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Archive für November 2008
an die, die nach uns kommen
25.11.2008 von m.s..

I
Ja sicher, uns geht es gut.
Sogar unsere Armen sind meistens satt.
Die auf der anderen Seite stehen,
sehen uns mit Neid und mit Hass.
Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,
was euer ist. Und warum?
Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,
die Einlass begehren.
Ich kann nicht sagen: Dies gehört uns.
Es gehört den Menschen.
Ich kann auch nicht sagen:
unsere Götter sind die besseren,
unsere Sitten sind die richtigen,
unsere Gedanken sind wahrer als ihre.
Rom bleckt mal wieder die Zähne.
Es hat die besseren Waffen
und einen großen Hunger.
Recht hat, wie immer, wer stärker ist:
Im Namen Gottes, der Demokratie und
was sonst noch so einfällt.
Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.
An seinem Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Gerappel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.
Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.
II
Damals, zwischen Kuckucksnelken
und zerbrochenen Bodenfliesen,
haben wir gelernt zu überleben
und zu träumen.
Die Kletterpartien über die Trümmer der Welt
unserer Vorfahren und über die
Eisenträger des Wirtschaftswunderlandes
konnten seelische Schieflagen
nicht verhindern. Dennoch:
Das Gute schien machbar.
Wir wollten, wie viele vor uns,
die Welt wieder auf die Beine stellen, wir,
die Kinder von Lenin und Brecht, (von Marx und Coca Cola).
Damals hätte ich sofort gewusst,
was es zu sagen gäbe an die Adresse der
Nachgeborenen: Menschenwürde
und Gerechtigkeit hätte ich besungen, und
gesprochen hätten wir voll Klugheit
über die dornigen Wege bis dahin.
Die sich als unbegehbar erwiesen. Wenig später.
Als ihr dann kamt, Hoffnungsträger, Schreihälse,
waren mir die Argumente
schon aus den Händen gefallen.
Ich fand mich auf einmal wieder
in der besten aller derzeit möglichen Welten.
Alle Leuchttürme waren erloschen. Es wurde kalt.
Euch sah ich heranwachsen. Ich brachte euch
das Überleben bei, aber ich wagte es nicht mehr,
eurem Werden eine Richtung zu geben.
Ich hatte die meine verloren.
III
Heute gehe ich angewidert und tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint. Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich traurig.
Ich sehe euch andere Wege beschreiten,
zu anderen Zielen.
Was soll ich euch also sagen?
Unsere alten Träume
entlocken den Heutigen
doch höchstens ein Lächeln.
Aber ich fürchte für euch: Was ich
euch mitgeben konnte, trägt nicht weit.
In dieser Welt, die die eure ist,
braucht man ganz andere Schuhe.
Ihr aber fürchtet euch nicht.
Ihr geht einfach nach vorne.
Der Hof des Wolfes ist euer zu Hause.
Ihr habt gelernt,
nach seiner Pfeife zu tanzen und
hinter seinem Rücken euer Ding zu drehn.
Das ist eure Chance.
Denn ihr werdet leben,
wo ich nicht mehr leben muß.
Ich denke an euch mit Nachsicht.
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an die traurige Tochter in der Ferne
25.11.2008 von m.s..
Du gehst die Wege, die du gehen willst.
Ich schaue zu und bleibe leise und von ferne stehn.
Weit weg von mir ersteigst du unbekannte Berge,
sprichst fremde Sprachen, die ich nicht verstehe,
zeigst Wagemut, der mich das Staunen lehrt.
Nur deine Traurigkeit und deine Ängste,
sie sind mir so vertraut.
Ich höre die Beschwörung deines Glücks.
Ich sehe deine Tränen, meine sie zu schmecken.
Und doch kann ich die Hand nicht rühren:
Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,
sind längst Vergangenheit.
Die Zeiten, wo ich hätte
meine Tochter trösten können,
sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.
Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,
dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt,
und irgendwann die Liebe dir begegnet und auch bleibt
und zart, und so wie Mütter und Geliebte es nur können
mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.
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Meine Mitte
25.11.2008 von m.s..

Meine Mitte liegt jenseits
der Straße, die von mir zu dir führte.
Die Zeiten,
wo ich dir zulächelte,
sind vorüber.
Die Zeiten, wo dein Wohl
mir über alles ging
und ich dich
behüten wollte
wie ein Kind,
die sind gewesen.
Ich möchte auch
schon lange nicht mehr
Reue, Einsicht
oder gar noch Liebe
aus dir pressen.
Heut möcht ich dich
ganz einfach nur
eine kleine, hübsche Weile
vernichtet sehen,
verdorrt
und auf die Schnauze gefallen.
Aber erst wenn ich
über dich lächeln kann,
gerührt,
ironisch,
belustigt,
gelassen,
amüsiert,
erhaben,
gelangweilt, –
dann erst
bin ich wirklich auf meiner Straße.
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das korn muss sterben
25.11.2008 von m.s..
ich wäre ja bereit zu sagen,
gut, die welt den anderen,
den jungen,
den machern,
denen, die es hinkriegen.
ich wäre ja gerne weise
und beschränkte mich
freiwillig
ohne zögern
auf die rolle des zuschauers,
auf die rolle der weisheit.
als mutter
aber
- von drei kindern -
ist mir auch das nicht vergönnt.
ich sterbe in raten.
ich bin das korn,
das sterben muss
damit die Saat aufgeht.
das leben ist auf ihrer seite,
die zukunft gehört ihnen.
ich diene ihr nur
und habe schon laufend ausgedient.
und zuletzt bleibt mir nicht mal
der stille blick des alters auf alles
weil mir vor erschöpfung
die augen zufallen.
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Am Abend vor der Scheidung
25.11.2008 von m.s..
Bis zur silbernen Hochzeit
hat es nicht gereicht.
Aber fast.
Sieben Jahre soll es dauern,
bis man es wirklich vergessen hat.
Da habe ich ja noch Glück
gehabt. Drei sind schon rum.
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Nun bist du wirklich fort
25.11.2008 von m.s..
Die Sonne scheint durch alle meine Räume,
die fortan nur noch mir gehören werden.
Ich habe meine Freiheit und mein neues Leben.
Ob ich auch wirklich meinen Frieden machen kann?
Das Fernsehn schweigt. Die Bilderflut ist fort.
Die schrillen Töne sind verstummt, verweht.
Die Zimmer sehen nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus
und alle Tuben werden wieder zugedreht.
Ich möchte deine Ärgerspuren löschen
und bringe meine Wohnung gleich in Schuss.
Ich möchte glücklich sein und singen, aber plötzlich,
da merke ich betroffen, dass ich weinen muß.
Da ist dein Buch, dort find ich eine Socke,
hier liegt ein Zettel, der ist noch von dir.
Du wirst mich morgen doch besuchen kommen?
Komm wenigstens mal nächste Woche her zu mir!
Ich werde dich vermissen, wie du morgens
dein langes Haar zum Zopf zusammenfasst,
und wie du dann den schweren Rucksack stämmst
und sicher wieder irgendwas vergessen hast.
Am Fenster werde ich wohl manchmal stehen
und denken, dass dort meine Tochter geht.
Zum Telefon werd ich herüberstarren,
mich immer wieder fragen, wie es um dich steht.
Dann muss ich durch die stillen Zimmer wandern,
wo alle Stühle noch so stehn, wie ich es mag,
werd Fotos ansehn, werde an dich denken
und bitter weinen wie an diesem Abschiedstag.
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Der Absturz
25.11.2008 von m.s..
Seine Stimme
klopfte an ihre Haut
und sie ließ ihn ein.
Ihre Körper besiegelten
den Bund ihrer Herzen.
Lächelnd im Lichte des Frühlings
überquerten sie das
lebensfeindliche Land
Hand in Hand
wie im Flug.
Doch dann:
Die Liebe setzte zur Notland an
und zerschellte im Flugsand.
Niemand hatte damit gerechnet.
Wer verdunkelte den Horizont?
Wer zerschnitt die Verbindungen?
Wer hat den Navigator abgeschaltet?
Leere Himmel über ihnen,
das Land vor ihnen tot
wie ein zerbrochenes Siegel.
Ihre Herzen vertrocknet.
Die Male an ihrem Hals
sehen aus wie die Unterschrift
auf einem Schuldbekenntnis.
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Altenliebe
25.11.2008 von m.s..

Was ich dir heute bieten kann
ist nur noch schön, wenn es die Liebe sieht.
Ich kann dir meine Jugend nicht mehr schenken.
Als ich sie hatte, war sie mir nichts wert.
Doch heute weiß ich lange schon um ihre Kostbarkeit:
Sie war beinah das Beste, was ich jemals hatte.
Ich würde sie so gern in deine Hände legen.
Nun leg ich meine langen Jahre
in deiner Liebe Blick.
Ich gräme mich: Mein Fleisch wird mürbe,
meine Brüste weich und schlaff wölbt sich mein Bauch.
Mein Antlitz ist zerfurcht von dem,
was ich durchlitten habe. Mein Bild im Spiegel schreckt
mich sehr mit all den Falten und den Runzeln.
Oh, könnte ich nur deine Augen, deine Hand
mit meiner lang gehegten Pfirsichhaut belohnt.
Ich bin bestürzt: Der Tod steht neben uns!
Er trinkt mit uns am Abend Wein.
Er liegt mit uns im Bett. Er sitzt an unsrem Tisch,
begleitet uns auf allen Wegen.
Und wenn er es nicht selber ist,
so sitzt an seiner Statt Gebrechlichkeit, die Altersplage.
Wie soll man leben mit dem Tod im Nacken?
Im Angesichte des Vergehens –
wie soll ich lieben lernen??
Ich bin betrübt. Es ist so spät, so wenig bleibt uns noch!
Wie gern hätt’ ich mit dir noch Zukunft ausgesponnen,
und hätte dann vielleicht gedacht, dass wir in fernen Zeiten,
wenn wir das Leben bis zur Neige
genossen und erstritten hätten,
in Ruhe und Gemeinsamkeit und glücklich
zwei alte Menschen werden könnten.
Nun muss im Vorhof unsres Alters
das Liebesglück erblühn.
Dass ich dich heute erst getroffen habe!
Ich traure um die vielen Jahre, die uns bereits verloren sind,
um all die Zeiten voller Glück und Unglück, in denen wir
einander nicht berühren und nicht trösten konnten.
Ich weine um dein langes Leben, das du mit mir nicht teilen durftest,
und um das meine, das dich nicht enthalten hat.
Und doch wiegt jeder neue Tag,
den es noch währt,
die Jahre auf, in denen wir
nichts voneinander wussten.
Verzeih mir meine Traurigkeit!
Dein Kuss jedoch
macht mich noch einmal jung.
Küss mich auf meinen Witwenschleier
und glaub mir,
dass ich glücklich bin.
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Abendstille
25.11.2008 von m.s..
Wir fahren in einem Boot in den Abend. Der Himmel ist
voller Schäfchenwolken. Der Fluss fließt glatt und glänzt.
Du bist bei mir. Du summst ein Lied.
Die Mühen des Tages weichen aus unseren Zügen.
Wir lehnen uns an einander und wissen,
dass nie zuvor wir uns so nah gewesen sind.
Irgendwann, morgen oder in ein paar Tagen
hat unser Boot die Stromschnelle erreicht,
in die wir hinabstürzen werden.
Was sollen wir tun?
Rücke noch näher. Halte mich fest.
Schau, die Abendsonne, die dein Antlitz beleuchtet,
macht dich jung. Die Bäume und Sträucher am Ufer
sind grün und spiegeln sich flimmernd im Wasser.
Lege deine Hand an mein Gesicht und fühle meine Haut.
Ich bin bei dir. Wir treiben gemeinsam dem Abgrund zu.
Aber bis dahin lächelt die späte Sonne noch eine ganze Weile
und vielleicht auch noch der kühle Mond
über unserem freundlichen Boot,
das unaufhaltsam mit dem Fluss dahin treibt.
Es war nie anders.
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Wer wir auch immer sind
25.11.2008 von m.s..
Es ist schon lange hell.
Ich lausche auf das leise Regenlied
Und warte ohne Ungeduld auf deinen Schritt.
Durch einen Fensterspalt dringt plötzlich
alt vertrauter Spatzenlärm
und überwältigt mich mit einem Dutzend greller Bilder
von andren Regenmorgen
und von anderen, schon durch gelebten Zeiten.
Ich liege regungslos in meinem Körper.
So lag ich oft. So lag ich gestern noch.
Wie bin ich mir bekannt
und dennoch fremd geworden
in diesen langen Jahren!.
Wer immer ich auch bin.
Es ist schon lange hell.
Ich lausche auf das alte Regenlied.
Und warte ohne Ungeduld auf deinen Schritt.
Wer du auch immer bist:
Ich frage mich, ob wir uns kennen werden.
Hörst du den Regen?
Komm!
Am Leuchten deiner Augen hab ich dich erkannt.
Wer ich auch immer bin:
Ich brauche deine Hand auf meiner Stirn,
auf meiner Möse, meinem Herzen.
Komm her zu mir! Ich streiche über weiches Stoppelhaar und
fühle deinen warmen, festen Schwanz so dicht bei mir,
so dicht an meinem Puls das Pochen deiner Brust.
So war es nie.
Auch wenn das Regenlied das gleiche war.
Ich schließe meine Haut mit deiner Nähe kurz.
Dein Kuss holt mich zurück in dieses Leben.
Wie nach dem Atemstillstand eines Herzens
stürzt lebensrettend die Erinnerung
durch mich hindurch
und stellt die Gegenwart zurück
auf ihre bronzeschweren Füße.
Ich bin nur hier,
nur heute,
nur mit dir.
Wir lauschen auf das leise Regenlied.
Der Tag ist hell. Der Tag ist hier.
Wer wir auch immer sind.
.
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