bist:

Ich frage mich, ob wir uns kennen werden.

 

Hörst du den Regen?

Komm!

Am Leuchten deiner Augen hab ich dich erkannt.

Wer ich auch immer bin:

Ich brauche deine Hand auf meiner Stirn,

auf meiner Möse, meinem Herzen.

 

Komm her zu mir! Ich streiche über weiches Stoppelhaar und

fühle deinen warmen, festen Schwanz so dicht bei mir,

so dicht an meinem Puls das Pochen deiner Brust.

So war es nie.

Auch wenn das Regenlied das gleiche war.

 

Ich schließe meine Haut mit deiner Nähe kurz.

Dein Kuss holt mich zurück in dieses Leben.

Wie nach dem Atemstillstand eines Herzens

stürzt lebensrettend die Erinnerung

durch mich hindurch

und stellt die Gegenwart zurück

auf ihre bronzeschweren Füße.

Ich bin nur hier,

nur heute,

nur mit dir.

 

Wir lauschen auf das leise Regenlied.

Der Tag ist hell. Der Tag ist hier.

Wer wir auch immer sind.

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